Kessel PDF Drucken E-Mail

DER  KESSEL


gundesrop_schale_klein.jpgDie Ursprungssymbole der Menschheit sind auf das Einfachste reduzierte Formen, die ein höchst komplexes Weltbild beinhalten. Alle Symbole der - urspünglich matriarchalisch organisierten -  Menschheit sind der Natur und der Dynamik des Lebens abgelauscht und spiegeln die weise Ordnung, die den Dingen innewohnt. So wie für das männliche Prinzip Schwert, Speer und Lanze stehen, wird das Weibliche ausgedrückt in runden Formen, Schale, Kelch und Kessel.


Sinnbild für den Mutterleib, aus dem wieder und wieder und unaufhörlich Leben geboren wird, war in den alten Kulturen der Kessel. Er symbolisierte den kosmischen Schoß, die Quelle der Erneuerung und Wiedergeburt, die Schöpfung, den ewigen Strom - und gleichzeitig die Macht und die Kraft der großen Muttergöttin, die jedes neue Wesen in der Gebärmutter, im Samen der Pflanzen und in den Eiern der Fische und Vögel formte. Der Kessel war die Mutter Erde und die Göttin selbst. Er war der Himmel, die Unterwelt, das Meer, das sprudelnde Wasser der Quellen, ein Ort der Verjüngung und Heilung, ein Ort der Metamorphose oder der Weisheit und Macht - oder alles zusammen. Die Erfahrung mit dem Kessel ließ die Menschen das Werden und Vergehen der Schöpfung verstehen im Sinnbild einer sich endlos drehenden, kochenden, aufschäumenden Grundsubstanz, einer Suppe elementaren Rohmaterials, aus der alles geschaffen wurde im ewigen Strom, in die aber zur Zeit der Auflösung alles wieder zurückkehrte, gemäß den Lebensgesetzen, um sich wieder neu zusammenzufinden, ewig sich wandelnd und erneuernd.


In den Mythen der Menschheit  geht es immer wieder um die große dreifache Göttin der matriarchalen Zeit, um Werden, Fülle und Vergehen - und Wiederentstehen, Wiedergeboren werden. Der Kessel ist aber auch Sinnbild für die Schicksalsgöttinnen, die in vielerlei Erscheinungen die Geschicke der Menschen bestimmen, sie verfügen neben der Todesgöttin über die größte Macht, und ihnen wurde am meisten gehuldigt und geopfert. Die altenglische Schicksalsgöttin Wyrd in ihrer dreifachen Gestalt war Vorbild für Shakespeares "three weird sisters", die Schicksalsschwestern.


Gleich drei Kessel zeigte die altägyptische Hieroglyphe für die dreifaltige Schöpferin, Mutter der Sonne, des Universums und aller Götter. Ebenso spricht die nordische Mythologie von drei Kesseln mit "weisem Blut" in der Gebärmutter-Höhle der Erde, bewacht von einer Erdriesin. Der Mythos erzählt vom Gott Odin, der dort eindrang in Gestalt einer Schlange, von dem magischen Blut trank und es auch den anderen Göttern brachte. Dieser Mythos stammt aus der indoarischen Heimat Odins. Dort wurde berichtet, der indische Himmelsgott Indra habe den Nektar aus den Kesseln der mächtigen furchterregenden Göttin Kali getrunken und dieses machtverleihende Elixier ebenfalls den anderen Göttern gebracht. Die Schamanen Skandinaviens machten wie auch die Schamanen anderer Völker Seelenreisen in die Unterwelt, wo sie von den uralten Ahnengöttern "zerrissen und gekocht" wurden, um sie in ihre Aufgabe zu initiieren. Hvergelmir hieß dieser Ort in der nordischen Mythologie, ein mächtiger brüllender Kessel, Quelle des lebensspendenden Wassers bei der Erschaffung der Welt. Er war eine andere Version des dreifachen Kessels im Erdenleib, aus dem Odin Ispiration und Macht schöpfte. Auch Hvergelmir war dreifach, er wurde flankiert von dem Brunnen der Weisheit und Erinnerung und dem Brunnen des fortwährenden Lebens.


Bei den Kelten befand sich der göttliche Kessel der Erneuerung im Land-unter-den-Wellen oder in Avalon, dem magischen Apfelland, und der walisische Barde Taliesin erzählt von neun Frauen, Priesterinnen des ewigen Feuers, über dem der symbolische Weltkessel kochte.


Unzählige uns bekannte Mythen aus der antiken Welt berichten von Schöpfung und Zerstörung, Transformation und Wiederentstehen, von Feuer, Wasser, Milch und Blut im Zusammenhang mit der Schöpfung oder auch mit der Vergöttlichung der Helden.


Der berühmte Silberkessel von Gundestrup (ca. 2100 Jahre alt), gefunden in einem dänischen Moorgebiet, gibt uns ein Beispiel für eine Vergöttlichungszeremonie. Er zeigt ein Opferritual: In Anwesenheit des gehörnten Gottes Cernunnos nähert sich eine Reihe von Menschen einem Kessel. Ein Priester (eine Priesterin?) ist dargestellt, wie er ein Opfer kopfüber in den Kessel steckt. Die neugeborenen Heroen reiten auf Pferden fort, glorifiziert, direkt hinein in den Sonnenuntergang, in den Himmel.


 

Zusammen mit dem Heidentum verschwand das Symbol des wohltätigen, wunderbaren Kessels. Was blieb, waren Legenden und die spätere christliche Version vom Heiligen Gral. Im Mittelalter verband man das uralte Symbol mit dem Bild des Höllenfeuers; das Reich der Unterweltsgöttin Hel wurde ersetzt durch die Hölle, und der wundertätige Kessel wurde zum Giftkessel der Hexe. Das alte Wissen scheint verloren, vertrieben aus unserem modernen Leben, und doch lebt es fort im kollektiven Unbewussten, in Sagen, Märchen und Mythen, Versen, Träumen, und sicher auch in manchen Ritualen...


Was ist die Botschaft dieses uralten heiligen Symbols?  Sehen wir uns um: Alle Elemente, Menschen, Tiere, Pflanzen,  Mineralien treten ein in den großen Strom der Wandlung, werden eins mit dem Ursprung und gehen in neuen Formen aus dem Schöpfungsprozess hervor. Es gibt keinen Tod. Es gibt nur immerwährendes Leben.


Autorin: Rotraud Plattner
 

Literatur:

Barbara C. Walker: The Crone. Woman of Age, Wisdom and Power. Harper & Row, 1985.

Lexikon: Das geheime Wissen der Frauen. Zweitausendeins, 1993.


Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 23. Juli 2008 )
 
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