Der Mythos von Mittelerde
Kennen Sie die ganze Geschichte, die "Der Herr der Ringe" erzählt?
von Ralph Zettl
Unbestreitbar hat J.R.R Tolkien, seines Zeichens Sprachwissenschaftler
an der Universität Oxford, mit "Der Herr der Ringe" nicht nur eine
weltberühmte Geschichte verfasst, er ging damit auch als Schöpfer eines
neuen Genres, der "Fantasy-Literatur", in die Geschichte ein.
Mittlerweile kann man getrost behaupten, dass er auch in die
Kino-Geschichte einging, da mit der Verfilmung seines Buches viele
Rekorde gebrochen wurden. Bei einer etwas genaueren Lektüre seines
Werkes stellt man aber eine verblüffende Tatsache fest: "Der Herr der
Ringe" ist nur ein Teil eines noch größer angelegten Mythos, der bis an
den Anfang der Zeiten, zur Schöpfung der Welt, zurückreicht.
Viele mysteriöse Verbindungen und Handlungen, die Frodo und die anderen
Helden in "Der Herr der Ringe" durchleben, werden in diesem
Zusammenhang klarer und bekommen einen weiteren faszinierenden Aspekt:
Die Geschichte bekommt einen Rahmen und eine Finalität. Mit dem Sieg
über Sauron ist "Der Herr der Ringe" das Ende von Tolkiens Werk, aber
es ist dennoch nur ein Teil von mehreren, ein Bruchstück. Es ist
möglicherweise nicht einmal der zentrale Höhepunkt des Mythos, die
Pointe sozusagen, sondern es ist ein liebevoll erzählter Abschnitt, in
dem Menschen und Personen eine zentrale Rolle spielen, mit denen man
sich identifizieren kann, mit denen man mitlacht, mitleidet, mitkämpft,
die man verachtet oder bewundert. Um zu verstehen, was sie wirklich
tun, welche Bedeutung ihre Taten besitzen, ist ein Blick auf den
gesamten Mythos interessant:
Iluvatar, der Eine, der Ursprung der Welt, erschuf seine ersten Kinder
aus seinen Gedanken. Es waren die Ainur, die Götter, und sie begannen
vor ihm eine göttliche Musik zu spielen. Jeder der Götter spielte die
Musik auf seine Weise, entsprechend dem Gedanken, aus dem er stammte,
und trug seine Harmonien zu der vollkommenen Harmonie aller Götter bei.
Indem sie einander lauschten, begannen sie langsam, die anderen
Gedanken Iluvatars zu verstehen und Iluvatar ließ vor ihren Augen die
Welt gemäß ihrer Musik entstehen.
So erzählt J.R.R. Tolkien in seinem Text "Ainulindale" von der
Schöpfung der Welt. Es ist eben jene Welt, in der die Handlung des
"Herrn der Ringe" spielt, der von dem letzten und endgültigen Kampf
gegen das Böse, personifiziert durch Sauron, erzählt. Das Böse entstand
bereits am Beginn der Schöpfung:
Einer der Ainur, die direkt aus den Gedanken Iluvatars erstanden waren,
mit Namen Melkor, übertraf die anderen durch seine Musik. Er spielte
mächtigere Harmonien als seine Geschwister und in seinem Stolz darüber
wuchs in ihm der Wunsch, selbst Dinge zu erschaffen, die ihm gehören
sollten und an denen die anderen Götter keinen Anteil haben sollten.
Iluvatar aber bemerkte, dass Melkor den anderen Ainur überlegen war und
dass er diese Kraft missbrauchte, um Misstöne in die Musik einfließen
zu lassen, und dass er dabei die Harmonien der anderen zu übertönen
versuchte. Da erhob er sich und ließ mit einem machtvollen Ton die
Musik verstummen. In der folgenden Stille begann er, Iluvatar, der
Schöpfer der Welt, zu sprechen und teilte allen Ainur mit, dass Melkor
niemals eine Musik und keinen Akkord, keine Harmonie spielen könne, die
nicht in Iluvatar, dem Schöpfer aller Ainur, seinen Ursprung habe.
Als die Welt aus der Musik erschaffen war, begannen einige der Ainur,
sie zu besiedeln, viele von ihnen blieben aber bei Iluvatar. Auch
Melkor kam in die Welt, da er dort ohne die Aufsicht Iluvatars seine
Pläne weiterzuführen gedachte. Die Ainur fanden die Welt dunkel vor,
denn Sonne und Mond existierten noch nicht. Unter Aufwendung ihrer
ganzen Fähigkeiten, ihrer höchsten Kräfte erschufen sie ein Licht, das
hellstrahlend und unauslöschlich ihre Wohnstätte, ihr neues Königreich,
beleuchtete.
Im Glanze dieser Lichtquelle wurden die Elben erschaffen, die höchsten
Wesen nach den Ainur, und ihr Wesen war von diesem göttlichen Licht
durchtränkt und es spendete ihnen Leben. Eins nach dem anderen wurden
dann die anderen Völker erschaffen: Die unsterblichen Elben waren die
Ersten gewesen, den Ainur sehr ähnlich, dann folgten die Zwerge und
zuletzt die Menschen, die als Einzige sterblich und dem Alter
ausgesetzt waren.
Melkor versuchte, alle Lebewesen der Welt zu überreden und auf seine
Seite zu ziehen. Oft war er dabei erfolgreich, in dem er den einen
Versprechungen machte und die anderen einschüchterte. Viele ließen sich
durch seine verheißungsvollen Worte blenden oder wurden durch andere
Listen in den Bann seiner Macht gezogen. So begann der lange und
mühselige Kampf zwischen Gut und Böse durch die drei Zeitalter
hindurch. Melkor bemerkte, dass die Schöpfungen der Ainur wuchsen, sich
entwickelten und immer prächtiger wurden.
In seinem Neid und seiner Missgunst setzte er alles daran, dieses Werk
zu verderben. Da er in dem göttlichen, Leben spendenden Licht das
Geheimnis ihrer Schöpfung erkannte, richteten sich seine Anstrengungen
auf dessen Zerstörung. Indem er eine Zeit scheinbaren Friedens und
einen Moment der Unaufmerksamkeit der Ainur nutzte, gelang es ihm,
dieses Licht zu vergiften und so zu schwächen, dass es zu erlöschen
begann. Als es erstarb, kehrte die Dunkelheit auf die Erde zurück und
nur ein kleiner Rest des Lichtes blieb erhalten, da der weiseste und
begabteste der Elben es in drei Edelsteinen, Silmarils genannt,
eingefangen und bewahrt hatte. Melkor zerstörte aber nicht nur das
Licht, sondern stahl auch die Silmarils, verbarg sie in seinem Mantel
und floh damit in die Dunkelheit, ehe er von den Ainur gestellt und
überwältigt werden konnte. In der folgenden Trauer und dem Zorn über
den Verlust des Lichtes und der Edelsteine entstand ein Zwist zwischen
den Ainur und den Elben. Die Elben beanspruchten die Edelsteine als ihr
ausschließliches Eigentum und verließen die Götter, um Melkor zu
verfolgen und die Silmarils zurückzugewinnen.
Die Götter hingegen verzichteten auf eine Verfolgung und begannen ihr
Reich vom Land der Elben, Menschen und Zwerge abzutrennen und es vor
weiteren Angriffen und Zerstörungen zu schützen, indem sie einen
unendlichen Ozean und ein hohes Gebirge davor errichteten.
Die Elben verließen sie, und erbost, voller Zorn und Erbitterung
schworen sie einen Eid, den Kampf gegen Melkor erst zu beenden, wenn
sie getötet würden oder die Silmarils, die Symbole des Lichtes,
wiedererlangt hätten. Das ganze zweite Zeitalter hindurch tobte der
Kampf der Elben und Menschen gegen Melkor, unterbrochen von Zeiten
eines trügerischen Friedens, wenn Melkor scheinbar schon besiegt und
entkräftet in seiner unterirdischen Burg belagert wurde. Doch jedes Mal
wendete sich das Schicksal wieder gegen die Elben, wenn Melkor bereits
besiegt schien, entweder durch Streit in den eigenen Reihen oder aber
durch Nachlässigkeit und Selbstüberschätzung. Nach mehreren schweren
Niederlagen der Elben in großen Schlachten schien schließlich der Sieg
Melkors unabwendbar, der von seiner Burg aus seine dunklen Wesen in die
Welt schickte und sie mit Angst und Schrecken überzog.
Die Ainur hatten sich bereits lange nicht mehr in den Kampf
eingemischt, bemerkten jedoch den Mut und die Ausdauer, den die Elben
trotz aller Schmerzen und regelmäßiger Niederlagen an den Tag legten.
Als Melkor übermächtig wurde, stellten sie ein Heer zusammen und
führten es gegen Melkor in den Kampf.
Am Ende des zweiten Zeitalters wurde Melkor in dieser Schlacht gegen
Ainur, Elben und Menschen besiegt und ins Nichts, in die Leere und
Einsamkeit außerhalb der Welt verbannt. Der letzte der magischen
Edelsteine wurde zurückgewonnen und von den Ainur als Morgenstern an
den Himmel gesetzt, wo sein Licht für alle sichtbar, er aber dennoch
vor jedem Diebstahl sicher war.
Als Ersatz für das Licht, das zerstört worden war, schufen die Ainur
Sonne und Mond, um die Länder der Menschen zu beleuchten. Nachdem
Melkor besiegt worden war und die Gefahr gebannt schien, zogen die
Ainur und die meisten Elben sich aus der sichtbaren Welt zurück, die
von nun an Kugelgestalt hatte und dadurch in ihrer Form einerseits
unendlich war und eine Oberfläche ohne Grenzen hatte, aber andererseits
auch durch die Kugelgestalt in sich geschlossen und von der Welt der
Götter getrennt war. Die Götter oder Ainur blieben jedoch in Form der
Sterne sichtbar und es gab einen Weg, den "geraden Weg", der unsichtbar
die Welten miteinander verband.
Melkors mächtigster Diener aber, Sauron, konnte in der großen Schlacht
entkommen und kehrte im dritten Zeitalter nach Mittelerde zurück, um
die zurückgebliebenen Menschen und Elben zu unterjochen.
Die Aufgabe des Kampfes gegen Sauron lastet nun ausschließlich auf den
Schultern der Menschen und ihrer wenigen verbliebenen Verbündeten, da
der Rückzug der Ainur aus der sichtbaren Welt unwiderruflich ist und
sie für immer unsichtbar bleiben. Da die Silmarils für die Welt
verloren waren, schufen die Elben drei magische Ringe, die ihren Träger
mit besonderen Fähigkeiten austatteten. Sauron erlangte rasch Kenntnis
von diesen Ringen und schmiedete daraufhin den einen Ring, den Ring der
Macht, der die Elbenringe und alle weiteren magischen Ringe, die für
Menschen und Zwerge geschmiedet wurden, unter seine unheilbringende
Kontrolle bringen sollten. Bei Menschen und Zwergen war er rasch
erfolgreich, und die Träger der Ringe wurden verführt, unterworfen und
zu seinen Dienern und Vollstreckern. Die Elbenringe hingegen, die
Weisheit, Weitblick und schöpferische Gaben verliehen, konnten seinem
Zugriff entzogen werden und wurden zu einer wichtigen Waffe im Kampf
gegen Sauron. Die Geschichte dieses letzten Kampfes ist die Geschichte,
von der Tolkiens dreibändiges Werk "Der Herr der Ringe" erzählt.
Die Helden der Geschichte, die die Anwesenheit der Ainur noch erlebt
haben, Gandalf, Elrond und Galadriel, erleben diesen Kampf im
Bewusstsein, dass sie in einer neuen Welt leben, aus der sich die
Götter zurückgezogen haben, ihnen ist der Glanz der früheren Zeiten,
die Schönheit und die Vollkommenheit ihrer Wurzeln bewusst und sie
werden getrieben von einer Sehnsucht, zu diesen Wurzeln und zu den
Ainur zurückzukehren. Sie sind immer noch weise und mächtig, aber die
goldenen Zeiten sind unwiederbringlich vorüber und ihr Kampf ist
geprägt von Wehmut und Melancholie, im Wissen, dass ihre Zeit zu Ende
geht, sie aber noch eine Aufgabe abzuschließen haben. Sie wissen, dass
der Kampf bereits mehrmals hätte gewonnen werden können und Sauron
eigentlich schon besiegt war, dass aber die Fehler und
Unvollkommenheiten ihrer eigenen Geschlechter und die mangelnde
Weisheit der Menschen dies verhindert haben. Das dritte Zeitalter ist
das Zeitalter der Menschen, die sie trotz ihrer Schwäche und
Fehlerhaftigkeit unterstützen und die unvermutet von einem neuen
Verbündeten Unterstützung erhalten: vom Volk der Hobbits.
Frodo und Aragorn sind die neuen Helden der Geschichte, die Helden der
Menschen und Hobbits, unterstützt von Freunden, beseelt von einem
unbeirrbaren Mut, auch wenn die Aufgabe ihre Fähigkeiten zu übersteigen
scheint. Dennoch führen sie den Kampf zu Ende, und nach großen
Schwierigkeiten und vielen Opfern erreichen sie schließlich ihr Ziel.
Sauron wird besiegt und Aragorn und Frodo gehen nicht nur gestärkt,
sondern auch verwandelt aus dem Sieg hervor.
Aragorn, der König der Menschen, der mächtige Heere und Verbündete zur
Seite hat, führt einen gerechten und klugen Kampf. Lange hat er sich
auf diesen Kampf vorbereitet, im Verborgenen gewirkt und darauf
hingearbeitet, seine Fähigkeiten in den Dienst der Menschen zu stellen
und sich ohne Rücksicht auf eigene Gefahren Sauron entgegenzustellen.
Er ist die strahlende Figur, die sich weithin sichtbar und ohne
Kompromisse dem Kampf stellt. Er verkörpert die Stärke und den Mut der
Menschen, die Kühnheit und Risikobereitschaft des Helden, Aspekte, die
wir alle in uns tragen und die wir gerne stärker verwirklichen würden.
Dennoch kann er den Sieg nicht aus eigener Kraft erreichen. Er ist auf
die Hilfe des Schwächsten angewiesen, auf die Hilfe eines Hobbits, der
gerade die Größe und Körperkraft eines Kindes besitzt. Dieser Hobbit
ist kein strahlender Held, sondern geplagt von Ängsten und
Selbstzweifeln, überfordert von der großen Aufgabe, vor der er steht.
Er wird aus einem sorgenfreien und unbeschwerten Leben hineingestoßen
in Gefahren und Schmerzen, die ihn in eine tiefe Verzweiflung stürzen.
Oft steht er kurz davor, alles liegen und stehen zu lassen, um
zurückkehren zu können in die Unbeschwertheit seines früheren Lebens.
Eines hat er jedoch mit Aragorn gemeinsam: die tief empfundene Liebe
zum Edlen und Schönen, zu allen Menschen und Hobbits, denen er die
gleichen Schmerzen ersparen möchte. Aus dieser Liebe wächst seine
Bescheidenheit und gleichzeitig Beharrlichkeit, um seinem Schicksal ins
Auge blicken zu können und zum Wohl aller zu handeln, ohne Ruhm oder
Reichtümer zu erwarten.
Neben dem strahlenden Helden tragen auch wir diese Selbstzweifel, oft
Verzweiflung in uns, aber auch die Bescheidenheit und die Kraft,
beharrlich und unaufhörlich, mit kleinen Schritten, aber unaufhaltsam
ein Ziel zu verfolgen, auch wenn es unerreichbar
scheint. Auch dies ist eine Art des Heldentums, eine kleine, wenig
spektakuläre und wenig bewunderte Art zwar, ohne die aber Aragorn nicht
erfolgreich sein kann.
Mit kleinen Schritten, unbemerkt und ohne Bewunderer, zuletzt am Ende
seiner Kräfte angelangt auf allen vieren kriechend, bringt Frodo seine
Aufgabe zu Ende, bringt er einen großen und übermächtigen Gegner zu
Fall. Die Geschichte des "Herrn der Ringe" endet nicht mit der
Vernichtung des einen Ringes, aber es ist der Wendepunkt des Mythos.
Durch den Sieg wird der Weg zu den Ainur, den Göttern Mittelerdes,
wieder geöffnet. Frodo, Galadriel, Gandalf und Elrond besteigen die
Schiffe, um auf dem "geraden Weg" Mittelerde zu verlassen und zu den
Ainur zurückzukehren. Sie tun es nicht leichten Herzens, aber ihre
Aufgabe ist beendet.
Damit schließt sich in gewisser Hinsicht der Kreis, der im
"Silmarillion" mit der Schöpfung der Welt durch Iluvatar begonnen
wurde, auch wenn im Buch der Abschluss offen bleibt, was das weitere
Schicksal von Mittelerde sein wird. Tolkien hat diese letzte Geschichte
von Mittelerde nicht mehr erzählt, es bleibt offen, ob die Feinde der
Elben und Menschen sich nicht in veränderter Form noch einmal erheben,
aber eines beruhigt und bleibt gleichzeitig ein Paradoxon: Alles Böse -
Melkor und Sauron, die so erbittert bekämpft wurden - ist Bestandteil
der gleichen Schöpfung wie Ainur, Elben und Menschen.
Es stammt ebenfalls aus den Gedanken und der Musik Iluvatars, des einen
Schöpfers. Es kann nichts wachsen lassen, was nicht von Iluvatar gesät
wurde, es kann den Rahmen von Iluvatars Gedanken nicht sprengen und ihn
verlassen, sondern ist ebenfalls seine Schöpfung. Ist auch das nur
Fantasy?
(aus: Abenteuer Philosophie, Heft Nr. 95)
|