Wenn die Seele trauert
Welche Ursachen Depressionen haben
Viele Menschen in Deutschland leiden heute unter
Depressionen. Wo liegen in unserer Gesellschaft die Ursachen dieses
Massenphänomens? Welche vorbeugenden Maßnahmen kann der einzelne Mensch
ergreifen?
Man muß zwischen den normalen Augenblicken von
Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit und der tatsächlich als Krankheit zu
bezeichnenden Depression unterscheiden. Was die erstgenannten Augenblicke der
Niedergeschlagenheit betrifft, so glaube ich, daß sie jedem von uns bekannt
sind. Wir alle erleben Tage, ja sogar Wochen, in denen wir uns deprimiert
fühlen und ohne rechte Kraft und Motivation pessimistisch in die Zukunft
blicken. Wir fühlen uns allein gelassen. Alles erscheint sinnlos und düster.
Beinahe haßt man sich selbst und die anderen. Sehr oft können wir nicht einmal
einen konkreten Grund für unsere negative Stimmung angeben. In diesem Falle ist
es zu empfehlen, sie als normalen Ausdruck unserer emotionalen Zyklen zu
betrachten. Übertriebene Aufmerksamkeit gegenüber solchen seelischen Zuständen
ist der erste Schritt, um sich ihnen auszuliefern bzw. in eine „psychische
Hypochondrie" zu verfallen. Die beste Therapie in dieser Situation ist die
Aktivität,also sich ohne lange Überlegungen und Ausreden in die Arbeit
zu stürzen bzw. etwas zu tun, das uns Spaß und Freude bereitet. Eine Person,
die aktiv ist, arbeitet, nachdenkt und allem offen und interessiert begegnet,
hat eigentlich gar keine Zeit, in eine Depression zu fallen.
Etwas anders gestaltet sich die begründete
Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit. Die stärkste Trauer, die wir Menschen
erleiden können, ist der Verlust eines geliebten Menschen. Das Gefühl,
verlassen worden zu sein, bringt meist großen, langanhaltenden Schmerz mit
sich. Aus Einsamkeit entsteht dabei oft eine Leere, ein inneres „Todesgefühl",
das mit einer fast lähmenden Schwermut einhergeht. Wir ziehen uns zurück,
wollen keinen Kontakt mit der Umwelt. Die Traurigkeit führt uns in unser
Inneres, in die Tiefe und zwingt uns, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen.
Und genau darin liegt das Positive der Trauer: Sie zwingt uns, unsere Haltungen
und unser Leben zu überdenken, neu zu ordnen und auszurichten. Sie zwingt, uns
zu verinnerlichen, schmerzliche Erlebnisse in Erfahrungen umzuwandeln oder sie
„begraben" zu lernen. Dazu müssen wir uns Zeit geben, Zeit, um uns selbst neu
zu organisieren, uns selbst neu zu erschaffen. Man kann und darf nach großen
Enttäuschungen und Verlusten nicht einfach in gewohnter Weise weitermachen. Man
braucht Zeit, um Ideen und Gedanken aufzugeben, neue Beziehungen aufzubauen und
sich neue Ziele zu setzen.
Wenn man jedoch an diesem Punkt die falsche Richtung
einschlägt, wenn man nicht loslassen, nicht verwandeln und begraben will oder
sich selbst einfach keine Zeit zugesteht, verharrt man im Zustand der
Traurigkeit und diese Traurigkeit verwandelt sich wiederum in Depression. Man
begräbt im Grunde keine Ideen oder Gefühle, Mißerfolge oder Verluste, man
begräbt sich selbst. Die Depression ist der falsche, oder besser gesagt, der
fehlende Umgang mit unserem Gefühl der Trauer.
Nach diesen Überlegungen möchte ich auf die Ursachen des
„Massenphänomens Depression" in den westlichen Gesellschaften eingehen. In
bezug auf die zyklisch auftretenden, depressiven Momente in uns stellen wir
fest, daß wir in der Vorstellung einer linearen Welt leben: Für uns muß der
heutige Tag mehr und Besseres bringen als der vorhergehende, und morgen
wünschen wir uns mehr und Interessanteres zu erleben als wir es heute tun.
Diese Einstellung läßt uns die natürlichen Schwankungen zwischen Hoch- und
Tiefphasen kaum akzeptieren, so daß wir uns in einer Hochphase unschlagbar und
unerschütterlich fühlen, in einer Tiefphase jedoch zu Tode betrübt und wie
gelähmt sind.
Eine „moderne" Art und Weise damit umzugehen, ist die fast
zwanghafte, verbale Kommunikation unserer inneren Zustände. Sie kennen
vielleicht die scherzhafte Begrüßung der Psychologen: - „Hallo, wie geht's mir
heute?" Diese Form der gezwungenen
Aufmerksamkeit unseren zyklisch bedingten, depressiven Zuständen gegenüber, die
geradezu einer „psychologischen Masturbation" gleichkommt, führt nur noch
tiefer in die Frustration und die innere Abhängigkeit von solchen Gefühlslagen.
Der heutige Mensch hat vergessen, daß er nicht identisch ist
mit seinen Gefühlen, sondern Gefühle
besitzt, die unserem Willen unterworfen sind. Da wir in der Regel jedoch nicht
in diesem Wissen erzogen werden, ist es umgekehrt meist unser Wille, der
Gefühlen unterworfen ist. Somit besteht die Gefahr, depressive Zustände
künstlich zu verlängern, anstatt aktiv an ihrer Überwindung zu arbeiten.
Anhand der begründeten Phasen der Niedergeschlagenheit
stellen wir fest, daß wir es ebenso nicht gelernt haben, mit Mißerfolgen,
Enttäuschungen und Verlusten umzugehen und sie als Teil des Lebens zu
akzeptieren. Wir leben, als wären wir unsterblich. Wir ertränken unsere
Mißerfolge und Frustrationen in sinnentleertem Vergnügen. Wir verschleiern
unsere kollektiven Probleme, wie z. B. die wirtschaftliche Rezession mit
Begriffen wie „Minuswachstum". Wir gaukeln uns täglich eine heile, reine,
perfekte Welt vor und haben Angst, uns mit den Schattenseiten der tatsächlichen
Realität zu konfrontieren, so daß wir schließlich angesichts der unvermeidbaren
Schicksalsschläge in ein riesiges Loch fallen.
Leider besitzen wir weder eine Kultur noch ein Ritual der
Trauer, wie es z.B. in Ägypten oder in anderen Zivilisationen der Fall war. Wir
sind in diesen Momenten meist vollkommen auf uns allein gestellt und ertränken
uns entweder sofort wieder im Konsum oder verfallen in Depression ... oder
beides. Zusammengefaßt fehlt in unserer Gesellschaft die bewußte Trauerarbeit,
die Fähigkeit und der Mut, in sein Inneres einzutauchen, um gerade am tiefsten
Punkt, auf dem Grund seiner Seele, ein neues Licht und neue Wegweiser zu
entdecken.
Schulpsychologie kontra neue Theorien
Betrachtet man das Thema der Depressionen vom Standpunkt der
Schulmedizin und -psychologie aus, so finden wir zusammengefaßt drei
Entwicklungsgrade dieser Krankheit. Zunächst spricht man auf der Ebene der
Persönlichkeitsstörungen von Depressivität, die in weiterer Folge zu einer
depressiven Neurose führen kann und schließlich mit der manisch-depressiven
Erkrankung die Stufe der Psychose erreicht.
Menschen mit depressiver Persönlichkeit sind über lange
Zeiträume niedergeschlagen und bedrückt, auffallend still und kontaktarm. Sie
können dem Leben kaum positive Seiten abgewinnen und leiden häufig unter
Zukunftsängsten. Als Ursache gilt in vielen Fällen eine problematische
Beziehung zu den Eltern.
Die depressive Neurose ist eine chronisch gewordene
depressive Stimmungslage, bei der sich der Betroffene innerlich leer und
antriebslos fühlt. Er hat das Gefühl zu versagen und nichts wert zu sein, was
in zehn Prozent der Fälle zu Selbstmordversuchen führt. Als Grund für diese
Störung wird eine belastende Vorgeschichte angeführt, gekoppelt mit einem
äußeren Anstoß, wie zum Beispiel dem Verlust eines geliebten Menschen oder
kritische Lebensphasen wie z. B. Pubertät, Wechseljahre, Pensionierung.
Die endogene Depression schließlich steigert noch alle
beschriebenen Symptome, und häufig tritt im Anschluß eine Manie auf, so daß man
von manischer Depression spricht, bei der sich die Symptome der Depression mit
den Symptomen der Manie durchschnittlich im Verhältnis 3:1 abwechseln. In der
manischen Phase hält sich der Patient für völlig gesund und besonders
leistungsfähig. Er will ununterbrochen etwas unternehmen, überschätzt sich
selbst bis zum Größenwahn. Die Ursachen gelten als noch nicht eindeutig
geklärt, häufig jedoch wird erbliche Belastung genannt.
Dieser kurzen Erläuterung der Schulmedizin, die - wie jeder
bemerkt haben wird - eigentlich kaum etwas Konkretes beinhaltet, möchte ich die
Theorie des amerikanischen Psychologen und Facharztes für Psychiatrie Dr.
William Glasser gegenüberstellen. In seinem Buch „Control Theory. A new explanation of how we control our
lives" (Kontrolltheorie. Eine neue Theorie, wie wir unser Leben
kontrollieren) vertritt er sehr gewagte, aber interessante Thesen zum Thema
Depression.
Für ihn gibt es keine sogenannte endogene Depression, die
ohne erkennbare Ursache auftritt. Selbst die schwerste Depression ist nicht nur
ein indirekter Hilfeschrei, sondern ein selbstgewähltes Verhalten. Es ist eine
Art, mit frustrierenden Lebenssituationen umzugehen, obwohl man sich der
Verletzungen und Frustrationen oft gar nicht bewußt ist. Somit wird eine
Depression auch nie durch äußere Ereignisse ausgelöst, sondern immer nur durch
unsere Reaktion darauf. Was den einen Menschen depressiv macht, bedeutet für
den anderen, z.B. nach einer Trauerphase, eine Chance zum Neubeginn. Dr.
Glasser therapiert deshalb eine Depression niemals mit Medikamenten, da diese
die Symptome nur oberflächlich verdrängen. Sie sind vergleichbar mit dem Trinken
von Alkohol, das das Leben nur scheinbar erträglicher macht.
Seine Methode ist das Gespräch, das dazu dient,
herauszufinden, was dem einzelnen Menschen fehlt. Seiner Meinung nach liegen
die Ursachen in der fehlenden Befriedigung einer der vier seelischen
Grundbedürfnisse: Liebe, Macht - im Sinne von Einfluß und Wichtigkeit, Freiheit
und Freude.
In einem zweiten Schritt fordert er seine Patienten dazu
auf, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen und versucht sie zu Aktivitäten zu
bewegen. Dadurch erfährt der Betroffene, daß er selbst über seine Handlungen
bestimmen kann. Er nennt dies „Realitätstherapie": Dabei werden mit den
Patienten konkrete Pläne verfaßt, wie sie jetzt und in Zukunft besser leben
können. Therapien, die sich permanent auf die Vergangenheit beziehen und
verschiedenste Faktoren verantwortlich machen, lehnt er ab: „Entweder beklagen
wir uns ewig darüber, was unsere Eltern uns angetan haben und fühlen uns als
Opfer, oder wir werden aktiv und machen etwas aus unserem Leben."
Am wichtigsten erscheinen ihm Aktivität und Verantwortung
sowie das Wiederfinden der Lebensfreude, die nach einer bewußten Trauerphase
neu geboren werden kann. An diesem Punkt berühren sich die Notwendigkeit der
Trauerarbeit und die Thesen von Dr. Glasser.
Auch wenn wir die Auswirkungen und Chancen der Trauer schon
beschrieben haben, bleibt die Frage: Wie kann nun die Kluft zwischen Trauer und
Freude konkret überbrückt werden? Die bekannte Schauspielerin Erika Pluhar
erzählt dazu in ihrem Buch „Aufbruch aus der Dunkelheit eine sehr interessante
Geschichte:
„Ich bin als Kind in der Donau geschwommen mit älteren
Buben, und die haben gesagt, ich soll doch einen Strudel durchschwimmen. Ich
habe gesagt, das kann ich nicht, da habe ich Angst. Dann haben sie mir erklärt
... Schau Erika, da schwimmst hin ... dann siehst den Strudel ... halte dir die
Nase zu und laß dich ganz hinunterziehen ... aber du mußt unten mit den Füßen
ankommen ... und dann darfst nicht strampeln ... bleib ganz ruhig ... dann
kommst wieder oben an ... strampeln darfst nicht, sonst ersaufst ... Ich habe
das dann getan, und es wurde für mich eine mir sehr oft zitierte und immer
wieder durchdachte Geschichte fürs ganze Leben. Man muß bis auf den Grund
hinunter. Hat man einmal die tiefste
Tiefe berührt, dann trägt es einen wieder rauf und man kann halt wieder eine
Weile weiterschwimmen - bis zum nächsten
Strudel."
Diese Geschichte stellt eigentlich eine Analogie zum Leben
dar. Wir alle geraten von Zeit zu Zeit in einen Strudel, und jeder entwickelt
seine eigenen Strategien: Viele versuchen ihn um jeden Preis zu umgehen, andere
haben gelernt, ihn zu durchtauchen. Auf jeden Fall muß man sich auf den Strudel
einlassen.
Man muß ganz hinunter auf den Grund, denn dort befindet sich
der Umkehrpunkt, wo etwas Neues geboren wird, wo eine Art Schöpfung
stattfindet. Viele kreative Menschen sprechen von diesen Momenten absoluter
Einsamkeit und Verzweiflung, in der dann plötzlich eine Idee oder etwas Neues
geradezu explosiv auftaucht. Und genau diese „Explosion" trägt einen wieder
nach oben, bringt fast ekstatische Freude und Glück. Eine Freude, die wirklich
aus der Seele, aus unserem Inneren kommt und keine von außen aufgesetzte Freude
ist. Die wirkliche, tiefe Freude entsteht also aus einer gut verarbeiteten
Traurigkeit. Das andere Gefühl der Freude ist kurzlebig und von äußeren
Umständen abhängig. Da wir heutzutage verlernt haben, Trauerarbeit zu leisten,
befinden wir uns in einer Gesellschaft von „eingebildeten Fröhlichen", d. h.
von Menschen, die Kreativität und Neuschöpfung durch Konsum ersetzen. Sie sind
nur in der Lage, Freude zu erleben, wenn sie das Auto wechseln oder neue
Kleidung kaufen. Diese Freude ist jedoch sehr kurzlebig und führt letztendlich
zu einer großen Leere und Unzufriedenheit, die wiederum nur durch noch mehr
Konsum ausgeglichen werden kann. Dieser Teufelskreis, in den immer mehr
Menschen unserer westlichen Konsumgesellschaft
gelangen, ist ein fast todsicherer Weg in die Depression.
Zusammengefaßt können wir also sagen, daß die Trauer nicht
nur ein unvermeidbares, zyklisch auftretendes Gefühl, sondern sogar notwendig
ist, um Neues und im übertragenen Sinn auch sich selbst zu erschaffen. Trauer
ist Voraussetzung für einen inneren alchemischen Prozeß, für eine Verwandlung
des Menschen. Lernt man nicht mit der Trauer umzugehen oder verdrängt sie sogar
- wie dies kollektiv in unserer Gesellschaft passiert - kann dies mit der Zeit
in die Depression führen. Doch selbst die Depression darf nicht nur negativ
gesehen werden, denn immer wieder machen Betroffene eine ähnliche Erfahrung,
wie wir es in jenem Satz ausgedrückt finden: „Ich habe mich neu kennengelernt
und Dinge in mir entdeckt, von denen ich nichts wußte."
Literatur
our lives, 1985
windet, in
Briefe an Delia und Fernando.
Madrid 1981
Autor: Hannes Weinelt
Der Autor ist Leiter von Neue Akropolis in Österreich.
(aus: Abenteuer Philosophie Nr. 73)
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