Was uns bewegt
Welchen Ursprung hat die menschliche Motivation?
Ständig sind wir in
Bewegung. Auch wenn wir schlafen, arbeitet unser Körper auf Hochtouren.
Die Leber entgiftet, die Zellen erneuern sich; im Traum arbeiten
wir unbewußt die Erfahrungen des Tages auf. Was motiviert uns? Werden
wir von
äußeren oder von inneren Faktoren bestimmt?
Bereits die griechischen Philosophen interessierten sich für
die Natur und ihre Prozesse. Sie sahen überall Veränderungen und fragten sich,
wie sich ein Stoff in einen anderen verwandelt.
Thales von Milet beispielsweise fragte, wie aus Wasser Eis
und Dampf werden kann. Parmenides kam zu dem Schluß, daß nichts zu etwas
anderem werden kann als zu dem, was es ist. Heraklit faßte den Gedanken, daß
alles in Bewegung ist und nichts ewig dauert, in dem Ausspruch „Alles fließt"
zusammen. Er meinte sogar, wir könnten nicht zweimal in denselben Fluß
steigen.
Den Naturphilosophen zufolge verändert sich nicht nur die
Natur, sondern auch der Mensch, der aktiv diese Veränderung beeinflussen kann.
Sie waren davon überzeugt, daß der Mensch mit Hilfe seines
Verstandes auch seine Gefühle beherrschen und so sein Leben in den Griff
bekommt kann. Welche Vorstellungen herrschen heute vor?
Für viele besteht die Hauptantriebskraft darin, modernen
Schönheitsidealen zu entsprechen. Schlankheit wird mit gesund, keine Falten und straffe Haut mit schön assoziert.
Dieses Ziel wird mit allen auf dem Markt verfügbaren Mitteln angestrebt. Selten
versucht man herauszufinden, was der Körper wirklich braucht. Nur wenige
entdecken das innere Schönheitsideal, das durchaus abseits der Idealmaße liegen kann.
Sokrates, der behauptete, nichts zu wissen, war davon
überzeugt, daß nur derjenige, der weiß, was richtig ist, auch das Richtige tut.
Daß ein Mensch also erst dann glücklich sein kann, wenn er Dinge tut, die er
tief in seinem Herzen für richtig hält. Um in die Tiefen seines Herzens
vorzustoßen, nehme man sich die Inschrift des Tempels von Delphi zu Herzen, die lautete: „Mensch, erkenne dich selbst!"
Sein Selbst, also das innerste Wesen kennenzulernen, ist
nicht einfach. Dieser Prozeß ist ein Abenteuer. Zuerst einmal muß sich der
Entdeckungsreisende mit seinen bestehenden psychologischen Motivationen
auseinandersetzen. Die Basis dieser Motivation ist vielfach das
Akzeptiert-werden-Wollen. Für Status, gesellschaftliche Anerkennung oder Macht
setzen wir viel in Bewegung.
Diese Gedanken werden von kurzlebigen, meist materiellen
Wünschen genährt. „Altmodische" Motivationen der Psyche wie Liebe,
Freundschaft, Ehre, Selbstwert bleiben oft auf der Strecke. Nur wenige setzen
sich mit Ideen für die nächsten Generationen auseinander, noch denken viele an
das Wohl der anderen, oder daran, was für ein harmonisches, tolerantes
Miteinander nötig wäre. Die Konzentration auf kurzlebige, äußere Werte hat
aber einen großen Nachteil: Die Suche nach den Motivationen für ein glückliches
zufriedeneres Leben münden nicht selten in Apathie, Furcht, Neurosen,
Sucht und Komplexe. Aber in den Krisen,
die solche Gefühle oder Lebenssituationen verursachen können, tauchen sie
wieder auf, jene Fragen, mit denen alles begann: Wer bin ich? Woher komme ich?
Wohin gehe ich? Jene Fragen, die den Verstand der Denker schärften und die
Philosophie auf der Suche nach Weisheit anregten.
Die Antworten auf die Fragen, worin das wirkliche Glück
besteht, war eine zentrale Frage der griechischen Philosophie. Bei der
Antwort auf diese Frage tauchen
Begriffe wie Ethik und Moral auf. Um das Jahr 400 v. Chr. begründete
Antisthenes, ein Schüler des Sokrates, die kynische Philosophie. Die
Kyniker
betonten, daß wirkliches Glück nicht von Äußerlichkeiten wie
materiellem Luxus,
politischer Macht und guter Gesundheit abhängt. Wirkliches Glück
bedeute, sich nicht von solchen zufälligen
und vergänglichen Dingen abhängig zu machen. Gerade weil es nicht
darauf
beruhe, könne das Glück von allen erlangt werden und nicht wieder
verlorengehen. Der
bekannteste der Kyniker war Diogenes, der in einer Tonne lebte. Von ihm erzählt man sich folgende Geschichte:
Als er so in seiner Tonne lebte, bekam er einmal Besuch von Alexander dem
Großen. Der makedonische Feldherr fragte den Tonnen-Weisen, ob er sich etwas
wünsche, er werde ihm den Wunsch sofort erfüllen. Diogenes ein praktizierender
Kyniker, soll geantwortet haben: „Geh mir aus der Sonne!"
Die Stoiker sind bekannt für ihre Anleitungen zu einem glücklichen Leben. Marc Aurels
„Selbstbetrachtungen" geben Auskünfte über die Motivationen und Hintergründe
des Lebens des römischen Philosophenkaisers Marcus Aurelius Antonius, der 121
n. Chr. geboren wurde, machte nicht nur die römischen Gesellschaft
nachdenklich, vielmehr bietet seine Lebenshaltungen auch heute eine Vielfalt
von Motivationen für ein glückliches Leben:
„Jedes Leben fließt glücklich dahin, wenn sein Träger
richtig denkt und handelt: Weise und gütig, gerecht und liebevoll gegenüber
allem, was lebt. Mögen andere denken, sagen und tun, was sie wollen - sie
müssen es vor sich selbst und dem Schicksal verantworten - Dir obliegt es,
recht zu denken und zu handeln. Deine Aufgabe ist es, Du selbst zu sein und dem
Smaragd zu gleichen, der seine Farbe behält, einerlei, wie er bewertet, wofür er gehalten wird und was mit ihm geschieht."
Nicht nur die antiken Philosophen haben sich mit der
Motivation des Menschen beschäftigt, auch Immanuel Kant äußerte sich im 18.
Jahrhundert auf diese Frage und faßte sie in seinem „kategorischen Imperativ"
zusammen: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich
wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde".
Jede Handlung sollte so ausgeführt werden, daß man sich
wünschte, daß jeder in derselben Situation auch so handeln würde. Moralische
Handlungen verstand er als Ergebnis der Selbstüberwindung. Anleitungen für die
rechte Handlung und die Motivationen dafür finden sich auch in der
Bhagavadgita, jenem wohl bekanntesten Abschnitt des indischen Epos Mahabharata.
Viele berühmte Denker waren davon überzeugt, daß äußere
kurzlebige Motivationen wie Geld, Prestige und Macht den Menschen nur
oberflächlich weiterführen. Die Haltbarkeit Ihrer eigenen Motivationen können
Sie im nachfolgenden Test herausfinden.
Beantworten Sie folgende Fragen:
-
Wer bist Du?
-
Was ist das Wichtigste in deinem Leben?
-
Welche Kräfte lenken den Lauf der Geschichte?
-
Was braucht der Mensch, um ein gutes Leben zu leben?
Literatur
Illusion, Neue Akropolis 1997
Autorin: Sandra Wolf
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 75)
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