"Vom Einhorn fasziniert", "Das Einhorn lebt" -
so und ähnlich lauten Titel unzähliger Literaturerzeugnisse und
Ausstellungen zu diesem Thema. Lebt das Einhorn nun? Allem Anschein
nach hat es real nie existiert und wird zu den Fabeltieren gerechnet
wie Phönix, Greif, Basilisk oder Drache. Doch lebt es seit
Jahrtausenden in Mythen, Sagen, Berichten, künsterischen Darstellungen,
als Wappentier und Emblem, als Sammelobjekt, ja heutzutage sogar in
Musical und Film und in der internationalen Fantasyliteratur.
Weltberühmt sind die Darstellungen auf den Wandteppichen im Pariser
Musée de Cluny, entstanden etwa um 1500. Hier zeigt sich dieses
anmutigste aller mythischen Tiere jeweils mit einer edlen Dame und
einem Löwen; jeder Teppich birgt eine andere symbolische Botschaft.
Das Einhorn begegnet uns meist in der Gestalt eines scheuen und
sanftmütigen weißen Pferdes oder Hirsches mit einem langen spiralig
gedrehten Horn in der Mitte der Stirn. Dieses Horn war ursprünglich
ein phallisches Symbol; in Pulverform - in der Praxis vom Nashorn oder
Narwal stammend - galt es als Potenzmittel. Da es jedoch der Stirn, dem
Sitz des Geistes entspringt, ist es zugleich ein Symbol der
Sublimierung der sexuellen Kräfte und konnte so auch zum Sinnbild
jungfräulicher Reinheit werden. Das spitze, manchmal auch spiralig
gewundene Horn ist außerdem ein Symbol des Sonnenstrahls. Man sprach
diesem Horn auch wundheilende und entgiftende Wirkung zu, und der Sage
nach wurde das Wasser eines verunreinigten Teiches wieder zum Trinken
geeignet, wenn das Tier sein Horn hineinsenkte.
Nach der altchinesischen Überlieferung soll schon vor 5000 Jahren dem
Kaiser ein einhörniges Tier begegnet sein, das Ch´i-lin, als Zeichen
für eine friedvolle, glückliche Regierungszeit. Anders als das später
im Abendland bekannte Einhorn besaß es ein mit Fell bekleidetes Horn,
dazu die Merkmale verschiedener Tiere und somit deren Eigenschaften. In
der chinesischen Mythologie repräsentiert es die Erde und zählt mit der
Schildkröte (Wasser), dem Drachen (Luft) und dem Phönix (Feuer) zu den
vier heiligen Tieren. Das Ch´i-lin gilt als der König der Säugetiere,
die es mit Milde, Güte und Gerechtigkeit regiert. So steht es auch als
Symbol für die Tugenden eines Herrschers und ist außerdem das Sinnbild
für reichen Kindersegen. Die barmherzige Göttin Kwan Yin wird manchmal
auf einem liegenden Einhorn thronend dargestellt. Das Ch`i-lin
erscheint nur sehr selten, um einen besonders weisen und gütigen
Herrscher anzukündigen. Auch vor der Geburt des chinesischen
Philosophen Konfuzius 551 vor Chr. war es dessen Mutter erschienen.
Im altindischen Nationalepos Mahabharata ist dieses sagenhafte Einhorn
ein Sinnbild für Askese. Im altpersischen Zoroastrismus besiegt es den
Gegenspieler des Sonnengottes, wird zum Symbol der Macht - und auch in
der islamischen Literatur und Kunst sowie bei römischen und
griechischen Schriftstellern gilt es als stark und wild. Volkstümlich
wurde es im Abendland erst im Mittelalter durch christliche
Interpretationen. Jetzt wird es als verfolgtes, verwundetes und
getötetes Tier zum Symbol für Jesus und seinen Tod - aber auch für
seine Auferstehung.
In der Legende heißt es, das scheue Einhorn
werde von Jägern gehetzt, und nur eine reine Jungfrau, in deren Schoß
es sich vertrauensvoll flüchtet, könne es fangen und "zähmen", nur
damit es danach doch noch von den Jägern getötet würde. Es gibt einen
Bezug zur Empfängnis Jesu durch die Jungfrau, dargestellt in vielen
Gemälden: Maria mit dem Einhorn, dazu der Verkündigungsengel Gabriel.
Dieser wird begleitet von drei Jagdhunden (Glaube, Liebe und Hoffnung),
manchmal aber auch von vier Hunden, die die Kardinaltugenden
verkörpern: Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden und Barmherzigkeit.
Autorin: Rotraud Plattner