Rubrik Zeitgeist
Winter unter Palmen - Eine Selbsterfahrung
Entgegen all der guten Vorsätze und vermeintlich besseren Wissens wurde diesmal der nachweihnachtliche Feiertagsstress gegen einen Urlaub am heißen Strand ausgetauscht. Die Verlockung eines zehntägigen Aufenthaltes unter einer Sonne, die die Alpen um diese Jahreszeit nicht zu bieten hat, war zu groß. All inclusive noch dazu, man gönnt sich ja sonst nichts.
Zweifel ob der Sinnhaftigkeit einer derartigen Aktion kamen erst gar nicht auf bzw. wurden rasch beiseite gewischt, zu mächtig war der Urlaubshunger im herbstlich-grauen Alltag. Was lockte, war die Aussicht auf Sonne, Strand und Meer. Und sonst nichts.
Was allerdings dann kam, waren nicht etwa die Unbilden nicht eingehaltener Versprechungen seitens des Reiseveranstalters, sondern gedankliche Aktivitäten, die so und auf diese Weise nicht vorauszusehen waren. In einer Umgebung ohne direkte Beschäftigung begannen diese ihr Eigenleben zu entwickeln, die Auseinandersetzung mit ihnen wurde also unumgänglich. Scheinbar ohne rechtes Ziel begann sie zuerst zu kreisen, das Ziel wurde jedoch bald sehr klar: Warum nur, wieso sitzt Du hier im Sand und lässt Dir die Sonne auf den Bauch scheinen, während es zu Hause doch auch ganz angenehm ist? Zwar kälter, aber dafür ohne diesen großen Aufwand an Flug und Geld investieren zu müssen.
Die Erinnerung an Erzählungen ferngereister Freunde tauchte auf, die von Club-Aufenthalten in Costa Rica oder Kuba zu berichten wussten. Das Land selbst sahen sie nur innerhalb sicherer Clubzäune zwischen hoteleigenem Swimmingpool und zum Rest der Öffentlichkeit abgegrenztem Strand. Das reichte schon aus, um sich das Schild „Ich war in der Karibik“ umhängen zu können. Geographisch betrachtet mag das schon stimmen, aber es ist noch immer die Erfahrung, die zählt. Und diese basiert auf der Auseinandersetzung mit sich und seiner Umwelt.
Viele äußere Veränderungen verhindern eine innere Entwicklung, aber genau das bewirken wir vielfach durch unsere Suche nach dem mehr und mehr. Handelt es sich nun um Erholung, Macht oder beruflicher Karriere. Wir sehnen uns nach Licht, Wärme und Entspannung und werden nur im Äußeren fündig. Gleichzeitig übersehen wir, dass der Hang zu einem Pol das Vakuum im anderen nach sich zieht. Äußere „action“ verhindert das Entstehen inneren Gleichmuts, der Urlaub verkommt zu einem weiteren Eintrag im Terminkalender. Vielleicht, weil wir noch immer meinen, dass Arbeit mit Mühsal und Entbehrung gleichzusetzen ist. Man möge mir den moralisierenden Charakter dieser Aussagen nachsehen, ich gehe bisweilen eben sehr hart mit mir ins Gericht.
Doch hat die Ruhe unter Palmen durchaus ihre fördernden Seiten zu bieten. So finden sich immer wieder Auswege aus der Krise der drohenden psychologischen Selbstzerstörung. Man muss sie nur zu entdecken wissen. Diese finden sich dann, wenn es gelingt, die Sichtweise und damit die Haltung zu ändern. Dann könnte man sagen, dass es darum geht, sich innerlich zu verändern, um nach außen hin ein Anderer zu werden. Mit dieser Umkehr der Einstellung öffnen sich bisher unentdeckte Möglichkeiten.
Der Urlaub wird zu einer Zeit des Studierens, des Kennenlernens fremder Menschen, Sitten und Gebräuche, dem Keim zur
Toleranz. Multikulturelles Zusammenleben braucht die Auseinandersetzung, diese muss bei mir beginnen und darf nicht beim Gegenüber entstehen. Verabschieden sollte ich mich auch von meiner Bequemlichkeit, die mich dort Ruhe finden lässt, wo eintönige Bewusstlosigkeit herrscht. Aktivität war daher gefragt, wo sich zuvor schläfrige Langeweile suhlte. Die „Termine“ folgten jedoch einem anderen Rhythmus, die Entspannung vom beruflichen Alltag konnte somit stattfinden.
Artet das somit zu Arbeit im Urlaub aus? Mitnichten, meint der Hedonist im Sinne
Epikurs, der dort den Augenblick zu genießen versteht, wo auch immer sich dieser ihm bietet.
Und sei dies unter den Palmen an Thailands Küsten.
Autor: Tim Ghost
(aus:
Abenteuer Philosophie, Heft Nr. 99)