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Im Zeichen des Kreises


Die Weltanschauung und die Riten der Sioux




Wir kennen sie aus zahlreichen Wildwestfilmen, in denen sie einmal als stolze Krieger mit prächtigem Federschmuck dargestellt werden und dann wieder als blutdürstende Wilde. Diese einseitige und zum Teil auch falsche Sicht der Dinge soll korrigiert werden und zeigen, dass die Sioux (sprich: su) ein Naturvolk mit hohen ethischen Werten sind.

Über ihre Herkunft ist nichts Gesichertes bekannt, nur so viel, dass sie im 18. Jahrhundert aus dem oberen Mississippital in die Ebenen westlich des Missouri einwanderten. Ihr Siedlungsbereich erstreckte sich über Teile Minnesotas, North- und Southdakotas sowie Wyoming. Das Volk der Sioux lässt sich unterscheiden in die östliche Gruppe der Santee und die westliche der Lakota, die sich wiederum in sieben Stämme untergliedert. Der bekannteste und größte ist sicher der Stamm der Ogalala. Aus ihm kommen große Krieger und Häuptlinge wie Sitting Bull, Red Cloud und Crazy Horse.

Um 1760 kamen die Sioux zu Pferden, die ihnen eine große Hilfe im Leben auf den Great Plains - den riesigen Ebenen des amerikanischen Mittelwestens - waren.

Grundsätzlich gibt es sehr viele interessante Details, über die es wert ist zu berichten. Ich möchte mich hier jedoch mit ihrer Weltanschauung und ihren Mysterien ein wenig auseinandersetzen, die in ihrem Kern bis in die Gegenwart gültig sind.

 

Wakan Tanka


Die höchste Macht, das Eine, war Wakan Tanka, das Große Geheimnisvolle, ein Mysterium. Es hatte keinen Anfang und kein Ende, erschuf das Universum und symbolisierte die Totalität der Existenz und die Einheit des Alls.

Wakan Tanka oder Große Medizin, wie man es auch bezeichnet (dieser irreführende Ausdruck, der von französischen Trappern stammt, beinhaltet nur teilweise und nicht maßgeblich die Krankenheilung), wurde in vier Hauptgruppen von Kräften unterteilt. Bevor ich diese vier Gruppen im Einzelnen vorstelle, möchte ich die Bedeutung erklären, welche die Zahl Vier für die Sioux hat.

Die Sioux sahen alles in einer auf der Zahl Vier beruhenden Ordnung: vier Himmelsrichtungen; vier Zeitabschnitte - Tag, Nacht, Mond (Monat) und Jahr; vier Teile bei allem, das wuchs - Wurzel, Stängel, Blätter und Frucht; vier Arten von Kreaturen, die atmeten - die kriechenden, die fliegenden und die, die sich mit zwei oder vier Beinen fortbewegen; vier Erscheinungen über ihrer Welt - die Sonne, der Mond, der Himmel und die Sterne; vier Lebensabschnitte des Men¬schen - Kindheit, Jugend, Erwachsenenzeit und Alter,...

Die vier Hauptgruppen bildeten wiederum je vier Untergruppen, insgesamt gab es also sechzehn Elemente (Prinzipien) des Wakan Tanka. Die Untergruppen wurden bezeichnet als:

1. Höhere Macht

2. Beigeordnete Macht

3.Untergeordnete Macht und

4. Geistige Macht.


Die höheren Mächte wurden entweder durch einen Himmelskörper, eine Erscheinung oder einen irdischen Gegenstand versinnbildlicht. Die erste höhere Macht war die Sonne, die höchste Kraft, der alle anderen nachgeordnet waren. Ihre Symbolfarbe war die heilige Farbe Rot, und sie lenkte die vier Tugenden Tapferkeit, Mut, Großzügigkeit und Treue. Die zweite Höhere Macht war der Himmel mit der Farbe Blau. Sämtliche Formen der Kraft und Bewegung kamen von ihm. Die dritte höhere Macht war die Erde mit der Farbe Grün. Sie war die Ahnherrin aller materiellen Dinge mit Ausnahme des Steins und Beschützerin allen Wachstums, der Nahrung und des Tipis (Rundzelt der Sioux). Der Stein stellte die vierte höhere Macht dar. Er war das Zeichen für Beständigkeit und stand für Aufbau und Zerstörung. Die ihm zugeordnete Farbe war Gelb.

Die Macht Wakan Tanka wurde nur von den heiligen Männern - den Schamanen - beherrscht. Sie waren die einzigen, die dieses komplexe System in seiner Gesamtheit überschauten. Für ihr Wirken benutzten sie auch eine eigene rituelle Sprache, die dem einfachen unvorbereiteten Volk den Zugang zu den religiösen Geheimnissen erschwerte. Die Sioux wussten also auch um die Gefahr, die entsteht, wenn das Wissen um die Gesetze des Universums und ihrer Beherrschung in die falschen Hände gerät.

Die verschiedenen Wakan-Mächte wurden je nach Zweck der Zeremonie angerufen. Am Beginn der Zeremonien wurden immer die Beigeordnete und die Untergeordnete Macht der Erde, also das Weibliche und die Vier Winde angerufen. Durch sie kam es zur Verständigung zwischen den Menschen und den Mächten, wobei das Weibliche für die Verständigung und die Vier Winde für das Wirken in allen Richtungen - ganzheitlich - stehen.

 

Die Bedeutung der Visionen


Die Schamanen erhielten ihre Macht für ihre mystischen Handlungen durch bedeutende Visionen. Die Visionen aber waren generell ein integraler Bestandteil des indianischen Lebens auf den Plains (Ebenen). Die bewusste Visionssuche wurde um den Zeitraum der Pubertät durchgeführt, um den sich ändernden Status in der Gesellschaft durch ein Ritual zu markieren. Im Allgemeinen vollführten nur Männer dieses Ritual, doch gab es auch Frauen, die sich auf Visionssuche begaben. Auch Krieger begaben sich vor anstehenden schweren Kämpfen auf die Suche nach einer Vision, d.h. hier lag der Zeitpunkt bereits nach der jugendlichen Phase.

Die Visionen bestimmten den weiteren Lebensweg, denn sie gaben die Kraft, bestimmte Dinge zu tun. Die Macht, die sich in den Visionen offenbarte, war Wakan Tanka zugehörig, und aus ihr leitete der Suchende seine künftige Mission ab, zu der er offensichtlich auserwählt wurde.

Die Visionssuche selbst war ein tief emotionaler und überaus erhabener und frommer Akt. Die Person begab sich dabei an einen besonderen Ort, der stets auf einem Hügel oder Berg lag. Zuvor vollzog man eine physische und geistige Reinigung in der so genannten Schwitzhütte, vom System her vergleichbar mit unseren Dampfbädern.

Am Ort des Rituals sollte sich, wenn möglich, das Grab eines Medizinmannes befinden. Hier verbrachte der Suchende bis zu vier Tage und Nächte, meditierend und ohne Nahrungsaufnahme.

Das Lakota-Wort für Visionssuche heißt hanbleceyapi, was im Englischen Crying for a vision bedeutet. In der Tat erflehte der Suchende das Mitleid der Wakan Wesen, damit diese ihm eine Vision zuteil werden ließen. Eine Visionssuche konnte auch erfolglos verlaufen. War sie aber von Erfolg gekrönt, wurde sie mit einem Schamanen besprochen, um den weiteren Weg zu bestimmen. Als physischen Ausdruck der Vision gab man einen materiellen Teil des Gesehenen in sein Medizinbündel, um nun ständig von ihr begleitet, beschützt und geführt zu werden. Solche Gegenstände waren z.B. eine Feder, ein Stein oder der. Zahn eines Bären. Alle hatten ihre ganz individuelle Bedeutung für den Visionär.

Wie schon oben erwähnt, ist der in diesem Zusammenhang verwendete Begriff der Medizin nicht mit unseren Vorstellungen von Medizin als Krankenheilung gleichzusetzen. Es handelt sich hier in erster Linie um magische Kräfte. Jeder, der eine Vision hatte, trug ein Medizinbündel mit sich, in dem alle Mächte vertreten waren, mit denen man in Verbindung getreten war.

 

Der Heilige Kreis


Auf der Suche nach einer Erklärung für das Wesen der Wirklichkeit und des Seins, für den Ursprung und Aufbau der Welt, verbunden mit der Überzeugung, von metaphysischen Kräften umgeben zu sein, erkannten die Sioux und auch viele andere Stämme der Plains wie Blackfoot, Cheyenne, Crow usw., dass das Leben von den Gegensätzen des Materiellen und Immateriellen geprägt wurde. Diese standen in Wechselwirkung zueinander, und es war auf ein Gleichgewicht zu achten, um die Integrität von Familie, Sippe und Stamm zu wahren.

Alles fand in regelmäßigen Abläufen statt, die in sich geschlossen waren, und zusammengenommen bildeten die einzelnen Aspekte des Lebens den Heiligen Kreis - das Symbol für Leben und Harmonie. Der Kreis war das Sinnbild eines universalen Gesetzes, nach dem alles zum Anfang zurückkehrte, mithin auch ein Symbol für die Ewigkeit.

Interessant ist es, einen Indianer selbst dazu zu Wort kommen zu lassen. Der folgende Ausschnitt entstammt der Autobiographie Black Elk's, einem Schamanen der Lakota:

„Ihr habt bemerkt, dass alles, was ein Indianer tut, sich in Kreisläufen vollzieht. Das geschieht, weil die Kräfte des Himmels und der Erde auch in Kreisen wirken und weil alles versucht, rund zu sein. In den alten Zeiten, als wir eine starke und glückliche Nation waren, schöpften wir alle Kraft aus dem heiligen Ring des Volkes, und solange der Ring unverletzt war, gedieh unser Volk. Der blühende Baum war der lebendige Mittelpunkt des Ringes, und der Kreis der vier Windrichtungen nährte ihn. Der Osten verlieh Frieden und Licht, der Süden Wärme, der Westen brachte Regen und der Norden mit seinen kalten und heftigen Winden Stärke und Ausdauer. Wir wissen davon, weil unsere Religion uns von der jenseitigen Welt erzählt. Alle Kräfte der Welt wirken in Kreisen. Der Himmel ist rund, und wie ich hörte, ist die Erde rund wie eine Kugel, und ebenso alle Sterne. Wenn der Wind am heftigsten weht, bildet er runde Wirbel. Die Vögel bauen ihre Nester kreisrund, denn sie haben die gleiche Religion wie wir.

Die Sonne geht in einem Kreis auf und wieder unter. Der Mond macht es ebenso und beide sind rund. Sogar der Wechsel der Jahreszeiten bildet einen großen Kreis und kehrt immer wieder dorthin zurück, wo er begann. Das Leben der Menschen ist ein Kreis - von der Kindheit zur Kindheit -, und so ist es mit allem, worin sich die Kraft der Welt regt.

Unsere Tipis waren rund wie die Nester der Vögel, und immer waren sie in einem Kreis aufgestellt, dem Ring eines Stammes, einem Nest aus vielen Nestern, in dem nach dem Willen des großen Geistes unsere Kinder geboren wurden."

Die Sioux zelebrierten zahlreiche Zeremonien, die verschiedene Bedeutungen hatten. Das zentrale rituelle Ereignis aber war der Sonnentanz.

 

Der Sonnentanz


Einmal im Jahr, im Hochsommer, versammelte sich der ganze Stamm, um dieses Ritual zu begehen. Es diente dazu, die Leben spendende und schöpferische Kraft auf das Kreislager zu lenken und die Menschen darin, bzw. den Stamm als Einheit, mit Lebenskraft zu stärken.

Diese Erneuerung der Energie wurde damit erreicht, dass man die einander entgegen gesetzten Kräfte zu vereinigen trachtete. Aus dieser Harmonie erwuchs dann eine Kraft, die das geistige Leben des Volkes erneut stärkte.

Der Sonnentanz wurde bei allen Plainsstämmen begangen. Die Bezeichnung ist vielleicht etwas irreführend, da die Sonne bei allen kultischen Handlungen eine sehr wichtige Rolle einnahm. Die Vorbereitungen begannen schon viele Monate vorher. Mit der Hauptaufgabe der Vorbereitung - der Herstellung und Bewahrung einer Verbindung zu den Mächten - wurde jemand auserwählt, der zuvor in einer schweren persönlichen Prüfung ein Gelübde abgelegt hatte, um zu beweisen, dass er dieser großen Herausforderung gewachsen war. Das Ritual war Erneuerung und Wiedergeburt, deshalb wurde oftmals eine Frau mit dieser - große Entbehrungen und Aufopferung bedeutenden - Aufgabe betraut.

Der Kern des Sonnentanzes dauerte vier Tage. Über die Dauer der gesamten Zeremonie existieren unterschiedliche Angaben, sie dauerte aber mit Sicherheit nicht länger als sechzehn Tage.

Das Kreislager selbst war ein Sinnbild der Gegensätzlichkeit, denn begrenzt wurde es durch einen Ring aus Steinen, dem Symbol für Aufbau und Zerstörung. Durch die Auflösung dieses Gegensatzes sollte die daraus geborene Kraft auf die Mitte, das Zentrum des Lagers fokussiert werden.

Das Lager bot einen beeindruckenden Anblick. Es bestand aus Hunderten von Zelten, die in einem riesigen Kreis um einen Zirkel prachtvoll bemalter Medizintipis aufgeschlagen waren. Im Zentrum stand die große Medizinhütte, in der am vierten Tag der Höhepunkt des Rituals zelebriert wurde. Die ganzen vier Tage stellten für die Tänzer eine außerordentliche Belastung dar, denn abgesehen davon, dass den ganzen Tag getanzt wurde, durften sie in dieser Zeit keinerlei Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen und überdies fand der Tanz in der prallen Sonne statt.

In der Mitte der Hütte, die nur am Rand für die Zuseher überdacht war, stand der heilige Baum oder Sonnenpfahl. Er symbolisierte die Einheit des Stammes. Am Pfahl war ein Seil für jeden der Tänzer befestigt, das mit zwei hölzernen Spießen - die jeweils oberhalb der Brustwarzen so durch die Haut gestochen wurden, dass beide Enden frei waren - verbunden war und somit mit dem Tänzer selbst. Der Tanz erfolgte nun in einer Kreisformation zum Pfahl hin, wo die Tänzer beteten und wieder weg vom Pfahl. Nach dem vierten Mal warfen sich die Tänzer mit großer Wucht nach hinten, so dass die Haut riss und sie vom Pfahl loskamen.

Dieses Ritual war der Ausdruck tiefsten Respekts und Danks gegenüber Wakan Tanka im Namen des ganzen Stammes. Der Stamm war nun von einer neuen, die Einheit schützenden und stärkenden, Kraft beseelt und konnte sich wieder in die einzelnen Sippen auflösen.

 

Schlussbemerkungen


Diese Darstellung des Lebens der Sioux ist bei weitem nicht vollständig, kann aber vielleicht das Bild vom „Schönen Wilden" etwas zurechtrücken und ein Interesse an den Indianern im Allgemeinen und den nordamerikanischen im speziellen wecken.

Trotz des Schicksals, das ihnen die so genannten „zivilisierten" Menschen zufügten, haben sie noch vieles aus ihren Traditionen bewahrt, wie z.B. den Sonnentanz, der jahrzehntelang von der US-Regierung verboten war. Ihre Wahrnehmungsgabe wurde nicht durch den eingeengten Blick des analytischen, wissenschaftlichen Denkens beschnitten, und deshalb sind sie noch in der Lage, eine Beziehung zwischen dem Geistigen und dem Materiellen zu knüpfen und aufrecht zu erhalten, aus der sie die Kraft zum Überleben und für den Kampf um die Erhaltung ihrer kulturellen Identität schöpfen.

Um aufkeimenden Romantisierungen vorzubeugen und aus eigener Überzeugung meine ich, wir sollen nun keine Indianer werden oder dies auch nur wünschen, aber, und vielleicht hört das so mancher Fortschrittsgeist nicht gern, wir sollten uns an ihrem tiefen Respekt gegenüber der Natur, als deren Kinder sie sich zusammen mit allen Lebewesen sehen, ein Beispiel nehmen.


- Gewidmet den nordamerikanischen Indianerstämmen im Kampf um ihre Identität -

Autor: Andreas Blüthl

Literatur

  •      Bolz, Peter: Religiöses Weltbild und Ritualismus der Ogalala Sioux Nordamerikas. In: Mircea Eliade (Hrsg.), Geschichte der religiösen Ideen, Band 3/2, Herder 1991
  •      Eliade, Mircea: Die Religionen Nordamerikas, in: Handbuch der Religionen, Artemis 1991
  •      Hunt, Norman Bancroft; Forman, Werner: Die Indianer - Auf der Fährte der Büffel, Atlantis 1986.
  •      Jacquin, Philippe: Indianerland, Ravensburger, 1990
  •      Mails, Thomas E.: Geheime indianische Pfade, Knaur Esoterik, 1991
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