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Der Weg ist das Ziel
Der Weg ist das Ziel - das ist einer dieser ominösen Sätze, entsprungen
aus dem östlichen Denken, der soviel Weisheit beinhaltet und so schwer
zu verstehen ist. Er kann wohl auf vielerlei Ebenen gedeutet werden,
doch bei oberflächlicher Betrachtung erscheint er zunächst befremdlich:
liegt das Ziel in dem (Lebens)Weg, den die meisten Menschen gehen?
Liegt es in Depression, Sinnentleertheit und Zweifel, liegt es im
Schmerz?
Nein, Schmerz kann nie das Ziel sein. Zu einem Ziel bewegt man sich
hin, aber gerade der Schmerz bewirkt ja, dass man sich von ihm
wegbewegt. Ausgeschlossen, dass er das Ziel sei!
Es heißt: "Der Weg ist das Ziel", wir müssen uns den Satz genauer
überlegen...Entsteht denn wirklich Schmerz, wenn man am Weg ist und
sich verändert? Oder entsteht er dann, wenn man still steht und sich
ängstlich gegen Bewegung wehrt?
Alles im Leben bewegt sich. "Alles fließt", sagt Heraklit. Die Kindheit
wird schnell von der Jugend abgelöst, diese vom Erwachsenenalter und
ehe man sich`s versieht, stehen das Alter und der Tod vor der Tür...
Niemand kann diesen Fluss der Zeit stoppen, und wer es versucht, wird
unweigerlich leiden. Die Übergänge und Schwellenmomente scheinen
schmerzhaft. Der Jugendliche, der nicht erwachsen werden will, Der
Erwachsene, der sich dem Alter nicht stellt, sind zwei Beispiele, von
denen es Tausende gibt. Schmerz und Veränderung scheinen
zusammenzuhängen, aber müssen sie das?
Wer sich diese Frage ernsthaft stellt, wird bemerken, dass die
eigentliche Veränderung schmerzlos ist. Es ist die Angst vor
Veränderung sowie die Folgen unserer schlechten Gewohheiten, die uns
leiden lassen. Wir sind so oft gefangen in Gewohnheiten, die nichts
anderes sind als Stillstand des Denkens, Fühlens oder Handelns. Doch ab
dem Zeitpunkt, zu dem wir die Notwendigkeit der Veränderung erkannt und
den notwendigen Schritt getan haben, ist kein Leid mehr vorhanden.Doch
je mehr wir uns gegen diese Veränderung wehren, umso mehr leiden wir.
Das Schicksal zwingt uns dazu, unseren Weg zu gehen. Dieser Weg sieht
für jeden Menschen anders aus. Aber egal, wie steil er ist und wohin er
führt, er hat mit allen anderen Wegen eine Gemeinsamkeit: die Bewegung.
Bewegung ist das Wesen des Lebens, Leben ist Veränderung, in welchem
Bereich auch immer.
Stillstand macht keinen Weg aus. Stillstand ist somit auch nicht das Ziel, sondern nur der Weg ist das Ziel!
Aber wieso muss man sich überhaupt verändern, warum können wir im Stillstand, in der Trägheit keine dauernde Stabilität finden?
Darüber lohnt es sich, nachzudenken, am besten in der Bewegung, beim Laufen:
Kaum berührt ein Fuß die Erde, stößt er sich schon wieder weg. Ständig
ist zumindest ein Bein in der Luft, oft beide. Der ganze Körper ist in
Bewegung, es gibt keinen Stillstand, kein Verharren. Eigentlich
müsste der Körper doch extrem instabil sein, mit so wenig Bodenkontakt.
Doch die ständige Bewegung, der Rhythmus in der Veränderung
ergibt hohe Stabilität. Die Stabilität ist sogar höher als beim
scheinbar so stabilen Stehen. Wenn uns jemand stößt, wenn ein
Schicksalsschlag uns versucht, aus der Bahn zu werfen, ist er für uns
gefährlicher, wenn wir still stehen. Wenn wir in Schwung sind, ist die
kinetische Energie unseres Körpers größer und wir können nicht so
leicht aus unserer Bahn geworfen werden. Somit vereinigen sich zwei
scheinbare Gegensätze: Stabilität und Fortschritt.
Stillstand bewirkt Schmerz. Wer immer gleich bleibt, aus keinem Fehler
lernt, der empfindet Schmerz. Also muss man sich bewegen, man muss
lernen, einen Standpunkt aufzugeben und einen neuen einzunehmen. Das
Gleiche passiert, wenn wir einen Fuß vor den anderen setzen.
Die meisten Menschen wollen Stabilität und Sicherheit finden und wehren
sich deswegen gegen Veränderung. Doch im Stillstand, in der Trägheit
ist dieser Aspekt nur sehr schwach vorhanden, denn alles, was starr
ist, zerfällt schnell. Aber dort, wohin uns das Schicksal ständig
treibt und wo wir es niemals vermutet hätten, finden wir das, was wir
gesucht haben: Die dauernde Stabilität in der Bewegung - somit ist der
Weg das Ziel.
Autor: Andreas Stock
(aus: Abenteuer Philosophie, Heft Nr. 100)
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