Boot schlägt Elefant
Über die Symbolik des Schachspiels
Schach ist das älteste Brettspiel, das heute noch gespielt wird. Schon
vor 6000 Jahren gab es in Indien eine serienmäßige Produktion von
Schachbrettern. Dies zu einem Zeitpunkt, in dem unsere europäische
Geschichte noch als prähistorisch bezeichnet werden kann. Die
Schachregeln sind zwar erst seit dem 3. Jh. nachgewiesen. Aber schon
damals waren sie so vollständig ausgebildet, dass man von einem
wesentlich höheren Alter des Spiels ausgehen kann. Es hat sich in einer
Hochkulturphase in Indien entwickelt und ist dann über Persien und den
arabischen Kulturkreis zu uns gekommen.
Wir wollen die Symbolik des Schachspiels untersuchen und deren
Hintergründe zeigen, die auch unsere Kultur wieder befruchten kann.
Schach und der archetypische Kampf des Menschen
Wer in Indien nach den Wurzeln des Schachs sucht, stößt unweigerlich
auf den großen indischen Mythos des Krieges, das Mahabharata. Dabei hat
ein kleiner Teil - die Bhagavadgita - zentrale Bedeutung. Wie im Schach
stehen sich auch hier zwei Heere gegenüber, die "weißen" Pandavas und
die "schwarzen" Kuravas. Die beiden Heere stellen die doppelte Natur
des Menschen dar, den sinnlich- emotionalen und der intelligenten Teil.
In der Mitte des Schlachtfeldes treffen sich Krishna und Arjuna, der
Berater und der König. Arjuna hat Angst vor dem Tod und seine gesamte
Natur will flüchten und sich nicht konfrontieren. Aber mithilfe der
Ratschläge seines treuen Verbündeten Krishna, der seine Seele bzw. sein
inneres Licht symbolisiert, gelingt es ihm, die Angst zu überwinden und
den ersehnten Sieg zu erringen: die Stadt Hastinapura, das Symbol für
die Weisheit. Krishna zeigt Arjuna die Schlüssel zur Überwindung:
Handlung mit Ausdauer und bei wachem Bewusstsein. Mit diesen Waffen ist
der Sieg erreichbar und die Vereinigung mit dem Sein, die es
ermöglicht, die Notwendigkeit neuer irdischer Erfahrungen zu
überwinden.
Die Analogien zum Schachspiel sind umfangreich: Das Schlachtfeld Kuru
ist das Brett, die zwei Heere stellen die zwei Figurengruppen, die
weißen und die schwarzen dar. Arjuna ist der König und Krishna, sein
Berater, ist die Dame. Und das Schachmatt, das Ziel im Schach, ist die
Eroberung von Hastinapura, der Weisheit, womit die finale Ruhe erreicht
ist. Aber die Hinweise auf indischen Ursprung sind noch vielfältiger:
Das Schach und die Sozialstruktur Indiens.
Das Schach und die Sozialstruktur Indiens
Eine der besonderen Eigenschaften des Schachspiels ist, dass es mehrere
Arten von Figuren gibt. Die besondere Art der Figuren lässt sie zu
einer getreuen Abbildung der gesamten indischen Sozialstruktur werden:
* Der König oder Brahmane nimmt gemeinsam mit seinem Berater (die Dame) die zentrale Position am Brett ein.
* Die Kshattriyas, die Kriegerkaste, sind durch die wertvolleren
Figuren Läufer, Springer und Turm dargestellt. Diese Spielsteine
kämpfen.
* Die Vayshas (Händler- und Handwerkerkaste) und Sudras (Kaste des
arbeitenden Volkes) werden am Spielfeld durch die Bauern dargestellt.
Sie wirken vor allem unterstützend.
Es gibt die Theorie, dass Schach brahmanischen Ursprungs ist und zur
Ausbildung der Krieger, der Kshattryas, als "Schule der Führung und
Verteidigung" diente. Die verschiedenen Figuren stellen die
wesentlichen Truppenteile der damaligen Epoche effektiv nach:
*Der Läufer wurde in den Anfängen als Elefant gesehen. Er konnte zwei
Felder diagonal ziehen und dabei auch eine Figur überspringen.
* Der Springer war ein Reiter oder eine Reitereinheit, welche die
Fähigkeit haben, sich rasch bewegen zu können und von der Seite in den
Kampf einzugreifen - deshalb der eigenartige "Rösslsprung".
* Den Turm kann man als Belagerungsturm sehen. In den Ursprüngen war
die Figur in der Ecke entweder ein Streitwagen oder ein Boot. Alle
eignen sich für den frontalen Angriff. Der Belagerungssturm hat seine
Stärken vor allem im Endkampf.
Es existiert noch eine andere Form des Schachs, für vier Spieler: Chaturanga - das Würfelvierschach.
Chaturanga - das Würfelvierschach
Es taucht unter anderem im Schachbuch von Alfons dem Weisen, König von
Kastilien (1221 - 1284) als "Spiel der vier Stationen" auf.
Die Figuren haben hier vier Farben entsprechend den vier Elementen:
Grün, Rot, Weiß und Schwarz entsprechen dabei Luft, Feuer, Erde und
Wasser. Sie repräsentieren auch den Gott Shiva in seinen vier Aspekten.
Jeder Spieler hatte acht Figuren. Den König, einen Elefanten (Läufer),
einen Reiter (Springer), einen Streitwagen (Turm) und vier Bauern. Mit
welcher Figur man ziehen durfte, entschied der Würfel. Die diagonal
gegenüberliegenden Parteien waren (zumindest anfangs) Partner. Ziel
war, die vier zentralen Felder zu besetzen. Von der Symbolik
interessant ist auch der verwendete Würfel, der wegen seiner Form nur
vier Möglichkeiten aufwies. Dabei waren aber die Flächen nicht mit ein
bis vier bezeichnet. Wie bei unseren Würfeln ergaben auch bei den alten
indischen Würfeln die Punktzahlen gegenüberliegender Flächen immer die
Zahl 7, also 2 und 5 bzw. 1 und 6. Man nimmt heute an, dass dies die
ältere Form des Schachs war, aber gesichert ist diese Ansicht nicht.
Wenn man jeweils zwei Streitmächte vereinigt, erhält man die heutige
Form. Ein König muss sich dabei dem anderen unterordnen und wird zu
seinem Berater, zur heutigen Dame.
Das Schachbrett oder das Geheimnis der 64 Felder
Die ältesten gefundenen Bruchstücke von Brettern, auf denen man Schach
spielen kann, stammen aus Indien und datieren um 3000 vor Christus.
Diese Bretter bestanden aus Kalkstein und die Felder waren aufgeklebt.
Das Schachbrett besteht aus 8 x 8 = 64 Feldern. Anfangs waren die
Felder noch nicht alternierend hell und dunkel gefärbt; sie waren
lediglich durch Striche oder Fugen getrennt.
Die Zahl 64 ist sehr symbolträchtig. Der genetische Code des Menschen
besteht z. B. auch aus 64 Kombinationsmöglichkeiten. Das chinesische
I-Ging, das entwickeltste Orakelsystem der Welt, besteht aus 64
Hexagrammen, die aus acht Trigrammen gebildet werden. Die 32 Figuren
des Spieles füllen zu Spielbeginn vier Reihen. Es bleiben dann vier
Reihen oder ebenfalls 32 Felder frei. Beim Chaturanga will man die vier
zentralen Felder besetzen. Darüber hinaus gibt es dann noch 28 Felder.
Damit entsprechen die freien Felder den 28 lunaren Häusern. Und nach
einem anderen Schlüssel sind sie für die den Menschen nächsten Götter -
die Devas und Asuras (im Christentum Engel und Erzengel) - reserviert.
Zusammenfassend symbolisiert dieses Mandala den sichtbaren Kosmos und die Göttlichkeit in ihren vielfachen Aspekten.
Schach und der Mensch
Abgesehen von dem eingangs beschriebenen archetypischen Kampf des
Menschen gibt es noch andere symbolische Bedeutungen in Bezug auf den
Menschen:
Die Bedeutung des Königs und der Dame
Die prinzipielle Interpretation dieser beiden Figuren gründet sich auf
der Dualität zwischen Körper und Seele. Der König repräsentiert die
Fleisch gewordene Seele und die Dame oder der Berater das physische
Fahrzeug, durch das die Seele wirkt, oder auch das physische Gefängnis
für die Seele. Die Seele ist das stabile Element, das sich kaum bewegt,
die Bewegung in der Materie wird durch die Dame repräsentiert, darum
ihre große Bewegungsfreiheit.
Die verschiedenen Figuren und die Qualität der Seele
Der König ist das Fahrzeug für die Manifestation des Geistes, lebendige
universelle Macht und Ursprung allen Lebens. Der Geist benötigt die
anderen Figuren, um die verschiedenen Qualitäten der Seele
auszudrücken. Der Turm mit seiner axialen Bewegung ist scharf und
männlich. Der Läufer mit seiner diagonalen Bewegung wirkt indirekt und
weiblich. Der Springer vereint die beiden Formen.
Der Wille und das Schicksal
Das universelle Gesetz von Ursache und Wirkung, in Indien Gesetz des
Karma genannt, zeigt sich in der Willensfreiheit des Menschen zu
handeln und in der geradezu mathematischen Wirkung dieser Freiheit.
Denn der Spieler ist beim Schach frei, seine Figuren zu bewegen, aber
jede Bewegung führt im weiteren Verlauf des Spiels zu Konsequenzen, die
man beim jeweiligen Zug nur sehr bedingt bedacht hat. Die Freiheit ist
sehr groß. Nur für den ersten Zug der weißen und schwarzen Figuren gibt
es 400 Varianten. Mit dem zweiten weißen Zug gibt es schon 5.362
mögliche Variationen. Die Antwort von Schwarz erhöht dann die
Variationsvielfalt auf 71.850 Varianten. Einige Züge können das
Schicksal wieder umschlagen lassen - vom Guten ins Schlechte und
umgekehrt.
Zusammenfassung
Wir können feststellen, dass sich hinter den Formen des Schachs, hinter
dem bloßen Anschein einer einfachen Unterhaltung ein tiefes Konzept des
Heiligen und Göttlichen verbirgt, das die Kraft hat, einer Zivilisation
ein dauerhaftes Element zu geben. Die Weisheit liegt latent hinter den
äußeren Formen und wartet auf die Intention, den Wunsch und den Willen
zur Anwendung und Umsetzung.
Dabei gibt es nicht nur indische Mythen und symbolische Anklänge. Wir
können das Schachspiel auch mit dem Gral und der Artussage aus dem
abendländischen Sagenkreis in Verbindung bringen. Hier gibt es einen
König, Artus, den weisen Berater Merlin und eine Runde von Rittern. Da
die Ordnung nach dem Tod des Artus verfällt, sehen die Ritter die
Notwendigkeit, wieder einen wirklichen König zu suchen und einzusetzen,
um wieder Gerechtigkeit und Weisheit in der Welt zu manifestieren.
Dafür lohnt es sich zu kämpfen und es lohnt sich sogar das Leben
einzusetzen und zu opfern.
Das Ziel in der Artussage ist die Rückkehr zur Burg der Sonne und der
weißen Insel Avalon, welche in der Tat die Stadt der Weisheit ist,
Hastinapura aus der Bhagavadgita.
"Das Schachspiel ist ein See, in welchem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann." Indisches Sprichwort
Autor: Wigbert Winkler
(Aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 104)
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