Die Kunst des Pirschens
Übungen und
Überlebensstrategien nach Carlos Castaneda
Anfang der sechziger Jahre traf ein
junger Anthropologiestudent namens Carlos Castaneda auf der Suche nach Informationen über
Rauschwirkungen von Pilzen auf den indianischen Zauberer Juan Matus, kurz Don
Juan genannt, der über außergewöhnliche Fähigkeiten und ein geheimes Wissen
verfügte, das der geheimen Tradition der Tolteken entstammte. Castaneda wurde
zum Schüler von Don Juan und schrieb über seine Lehrzeit und die dort gemachten
Erfahrungen eine Reihe von Büchern. Diese ließen die Welt aufhorchen, da die
dort beschriebenen Erfahrungen und Vorkommnisse unserer westlichen
wissenschaftlichen Denkhaltung so völlig fremd, zugleich aber faszinierend
waren. Der von Don Juan vorgeschlagene Weg des Kriegers und Pirschers ist
inzwischen zu einer Lebenshaltung geworden, die unserer Kultur den Spiegel
vorhält und vor allem junge Menschen auf der Suche nach einer authentischen
Lebensweise inspiriert.
„Dies ist deine Welt", sagte Don
Juan und deutete auf die belebte Straße
vor dem Fenster. „Du bist ein Mensch
dieser Welt. Und dort draußen, in dieser
Welt, ist dein Jagdgrund. Wir haben keine Möglichkeit, dem Tun unserer Welt zu entfliehen, und darum macht ein
Krieger seine Welt zu seinem Jagdgrund."
Der Weg des Kriegers steht bei
Carlos Castaneda als Metapher für den archetypischen Weg des Menschen hin zu mehr Freiheit, Bewußtsein und
innerer Erfahrung. Ein Mittel, um dort hinzugelangen, ist die Kunst des
Pirschens, ein System der Kontrolle und Nutzung des alltäglichen Verhaltens,
welches den Ausübenden befähigt, aus jeder denkbaren Situation das Beste zu
machen. Ziel ist die Reinigung bzw. Harmonisierung unserer bewußten
Persönlichkeit, die mit ihren Gewohnheiten in Denken, Fühlen und Handeln unsere
Wirklichkeit prägt bzw. schafft. Die Kunst des Pirschens beschränkt sich nicht
auf das Leben eines Indianers in Mittelamerika, sondern ist, weil es sich um
einen archetypischen Weg zur nneren
Freiheit handelt, von jedem Menschen in jeder Lebenssituation praktizierbar.
Dies macht den Unterschied zu manchen fernöstlichen „esoterischen" Systemen
aus, die den Praktizierenden sozial, beruflich und gesellschaftlich ins Abseits
stellen können und nicht auf die Lebenssituation eines westlichen Menschen im
20. Jahrhundert anwendbar sind.
Die diesem System zugrunde liegenden
Denk- und Strategieprinzipien werden im Folgenden kurz erläutert.
Die Regel für Pirscher
„Die Fröhlichkeit eines Kriegers
rührt
daher, daß er sein Schicksal
akzeptiert
hat." Don Juan
Das Erste, was Castaneda von seinen
Lehrern in der Kunst des Pirschens lernte, war die sogenannte Regel für
Pirscher. Sie besteht aus drei Teilen und kennzeichnet die grundsätzliche
Glaubens- und Denkhaltung, innerhalb derer sich der
Pirscher bewegt. Wenn der Pirscher diese Regel verinnerlicht, reduziert sie sein
Sein und Handeln auf das, was er wirklich ist. Sie gibt ihm in jeder Situation Kraft
und Ziel. Im Folgenden wird die Regel für Pirscher, die eigentlich für jeden Menschen
gilt, kurz dargestellt:
1. Alles was uns umgibt, ist ein
unergründliches Geheimnis.
2. Wir müssen versuchen, diese
Geheimnisse zu enträtseln, doch ohne die Hoffnung, daß es uns je gelingen wird.
3. Ein Krieger, der sich der ihm
unergründlichen Geheimnisse bewußt ist und sich auch seiner Pflicht bewußt ist,
wenigstens zu versuchen, diese zu enträtseln, nimmt seinen Platz unter den
Geheimnissen ein und betrachtet sich selbst als
solches. Das Mysterium ist ohne Ende. Man ist allem anderen gleichgestellt. Das ist die Demut eines
Kriegers. Wir wissen, wie wesentlich es ist, in welcher Haltung wir der Welt
und den Menschen begegnen. Der Pirscher, der die Welt als Geheimnis betrachtet,
schafft damit die Voraussetzung, in dieser Welt der Geheimnisse zu leben. Das
Studium der Esoterik, der Parapsychologie
und des Schamanismus lehrt uns, daß es andere Wirklichkeiten und Welten gibt,
die normalerweise für unser Auge und
unser Alltagsbewußtsein unerreichbar sind. Der Pirscher macht sich mit
fieberndem Herzen und kühlem Verstand auf die Suche nach diesen unsichtbaren
Welten voller Geheimnisse. Er empfindet seinen Alltag damit nicht mehr als
Routine, sondern als Jagd und Wanderung in einer faszinierenden und
geheimnisvollen Welt, in der überall Herausforderungen und bedeutungsvolle
Ereignisse warten. Er ist sich auch seiner selbst bewußt, indem er sich als
Teil der vielen Mysterien empfindet. Er ist nicht mehr, aber auch nicht weniger
wert als die vielen anderen Wesen und Dinge, die auch Ausdrucksformen des einen
unermeßlichen Geistes sind.
Eine andere sehr bewußte
verantwortungsvolle und innige Beziehung zu den Dingen, Pflanzen, Tieren und
Menschen, die uns begegnen, ist die Konsequenz. Der Pirscher handelt nicht für
Profit oder persönlichen Vorteil, sondern für das, was man den „Geist", das
Dharma oder das Weltgesetz nennen könnte.
Die sieben Grundprinzipien des
Pirschens
„Um ein Krieger zu sein, ist es
nicht einfach
damit getan, daß man einer sein
möchte. Vielmehr ist es ein endloser
Kampf, der bis zum allerletzten
Augenblick
unseres Lebens währt. Niemand ist
als Krieger geboren." Don Juan
Im folgenden werden die
Grundstrategien bzw. Methoden und Einstellungen dargestellt, die das Handeln des
makellosen Kriegers bestimmen. Die praktischen Prinzipien
können in jeder Lebenssituation und
Herausforderung angewendet werden,
von Kleinigkeiten und alltäglichen
Verrichtungen angefangen bis hin
zu den wichtigen Fragen unseres Lebens.
Sie begleiten den Krieger auf der Jagd
nach Kraft und Bewußtsein in dieser Welt
der Geheimnisse.
1.
Der Krieger wählt selbst sein
Schlachtfeld
Ein Krieger zieht nie in die Schlacht, ohne zu wissen, wie das Gelände beschaffen
ist.
Dieses
wichtige Prinzip handelt vom Gesetz der
Initiative. Entscheidend ist, selbst Zeit,
Ort und Art des Kampfes zu wählen, ganz
egal, ob es sich darum handelt, eigene Fehler
und Schwächen abzulegen, sich zu
einem Bewerbungsgespräch einzufinden oder an
einer Diskussion teilzunehmen. Immer
geht es darum, das Gesetz
des Handelns und der Initiative bei
sich zu behalten und nicht von außen zum
Handeln und zur bloßen Reaktion getrieben
zu werden. Zu
wissen, wie das Gelände beschaffen ist,
heißt einfach, sich rechtzeitig auf Herausforderungen vorzubereiten.
Uns allen ist
klar, daß man in unbekannte Länder nicht
reisen sollte, ohne die entsprechende Landeswährung
und einen Sprachführer
bei sich zu haben, sich über Klima,
Landesbräuche und spezielle Krankheiten
und Gefahren usw. informiert zu
haben. Warum bereiten wir uns aber so
selten auf andere Herausforderungen im
Leben, wie z.B. Krisen, Alter, Krankheit
und Tod vor? Oft weichen wir diesen
Situationen aus und werden dann von
ihnen überrumpelt. Erst
recht gilt diese Regel für unbekanntes Gelände,
das vielleicht nach dem Tode auf uns
wartet. Alle Religionen sprechen vom
Leben der Seele nach dem Tode, von
seelischen und geistigen Welten und
Erfahrungen, die auf uns warten.
Warum
studieren wir nicht dieses Gelände, um es
vom Neuland in bekanntes Gebiet zu
verwandeln, auf dem wir uns zurechtfinden können?
Die esoterischen Traditionen, die Naturphilosophien und Religionen beinhalten
reichhaltiges Material, um diese anderen Wirklichkeiten kennenzulernen.
2. Lasse alles Unnötige beiseite!
Hier geht es um die wertvolle
Fähigkeit der Konzentration. Dieses Prinzip
ist auf physischer, emotionaler und mentaler Ebene anwendbar. Der Krieger sammelt seine Energie und vergeudet sie
nicht. Er beschränkt sich bei seinen Taten,
Worten, Gedanken und Gefühlen auf die im
Sinne des Erfolges bzw. Zieles notwendigen Schritte und läßt alles störende und unnötige Beiwerk beiseite. Dadurch
bekommen seine Handlungen und Gedanken eine
große Durchschlagskraft. Don Juan erklärt einmal, daß jeder
Gedanke, der im Zustand schweigender Ruhe
gedacht wird, strenggenommen ein Befehl ist, da keine anderen Gedanken
vorhanden sind, die ihm Konkurrenz machen könnten. Dieser Gedanke hat eine
große Kraft und wird fast unmittelbar
reale Wirkungen entfalten.
Die Fähigkeit der Konzentration
erfordert vom Pirscher eine große Disziplin, die ein Leben lang erworben und
verbessert werden muß. Als regelmäßige Übung der Konzentration im Alltag
sollte man sich angewöhnen, Schritt für Schritt sein Leben von den Dingen,
Gedanken und Gewohnheiten zu befreien, die nicht notwendig sind. So kann
man z.B. bei der täglichen Lektüre, dem
Fernsehprogramm, Eßgewohnheiten usw.
beginnen und Schritt für Schritt das
Wesentliche vom Unwesentlichen trennen.
Man wird dabei bemerken, daß das
Leben kontrollierbarer wird und einem die Dinge nicht mehr so leicht
über den
Kopf wachsen. Manchmal stellt sich bei
dieser Art des Übens schnell eine fast
euphorisch zu nennende Steigerung des Lebensgefühls ein. Man kann dann
die Übung erweitern und in regelmäßigen Abständen einen Gedanken bzw.
eine Einstellung (z.B. die Vorstellung,
immer beliebt sein zu müssen), ein Gefühl
(wie z.B. die Angst vor Vorgesetzten) und
eine Handlung (z.B. das Naschen), die zu einer Routine für uns geworden
sind,
finden und ablegen.
3. Sei einfach !
Alle Konzentration auf den Beschluß
aufwenden, ob man in die Schlacht zieht oder nicht. Bereit und willig sein,
mit einem Beschluß sein Leben aufs Spiel zu setzen. So handeln, als wäre es
unsere letzte Schlacht auf Erden. Dieses dritte Prinzip ergänzt das
Vorherige. Wenn man seine Entscheidungen an der letzten Instanz, nämlich dem
eigenen Tod, mißt, läßt man automatisch alles Unnötige beiseite. Der
Verstand klärt sich, die Gefühle beruhigen
sich und die Handlungen bekommen Kraft. Im Bewußtsein des Todes, so berichten Menschen, die Extremsituationen in
Todesgefahr erlebt haben, ist man zu absolutem Einsatz und voller Konzentration fähig.
Man kann sich vorstellen, was es für
unser Leben bedeuten könnte, nicht nur in Extremsituationen, sondern jederzeit
im Bewußtsein des eigenen Todes zu
entscheiden und zu handeln. Angesichts des eigenen Todes zu handeln
bedeutet auch, nicht zu glauben, daß man
unbeschränkt Zeit zur Verfügung habe und deshalb auf sein Handeln nicht zu
achten brauche. Angesichts des eigenen
Todes zu handeln heißt in erster Linie,
die uneingeschränkte Verantwortung für
seine Entscheidungen zu übernehmen. Don Juan sagt dazu: „Die
Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen, heißt bereit zu sein, für sie zu
sterben.(...) Es kommt nicht auf die Art der
Entscheidung an. Nichts ist ernster oder weniger ernst als alles übrige. In einer
Welt, wo der Tod der Jäger ist, gibt es keine
kleinen oder großen Entscheidungen. Es gibt nur Entscheidungen, die wir
angesichts unseres unausweichlichen Todes
treffen."
Als Übung sei empfohlen, sich ein,
zwei Symbole zu besorgen, die an den Tod
erinnern, und diese immer bei sich zu tragen bzw. an Plätze zu legen,
an denen man sich oft aufhält. Ein bekannter Zeitmanagementtrainer
kürzte z.B.
ein Metermaß auf die Länge, die der Zeit
entspricht, die er statistisch gesehen noch zu leben hat. Dieses
Metermaß befindet
sich auf seinem Arbeitstisch.
4. Entspanne dich! Laß locker! Fürchte nichts! Die Kraft, die uns leitet, wird uns den Weg ebnen
Dieses Prinzip ist leicht zu verstehen, aber schwer umzusetzen. Wenn man sich geistig, emotional oder
physisch verspannt und verkrampft, ist man im Denken, Fühlen und Handeln blockiert. Der Krieger arbeitet mit der Tugend des
Vertrauens, die ein Leben lang geübt werden muß. Der Pirscher braucht Vertrauen
in seine eigenen Kräfte, in seinen Weg,
in seine Weggefährten und vor allem in
das eigene Schicksal. Er muß lernen,
sich von allen Sorgen und Erwartungen zu
lösen, die, wie auch Buddha lehrte, nur
eine Form des Haftens darstellen. Indem der Krieger lernt, sich auf
allen Ebenen zu entspannen, kann er erst
zum Werkzeug der Kraft werden, die ihn
leitet.
Alle Techniken, die der mentalen, emotionalen und körperlichen
Entspannung dienen, sind hier zu empfehlen, egal ob es sich um Yogaübungen oder autogenes Training handelt. Der
Pirscher denkt pragmatisch. Es kommt nur auf das angestrebte Ziel, die
Entspannung, an. Die Kunst des Pirschens liegt im
Umgang mit den eigenen Zweifeln und
Ängsten. Wer gelernt hat, sich für die Zeit
des Handelns von seinen Zweifeln und Ängsten zu distanzieren, weiß, was es heißt,
Vertrauen zu erleben und welche Kraft daraus entspringt. Don Juan lehrt in diesem Zusammenhang: „In einer Welt, wo
derTod der Jäger ist, da ist keine Zeit
für Reue oder Zweifel. Da ist nur Zeit für Entscheidungen.(...) Sorge dich und denke nach, bevor du eine Entscheidung
triffst, aber sobald du sie einmal getroffen
hast, geh deinen Weg, frei von Sorgen und
Bedenken; denn es warten noch Millionen weiterer Entscheidungen. Das ist die
Art des Kriegers."
5. Wenn der Krieger auf Widrigkeiten stößt, mit denen er nicht umzugehen weiß, zieht er sich für eine Weile zurück
Wenn man sich an einer scheinbar
unüberwindlichen Wand befindet, nützt es nichts, dagegen anzurennen. Wenn man sich dagegen von einer schwierigen
Situation zurückzieht, sammelt man Kräfte und wird einen Weg finden, die
Probleme zu lösen. Dabei geht es nicht dann, von den eigenen Zielen abzuweichen und seine Entscheidungen
zurückzunehmen. Vielmehr dient der Rückzug gerade dazu, das Ziel zu erreichen. So kann
es z.B. in Beziehungen hilfreich sein,
bei emotional stark verhärteten Fronten,
sich nicht weiter in die
Auseinandersetzung hineinzusteigern, sondern das Thema
zu wechseln, auch wenn das Problem
damit nicht aus der Welt ist. Man erspart
sich aber weitere emotionale
Verletzungen, die in einer verhärteten Situation
unausweichlich wären. Später kann man dann mit beruhigten Emotionen, klaren
Gedanken und neuer Energie an das Problem herangehen. Die Pirscher wissen, daß jede
menschliche Interaktion mit dem Verlust von
Energie verbunden ist. Der Mensch sendet mit jedem Gedanken und jedem Gefühl innere Kräfte nach außen, die die
esoterische Philosophie Gedankenformen nennt. Es ist sehr schwer, diese
energetischen Muster und Fixierungen aufzulösen.
Eine Möglichkeit, diese zu
vermeiden, ist die „makellose Handlung", die frei ist von Haften, Angst und
Begierde. Wenn dies nicht möglich ist, bleibt
immer noch der Rückzug.
6. Der Krieger hat vor zu siegen, darum rafft er die Zeit
Der Krieger vergeudet keinen
Augenblick. Die Relativität der Zeit ist bereits physikalisch bewiesen.
Auf der
psychologischen Ebene wissen wir, daß Zeit subjektiv verschieden
empfunden
wird. Im Traum erleben wir in
Sekundenschnelle komplexe Geschichten. Menschen, die dem Tode nahe
waren, berichteten davon, daß ihr ganzes Leben noch einmal wie ein Film
abgelaufen
sei, wobei die Zeit, in der dies
passierte, oft nur einige Sekunden oder Minuten
betrug. Der Pirscher arbeitet ganz bewußt an
der Fähigkeit des Bewußtseins, die Zeit
zu intensivieren. Die Grundübung
besteht darin, in jedem Augenblick zu üben, schnell, zielstrebig und
sicher zu
handeln. Bei ungeteilter Aufmerksamkeit auf die eigenen Handlungen wird
man dann Momente erleben, in denen uns die Schärfe des Bewußtseins
Augenblicke erleben läßt, die scheinbar in Zeitlupe
verlaufen.
Mit dieser Art des Übens ist eine Steigerung des Erlebens und
Erfahrens verbunden.
7. Ein Pirscher stellt sich nie in den Vordergrund
Don Juan nennt dies die Demut eines Kriegers. Es
handelt sich um die Fähigkeit, die eigene Persönlichkeit nicht zu
wichtig zu nehmen, bzw. den
Eigendünkel abzulegen. Wer sich selbst
zurückstellen kann, kann desto wirkungsvoller hinter den Kulissen
handeln und
Konflikte im voraus erkennen und vermeiden. Das höchste Ziel in diesem
Zusammenhang nennt Don Juan die Unerreichbarkeit des Pirschers. Dieses
Prinzip anzuwenden ist
deshalb so schwer, weil unser ganzes
Erziehungs- undGesellschaftssystem uns darauf
ausrichtet, etwas „darzustellen" und sich
abzugrenzen. Der Mensch, der erfahren hat, daß er nur Teil eines großen
Mysteriums und allem anderen gleichgestellt ist, kann sich von dieser
angelernten Rolle distanzieren und zurückziehen. Nur
er ist völlig frei und ohne Haften. Eine gute Übung, um sich von seinen
Eitelkeiten und dem Gefühl der eigenen Wichtigkeit distanzieren zu
lernen,
ist das Schauspielern. Man kann z.B.
versuchen, die eigene Erscheinungsweise
zu verändern, sich zu verkleiden und
eine andere Rolle anzunehmen, die man
vorher für sich genau definiert hat. Damit
ist nicht unbedingt ein
Schauspielseminar gemeint, sondern das Annehmen
verschiedener Rollen im Alltag bzw. im
Berufsleben. Schon bei kleinen Übungen darin, die Fassade zu wechseln,
sowohl äußerlich, als auch im Verhalten und
in den Persönlichkeitsmustern, nimmt
man eine andere Perspektive zur Welt ein
und verliert damit etwas das Gefühl der
eigenen Wichtigkeit.
Handeln statt sprechen
„Im Leben eines Kriegers gibt es nur
eines, nur eine Frage, die wirklich
unentschieden ist: Wie weit kann einer auf dem Weg
des Wissens und der Kraft fortschreiten?
Dies ist eine offene Frage, und niemand
kann ihr Ergebnis voraussagen. Ein
Krieger hat nur die Freiheit, entweder makellos
zu handeln oder wie ein Narr zu
handeln. Makellosigkeit ist wirklich die
einzige Tat, die frei ist, und mithin das wahre
Maß für den Geist eines Kriegers."
Es sei abschließend nochmals betont,
daß die erwähnten Strategie- und
Handlungsprinzipien nicht der „erfolgreichen" Handlung im Sinne des Strebens nach
persönlichem Vorteil dienen sollen. Don Juan legt großen Wert darauf, seinem
Schüler Castaneda das Konzept des makellosen Handelns zu vermitteln. Darunter
versteht er ein Handeln nicht für den
persönlichen Vorteil, sondern, wie er es nennt,
den „Geist". Die indischen Philosophen
kennen ein ähnliches Konzept, das sie
Handeln im Dharma bzw. aus Pflicht nennen. Die Stoiker kennen in ihrer Ethik
den gleichen Gedanken, den sie „dem Schicksal (bzw. Weltgesetz) folgen" nennen. Konzepte des Lebens gibt es viele.
Wir Philosophen wissen aber, daß nur
durch die Anwendung und Handlung
Veränderung und Fortschritt möglich sind. Sonst drehen wir uns mit unseren Gedanken und Gefühlen im Kreis und schaffen
uns die Illusion der Handlung, das
Gefühl, schon viel erreicht zu haben, weil
wir viel wissen bzw. gelesen haben. Die letzte pragmatische Empfehlung
zur Kunst des Pirschens in diesem
Artikel an den Leser lautet daher, das nächste
Lebensjahr vorbehaltlos zu einem Jahr der Handlung zu machen. Versuchen Sie
das und überprüfen Sie danach, was sich
dadurch in Ihrem Leben geändert hat. Sie werden diese Erfahrung nicht mehr
missen wollen. Aber überlassen wir Don Juan das
letzte Wort: „Handlungen haben Kraft,
besonders wenn derjenige, der handelt, weiß, daß diese Handlungen seine letzte Schlacht sind. Es ist ein eigenartig
erfüllendes Glück, wenn wir in vollem Wissen handeln, daß alles, was wir tun,
sehr wohl unsere letzte Schlacht auf
Erden sein kann. Ich rate dir, dein Leben
neu zu überdenken und deine Handlungen in diesem Licht zu überprüfen. (...)
Richte deine Aufmerksamkeit auf die
Verbindung zwischen dir und deinem Tod, ohne Reue, Trauer oder Sorge. Richte
deine Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß
du keine Zeit hast, und richte deine
Handlungen darauf ein. Laß jede deiner
Handlungen deine letzte Schlacht auf Erden sein. Nur unter diesen Bedingungen
werden deine Handlungen die Kraft haben, die ihnen zusteht. Sonst werden sie,
solange du lebst, die Handlungen (...) Das einzige, was zählt, ist Handeln. Handeln
statt sprechen."
Literatur
Alle Bücher sind im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen.
Autor:
Helmut Müller
(aus:
Abenteuer Philosophie Heft Nr. 72)
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