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König ARTUS und das Ideal des Ritters
Tapfere Ritter, schöne Damen, große Schlachten und die Liebe...
Vieles spielt sich ab am Hofe des großen Königs Artus.
Das Schwert, das im Felsen steckt, Merlin der Magier, das mythische
Avalon, Excalibur usw. Auch heute noch kennen die meisten Menschen
Teile der Artussage. Dieser archetypische Mythos kommt nicht aus der
Mode, auch in unserer heutigen schnelllebigen Zeit. Er ist überzeitlich
– und das ist ein Zeichen für Qualität!
Der MythosVor langer Zeit lag Britannien in einem Zustand
der Anarchie, der Unwissenheit und Barbarei. König Uther Pendragon war
ohne Nachfolger gestorben und das Land versank ohne Führung in
Ungerechtigkeit und Schwäche. Die große Kultur der Vergangenheit mit
ihren alten Werten wie Gerechtigkeit, Treue und Tapferkeit war
ungreifbar fern, und die Zukunft schien düster und unheilvoll. Straßen,
Brücken und Monumente verfielen.
Merlin, der weise Magier, der den Schicksalsmächten diente und um die
Zukunft wusste, hatte ein Schwert in einen Stein gesenkt, auf dem eine
Inschrift lautete: „Wer das Schwert aus diesem Stein zu ziehen vermag,
ist rechtmäßiger König dieses Reiches.“
Um diesen Stein herum wurden Turniere ausgetragen, und die besten
Ritter versuchten sich daran, doch keiner vermochte das Schwert zu
bewegen.
Eines Tages geschah es, dass ein junger Knappe ein Schwert für seinen
Herrn und Bruder holen musste. Da er nirgends eines finden konnte,
versuchte er sich an der magischen Klinge im Stein und zum Erstaunen
aller gelang ihm, was keiner sonst konnte: er zog sie heraus! Somit war
er ohne die Absicht zum König geworden.
Nicht alle Adeligen wollten sich nun einem so jungen Herrscher beugen,
und 11 Lords widersetzten sich dem Treueschwur. Deshalb musste Artus
mit seinen Anhängern sein Land in vielen Schlachten erst erkämpfen.
In jenen Tagen zerbrach sein Schwert, als er gegen einen tapferen und
ihm ebenbürtigen König kämpfte, dessen Name Pellinore war.
Daraufhin geleitete ihn Merlin zu einem nahen See, auf dessen
Oberfläche auf wundersame Weise eine Dame schritt und Artus das Schwert
Excalibur samt kostbarer Scheide übergab. Mit diesem Schwert war er
noch mächtiger und konnte seinem Volk Frieden und Gerechtigkeit
bringen. Er erbaute die Burg Camelot, nahm sich die schöne Ginevra
(Guinevere) zur Königin und herrschte 12 Jahre lang in Frieden.
Er versammelte die besten und tapfersten Ritter des Reiches um sich.
Diese Blüte der Ritterschaft beriet sich an einem großen runden Tisch,
der Tafelrunde, von der behauptet wurde, dass Merlin sie nach dem
Abbild des Universums gestaltet habe. Das Land war befriedet, und den
Rittern der Tafelrunde stellte sich eine neue Aufgabe:
Die Suche nach dem heiligen Gral.
Viele Ritter zogen aus, um diesen Kelch zu suchen, doch nur wenige
kehrten zurück. Viele verloren in unbekannten Ländern ihr Leben, wurden
von Ungeheuern getötet oder ließen sich von prunkvollen Palästen
verblenden. Nur wenige – vielleicht nur einer – konnte den Gral finden
und aus dem heiligen Gefäß trinken.
So lautet eine Kurzversion von Aufstieg und Blüte im Mythos von König Artus, frei nach Sir Thomas Malory.
Der Mythos ist eigentlich nicht ein Mythos. – Es sind unzählige Mythen,
die im Laufe der Zeit zusammenschmolzen. Die erste schriftliche
Erwähnung des Namen „Artus“ erfolgte um 1135 und danach finden sich
alle paar Jahre neue Dokumente mit den Namen der anderen wichtigen
Personen und Begebenheiten, bis im 15. Jhdt. der Mythos in seiner
heutigen Form „fest“ wurde. Dies bezieht sich allerdings auf die
schriftliche Überlieferung, die uns erhalten ist. In Wirklichkeit
liegen die Wurzeln des Mythos noch viel weiter in der Vergangenheit.
Er hat wahrscheinlich einen realen Kern. Dieser vermischte sich aber
mit viel älteren Überlieferungen aus keltischer und vorkeltischer Zeit.
Im Mythos gibt es unzählige, tief symbolische Teile, einige davon werden nun dargestellt:
...“WER DAS SCHWERT AUS DIESEM STEIN ZU ZIEHEN VERMAG, IST RECHTMÄßIGER KÖNIG“...
Diese zentrale Stelle der Legende beschreibt nicht etwa einen
Zaubertrick, den Merlin angewendet hat, um den von ihm gewünschten
Artus zum König zu machen.
Im Gegenteil, hierin sind tiefe Symbole versteckt:
Das Schwert ist ein Symbol für das Geistige, den Willen. Dieses hohe
Prinzip steckt aber mit der Spitze nach unten in der Materie. Alles
Streben der Menschen gilt der Materie, dem Überleben. Es ist eine
dunkle Zeit, niemand führt das Volk. Der Geist (also Werte und Kultur)
hat an Bedeutung verloren. Die Aufgabe des Königs ist es, dieses
Schwert des Willens zu befreien und nach oben zu wenden, dem Himmel
entgegen.
Nur wer sich dieser Probe würdig erweist, ist der neue und rechtmäßige König.
Alle Ritter können sich daran versuchen, doch nur der, welcher in sich
sein eigenes geistiges Prinzip befreit hat, ist auch in der Lage, dies
im Größeren für ein Land zu tun.
Artus ist der einzige Bewerber, der das Schwert nicht für sich will. Er
will es für seinen Bruder aus dem Stein ziehen. Sein Handeln ist nicht
egoistisch, sondern ein Dienst für jemand anderen. Der rechtmäßige
König oder wahre Politiker – egal ob heute oder in der Vergangenheit-
darf nicht aus Selbstsucht an die Macht kommen, er ist vielmehr der
erste Diener seines Volkes, der stets aus Pflichtbewusstsein handelt.
...“UND DAS MAGISCHE SCHWERT, DAS IHN ZUM KÖNIG MACHTE, ZERBRICHT!“...
Eines Tages verliert König Artus einen Zweikampf gegen König Pellinore,
da ihm sein Schwert in Stücke bricht. Als er sich ergeben muss, ruft
der wutentbrannte Artus: „Der Tod ist mir willkommen, wenn er mir
bestimmt ist, nicht aber die Niederlage.“ * Sogleich stürzt er sich
mit bloßen Händen auf seinen Kontrahenten, dieser ist seinem
waffenlosen Gegner aber überlegen und will zum letzten Streich
ausholen. Doch in diesem Moment greift Merlin mit seiner Zauberkraft
ein. Der Magier verhindert den Todesstoß an König Artus und trennt die
Gegner voneinander.
Artus ist am Körper verwundet, aber noch viel mehr in seinem Stolz und
seiner Ehre. Er ist nun ein Ritter ohne Schwert, er bezeichnet sich
selbst als unwürdig für einen Ritter. Darauf entgegnet Merlin:
“So redet ein Kind, nicht ein König und nicht ein Ritter, sondern ein
gekränktes und zorniges Kind, denn sonst wüsstet ihr, Herr, dass eine
Krone noch keinen König und ein Schwert noch keinen Ritter macht. Ihr
wart ein echter Ritter, als ihr waffenlos mit bloßen Händen König
Pellinore angegriffen habt.“
Artus:„Aber er hat mich besiegt.“
„Ihr wart ein Ritter“, wiederholte Merlin. „Irgendwo auf der Welt
wartet auf jeden eine Niederlage. Manche werden von einer Niederlage
vernichtet, andere macht ein Sieg klein und schäbig. Wer über
Niederlage wie über Sieg gleichermaßen erhaben ist, in dem lebt wahre
Größe.“ *
* nach Steinbeck, John: „König Artus“, dtv
Artus muss lernen, seine Ehre nicht von äußeren Erfolgen
abhängig zu machen. Er muss ehrenvoll sein, auch in der unweigerlichen
Niederlage, er muss standhaft bleiben in Freude wie in Leid, was eine
sehr große Selbstbeherrschung erfordert. Doch dadurch kann er diese
Gegensätze, diese ewige Dualität überwinden.
Diese Stelle beschreibt eine wichtige Wende in König Artus Leben: Er verwandelt sich vom ungestümen Ritter in den weisen König.
...“UND AUF DEN WASSERN DES SEES SCHREITET EINE WUNDERSCHÖNE DAME MIT DEM MÄCHTIGEN SCHWERT EXCALIBUR IN HÄNDEN“...
Artus bekommt nun die wahre Quelle seiner Macht, Excalibur, sowie eine
magische Scheide, die ihn vor dem Verbluten schützt. Die Zeit des
reinen Eroberns ist vorbei, das Schwert, das vorher noch ohne Scheide
war, bekommt eine würdige Hülle, es bleibt nicht ewig gezückt. Schwert
und Scheide bilden eine Ganzheit, sowie auch König Artus nun „ganz“
ist, sowohl Mut als auch Mäßigung besitzt.
Es beginnt die zwölfjährige friedvolle Ära, das goldene Zeitalter für
den König und sein Volk. Zwölf ist das Symbol der Ganzheit, eines
vollen Zyklus. Ein Jahr hat deswegen 12 Monate, es gibt 12
Tierkreiszeichen usw. Was nach der zwölf kommt, ist Umbruch, Wandel,
somit oft Leid. Es kommt nicht von ungefähr, dass die 13 deswegen im
Aberglauben gefürchtet wird.
...“DIE RITTER DER TAFELRUNDE ZIEHEN AUS, UM DEN HEILIGEN GRAL ZU SUCHEN“...
Das Volk ist zufrieden, und es herrschen Glück und Wohlstand. Doch die
edlen Ritter, die Artus an einer runden Tafel um sich schart, lassen an
Tapferkeit nach, sie haben keine Aufgabe. Ein Ritter, der sich nur mehr
dem angenehmen Leben am Hofe verschreibt, keine Kämpfe und Proben zu
bestehen hat, wird schwach und träge. In einer Welt des ständigen
Wandels bedeutet Stillstand Rückschritt! Merlin, der dies kommen sah,
fordert Artus deshalb dazu auf, den Heiligen Gral suchen zu lassen.
Der Heilige Gral ist ein eigener komplexer Mythos, der hier nur
gestreift werden kann. Er beschreibt die Suche nach Wahrheit und
spiritueller Vollkommenheit. Er wird oft als Kelch beschrieben, der das
Blut Jesu am Kreuz aufgefangen haben soll und der alle Wunden heilt,
manchmal auch als magischer Stein oder Teller. Doch ist seine Form
sekundär, wichtig ist das, wofür er steht: Weisheit, Vollkommenheit,
Friede – doch sind diese Wörter nur Annäherungen, in Wahrheit kann man
diese höchste Vollendung nicht benennen.
Nun sind die Ritter der Tafelrunde aufgefordert, „Ausfahrten“ zu
machen, um jenes geheimnisvolle Objekt zu finden. In einer Ausfahrt
sucht der Ritter nach Proben und Erfahrungen, an denen er wachsen kann.
Er wartet nicht, bis ihm das Schicksal Schwierigkeiten beschert, aus
denen er zwangsweise lernen muss, sondern er sucht sie selbst.
Es gibt unzählige Geschichten über die Ritter der Tafelrunde, wie sie
Ungeheuer besiegen, Frieden stiften oder eine Dame befreien. Der wahre
Ritter versucht immer das Gute zu bewahren und ist bereit dafür zu
kämpfen. Und der, welcher völlig rein im Herzen ist, von Selbstsucht
und Begierden frei, findet jenes Symbol des Geistigen, den Gral, für
den er ausgezogen ist.
Ein Schlüssel zur DeutungDen Schwachen zu
helfen, Unrecht zu verhindern, stets die Abenteuer zu suchen, nicht
träge zu sein, sondern mutig zu leben: das bedeutete es am Hofe Artus´,
ritterlich zu sein.
Und – glauben Sie es oder nicht – man kann auch heute noch Ritter sein!
Nicht indem man sich in rostige Eisenharnische zwängt, sondern indem
man jeden Tag aufs Neue an die Kämpfe des Alltags herangeht. Das
Charakteristikum eines Ritters sind nämlich nicht quietschende
Rüstungen, sondern etwas ganz anderes: Die Schwierigkeiten und Kämpfe
zu suchen, damit man wachsen kann.
Überlegen sie sich doch selbst einmal, wann sie am meisten gelernt haben!
War es in der Zeit, in der alles wie am Schnürchen lief und die Zeit wie im Flug vorbei ging?
Oder war es in den Zeiten mit Schwierigkeiten, wo man am liebsten davongelaufen wäre...
Wenn man genug Distanz zu diesen Zeiten hat, erkennt man oft, dass es
die schwierigen Zeiten waren, die einen weitergebracht haben.
Das ist ein Schlüssel zu den vielschichtigen Symbolen des Artus-Mythos, der auch heute noch aktuell ist.
Autor: Andreas Stock
Bibliographie:· Malory, Sir Thomas: „Artus. Die Geschichten von König Artus und den Rittern der Tafelrunde“, Insel Verlag
· Steinbeck, John: „König Artus“, dtv
· Phillips, Keatman: „Artus. Die Wahrheit über den legendären König der Kelten”, Heyne Verlag
· Godwin, Malcolm: „Der heilige Gral. Ursprung, Geheimnis und Deutung einer Legende“, Komet
(aus: Abenteuer Philosophie, Heft Nr. 99)
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