Das Bekenntnis der Templer
Die esoterische Interpretation von Schöpfung und Evangelium
Nach einem Vortrag von Isabelle Hauller
Man nahm lange Zeit an, daß wir von den Templern selbst
keine Zeugnisse darüber haben, wie sie dachten, und daß wir nur durch die
Aufzeichnungen ihrer Gegner Rückschlüsse auf ihr Bekenntnis ziehen könnten.
Nachdem 1314 ihr letzter Großmeister, Jacques de Molay, hingerichtet worden
war, wurde der Orden in Frankreich verboten und aufgelöst. Die überlebenden
Templer traten daraufhin zum Teil in andere Orden ein, in England z.B. in den
Franziskanerorden. In Portugal wechselten sie den Namen.
Eine Gruppe von Wissenschaftlern, darunter Spezialisten des
Altportugiesischen, forschte fünf Jahre lang in Portugal, fand und entzifferte
Dokumente, welche die Grundlage des nun Folgenden bilden.
Der Schöpfungsmythos
Für die Templer war das Paradies von Adam und Eva durchaus
nicht das erste Paradies, denn Adam und Eva waren nicht nach Gottes Ebenbild
geschaffen worden.
Gott schuf am Anfang der Zeiten ein vollkommenes Abbild
seiner selbst, den Pontifex, und er schuf ihn als Mann und Frau. Dieses
Ebenbild Gottes lebte im Paradies, von dem wir uns keinerlei Vorstellungen
machen können. Aus irgendeinem Grunde kam es zum Bruch zwischen Gott und seinem
vollkommenen Ebenbild, zum „Sturz" des Pontifex, der auf diese Weise die
unzähligen Welten ins Dasein rief. (Ich möchte hier nur darauf hinweisen, daß
man den „Urknall" in mythologischer Sprache durchaus so beschreiben könnte). Erst
danach gab es ein „Paradies" und einen „Adam" und eine „Eva", die aber nur eine
sehr unvollkommene Erinnerung an den ursprünglichen Zustand beibehalten haben.
Aber auch darüber können wir nichts wissen.
Die Verkündigung der Geburt Christi
Nach 1096 waren die Templer
im Heiligen Land, und dort sind sie nicht nur mit arabischem Gedankengut
in Verbindung gekommen, sondern auch mit den Ideen der Kabbalisten und darüber
hinaus mit den geistigen Welten Asiens, insbesondere Indiens. Wir dürfen nicht
vergessen, daß damals bereits ein Jahrtausend lang die Handelswege, die unter
dem Oberbegriff Seidenstraße zusammengefaßt werden, eine gute Verbindung
zwischen Europa und Asien garantierten, nicht nur für Waren aller Art, sondern
auch für Ideen.
Die Templer hatten auch eine bestimmte Vorstellung über das
Wesen der Erzengel. Die Elemente der Erzengel (im Sinne der Alchemie) sind Luft
und Feuer (durch das Schwert symbolisiert); niemals Erde und Wasser. Und was
sagte nun der Erzengel zu Maria? Er sprach nicht, er sang. Er übertrug ihr den
Geist Gottes durch den Atem und das Aushauchen des Urlautes OM...
Das OM der Inder besteht eigentlich aus drei Buchstaben:
AUM, und wird nur in der Aussprache zu OM zusammengezogen. Und so, nämlich als
AUM, steht es in allen mittelalterlichen Kathedralen als Monogramm Mariens.
Die Templer hegten geradezu eine Leidenschaft für Maria.
Natürlich spielt auch das Ideal der höfischen Minne eine Rolle dabei: die
Sehnsucht nach der vollkommenen Frau; aber auch die Überzeugung, daß ohne Maria
das Heil nicht möglich gewesen wäre. Das zeigt sich schon bei
der direkten Übertragung des Geistes Gottes auf sie bei der Verkündigung, und
das zeigt sich ganz besonders bei der Rolle, die Maria in der
Auferstehungsgeschichte spielt.
Das Kreuz
Die Templer unterschieden das Kreuz in zweierlei Hinsicht:
Es gab das aufrechte Kreuz. Das war für sie das Kreuz der Überwindung und der
Glorie. Zum anderen gab es das liegende Kreuz, das war das Kreuz des Leidens.
Als man den Templern den Prozeß machte, war einer der
Anklagepunkte die ungeheure Anschuldigung, daß sie das Kreuz mit Füßen träten.
Erinnern wir uns: Wenn die Templer, wie auch die Angehörigen
anderer Orden, in eine mittelalterliche Kirche durch das Hauptschiff einzogen,
dann setzten sie sich nacheinander mit der Welt und dem Himmel in Harmonie und
richteten sich auf die geistige Welt aus (indem sie bewußt die Kraftfelder
einer Kathedrale durchschritten, nämlich den architektonischen Grundriß). Sie
„treten also das Kreuz mit Füßen", das liegende Kreuz des Leidens, wohlgemerkt.
Vielleicht waren sich die Templer dieser Symbolik mehr bewußt als andere
Gemeinschaften!
Das Kreuz war für die Templer der Hauptgegenstand der
Verehrung und Hingabe, und alle Einzelheiten, die im Zusammenhang mit der
Kreuzigung überliefert wurden, waren für sie Symbole, die der tiefsten
Kontemplation würdig waren, um dann wie Fenster neue Ausblicke auf das
universelle Drama der Kreuzigung zu ermöglichen.
Nehmen wir z.B. den Lanzenstich in die rechte Seite Jesu.
Die rechte Körperseite symbolisiert, nach kabbalistischer Tradition, Weisheit
und Gnade, während auf der linken Seite die Kraft angesiedelt ist. Für die
Templer weist also dieser Lanzenstich auf die Erlösung durch Gnade hin, und es
ist für sie undenkbar, daß der Landsknecht, der diesen Stoß führt, ein Schänder
Christi sein sollte - im Gegenteil, er war für sie ein Heiliger. Ja, die
Templer hatten einige Heilige, die man in der offiziellen Kirche vergeblich
sucht, zum Beispiel den heiligen Lanzenträger.
Ein anderer Heiliger ist der Landsknecht, der Jesus mit dem
Essigschwamm tränkte. Hier spielt die Symbolik des Blutes mit hinein,
Hoffnungsträger par excellence für die Templer, der im Wein seinen klarsten
Ausdruck findet. Jesu vergießt am Kreuz nicht nur sein Blut für die Welt, d.h.
er überschüttet die Welt mit Hoffnung, sondern er absorbiert auch den „schlecht
gewordenen Wein der Welt", den Essig. Aus diesem Zusammenhang kann man auch den
häufigen französischen Vornamen Vincent (vin: Wein; sang: Blut) erklären.
Der dritte Heilige, den nur die Templer hatten, war Judas.
Judas ist kein Verräter, sagen die Templer, im Gegenteil, er ist einer der
größten Heiligen, weil er eine herausragende Rolle im Heilsgeschehen spielt,
eine Rolle, die Gott ganz sicher nur einem besonderen Menschen anvertraut hat.
Johannes, der Lieblingsjünger, hat die Geister durch die
Jahrhunderte beschäftigt, und auch die Templer erkannten ihm eine besondere
Rolle zu. Beim Letzten Abendmahl lehnte Johannes seinen Kopf an die Schulter
Jesus, man kann auch sagen, er lehnte seinen Kopf an Jesu Herz. Was hörte er?
Er vernahm die Geheimnisse der Welt, er erfuhr den geheimen Bauplan des
Universums, er erkannte die Strukturen der Wahrheit hinter dem unbegreiflichen
Geschehen, das sich in Kürze vor seinen Augen abspielen sollte. Er war
schließlich auch der einzige der Jünger Jesu, der die Passion aus nächster Nähe
verfolgte und den wir unter dem Kreuz finden. Jesu Hinweis auf Maria: „Das ist
deine Mutter" bedeutet für Johannes nichts weniger als einen Identitätswandel.
Bei den Templern ist die Mutter Jesu unter dem Kreuz nicht
weiß und blau gekleidet, sondern trägt einen roten Schleier, der sie ganz
deutlich als Trägerin des Lebensprinzips ausweist. Sie ist nicht nur als
trauernde Mutter anwesend, sondern für das Heilsgeschehen unbedingt notwendig.
Erinnern wir uns, daß sie bei der Verkündigung durch den Atem des Engels die
Lebenskraft Gottes übertragen bekam. Die gibt sie nun an den leblosen Leib
ihres Sohnes weiter und bewirkt dadurch eine neue Verbindung zwischen dem physischen
Leib und dem geistigen Prinzip.
Noch ein Wort zu den zwei Schächern, die zur Rechten und zur
Linken Christi gekreuzigt wurden. Die Templer sagen, wir Nachgeborenen seien
nicht einmal in der Situation des Schächers zur rechten Seite - also dessen,
der die Gottessohnschaft Jesu anerkennt und von Jesus zugesagt bekommt, daß er
heute noch mit ihm im Paradies sein werde - die Templer sagen, wir seien in der
Situation des Schächers zur Linken, der sich abwendet und gegen seinen Willen
zum Heil gezwungen werden muß. Für die Templer war das Evangelium das
vollkommene Buch, in dem Antworten auf alle Fragen des Daseins zu finden waren.
Nehmen wir zum Beispiel den Tod. Für die Templer stirbt man nicht einfach, man
stirbt drei „Tode" (Ein französisches Wort für „sterben" ist „trépasser". Darin
stecken die „drei Schritte", die „trois pas").
Als Jesus sich auf dem Ölberg auf sein Sterben vorbereitete,
bat er die Jünger mehrfach, mit ihm zu wachen und zu beten. Jedesmal fand er
sie schlafend. Das ist der erste Tod: Freundschaften, alles was wichtig und
wertvoll im Leben war, stirbt ab. Judas küßt Jesus. Jede Hoffnung auf Leben
erstirbt. Das ist der zweite Tod. Die Passion, der physische Tod, ist dann der
dritte Tod.
Oder nehmen wir die drei Versuchungen Jesu in der Wüste.
Jesus hat 40 Tage lang gefastet und wird nun vom Teufel damit versucht, daß aus
allen Steinen der Wüste Brot werden könnte. Das ist die Versuchung durch
Wünsche und Begierden, die Versuchung des „Fleisches".
In der zweiten Versuchung sagt der Teufel zu Jesus, daß er
ihn zum Herrn über die Welt machen würde, wenn er vor ihm niederfiele und ihn
anbete. Das ist die Versuchung durch die Macht, die Versuchung des Geistes. Die
dritte Versuchung zielt direkt auf die Seele: Wenn du Gottes Sohn bist, dann
stürze dich hinab...
Zum Schluß noch ein Wort zu einem Einwand, der immer wieder
erhoben wird: Wenn Gott „gut" ist, wie kann er dann alles zulassen? Zu den
Zeiten der Templer waren damit die großen Pestepidemien gemeint. Die Templer
gaben darauf wieder eine dreifache Antwort, die den Bezug zu ihrer Zeit zeigt.
Es gibt Menschen, die Gottes Gesetz nicht anerkennen und
sozusagen gegen ihren Willen durch das „Feuer des Schwertes" gerettet werden
müssen. Das Unglück ist eine wohltätige Macht. Die Liebe (Gottes) ist kein
sentimentales Gefühl, sondern eine Kraft, die vom Tode errettet.
Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag von Isabelle
Hauller, Paris, August 1991, Mitglied der Expertenkommission, die die im Text
erwähnten Dokumente in Portugal selbst studierte.
Vortrag Isabelle Hauler, bearbeitet Sabina Jarosch
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 71)
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