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„Und noch einmal  über die Liebe“

Eines der größten Geheimnisse des Menschen


Kaum eine andere Kraft bewegt den Menschen so sehr wie die Liebe. Sie hilft uns, alle Proben und Schwierigkeiten zu überwinden und gibt ihnen den Sinn, sie führt unser gesamtes Schicksal und verleiht uns Flügel, damit das Unmögliche zum Möglichen wird. Die alten Philosophen sagten, dass die wahre Liebe Wunder und unvorstellbare Heldentaten bewirkt. Woran erkennt man denn nun die wahre Liebe? Wie verdient man sie sich?


So gibt es in der späten Herbstzeit
Tage und Stunden, in denen der Hauch
des Frühlings plötzlich zu spüren ist
und in denen etwas in uns erwacht...
(aus einer alten russischen Romanze)


Die Augen teilen Geheimnisse mit

Während meiner Spaziergänge durch die Moskauer Straßen oder wenn ich im voll gestopften Wagen der U-Bahn stehe, ertappe ich mich manchmal bei dem Gedanken, in die Augen der Menschen sehen zu wollen. Viele Gesichter sind wie aus Stein, sie sagen nichts aus, und ich wundere mich wieder einmal, wie geschickt der Mensch seine Gefühle, Gedanken, Sorgen und Probleme hinter der Maske der absoluten Gleichgültigkeit zu verstecken weiß, als hätte er Angst, dass jemand, Gott bewahre, in seine Seele blicken könnte. Ungewollt kommt mir der Gedanke in Sinn, wie viele solcher Masken, jeder Situation angepasst, es in der Kollektion eines jeden von uns gibt ... Aber wenn man aufhört, auf die Maske zu achten und seinen Blick erhebt, um in die Augen des anderen zu sehen, steht plötzlich eine neue Welt vor uns, die mit keinerlei Schauspielkünsten zu verbergen ist.


... Wie viel können die Augen eines Menschen erzählen! Manchmal sieht man da Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, ab und zu aber auch Hoffnung und Freude. Der eine sagt mit seinem Blick, wie müde er ist und wie er das Ganze satt hat; der andere möchte seine Träume mitteilen, die sich vielleicht bald verwirklichen werden. Manche Augen weinen ohne Tränen, andere lachen lautlos. Wie viele Schicksale, wie viele Lebensgeschichten! Die Augen jedes Menschen erzählen uns immer das Wichtigste, das Aktuellste, das, was am Herzen liegt. Und ich habe noch keine Augen gesehen, die nicht ihre Liebesgeschichte erzählen würden. Schaut man in die Augen eines Menschen, sieht man darin, wie sehr er lieben und geliebt werden möchte, wie sehr die Einsamkeit bedrückt ... Schaut man in die Augen eines anderen – erfährt man wieder von der Liebe, von Begegnungen und Trennungen, glücklichen Momenten und Enttäuschungen. Und schaut man in die Augen eines Dritten – geht es wieder um die Liebe, darum, dass sie ein Märchen für kleine Kinder und Romantiker ist, im wirklichen Leben aber das Überleben das Wichtigste und keine Zeit ist, sich mit Kleinigkeiten zu beschäftigen. In den Augen eines Vierten liest man, dass er schon zu alt ist und zu oft in seinem Leben schlechte Erfahrungen gemacht hat. Und welche Liebe überhaupt kann in so einem Alter in Frage kommen, wenn man nur mehr den einen Wunsch hat, dass seine Kinder einmal im Monat nicht vergessen, dass sie Eltern haben ... Aber manchmal sieht man – plötzlich – die Augen eines Menschen strahlen, sie leuchten in einem geheimnisvollen Licht. Und man kann nicht erahnen, woran der Mensch denkt – an den Geliebten, an den seligsten Traum oder an seine Lieblingsarbeit? Du siehst einfach, dass er liebt, dass er von Liebe erfüllt ist, dass er dadurch lebt ... – und man möchte sich vor solch einer großen Macht beugen. Im Altertum sagte man, dass durch Liebe vereinte Menschen Berge versetzen könnten. Die Philosophen behaupteten, dass das Weltall durch die große Macht der Liebe erschaffen worden ist. Die Liebe bewegt Galaxien und alle himmlischen Körper, die Natur und alle ihre Wesen sind von der Liebe durchdrungen. Die Liebe ist das Alpha und Omega der Existenz, ohne Liebe gibt es kein Leben und keine Evolution. Sie wird von den Dichtern besungen, von ihr sind die Meisterwerke der Maler und Musiker erfüllt; sie wird zwischen den Zeilen der Sätze und Formeln von den Wissenschaftlern entdeckt, sie ist der Kern, die Existenz aller philosophischen und religiösen Lehren. Jeder spricht von der Liebe als von einem Wunder, von einem großen Geheimnis des Daseins. Vielleicht bleibt sie deswegen für viele eines der größten Rätsel.

Wenn man im Leben etwas Erhabenem begegnet, etwas, was man nicht begreifen kann, was von keinem konkreten Nutzen ist, beginnt man oft, es zu vereinfachen, an seine Vorstellungen anzupassen und umzuändern, bis es nicht mehr wiederzuerkennen ist. Viele große Wahrheiten und Meisterwerke haben dadurch gelitten, und bedauerlicherweise ist die Liebe keine Ausnahme davon. Heutzutage hat sie für viele ihre Grundeigenschaft der großen göttlichen Macht verloren und ist – einfacher geht es nicht mehr! – zum alltäglichen, dafür aber klaren und konkreten Spiel der Gefühle und der Sinnlichkeit geworden, zur sexuellen Wollust, zu Beziehungen von der Art „Ich mag dich, also ich liebe dich“. Manchmal möchte man doch auch anders über die Liebe sprechen ... Wollen wir uns wirklich damit begnügen, die schmutzige

Wäsche von den „Stars“ und Nachbarn zu waschen? Man möchte sich von den unendlichen Gesprächen über „Männer- und Frauenglück“, darüber, wer mit wem geschlafen hat und wer mit wem fremdgeht, wer wen anmacht und warum, usw., befreien. Besteht die Kunst der Liebe tatsächlich in dem Wissen der Rezepte, wie man einem anderen gefällt, wie man einen Mann einfängt, welche astrologische Eigenschaften, magische Kräfte und Elixiere dazu passen, welche Beweise der Liebe ein Mann seiner Geliebten bringen sollte, wie man es schafft, dass unser/e Geliebte/r uns nicht betrügt oder gar verlässt, und was zu tun ist, wenn man ihn (oder sie) zurückgewinnen möchte?


Die Flügel verleihende Liebe

Man möchte, sei es auch nur für einen Augenblick, seinen Blick auf das Erhabene richten, man möchte reiner werden, den langjährigen Schmutz der kleinen alltäglichen Interessen und Sorgen wegwaschen. Man möchte aufhören, durchschnittlich zu sein und in der sinnlosen Hektik zu leben. Man möchte träumen und über die große Liebe sprechen, die das ganze Leben erleuchtet, die der Existenz den Sinn und dem Menschen Flügel für den Flug in eine neue Dimension verleiht ... Man möchte über die Seele und nicht über den Körper sprechen.


Ich weiß wohl, dass die große Liebe für viele nur in den Büchern, Märchen und Filmen existiert, und nicht in der realen Welt. Wie oft wird der, der von der Lieblingsarbeit oder dem wahren Geliebten, der wirklich verwandten Seele träumt, von den anderen „vernünftig“ beraten: genügsamer sollte man sein, nimm dir das, was du in der Hand hast, sonst hast du am Ende gar nichts ... Aber der Mensch glaubt weiter, hofft weiter darauf und, was am wichtigsten ist, er kämpft weiter. Vielleicht werden mich genau jene Menschen besser verstehen können, denn sie werden sich in vielem erkennen, was hier gesagt wird. Und vielleicht genau sie werden das verstehen, was die Philosophen der Antike gesagt haben: die große Liebe ist kein Aufflammen der Gefühle und kein gewisser Zustand der Emotionen und des Bewusstseins, sondern der Weg, der zur Weisheit der Seele führt. Die Liebe lehrt uns, sie gibt uns die Möglichkeit, bis zum Verborgenen der Natur, des Menschen und des Weltalls vorzudringen. Sie hilft uns alle Proben und Schwierigkeiten zu überwinden und gibt ihnen einen Sinn, sie führt unser gesamtes Schicksal und verleiht uns Flügel, damit das Unmögliche zum Möglichen wird. Die Liebe ist fest mit der Weisheit verbunden. Die Weisheit der Liebe und die Liebe zur Weisheit sind immer Grundlagen der Jüngerschaft und des geistigen Weges von allen Suchenden der Wahrheit gewesen.


Auf der großen Liebe, auf der Weisheit der Liebe beruhen alle wahren Beziehungen, sei es zwischen einem Mann und einer Frau, Freunden, verwandten Seelen, zwischen dem Meister und dem Jünger, Eltern und Kindern, dem Menschen und seinem Traum. In der Antike sprach man von der großen Kunst des Schaffens der heiligen Fesseln zwischen den Seelen der Geliebten, denn dank der sie verbindenden großen Liebe werden sie zu „kommunizierenden Gefäßen“, und alles, was mit einem passiert, zeigt sich auch in der Seele des anderen. Die alten Philosophen lehrten, dass die große Liebe nicht auf Wunsch erweckt werden kann, man kann sie nicht planen, wie einen Preis verlangen, kaufen oder verkaufen. Die große Liebe wird verdient. Sie kommt von selbst als Resultat der Träume, des Ringens und Suchens des Menschen. Sie kommt dann, wenn die Seele des Menschen bereit ist, sie zu empfangen, sich ihr völlig hinzugeben, in ihr aufzuerstehen, die Welt neu anzusehen und noch eine Seite im Buch nicht nur seines Schicksals umzublättern.


„Gang durch die Hölle“

Der Weg zur großen Liebe, wie auch der Weg zur Weisheit, hat seine Etappen und Stufen. Er ist voller Dornen und schwierig, aber auch voller Offenbarungen, Wertewandel und unerwarteter Ereignisse. Viele fürchten sich vor den Schwierigkeiten und Leiden, die uns auf dem Weg der großen Liebe erwarten. Sie bevorzugen sie nicht zu suchen und begnügen sich mit den oberflächlichen Beziehungen, die keine großen Mühen und Opfer erfordern. Es ist wahrscheinlich wirklich leichter, so zu leben – leichter, ruhiger und angenehmer; aber der Mensch, dessen Herz den stärksten Ruf, den größten Drang nach Liebe schon gespürt hat, mag kein so leichtes Leben, solche Ruhe und solches Wohlbefinden mehr.


Auf dem Weg der Liebe ist es notwendig – wie auch auf dem Wege der Weisheit –, „durch die Hölle zu gehen“. Das ist die erste Phase, die erste Stufe, an der niemand vorbeikommen kann. Den Unterschied macht nur die Tatsache, dass sie für viele auch zur Endstation wird, und nur wenige finden in sich die Kraft, sie zu überwinden und weiterzugehen. Auf dieser Etappe ist es wichtig, aus eigener Erfahrung zu begreifen, was keine Liebe ist, um sich später dank dessen bewusst zu machen, was sie wirklich ist. Das ist eine Zeit der Träume, des Suchens, der Proben und Irrtümer, wenn wir öfter mit dem Kopf gegen die Wand laufen und viele Schläge, Beulen und Kratzer abbekommen ...


Manche stürzen sich auf ihrer Suche nach der wahren Liebe und der verwandten Seele, die ihren hohen Ansprüchen genügt, von einer Beziehung in die nächste. Nach jedem solchen „Abenteuer“ bleiben in der Seele neue Kratzer und Wunden, die noch nicht geheilt sind, bevor es schon wieder neue gibt. An die Stelle der Verliebtheit tritt die Leere, Depression, Enttäuschung, mit dem bitteren Beigeschmack des Ärgers und manchmal auch des Hasses.


Die anderen halten in dieser Phase oft die einfache Verliebtheit für die Liebe. Nach der Begeisterung und Romantik, wenn man alles durch eine rosa Brille sieht und glaubt, die ganze Welt gehöre uns, beginnen der graue Alltag und die Schwierigkeiten des Lebens. Die Romantik verschwindet, die Verliebten verlieren ihre rosa Brille, und die harte Realität gewinnt die Oberhand. Man beginnt, im Partner auch andere, weniger angenehme Seiten zu entdecken, die man zuvor gar nicht gesehen hat oder nicht sehen wollte. Am Ende gibt es wieder Enttäuschung, Entfremdung, Gleichgültigkeit und das Gefühl, dass das frühere Glück nicht zurückzuholen ist.

Es gibt auch jene, die schon zu Beginn das Glück hatten, einem nahe stehenden Menschen begegnet zu sein und jahrelang mit ihm gute und schlechte Zeiten geteilt zu haben. Aber selbst sie sind von der Regel keine Ausnahme. Inmitten des grauen Alltags und der Lebensprobleme stellt sich plötzlich heraus, dass der von uns idealisierte Partner eine Menge Mängel hat, dass die Verliebtheit zur Gewohnheit geworden ist, und auch die Liebe scheint verschwunden zu sein. In den Krisenmomenten beginnt man zu glauben, dass wir den Menschen nie wirklich gekannt haben, mit dem wir jahrelang zusammengelebt haben.


Das Problem ist Egoismus und Besitzdenken!

Das Ziel des „Ganges durch die Hölle“ besteht darin, dass man begreift, was keine Liebe ist und was uns an dem Weg zu ihr hindert. Und wenn man diese Stufe aufrichtig und wahrhaft überwindet und allen Dingen ihren Platz gibt, wird sie uns helfen, unsere Irrtümer zu erkennen und von vorne anzufangen, aber diesmal ernsthafter, bestehende Verbindungen werden fester und kräftiger, neue werden hergestellt, ohne Lügen, Selbsttäuschung und Unaufrichtigkeit.


Worin besteht das Hindernis auf dem Weg zur großen Liebe? Es ist, in erster Linie, unser Egoismus. Wenn wir einen Menschen lieben oder zu lieben glauben, vergessen wir oft, dass er seine eigene Individualität, Tugenden, Laster sowie seine Bedürfnisse und Ziele hat. Wir aber versuchen, in ihm die Widerspiegelung von uns selbst zu sehen. Jeder von uns hat sein Ideal eines Geliebten, und dieses Bild besitzt oft genau jene Eigenschaften, die uns selbst fehlen und die wir in erster Linie in uns selbst gerne sehen würden. Und daraus ergibt sich, dass wir uns in Wirklichkeit nicht in den Menschen verlieben, sondern in das Bild, das wir uns selbst geschaffen haben. Besser gesagt, wir verlieben uns in unser ideales Selbst. Alle Enttäuschungen, Missverständnisse und Streitigkeiten entstehen daraus. In dem Moment, in dem wir damit anfangen, die Nichtübereinstimmung des realen Menschen mit dem idealen Vorbild zu verstehen, machen wir einen weiteren Fehler, indem wir versuchen, den Menschen dementsprechend zu ändern, ihn an unsere Vorstellungen und Werte anzupassen. Auf diese Weise bilden wir unsere Beziehungen – ohne dass es uns bewusst wird – auf der Basis des Egoismus und Besitzdenkens. Für uns ist nicht wichtig, was wir dem Menschen geben oder wie wir ihn inspirieren können, sondern was wir von ihm bekommen können. Das Verstehen des eigenen Egoismus in den Beziehungen sollte uns zu dem Verständnis führen, dass die wahre Liebe nicht auf der Basis der Habgier existieren kann. „Beweise mir, dass du der bist, von dem ich träume, wie ich dich sehen möchte“ – das ist keine Äußerung der Liebe, sondern ein Versuch, den Menschen in einen goldenen Käfig unserer Gefühle zu sperren, damit er dort glänzen soll als unsere eigene Schöpfung, nach unserem eigenen Maß und Vorbild erschaffen. Unser Geliebter soll uns auf ewig dafür dankbar sein, dass wir ihn lieben und auch dafür, was wir aus ihm erschaffen haben; deswegen darf er einfach keinen anderen Bezugsmenschen und keinen anderen Gott außer uns haben! Die wahre Liebe kann nicht auf Besitzdenken beruhen. Sogar der goldene Käfig wird irgendwann zu eng und es entspricht nicht der menschlichen Seele, jemandes Sklavin zu sein.

Es ist kein Wunder, wenn uns der andere dann eines Tages einfach verlässt oder uns allmählich fremd wird, dass er uns die Tür zu seiner inneren Welt, die wertvollste und schönste, verschließt.

Man weiß gar nicht,  was schlimmer ist – einen anderen im goldenen Käfig gefangen zu halten oder zulassen, dass man uns selbst in so einen Käfig sperrt, dass wir uns an die unnatürlichen und egoistischen Forderungen und Vorstellungen dessen anpassen müssen, von dem wir Liebe erwarten. Seine eigene Individualität, seine Fähigkeiten und geheimen Träume aufzugeben, nur aus der Angst heraus, den anderen zu verlieren, der uns dafür ein bisschen Wärme und Wohlbefinden gibt, aber keine wahre Liebe schenkt – ist das nicht ein zu großer Preis für unser kleines menschliches Glück?


Kompromisse, Kompromisse...

Kompromisse an dieser Stelle können dazu führen, dass man die Tür der Liebe vor sich schließt, bevor man sie überhaupt erreicht hat. Wenn wir uns mit dem Kleinen begnügen – mit materiellem Wohlstand, sexueller Befriedigung, Anwesenheit eines lebendigen Wesens an unserer Seite – lösen wir nur für sehr kurze Zeit ein Problem, verlieren aber auf Dauer den wichtigsten Teil von uns selbst, den wir später sehr schwer zurückbekommen können. Wir schneiden uns den Weg zu der Taube auf dem Dach ab, indem wir den Spatz in der Hand bevorzugen. Sogar die auf wahrer Liebe beruhenden Beziehungen können durch Routine gefährdet werden, die zwischen den Menschen entsteht und über den hohen Zuständen der Seele die Oberhand gewinnt. Aber selbst dies ist kein Grund, Kompromisse einzugehen und den Mut sinken zu lassen. Denn jede Beziehung kann besser und tiefer werden, obwohl dafür manchmal sehr viel Zeit und Geduld nötig sind.


In der Liebe, wie auch in vielen anderen Dingen des Lebens, besteht immer die Frage, wie man das Wahre vom Falschen unterscheidet. Wie erkennen wir, ob wir nicht schon wieder einen Fehler begangen haben? Wenn wir dies wirklich erfahren wollen und wenn unsere Unvorgenommenheit, unser Glaube und unsere Geduld dafür ausreichen, dann bleibt uns nur eins: die Probe der Zeit zu bestehen. Alles Wahre ist langlebig. Wenn es trotz aller Hindernisse und Proben, die uns das Schicksal auferlegt, nicht nur überlebt, sondern auch mit der Zeit noch tiefer, noch stärker, noch fester wird. Das Falsche kann nie die Prüfung der Zeit bestehen. Früher oder später wird alles Falsche enthüllt, es zeigt sein wahres Gesicht, jene Kehrseite der Medaille, die wir in unserer Verzückung nicht gesehen haben und oder sehen wollten.

Auf jeden Fall, unsere Liebe, die Echtheit unserer Beziehungen prüfen nicht wir selbst – sie werden vom Schicksal selbst geprüft. Die Zeit vergeht, und plötzlich zeigen sich, als ob es rein zufällig wäre, bestimmte Eigenschaften, Tugenden oder Laster so deutlich, dass man das Gefühl bekommt, sie sind vom Schicksal selbst verursacht worden. Auf diese Weise zeigt es uns quasi die Ergebnisse seiner Analyse der Ereignisse, seine Meinung darüber, worüber wir uns selbst Sorgen machen. In diesen Fällen muss man wirklich blind sein, um die so klaren Tatsachen nicht zu sehen und daraus keine Lehre zu ziehen, um nicht seine konkrete Entscheidung zu treffen. Aber wenn wir es trotzdem nicht bemerken und unseren gewöhnlichen Lebensweg fortsetzen – dann sind wir selbst dafür verantwortlich, was danach mit uns passieren wird. Und wenn wir taub und blind bleiben, wenn uns das Schicksal durch konkrete Ereignisse und Tatsachen bewertet, dann müssen wir auch zustimmen, dass es nicht deswegen passiert, weil wir es nicht verstehen, nicht sehen und nicht hören, sondern weil wir nicht entsprechend handeln wollen.


Bitte, zähme mich!

Die Weisen sagen, dass die Periode des „Gangs durch die Hölle“ in der Liebe mit dem Begreifen endet, dass wir uns von den raffinierten Formen des Egoismus und Besitzdenkens befreien sollen. Wir sollen unsere Geliebten loslassen, wir sollen damit aufhören, ständig von ihnen Beweise ihrer Liebe zu verlangen. Im Gegenteil, wir sollen sie so lieben, dass sie an erster Stelle erscheinen – ihre Seele, ihre Individualität, ihre Bestrebungen und Träume. Gleichzeitig beginnen wir zu begreifen, dass, trotz aller schönen Momente und sogar langen Jahre des Zusammenlebens, wir sie in Wirklichkeit nicht kennen. So beginnt die zweite Phase, die zur Weisheit der Liebe führt, die Phase des „Zähmens“: um die wahre Liebe kennen zu lernen, müssen wir unseren Geliebten für uns neu entdecken.


In dem berühmten Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry bittet der Fuchs den kleinen Prinzen: „Bitte ... zähme mich!“ Und als der kleine Prinz antwortet, dass er dafür keine Zeit hat, dass er Freunde finden und viele Dinge kennen lernen muss, sagt der Fuchs etwas sehr Weises: „Man kennt nur die Dinge, die man zähmt.“ Und auf die Frage des Prinzen: „Was bedeutet das: ,zähmen‘?“, erwidert der Fuchs: „Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache. Es bedeutet: sich ,vertraut zu machen‘.“


Die wahre Liebe braucht das Gefühl der Luft, der Leichtigkeit und der Freiheit der Seele. Menschen, die dies miteinander teilen, verlieren nicht ihre Individualität. Sie ähneln zwei Säulen, die das Dach desselben Tempels stützen. In diesem Sinne heißt „sich vertraut zu machen“ also nicht, dass man sich so an den anderen gewöhnt, dass es einem ohne der physischen Anwesenheit, ohne Liebkosung und Beweise der Liebe, usw. des andern absolut unmöglich wird, weiterzuleben. Es bedeutet, in dem anderen das kennen zu lernen, was uns vereint, und alles uns Trennende beiseite zu schaffen.


Es ist etwas Langlebiges, das Menschen in der wahren Liebe vereint, und genau das sollte man herausfinden. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Wenn wir jemanden „zähmen“ möchten, und wenn wir möchten, dass auch uns jemand „zähmt“, darf man nicht vergessen, dass dies ein sehr langer Prozess des gegenseitigen Kennenlernens ist, des Entdeckens des Heiligsten, was in den Seelen der beiden Menschen zu finden ist. „…jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können“, sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen. In der Tat, jeden Tag entdeckt man eine neue Seite der menschlichen Seele, und man hat das Gefühl, als ob man den Partner zum ersten Mal sehen würde, obwohl man von ihm schon längst alles zu wissen glaubt. Die Menschen verbindende wahre Liebe hilft ihnen zu einem Spiegel füreinander zu werden. Sie sehen und bemerken alles, sie reagieren und handeln wie die Stimme des Gewissens, indem sie sich und den anderen nicht verrohen und hartherzig werden lassen. Sie lernen, die Erscheinungsformen der Schönheit in der inneren Welt des anderen zu spüren, und helfen ihm, sich ihrer bewusst zu werden, indem sie sie widerspiegeln.

In dem Moment, wo wir beginnen, im anderen das Verborgene und Wunderschöne zu spüren, das er in sich selbst noch nicht kennt, beginnt das „Zähmen“ im wahrsten Sinne des Wortes. Und wenn dieser Prozess auf Gegenseitigkeit beruht, beginnen wir zu entdecken, wie viel dessen, was dem einen am Herzen liegt, dem anderen ebenso kostbar ist. Wir beginnen, gemeinsam zu denken, gemeinsam zu fühlen, zu träumen, zu kämpfen ... Uns wird alles bewusst, was uns in diesem Leben und, vielleicht, auch weit jenseits dessen, vereint. Wir finden genau deswegen Lösungen in schwierigen Situationen und Konflikten, weil wir eine unsichtbare Brücke zwischen uns geschlagen haben, weil wir zwischen unseren Seelen heilige Bande geschaffen haben, die unsere Liebe trotz aller Dummheiten, die wir tun können, retten. Und wir sind uns dessen bewusst, dass wir – selbst wenn wir es wollten – nicht aufhören könnten, einander zu lieben, denn das, was uns vereint, ist uns sehr kostbar.

Dies ist nur ein kleiner Teil der Offenbarungen der großen, wahren Liebe, die, einmal hervorgerufen, unendlich lange währen. Das Wichtigste dabei ist, dass auf diese Weise die Liebe zu meinem Meister wird. Ich begreife, dass alles, was ich dank ihrer Hilfe verstehe, zum universalen, in allen Lebenssituationen anwendbaren Prinzip wird. Die Weisheit der Liebe wird zum Schlüssel, der die Türen der größten Mysterien des Daseins öffnet.


Die alten Philosophen sagten, dass die wahre Liebe Wunder und unvorstellbare Heldentaten hervorbringt, dass sie dem Menschen Flügel zum Flug in neue Dimensionen verleiht. Dank der Tatsache, dass die Geliebten wie kommunizierende Gefäße miteinander in Verbindung stehen, wird die in ihnen lebende Liebe zur großen Macht, die ihnen Begeisterung und Segen gibt. Alles, was im Inneren des einen passiert, spiegelt sich auch im anderen wider. Wenn – trotz Trennung durch Raum und Zeit – meine Freude  stärker ist als der Kummer meines Geliebten, dann wird auch sein Herz voller Freude. Und wenn in seiner Seele der späte Herbst herrscht, ich mir aber in irgendeiner Ecke Moskaus, der Welt oder des Universums irgendwann dessen bewusst werde, dass ich liebe und lieben möchte, wer weiß, vielleicht wird tatsächlich etwas in ihm erwachen, und er wird in seiner Seele plötzlich einen Frühlingshauch spüren?    


Autorin: Jelena Sirikitsch


Die Autorin ist Leiterin von Neue Akropolis Russland. Der Artikel erschien in der Zeitschrift Neue Akropolis Russland Nr. 3 von 1998 und wurde von Ewgenij Spodarev übersetzt.

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 89

 
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