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Die Söhne der Sonne


Die weise Lebensführung der Inkas


Die Inkas waren eines jener Völker des amerikanischen Kontinentes, das von einer Handvoll spanischer Abenteurer in die Knie gezwungen wurde. Sie herrschten über ein riesiges Reich an der Westküste und im Hochland Südamerikas. Einige ihrer kulturellen Errungenschaften sollen in diesem Artikel skizziert werden, um uns eine Ahnung davon zu vermitteln, welch eine grandiose Zivilisation dort zu einer Zeit erblühte, als Europa aus der Dunkelheit des Mittelalters erwachte, in das Zeitalter der Renaissance eintrat und dabei in der wieder entdeckten “Neuen Welt” schreckliche Spuren der Vernichtung hinterließ.


Von den Ufern des Maule-Flusses im Süden bis zum Ort Pasto in Kolumbien erblühte eine Zivilisation, die der Menschheit nicht nur anmutige und gewaltige Tempel und Festungen hinterlassen hat, sondern auch das Beispiel eines edlen und aufrichtigen Volkes, das fähig war, seinen Herrn, den Inka, den Sohn der Sonne, zu lieben, zu ehren und ihm zu dienen.

In seinem Reich vereinte sich der religiöse und theokratische Charakter der Ägypter mit der Moral der Spartaner und dem starken zivilisatorischen Unternehmungsgeist der Römer.

Wo liegt der Schlüssel zu den Geheimnissen dieser Kultur mit ihrer weiten Ausdehnung? Vielleicht in der Weisheit ihrer Herrscher und dem transzendenten Hintergrund, wonach sich der Adel bei der Führung des Volkes richtete. Nichts blieb dem Zufall überlassen. Bei der Erfüllung aller Aufgaben – auch der einfachsten täglichen Arbeiten – war man durchdrungen von einer tief empfundenen Verbindung mit dem Sakralen. Das beständige Streben der Menschen, das Leben und die Umgebung zu heiligen, ließ eine zeremonielle Lebenshaltung entstehen. Und diese begleitete sie vom Tagesanbruch – mit dem Gruß an den Sonnengott und an Pachamama – bis zum Sonnenuntergang – mit den letzten religiösen Pflichten der Priester. Ihr Streben, eine Einheit mit dem Kosmos zu bilden, ermöglichte es ihnen, im Einklang mit den Sternen (als Inkarnationen der Götter) zu leben, denn die Bahnen der Gestirne verkörperten den göttlichen Willen.

 

Die Erziehung

Ein bemerkenswertes Merkmal der Erziehung bei den Inkas war, dass sie bereits bei der Geburt des Kindes, im Schoß der Familie, begann. Im gesamten Reich gab es für alle dieselbe Bildung ohne Unterschied der sozialen Stellung, vom königlichen Ayllu bis zu den einfachsten Menschen in den entferntesten Provinzen. Die Bildung diente vor allem der Stärkung der Seele und der Entwicklung des Charakters.

Gleich nach der Geburt wurde das Kind in kaltem Wasser gebadet und in Decken gewickelt. Dieser Vorgang wiederholte sich dann täglich – allerdings ohne den Kopf unterzutauchen – und hatte zum Ziel, die Kinder an Kälte zu gewöhnen und den Körper abzuhärten.

Beim Stillen nahm die Mutter das Baby nicht in die Arme, sondern beugte sich über ihr Kind und stillte es so dreimal am Tag. Danach bekam es nichts mehr – auch wenn es jammerte. So vermied man, nach Meinung der Inkas, dass weinerliche Kinder heranwuchsen, und beugte auch zukünftigen, negativen Folgen der Verzärtelung vor.

Ungeachtet ihrer sozialen Stellung stillte die Mutter immer selbst ihr Kind, außer sie war krank. Als Regel galt, keine andere Nahrung zu verabreichen, solange die Mutter Milch hatte. Damit beugte man Krankheiten vor. Die Kinder nahm man bei den Inkas nicht in die Arme, sondern man legte sie – wenn sie aus der Wiege genommen werden mussten – in eine Vertiefung im Boden.

Die Mutter bemühte sich von Geburt an, ihrem Kind eine gute Erziehung angedeihen zu lassen.

„Oft sind die Eltern am Verderben der Kinder schuld; an der Annahme schlechter Gewohnheiten, die ihre Wurzeln in der Kindheit haben. Denn einige erziehen ihre Kinder mit zu viel Geschenken und Milde. Wie verzaubert von der Lieblichkeit und Zartheit ihrer Kinder lassen sie alles nach deren Willen geschehen, ohne sich um die Folgen Gedanken zu machen, wenn diese einmal erwachsen sind.

Es gibt auch andere, die ihre Kinder mit zu viel Härte und Strafen erziehen und sie ebenso zerstören. Denn mit dem Überfluss an Geschenken werden die Kinder geschwächt und die Kräfte ihres Körpers und ihrer Seele verringert; und mit zu vielen Strafen sinken die geistigen Anlagen und nehmen ab. Sie verlieren die Hoffnung, etwas zu lernen, verabscheuen den Unterricht und fürchten ihn. Sie verlieren die Möglichkeit, Anstrengungen zu unternehmen, die eines Menschen würdig sind. Das notwendige Maß in der Erziehung der Kinder muss in einem 'goldenen Mittelweg' bestehen, damit sie stark und mutig für den Krieg und weise und zurückhaltend für den Frieden ins Leben treten können.“ (Inka Roca)

Wie in allen klassischen Kulturen mit initiatischem Charakter enthielt auch die inkaische Tradition einen exoterischen, öffentlichen oder menschlichen und einen esoterischen, verborgenen oder initiatischen Teil.

Die politische und soziale Struktur des Reiches spiegelte sich in der Erziehung durch eine hierarchische Ausbildung, getrennt nach Aufgaben, wider. Wir wollen in diesem Zusammenhang vor allem die bemerkenswerte Ausbildung für die Mitglieder des Adels erwähnen.

 

Das „Haus des Wissens“ – Yachayhuasi

Es war das Initiationszentrum für die jungen Männer des Adels. Denn später mussten sie die höchsten politischen Ämter übernehmen und dem Inka bei der Verwaltung des Imperiums zur Seite stehen.

Die Ausbildung wurde vom Amauta, einem „Weisen“, „Eingeweihten“, geleitet, der die „göttliche Mission“ erfüllte, die Seelen der jungen Menschen mit Kenntnissen zu bereichern, die sie später in den edlen Rang von „Leitern des Reiches“ erheben würden.

Die jungen Männer wurden in die Riten, die Gebote und die religiösen Zeremonien sowie in die Kunst, gut zu regieren, eingeweiht.

Das Studium umfasste vier Jahre und gliederte sich in folgende vier Hauptmaterien:

Sprache: Dieses Fach umfasste nicht nur Grammatik, sondern auch Rhetorik, erweitert durch Dichtung und Theater.

Religion: Hier gab es die Fächer Theologie, Kosmogonie, Astrologie und Astronomie, um die Kenntnis des Kalenders zu erwerben.

Quipu: Die Knotenschrift – diese Materie kommt den Fächern Rechnen, Mathematik als Wissenschaft, Geometrie, Ökonomie, Rechnungswesen und Statistik, Landvermessung und Hydraulik gleich.

Geschichte und Strategie: Dieses Fach war untrennbar mit Geographie, Politik und Rechtswesen verbunden. Es beinhaltete auch die Kriegskunst, worunter man alles verstand, was sich auf den Bau von Festungen, den Gebrauch von Waffen und die Kampfesarten bezog.

Mit der Zeremonie des Hurachico wurde gleichzeitig die Einweihung als Ritter und als Krieger vollzogen. Auf diesen Moment bereitete man die jungen Männer durch ein sehr strenges Noviziat vor, in dem sie alle Schwierigkeiten und Notfälle des Krieges wie auch alle glücklichen und unglücklichen Lebensumstände zu meistern lernten.

Während dieser Probezeit brachte man den jungen Anwärtern ihre Abstammung von der Sonne ins Bewusstsein, ebenso die beispielhaften Heldentaten, die in Friedens- und in Kriegszeiten vollbracht wurden; auch wurden sie mit den vergangenen Königen und anderen bekannten Männern von königlichem Blut vertraut gemacht. Damit stärkten die jungen Männer in sich den Mut und die Fähigkeit zur Anstrengung – Eigenschaften, die notwendig waren, um ihr Reich zu regieren. Sie lernten Geduld und Ausdauer in ihren Aufgaben zu üben, um den Untergebenen Großmut und Güte sowie den Armen Mitleid und Milde entgegenzubringen. Es wurde ihnen Rechtschaffenheit in der Rechtsprechung eingeprägt und nicht erlaubt, irgendjemand zu beleidigen. Als wahrhafte Söhne der Sonne lernten sie, freigebig und großzügig zu sein.

Um sich abzuhärten, mussten sie auf dem Boden schlafen und wenig essen, barfuß gehen und unzählige andere Entbehrungen auf sich nehmen. Diese Ausbildung schloss den späteren Inka nicht aus. Im Gegenteil, er musste sich noch härteren Proben unterziehen, weil er verpflichtet war, ein Vorbild für Gerechtigkeit und Mut zu sein.

 

Das „Haus der erwählten Frauen“ – Acllahuasi

Dies waren die Ausbildungszentren der Acllas oder der „Erwählten Frauen“.

Der Apo Panaca (der „Herr der Schwestern“) wählte aus allen Mädchen des Reiches diejenigen aus, die sich aufgrund ihrer hohen Intelligenz und physischen Schönheit auszeichneten. Ihre Erziehung wurde in die Hände der Mamaconas oder Matronen gelegt.

Wie bei jeder Ausbildung initiatischer Art beinhaltete auch diese mehrere Stufen:

Die erste Stufe erstreckte sich vom vierten bis zum zehnten Lebensjahr. In diesem Zeitraum lernten die Mädchen spinnen, weben und sticken. Mit zehn Jahren durften sie wählen, ob sie in ihrer Ausbildung fortsetzen oder in ihre Familien, ins weltliche Leben, zurückkehren wollten.

Die zweite Stufe: Wer sich dafür entschied, weiter im Acllahuasi – unter der Leitung der Mamaconas – zu verbleiben, praktizierte die größten Tugenden. Die Mädchen wurden in Kenntnisse eingeführt, die es ihnen erlaubten, sich mit den Mysterien der Weiblichkeit sowie mit allen Eigenschaften vertraut zu machen, die ihrer Seele Schönheit und Kraft verleihen konnten. Die Einweihung gipfelte in der Zeremonie des Quicuchico.

Die dritte Stufe: Die Mädchen wurden in die Stadt Cuzco gebracht, wo jene, die die höchsten Anforderungen erfüllten, vor dem Inka und dem Obersten Priester (Huillac Umuc) einer Auswahl unterzogen wurden.

Die Anforderungen, die sie erfüllen mussten, waren u.a. Jungfräulichkeit, Jugend, Schönheit, freie Entscheidung und die Einweihung des Quicuchi.

Zählten sie zu den Auserwählten, dann nahmen sie den Namen des Huamac Aclla an, ihr Haar wurde geschnitten, sie kleideten sich in graubraune Gewänder und trugen ein dunkelviolettes Kopftuch.

Die vierte Stufe: Sie beinhaltete die tatsächliche Weihe zur Priesterin. In dieser Stufe entschieden sich die Huamac Aclla endgültig, entweder ein Leben als Jungfrau der Sonne zu führen oder eine politische Mission zu erfüllen, indem sie einen hohen Würdenträger aus einer Region des Reiches heirateten und so das zivilisatorische Werk der Inkas unterstützten.

Diejenigen, die sich für das mystische, dem solaren Kult geweihte Leben entschieden hatten, legten ein Gelübde zur absoluten Keuschheit ab und lebten fortan in vollkommener Abgeschiedenheit, fern dem weltlichen Leben. Man wusste, dass, wer dem Gott Inti geweiht war, seine Reinheit nicht verlieren durfte. Diese Jungfrauen bewachten das Heilige Feuer und webten und knüpften das allerfeinste Gewand: das des Inkas.

Die Religiosität des inkaischen Volkes ging so weit, dass sie bei einem ihrer Aufstände gegen die Konquistadoren, die spanischen Eroberer, ihre ganze Stadt niederbrannten, die Tempel und das Haus des Inkas jedoch verschont ließen.

 

Das Volk – Hatun Runas

Nach den ersten Lebensjahren ging die Erziehung der Kinder aus dem Volk in die Hände der Ältesten, der Allu, über. Sie lehrten ihnen neben praktischen Fertigkeiten die gesamte glorreiche Vergangenheit ihres Volkes mit Hilfe der Mythen und Legenden. Von den ersten Jahren an vermittelten sie den Kindern die Liebe zur Erde, den Respekt und die Hingabe zu ihrem Herrn, dem Inka, sowie eine tiefe Religiosität und die Verehrung der Schutzgottheiten des Reiches.

Mit zwölf Jahren begleiteten die Söhne ihre Väter aufs Feld und erhielten von den „Meistern der Waffen“ die Kriegsausbildung, die in ihnen Mut und Mystik entfachen sollte. Ein sichtbarer Beweis dafür ist die Ausdehnung des Reiches.

Erziehung ist die Kunst, überzeitliche Werte im Menschen wachzurufen und die Grundlage zu geben, auf der das Leben des Menschen von Geburt an aufbaut, die Moral hingegen ist deren praktische und lebbare Folge.

 

Ethische Grundlagen

Die inkaische Moral wurde durch eine tiefe Religiosität unterstützt. Die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der man das initiatische System der Inkas vor den eindringenden Konquistadoren verbarg, erschwerte es den Chronisten, den metaphysischen Hintergrund zu erkennen, der für den Adel bei der Führung des Volkes sinngebend und richtungsweisend war. Heute sind uns vor allem die moralischen Vorschriften für das Leben bekannt, die auch eine größere Verbreitung erfuhren.

Überliefert ist, dass die Inkas um die Unsterblichkeit der Seele wussten und dass sie nach ihren periodischen Wanderungen schließlich ihren wahren göttlichen Zustand erlangten. Wie jede traditionsgebundene Gesellschaft  nahmen auch die Inkas die Existenz von drei Welten an:

• Hanan Pacha, oder die Oberwelt, war der Aufenthaltsort der Götter, die himmlische Heimat der Seelen von guten Menschen.

• Hurin Pacha, oder die Welt der Runas bzw. der lebenden Menschen, bezeichnete den Ort der Reinigung.

Vermittler zwischen Hanan Pacha und Hurin Pacha war der Inka, aufgrund seines Ranges als Halbgott und als „Sohn der Sonne“. Cuzco, die heilige Stadt par excellence, stellte die Verbindung zwischen den drei Welten dar. In Cuzco befand sich auch der Coricancha, der Haupttempel der Sonne. So war die Hauptstadt nicht nur der „Nabel der horizontalen Welt“ oder das „Zentrum der vier Ländergebiete“, sondern auch die vertikale Verbindung zwischen den drei Welten.

• Ucu Pacha, die dritte Welt, bezeichnete den Bereich, in dem sich die unreinen Seelen und diejenigen, die sich auf die Geburt vorbereiteten, befanden.

In den Traditionen finden wir Berichte über die Wanderung der Seele nach dem Tod. In dieser Wanderung, die der Reinigung dient, gelangt die Seele schließlich nach gefährlichen und unbekannten Proben zum Upa Marca – die Welt der Toten oder „das Land derer, die weder sprechen noch hören“. Dieses Land betritt man unter der Führung eines schwarzen Hundes über eine Brücke, die „so fein wie ein menschliches Haar“ ist. Diese Figur des „schwarzen Hundes“ stellt eine der vielen Parallelen zu anderen Zivilisationen dar. Als Beispiel können wir Ägypten nennen, wo der Gott Anubis, der Führer der Seele in der nicht-verkörperten Welt, mit einem Schakalkopf dargestellt wird.

Das beständige Streben, sich mit der himmlischen Welt zu verbinden, erfüllte das private und öffentliche Leben der Bewohner dieses Reiches.

Die erstaunlich hohe Entwicklung der Bodenkultur lässt sich nicht allein durch die außergewöhnlichen Anbautechniken erklären. Sie ist vielmehr auf die Einstellung dieses Volkes zurückzuführen, das die Arbeit als Mittel erkannte, den Menschen mit seinem göttlichen Umfeld zu verbinden.

Die Feste in Verbindung mit dem Ackerbau heiligten die Arbeit mit der Erde und fanden im Kult an Pachamama, der „Mutter Erde“, ihren höchsten Ausdruck. In ihrem erhabensten Aspekt versinnbildlichte sie die heilige Erde, die dem Gott der Sonne Inti geweiht war.

 

Die persönliche Moral

Die persönliche Moral war eine Folge der Erziehung. Die Inkas versuchten durch Kontrolle der Leidenschaften Ausgeglichenheit zu entwickeln. Sie lernten zu leiden, ohne sich zu beklagen, sich zu freuen, ohne dieser Freude übertrieben Ausdruck zu verleihen und heiter den Willen der göttlichen Vorsehung zu akzeptieren. Niemals brachen sie in heftiges Weinen oder in brüllendes Gelächter aus.


Wenn sich das Leben der Menschen zur Zeit der Inkas auch in der Gemeinschaft abspielte, musste doch jeder Einzelne seinen notwendigen Pflichten nachkommen – jeweils angepasst an seine Lebensart oder seine soziale Stellung.


Allgemeine moralische Grundsätze

Die öffentliche Moral war einfach und praktisch, so dass dadurch bestimmte Umgangsformen für das Volk entstanden. Sie basierte auf einer Hierarchie von höheren Werten, die auf Wahrheit, Rechtschaffenheit und der Liebe zur Arbeit aufbauten.

So brachte es der inkaische Staat zustande, alle destruktiven Leidenschaften durch die soziale Ordnung zu unterbinden; ebenso wie er auch Armut und Faulheit bekämpfte. Es gab keinen Diebstahl und keine Lügen, denn man besaß alles, was zum Leben notwendig war. Das vorbildhafte Leben der Adeligen und Würdenträger hielt die moralischen

Vorschriften in allen Winkeln des Reiches lebendig, als Beispiel für ihre hohe ethische Einstellung gilt die Tatsache, dass die Häuser der Inkas keine Türen hatten. Um ihrer Liebe zur Erde und zur Arbeit Ausdruck zu verleihen, gingen alle Würdenträger einige Tage auf ihre Felder und bearbeiteten den Boden mit dem Pflug. Selbst der Inka tat dies, um zu zeigen, dass es selbst für ihn keine Schande darstellte, wenn er die Hände zur Arbeit gebrauchte.

Das Gefühl für Gerechtigkeit und Brüderlichkeit war dermaßen ausgeprägt, dass die Reichen und Mächtigen in Zeiten der Entbehrungen oder Krankheiten die Pflicht hatten, den Armen Nahrung und ihre Hilfe zum Wiederaufbau anzubieten.


Das Recht

Die Gesetze, die der Inka erließ, wurden aufgrund seines göttlichen Charakters als heilig angesehen, und ihre Übertretung galt als Gotteslästerung.

Die Amautas, die Philosophen, die „weisen Männer”, waren berufen, den Inka in allen Fragen der Gesetzgebung zu beraten, während die Rimac Pampa die Aufgabe hatten, dem gesamten Volk die bestehenden Gesetze bekannt zu machen. Sie kamen bis an die äußersten Grenzen des Reiches und verkündeten auf den öffentlichen Plätzen den Willen ihres Herrn.

Wenn die inkaische Zivilisation auf der Religiosität und der Moral des Volkes basierte, so waren die Gesetze darauf ausgerichtet, die Traditionen sowie die politische und soziale Harmonie zu erhalten. Und sie waren so gut und streng, dass es sogar beinahe gelang, das Verbrechen auszurotten.

Das Volk lernte gehorsam zu sein und der Gemeinschaft zu dienen. Die allgemeine Moral ist uns Beispiel der Brüderlichkeit als Prinzip der Integration, des Respekts und der Liebe gegenüber seinen Mitmenschen.

Ich glaube nicht, dieses Thema abgeschlossen zu haben. Aber es ist ein Versuch, uns dem Wesen einer Vergangenheit zu nähern, die nicht tot ist, sondern immer noch in den Andenländern lebt und leben wird.

Wir finden sie auch heute noch im Flug des Kondors und des Adlers, der über die höchsten schneebedeckten Gipfel seine Kreise zieht, und wir spüren sie im Indio, wenn er auf der Erde niederkniet.

Auch wir wollen wieder ihre Kraft fühlen, ihre Geheimnisse entdecken und aus der Tiefe unseres Herzens zu ihr sprechen: „Pachamama, Pachamama, wir sind zurückgekehrt, wir sind zurückgekehrt.“

Die Autorin ist Stellvertretende Internationale Direktorin von Neue Akropolis. Der Artikel erschien in Neue Akropolis Nr. 59 und wurde übersetzt von Maria Paz de Benito.


Literatur:

Grundsätzlich wurden die Titel der deutschen Ausgaben angeführt. War eine deutsche Ausgabe nicht feststellbar, so wurde ein von der Autorin zitierter Titel übernommen.

•    Jose de la Riva Aguero: Epoca Pre-Hispanica, Lima 1937
•     Antero Peralta Vásquez: Veta filosofica en el pensamiento Inca
•    Jesús Gonzáles Barreto: Historia basica del Peru
•    Gustavo Pons Muzzo: Historia del Peru
•    Jose Antonio del Husto: Peru preincaico, Lima 1962
•    Teodoro Quiñones Rojas: Historia de la educacion Peruana. Antologia de la educacion Incaica
•    Pedro de Cieza de León: EI Señorio de los Incas, 1553
•    Garcilaso de la Vega: Wahrhaftige Kommentare zum Reich der Inka, Berlin 1983
•    Mario Roso de Luna: El libro que mata la muerte
•    Julio Tello: Los origenes de la civilizacion en el Peru
•    Walter Krickberg: Märchen der Azteken und Inka-Peruaner, Maya und Musica, Jena 1928.
•   Max Uhle: Die alten Kulturen Perus im Hinblick auf die Archäologie und Geschichte des amerikanischen Kontinents, Berlin 1935
•    Wolfgang Maberland: Culturas de la América indigena, Mesoamérica y América Central, Lima 1923
•    Carlos Daniel Valcárcel: Historia de la educacion incaica
•    Clements R. Markham: Historia del Peru
•    Luis E. Valcárcel: Historia del Peru antiguo, Bände I, IV,V,VI, Lima 1943/49
•    Alfred Métraux: Los Incas

Autorin: Beatriz Diez Canseco

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 88)

 
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