Rubrik GesundSein
Kann denn Leben Sünde sein?
Viele meiner Patienten leiden an einem schlechten Gewissen:
Mütter leiden, weil sie arbeiten gehen und sich nicht um ihre Kinder
kümmern, alte Menschen haben das Gefühl, der Familie zur Last zu
fallen, Arbeitslose empfinden sich als überflüssig, nette Menschen
haben ein schlechtes Gewissen, weil sie irgendwem die Wahrheit ins
Gesicht gesagt haben, Kinder haben ein schlechtes Gewissen, weil sie
angeblich schlimm waren und manche Völker haben ihrer Vergangenheit
wegen ein schlechtes Gewissen. Das schlechte Gewissen ist
allgegenwärtig, es belastet uns und macht uns krank. Und ich habe
manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich zu wenig aufmerksam zugehört
habe, weil ich ungeduldig war oder weil ich jemanden nicht sofort und
auf der Stelle geheilt habe.
Letztens schmökere ich ein wenig in meiner Bibliothek, da fällt mir ein
Buch von Hildegard von Bingen in die Hände. Hildegard war Äbtissin im
Deutschland des 11. Jahrhunderts. Der Allgemeinheit ist sie am ehesten
durch ihre Kochbücher bekannt: köstliche Dinkelkeks, Dinkelsuppe,
Dinkelbrot etc.
Bei eben dieser Hildegard finde ich also ein paar höchst interessante
Stellen über den Begriff der Sünde. Einer augenblicklichen
masochistischen Neigung folgend (nämlich um meine angeborene Neigung
zum schlechten Gewissen noch ein wenig zu erhöhen), scheint mir das
genau die richtige Lektüre zu sein.
Aber diese Hildegard erstaunt mich dann doch sehr. Sünde, so meint sie,
das ist nicht so sehr eine kleine Unwahrheit hier oder etwas
unsittliches Verhalten dort (11. Jahrhundert!). Das gehört eher in den
Bereich der verzeihbaren Verfehlungen des Lebens. Wahre Sünde, das ist
zum Einen, wenn jemand auf die bewusste Gestaltung seines Lebens
verzichtet.
Verzicht auf bewusste Lebensgestaltung: wenn wir also unser Leben nicht
so führen, wie unser Gewissen es uns diktiert, wenn wir unsere eigenen
Ideen und Prinzipien verraten und Dinge tun, nur um den anderen damit
zu beeindrucken, keinen Konflikt vom Zaun zu brechen oder nur ja keine
Aufregungen in unserem gemütlichen Umfeld zu erzeugen. Einem anderen
großen Arzt, nämlich Dr. Edward Bach zufolge, ist es genau dieses
Abweichen vom eigenen Lebensweg, was die Hauptursache von Krankheit
ist. Jeder Mensch kommt mit einem speziellen Auftrag auf die Erde, den
er so gut wie möglich erfüllen soll. Weicht er ab, so kommen Krankheit
und Schicksalsschläge, um ihn wieder auf den rechten Weg zurück zu
bringen.
Die nächste Sünde- Halbheit in der Entscheidung: „Deine Rede sei Ja
oder Nein, nur nicht lau!“, so steht es schon in der Bibel geschrieben.
Ein Sünder ist also, wer zögerlich herumzaudert, sich nicht festlegen
möchte, den Weg immer für einen Rückzieher offen hält und nur keine
klare Stellung bezieht. Selbstverständlich kann eine klar getroffene
Entscheidung komplett falsch sein. Aber früher oder später stellt sich
das dann schon heraus und nur so bietet sich die Möglichkeit der
Korrektur oder Wiedergutmachung. Eine nicht getroffene Entscheidung
hingegen ist immer falsch.
Eng verknüpft mit der Entscheidungsschwäche ist auch die nächste im
Hildegardschen Sündenregister- Verweigerung der Übernahme von
Verantwortung. Schon der große Arzt und Psychiater Viktor Frankl
hatte vor vielen Jahren gefordert, dass es neben der Freiheitsstatue in
New York auch eine Statue der Verantwortung auf der anderen Seite des
amerikanischen Kontinents geben müßte. „Ich war´s nicht, der andere ist
Schuld, ich kann nichts dafür, denn ich hatte so eine schlechte
Kindheit....“, die Liste der Ausreden und Rechtfertigungen ist lang.
Dabei gibt es nichts Erfrischenderes als einen Menschen, der die
Verantwortung für sein Leben voll und ganz übernimmt. Es stimmt: wir
selbst tragen die Verantwortung für unser Leben, immer bleibt uns eine
Wahlmöglichkeit. Wenn wir auch die äußeren Rahmenbedingungen oft nicht
verändern können, unsere Haltung, unsere Gedanken und Gefühle liegen in
unserer Macht.
Und damit komme ich schon zur letzten Sünde: Kleinheit im Denken. Der
Mangel an großen Ideen und Visionen, die unser Leben mit Glanz und
Glorie erfüllen können, muss laut Hildegard unbedingt in das
Sündenregister aufgenommen werden. Es braucht Hoffnung und Glauben, um
an etwas Größerem arbeiten zu können. Wo sind die Ideale einer 68-er
Generation geblieben, die noch von einer besseren Welt mit mehr Liebe
und Frieden geträumt hat? Che Guevaras Satz „Seien wir realistisch,
fordern wir das Unmögliche!“ ist nichts für eine Gruppe von
Kleindenkern sondern für Menschen, die an eine Möglichkeit der
Verbesserung und Veränderung glauben und auch bereit sind, etwas dafür
zu opfern. Denn Veränderung ist immer unbequem.
Also: diese mittelalterliche Äbtissin Hildegard beeindruckt mich schon
schwer. Da steht überhaupt nichts von: ich muss immer lieb und nett
sein, ich darf nicht schimpfen, ich darf keine andere Meinung haben.
Weit entfernt von Frömmelei und Moralisieren zeigt sich mir das Bild
einer modernen, aufgeschlossenen, selbstbewussten Frau. Vor fast 1000
Jahren hat sie gelebt, und diese Worte klingen, als wären sie für die
heutige Zeit geschrieben. Hinter all den kurzlebigen Vorschriften wie
man zu leben hat und wie nicht, gibt es also doch eine überzeitliche
Moral, die die Jahrhunderte überdauerte und überdauern wird.
Vorbilder sind etwas sehr Inspirierendes. Hildegard von Bingen ist
inspirierend: eine verantwortungsbewusste Frau, die ihrem Lebenstraum
gefolgt ist, die ihr Leben unter widrigen Umständen bewusst gestaltet
hat (oder glaubt hier irgendjemand, dass eine Frau des 11. Jahrhunderts
in Deutschland leicht Karriere machen konnte) und die auch dann
Entscheidungen getroffen hat, wenn sie ihr nicht leicht gefallen sind.
Auf Dein Wohl Hildegard. Das nächste Dinkelkeks verspeise ich Dir zu Ehren!
Autorin: Renate Knoblauch
(aus: Abenteuer Philosophie, Heft Nr. 99)
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