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Fußball als Lebenskunst
Alles, was ich im Leben wirklich brauche, habe ich durch Fußball gelernt
„Es geht nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr."
Bill Shankly, legendärer Trainer des FC Liverpool
Fußball fasziniert. Fußball begeistert. Fußball bewegt. Welcher
(männliche) Leser erinnert sich nicht an besondere Momente seines
Lebens im Zusammenhang mit dem runden Leder. Nicht umsonst werden bei
der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland über eine Milliarde Menschen
an den Fernsehschirmen das Spektakel verfolgen.
Aber warum Fußball in einer Philosophiezeitschrift? Weil, so behaupte
ich, man beim Fußballspielen und Fußballschauen so gut wie alles lernen
kann, was man im Leben braucht. So wird ...
...
die geneigte Leserin
hoffentlich bei der Lektüre dieses Artikels verstehen, dass wir Männer
durchaus auch das Bedürfnis haben, uns weiterzuentwickeln, zu lernen
und die Welt zu verstehen. Nur dienen uns dazu nicht hauptsächlich
lange Gespräche mit guten Freunden, Philosophiebücher oder
Selbsterfahrungsworkshops. Ein Samstagabend im Stadion oder vor dem
Fernseher, ja sogar das ausgiebige Studium des Sportteils der
Tageszeitung am Montagmorgen erfüllen genau diesen Zweck (was im
Übrigen der Grund für die meditative Versenkung ist, zu der wir bei all
diesen Tätigkeiten fähig sind).
Vor Jahren machte ich eine interessante Erfahrung. Ich ging mit einigen
Freunden zum Joggen in den Park. Dazu kam es nicht, denn eine Gruppe
junger Türken spielte Fußball, und wir sahen interessiert zu. Ehe wir
uns versahen, waren wir eingeladen mitzuspielen, bekamen einen ihrer
Spieler damit die Teams gleich groß waren - den Schwächsten wie sich
bald herausstellte - und es ging los. Schnell zeigte sich, dass in
unserer Gruppe nur zwei einigermaßen passable Fußballer waren. Unsere
geübten Gegner dagegen spielten sich mit dem Ball. Jeder von ihnen
wollte Pelé oder Maradona sein, zaubern - und natürlich nur Tore
schießen. Wir dagegen hatten vier Spieler, die nicht mal in der Lage
waren, den Ball zu stoppen oder einen Pass zu spielen. Sehr schnell
lagen wir mit 2:0 in Rückstand, ein Drama zeichnete sich ab.
Verärgert nahm ich dann die Sache in die Hand. Unseren Gastspieler ließ
ich aufgrund seiner Disziplinlosigkeit im Tor spielen - mit dem
Versprechen beim nächsten Tor des Gegners wieder ausgewechselt zu
werden. Unsere vier schwächsten Spieler wurden in einem Halbkreis etwa
zwanzig Meter vor dem Tor gruppiert. Dahinter stand ich und brüllte
meine Anweisungen (mein Freund sagte mir später, er hätte mich noch nie
so laut und wütend erlebt). Vor dem Halbkreis standen im Mittelfeld
noch unsere beiden besten Spieler, die als einzige Pässe schlagen
konnten, und als einziger Stürmer fungierte Julian, der zwar nicht
besonders gut Fußballspielen, aber wie ein Wiesel laufen konnte. Der
Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Unsere Gegner verbissen sich
in unserer engen Abwehr und brachten den Ball nicht mehr ins Tor. Sehr
bald verloren sie die Lust, denn sie wollten ja alle - auch ihr Torwart
- unbedingt Tore schießen. Als sie so zu neunt in unserer Hälfte waren
und den Ball verloren, konnte Julian ein Kontertor erzielen. Daraufhin
wurden sie wütend, beschimpften sich gegenseitig, vernachlässigten noch
mehr ihre Abwehr und verloren das Spiel. Wild diskutierend verließen
sie den Platz, nicht ohne uns noch zuzurufen, dass das Spielen mit uns
keinen Spaß mache. An diesem Vormittag habe ich mehrere wichtige Dinge
gelernt:
-
Ich verliere ungern, und falls doch, werde ich wütend.
-
Um Erfolg zu haben darf man manchmal nicht nur nach dem Lustprinzip handeln.
-
Erfolg im Leben haben nicht immer die, die etwas am besten können, sondern die, die sich organisieren.
-
Organisation heißt, dass jeder dort stehen soll, wo er am Nützlichsten ist.
-
Ein Team braucht einen Chef.
-
Manchmal wird derjenige der Chef, der am wütendsten ist und am lautesten brüllt.
Die Punkte eins bis fünf wurden mir im Übrigen Jahre später auf einem
Manegementseminar - in wesentlich langweiligerer, längerer und teurerer
Form - nochmals vermittelt. Punkt sechs war leider nicht Gegenstand
dieses Seminars.
Ermutigt durch diese Erfahrungen begann
ich nun, auch mein Lieblingshobby, das Zuschauen bei Fußballspielen
nebst einschlägiger Interviews, unter philosophischen Gesichtspunkten
zu verfolgen. Und es eröffnete sich eine neue, faszinierende Welt.
Nehmen wir zum Beispiel das legendäre Endspiel in der Champions Leage
zwischen dem F.C. Bayern München und Manchester United, als ManU in den
letzten drei Spielminuten ein 0:1 noch in ein 2:1 verwandelte. Statt
wie andere Bayernfans nur erschüttert den Fernseher abzuschalten goss
ich mir noch ein weiteres Bier ein, reflektierte das Erlebte und kam zu
folgenden Erkenntnissen für mein weiteres Leben:
-
Ein Spiel (wie das Leben) dauert bis zum Ende.
-
Gib deshalb nie auf.
-
Denn es ist immer noch irgendetwas möglich.
-
Vergiss nie ein Reservebier für unerwartete Fälle kaltzustellen.
Und nicht nur durch solche Jahrhundertspiele eröffneten sich mir neue
Einsichten, auch die kleinen Dinge am Rande des Geschehens waren auf
einmal sehr spannend. Denken wir nur an die klassischen Trainerwechsel.
Ein hochbezahltes Fußballteam, trainiert von einem modernen jungen
Trainer, gerät in die Abstiegszone. Als neuer Trainer wird für die
letzten drei Monate der Saison ein alter Haudegen verpflichtet, der
nichts zu verlieren hat und keine Rücksichten nehmen muss, weder auf
das Publikum, noch auf die Vereinspolitik und erst Recht nicht auf die
Spieler und deren Hackordnung. Ob seine Mannschaft schön spielt ist ihm
egal. Sein Training ist hart, seine Führung diktatorisch. Und das
Wunder geschieht: Die Mannschaft spielt diszipliniert, kampfbetont, mit
Teamgeist - und sie gewinnt. Der Abstieg wird verhindert. Für die neue
Saison wird auf Wunsch des Publikums oder einiger Aufsichtsräte ein
neuer moderner Trainer mit Visionen eingestellt und das Drama
wiederholt sich. Die Lehren daraus:
-
Um als Führungskraft die Dinge gut und richtig zu machen braucht es Unbestechlichkeit und Unabhängigkeit.
-
Dafür ist es hilfreich, nichts zu verlieren zu haben.
-
Tausche niemanden aus, der die Dinge erfolgreich macht. Wer weiß was danach kommt?
Irgendwann erkannte ich dann, dass ja die Akteure selbst, die
Fußballspieler und noch mehr die Trainer, echte Philosophen sein
müssten. Sie sind ja ihr ganzes Leben mit diesem faszinierenden Spiel
befasst und daher naturgemäß voller tiefer Einsichten. Wenn man Glück
hat, erhascht man nach den Spielen quasi taufrisch in Fernsehinterviews
solche Erkenntnisse. Das ist der tiefere Grund, weshalb man(n) auch
nach den Spielen nicht den Fernseher abschaltet und hochkonzentriert
auf die Sätze eines verschwitzten, schmutzigen und atemlosen Spielers
achtet. Welche tiefen Aphorismen sind auf diese Weise schon entstanden.
Einen Klassiker der Fußballaphorismen lieferte der Bundesligaspieler
Jürgen Wegmann, die selbsternannte Kobra: „Zuerst hatten wir kein
Glück, und dann kam auch noch Pech dazu." Auch vom legendären
österreichischen Torjäger Toni Polster stammen unvergessliche
Wahrheiten, z.B.: „Für mich gibt es nur „entweder - oder". Also
entweder voll oder ganz!"
Der Gottvater aller
Fußballphilosophen war natürlich der Trainer der deutschen
Weltmeistermannschaft von 1954, Sepp Herberger. Einige seiner
unvergesslichen philosophischen Kernsätze sollen im Folgenden - ohne
den Anspruch sie erschöpfend behandeln zu können - erläutert werden.
„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel."
Nach jeder Aktivität oder Aufgabe im Leben wartet schon die nächste,
neue Aufgabe auf uns. Darauf gilt es sich vorzubereiten. Wer zulange im
Vergangenem verweilt, verliert den Anschluss und verpasst die nächste
Aufgabe bzw. scheitert an ihr. Auch wenn es mal nicht gut lief, das
nächste „Spiel" wartet schon auf uns. Da können wir uns beweisen und
verbessern. Wenn es aber gut lief, dürfen wir nicht vergessen, dass das
nächste Spiel wieder auf uns wartet. Die vergangenen Erfolge zählen
hier nicht.
„Das nächste Spiel ist das schwerste Spiel."
Das Wichtigste ist immer die unmittelbar bevorstehende Aufgabe. Darauf
gilt es sich zu konzentrieren. Sie erfordert unsere ganze Kraft. Zu
weit in die Zukunft zu denken bringt nichts. Im Hier und Jetzt warten
die wichtigen und schweren Proben des Lebens.
„Das Spiel dauert 90 Minuten."
Konzentriere dich auf das Wesentliche im Leben, auf das was du sicher
weißt und was wirklich wichtig ist! Dem widme dich mit aller Kraft.
Spekulieren bringt nichts. Und vergiss nie: Bis zum Ende ist alles
möglich!
„Der Ball ist rund."
Dieser Satz ist eines japanischen Zenmeisters würdig und beinhaltet in
verdichtetster Form alle Erkenntnisse des (Fußball)Lebens. Wie bei
einem Zen-Koan gilt aber: Man kann ihn nicht erklären. Er ist nur der
Intuition zugänglich.
Liebe Männer und Fußballfreunde:
Seien wir wieder stolz auf unser philosophisches Hobby. Wir lernen hier
Dinge fürs Leben. Und haben wir den Mut, unsere Erkenntnisse auch
anzuwenden. Auf dem Fußballplatz - und im sonstigen Leben. Leben wir
unser herrliches Spiel, und spielen wir unser Leben. Voller
Begeisterung, Tatkraft, Ausdauer und Freude. Und vergessen wir nie die
universelle Weisheit von Kaiser Franz (Beckenbauer): „Es gibt nur eine
Möglichkeit - Sieg, Unentschieden oder Niederlage."
Helmut Müller
Fußballaphorismen zum Nachdenken:
„Grau ist alle Theorie, wichtig ist auffen Platz."
Adi Preißler, Dortmunder Fußballlegende
„Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser."
Franz Beckenbauer, Kaiser
„Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft."
Jean-Paul Sartre, Philosoph
„Ich bin Optimist. Sogar meine Blutgruppe ist positiv."
Toni Polster, österreichischer Stürmer
„Ein Lothar Matthäus lässt sich nicht von seinem Körper besiegen, ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über sein Schicksal."
Lothar Matthäus, Rekordnationalspieler
„Mal verliert man, und mal gewinnen die anderen."
Otto Rehhagel, Europameistertrainer
„Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun."
Paul Gascoigne, englisches Fußballgenie
„Wenn ich über´s Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker, nicht mal schwimmen kann er."
Berti Vogts, ehemaliger Bundestrainer
„Im
Training habe ich mal die Alkoholiker meiner Mannschaft gegen die
Antialkoholiker spielen lassen. Die Alkoholiker gewannen 7:1. Da war´s
mir wurscht. Da hab i g´sagt: Sauft´s weiter."
Max Merkel, Meistertrainer
„Ich habe fertig."
Giovanni Trappatoni
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 104)
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