Die Azteken – eine Tradition des Kriegers
Das Kriegerische als Aspekt einer Hochkultur
Heraklit hätte seine helle Freude an
ihnen gehabt. Für die Azteken war der Ausspruch des griechischen
Philosophen tagtäglich gelebte Praxis: der Krieg(er) war für sie der
Vater aller Dinge.
Die Überlieferung
In langen Wanderungen durch unwirtliches Land auf ihrem Exodus aus
ihrem Heimatland Aztlan, wie sie es selbst nannten, gestählt, war ihre
Kultur eine Kultur der Krieger. Krieg war für die Azteken
gleichbedeutend mit innerer Entwicklung, Missachtung der äußeren
Umstände und Freiheit des Individuums. Der Tod war für sie nichts
anderes als eine Veränderung der Existenzform und daher nichts, was man
in irgendeiner Weise zu fürchten hatte. Einer ihr Hauptgötter war der
Gott Huitzilopochtli, der Gott des Krieges, der sie auf ihren langen
Irrfahrten begleitete, ihnen immer wieder Mut und Hoffnung gab und sie
schließlich in ihr „Gelobtes Land“ führte, wo sie ihr Reich errichten
konnten. Das taten sie in beeindruckender Geschwindigkeit: Sie schufen
in weniger als 150 Jahren eine Hochkultur, die in dieser Region
ihresgleichen sucht. Das ist im Vergleich mit unserer technisierten
Zeit mit einem Rennauto vergleichbar, das von 0 auf 100 in wenig mehr
als 3 Sekunden beschleunigen kann. Eine ausgereifte Technik muss
dahinterstehen, damit eine solche Leistung möglich ist. Genauso müssen
die Azteken bereits eine entsprechende Kultur mitgebracht haben, als
sie in Mexiko einwanderten, denn die technischen und architektonischen
Werke, die sie schufen, sind sonst nicht denkbar. So gesehen muss ihre
kriegerische Zivilisation damit zu tun gehabt haben, dass sie zu
solchen Leistungen fähig waren.
In der Hauptstadt Tenochtitlan befanden sich zwei
Tempel, einer für den Gott Huitzilopochtli und einer für Quetzalcoatl.
Diese beiden Götter stellten eine Dualität dar, die sich gegenseitig
ergänzte, nämlich die Dualität des kriegerischen und des schöpferischen
Elements, wie wir es auch aus Rom mit der Dualität des Kriegsgottes
Mars kennen. Mars war ja in seinem kriegerischen Aspekt der Mars Ultor,
in seinem fruchtbaren der Mars Quirinus. Für die Azteken gehörte der
Krieg somit zu den natürlichsten Dingen der Welt, so natürlich, dass
sie ihm sogar einen Haupttempel in ihrer Hauptstadt weihten. Es scheint
also so gewesen zu sein, dass das kriegerische Element, der Zerstörer
alles Überflüssigen und Unnützen, gleichzeitig das Schöpferische
förderte, so wie es den Winter geben muss, damit der Frühling überhaupt
erst möglich wird.
Die Krieger
Das aztekische Sozialgefüge hatte die Form eines
Kastensystems mit drei Unterteilungen: Bauern, Kaufleute und Handwerker
sowie Krieger und Priester. Über allen stand der Herrscher, die
Verkörperung der Götter Huitzilopochtli und Quetzalcoatl, der somit
alle Aspekte des Lebens in sich vereinigte. Er war das Symbol der
Manifestation der göttlichen Ordnung auf der Erde, von ihm ging alles
aus und zu ihm kehrte alles zurück.
Die Krieger-Kaste, die auch zum Teil
Priesterfunktionen erfüllte, war dreigeteilt: Sie bestand aus den
Kriegern des Jaguars, des Adlers und der Schlange. Man muss sich hier
vor Augen führen, dass die Azteken den Krieger nicht nur als Soldaten
und Kämpfer sahen. Für sie hatte der Krieger vor allem einen inneren
Aspekt, nämlich den des inneren Kampfes und damit der
Selbstüberwindung. Das Ziel des inneren Krieges, der sich im äußeren
Krieg ausdrückt, war die Befreiung der Seele, die zu einem „Gefährten
der Sonne“ werden sollte. Als Symbol dafür wurde der Krieger häufig mit
einem stilisierten Schmetterling (Papalotl) auf der Brust dargestellt.
Der Schmetterling symbolisiert in vielen Kulturen den inneren Menschen,
der sich aus dem Kokon der Materie befreit hat und der Sonne
entgegenfliegt. Sehr schön zu sehen ist diese Darstellung bei den
Atlanten von Tula, den Kriegerstatuen auf einer Tempelruine in der
gleichnamigen Stadt. Ein weiteres Symbol für die befreite Kriegerseele
(und damit für die Seele des strebenden Menschen) ist der Kolibri, denn
die Azteken sagten, dass die Seelen der Krieger, die im Kampf gefallen
waren, als Kolibris um die Sonne kreisten.
Jaguar, Adler und Schlange stellen Symbole für die Stufen der Entwicklung des Kriegers dar:
Der Jaguar ist ein über ganz Amerika verbreitetes Symbol. Als Spitze
der Nahrungskette sind in ihm alle Vitalkräfte der niederen Reiche der
Natur (Mineralien, Pflanzen und Tiere) vereint, somit ist er das
machtvolle Symbol der Fruchtbarkeit, da er voller Lebenskraft ist.
Diese Fruchtbarkeit drückt sich in der Welt durch die Kultur an sich
aus, die Bauwerke, das Sozialgefüge und auch die Fruchtbarkeit der
Felder.
Er ist aber auch das Symbol für das tierische
Element im Menschen. Dieses Prinzip äußert sich in Emotionen,
Unbeherrschtheit und Gier nach Leben. Für den Krieger gilt es auf
dieser Stufe, diese Eigenschaften zu überwinden. Seine Hauptaufgaben
sind die Überwindung der Angst, eines der Haupthindernisse auf dem Weg
des Menschen zu seiner geistigen Reife, sowie die Überwindung des
Überlebenswillens um jeden Preis, das Hauptmerkmal des unfreien
Menschen.
Der Adler symbolisiert die Verbindung zwischen Erde und Himmel. Da für
die Azteken ihre eigene irdische Welt an den Wipfeln der Bäume
aufhörte, war der Vogel, der sich in der Luft bewegen konnte, das
Element, das die Welt des Irdischen mit dem Himmel, wo die Götter
wohnen, verbinden konnte. Der Adler (in Südamerika der Kondor), der von
allen Vögeln am höchsten fliegen konnte, war daher das Symbol des
höchsten Gottes, der Sonne.
Er ist das Symbol des geistigen, mentalen Elements, des höchsten Teils
des gewöhnlichen Menschen. Er hat die Bindung ans Irdische überwunden
und kann sich frei in den Sphären zwischen Erde und Himmel bewegen.
Seine Aufgabe ist es, auch das Menschliche zu überwinden und zum
Gefährten der Sonne, zur gefiederten Schlange zu werden.
Die gefiederte Schlange symbolisiert den Menschen, der durch seine
eigene innere Anstrengung das Irdische überwunden hat und in den
Bereich des Himmlischen aufsteigt, wo er Kontakt mit den Göttern hat.
Im Vergleich zur christlichen Mythologie wäre das mit dem
Auferstandenen gleichzusetzen. Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange,
entspricht als Symbol dem Erlöser und damit der inneren Kraft des
aktiven Menschen, der ausgezogen ist, sich selbst zu besiegen. Er ist
das Symbol für die Sonne und damit auch für das Göttliche im Menschen,
das es wiederzuerwecken gilt.
Die Vorbereitung auf das kriegerische Leben erfolgte in einer
speziell dafür eingerichteten Schule, dem Calmecac. Dorthin wurden die
Kinder schon in sehr jungen Jahren gebracht, die Erziehung war äußerst
streng und hatte zum Ziel, den Körper abzuhärten, um so die
Abhängigkeit des Kriegers vom körperlichen Befinden zu minimieren. Nur
so ist es möglich, dass sich der Mensch auf die Aufgabe seiner eigenen
Entwicklung konzentrieren kann, ohne durch körperliche Umstände
behindert zu sein.
Die drei Stufen der Krieger stellten ein
hierarchisches Gebäude dar. Nur die besten, tapfersten und klügsten
konnten die Grenzen zwischen den Stufen überwinden. Wie die Symbolik
der einzelnen Stufen andeutet, handelte es sich dabei um spezielle
Entwicklungsstufen des kriegerischen Bewusstseins. Diese Zustände
konnten nur durch intensive Arbeit an sich selbst, die sich in der Form
hoher Effizienz nach außen manifestiert, erreicht werden. Der Übergang
zwischen den einzelnen Stufen wurde in einer Zeremonie der Initiation
vollzogen, die diesen veränderten Bewusstseinszustand symbolisierte.
Dabei wurde der Initiand Proben unterzogen, die, wenn er die
betreffende Stufe nicht überwunden hatte, sogar tödlich ausgehen
konnten.
Symbole der Einweihung und der Wiederverkörperung
Diese Einweihung wird ebenfalls durch verschiedene
Symbole dargestellt. Ein weit verbreitetes Bild dafür ist das des
Menschen, der von einem symbolischen Tier (Schlange, Adler, Jaguar)
ausgespieen wird. Symbolisch gesehen ist dies die Geburt des zu
Initiierenden durch das Prinzip, dem er fortan dienen wird. Die
Initiation stellt also eine Neugeburt auf einer höheren Stufe dar.
Vielfach wird dabei auch das Symbol des Totenkopfs verwendet, der bei
den Azteken als Symbol für den (geistig) vollkommenen Menschen
verwendet wurde. Der Totenkopf bedeutet, dass alles Überflüssige – das
Fleisch – verschwunden ist und nur das Essentielle, Wichtigste, übrig
bleibt, nämlich der Geist: die runde Form des Schädels ist ein Zeichen
für die Kugel, das Vollkommene.
Ein anderes Bild ist das des Adlers, der das Herz
eines Menschen frisst. Der Mythos sagt, dass der Adler das (lebende)
Herz des Menschen nimmt und mit ihm zur Sonne fliegt. Ist der Mensch
ohne Angst, so gibt ihm der Adler das Herz wieder zurück, die
Initiation ist vollzogen. Hat er aber Angst, so frisst der Adler das
Herz und der Mensch stirbt. Dazu muss man wissen, dass für die Azteken
der Tod nichts Endgültiges darstellte, sondern nur den Übergang in eine
andere Welt, aus der der Mensch wieder erneuert in die irdische Welt
zurückkehren und einen neuen Anlauf zum Überwinden der Hürde nehmen
konnte.
Ein weiterer Aspekt der Seelenwanderung wird auch in
einem anderen Ritus deutlich. Wenn ein Heerführer alt geworden war und
die Führung des Heeres nicht mehr ausüben konnte, trat er nicht einfach
in den Ruhestand. Für ihn war die Abgabe des Oberbefehls
gleichbedeutend mit dem (freiwilligen) physischen Tod. Dazu wurde ihm
eine Hand an einen Stein gebunden, in der anderen hielt er eine Waffe.
So erwartete er die Feinde, die gekommen waren, um, einer nach dem
anderen, gegen ihn zu kämpfen. Dieser Kampf dauerte so lange, bis der
scheidende Heerführer besiegt war. Sein Ruhm und seine Tapferkeit
wurden an der Zahl der so besiegten Feinde gemessen. Bei seinem Tod
ging die Befehlsgewalt sofort auf seinen Nachfolger über. Dahinter
steckt der Glaube, dass die Seele bzw. der Geist des Heerführers
unmittelbar auf dessen Nachfolger überging. Der Anführer starb also
niemals, er wechselte nur die Form und blieb dadurch immer bei seinem
Volk.
Krieg und Menschenopfer
Der Krieg als solcher war eine sehr zeremonielle
Angelegenheit. Überfälle auf unvorbereitete Gegner waren verpönt und
mit der Ehre des Kriegers nicht zu vereinbaren. Kriege wurden daher
immer feierlich angekündigt und folgten einem klar definierten Ritual.
Das illustriert auch der Umstand, dass manchmal während der Kämpfe die
Meister der einzelnen Krieger auf dem Schlachtfeld umhergingen und ihre
Schüler korrigierten. Hauptziel des Kampfes war die Eroberung der
feindlichen Feldzeichen, der Tod oder die Gefangennahme des feindlichen
Heerführers und die Gefangennahme möglichst vieler Gegner. Die
Gefangenen wurden als „Opfer“ für die Götter verwendet, sagen zumindest
die von den spanischen Eroberern überlieferten Aufzeichnungen.
Die weit verbreitete Ansicht, dass die Besiegten den
Göttern geopfert wurden, scheint allerdings unlogisch, denn den Göttern
wurde nur das Beste geopfert. Es stellt sich daher die Frage: Wie kann
ein Besiegter das Beste sein?
Zumindest ursprünglich war dieses Opfer auch „nur“ symbolisch, das
heißt, dass es nicht mit dem Tod des Opfers endete, eine Form, die auch
aus anderen Mysterienkulten (etwa in Griechenland) bekannt ist.
Ein weiteres Element der aztekischen Kriegerkultur
war der so genannte „Blumenkrieg“ zu Ehren des Gottes Xochipili. Er
wurde in Zeiten des Friedens geführt, um den kriegerischen Geist zu
erhalten. Hier kämpften Gruppen des eigenen Volkes gegeneinander mit
dem Ziel, Gefangene zu machen. Auf diese Weise blieben die Krieger
ständig in Übung, auch in Friedenszeiten. Der andere Zweck der
Blumenkriege war der geistige Aspekt, der dem Krieger ständig die
Konfrontation mit dem Gegner, die Überwindung desselben und damit die
Überwindung seiner selbst ermöglichte.
Wenn man die Hochkulturen der Geschichte unter
diesem Aspekt betrachtet, wird man feststellen, dass alle von ihnen den
Aspekt des Kriegerischen in irgendeiner Form pflegten und kultivierten.
Man kann deshalb annehmen, dass das Kriegerische durchaus ein Motor für
die geistige und psychische Höhe dieser Kulturen gewesen sein muss. Der
in diesen Kulturen sichtbare Weg zur Perfektionierung des inneren und
äußeren Menschen schlägt sich in einer Kunst nieder, die die göttliche
Harmonie und auch Dauerhaftigkeit auf der Erde widerspiegelt. Dadurch
werden Werke geschaffen, die in ihrer Perfektion einzigartig sind und
die Jahrtausende überdauern.
Die Azteken haben sich nahtlos in diese Tradition eingereiht. Wenn auch
der Großteil ihrer Werke durch die europäischen Eroberer zerstört
worden ist, so haben sie dennoch ein Erbe hinterlassen, das heute noch
wirkt und uns in vielen Aspekten zum Vorbild dienen kann, vor allem ihr
Umgang mit dem Leben und ihre Einstellung zum Tod.
Wenn der Mensch bereit ist zu sterben, wird er auch
das Leben achten. Das Problem unserer Zeit ist, kurz gesagt, dass es
auf der Erde immer mehr Menschen gibt, die bereit sind zu töten, aber
immer weniger, die auch bereit sind zu sterben ... Sich dieser Einheit
von Leben und Tod bewusst zu werden ist eine Aufgabe, der der heutige
Mensch sich wieder stellen wird müssen, ob er will oder nicht. Und
dafür braucht er Vorbilder, wie es die Azteken waren, die gezeigt
haben, wozu der Mensch fähig ist, wenn er die entsprechende
Geisteshaltung erreichen kann.
Autor: Martin Peschaut
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 88)
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