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KAIROS
Gott der günstigen Gelegenheit
Sind wir einem unabänderlichen Schicksal unterworfen, in das wir nicht eingreifen können - oder wie weit sind wir frei und können es gestalten?
Die alten Völker hatten ihre mehr oder weniger unerbittlichen oder auch gnädigen Schicksalsgötter, die Nornen, die Moiren, Dike oder Tyche, Fortuna......
Doch die Griechen der Antike verehrten auch eine Gottheit, die den Menschen ermahnte, sein Schicksal zu beeinflussen, sich selbst zum Meister seines Schicksals zu machen: Kairos, den Gott des glücklichen Moments, des rechten Zeitpunkts, des Augenblicks der Chance oder der Gunst der Stunde.
Im griechischen Götterpantheon galt Kairos als der jüngste Sohn des Zeus, war somit der Enkel des Chronos. Chronos ist der Gott der unerbittlich ablaufenden und messbaren Zeit, also der Quantität der Zeit und der Erfahrungen der Vergangenheit.
Dagegen ist Kairos der Gott des Jetzt, der Gott der Zeitqualität. Das gesamte Potential der Zukunft und der Erneuerung ist in diesem Jetzt enthalten - und doch nur einen flüchtigen Moment lang greifbar.
Der Mensch muss Kairos erkennen und "erhaschen", das heißt, die günstige Gelegenheit nutzen. Dieser jugendliche Gott wird dargestellt mit einem Haarschopf über der Stirn, an dem der Mensch ihn packen, eben "die Gelegenheit beim Schopf ergreifen" kann. Sein Hinterkopf ist kahl - wenn der eilige Gott vorbei gehuscht ist, der flüchtige Moment vorüber ist, bekommt man ihn nicht mehr zu fassen.
Als Symbol für seinen raschen Flug trägt Kairos Flügel an seinen Füßen. In einer Hand hält er eine Waage, die beiden Wagschalen - Zeitquantität und Zeitqualität - stehen im Gleichgewicht.
In der anderen Hand hält er ein scharfes Messer, das dient zum Abschneiden unserer nutzlos gewordenen Bindungen an die Vergangenheit und soll uns helfen, uns für die Zukunft zu öffnen.
Nur wenige antike Darstellungen existieren von diesem Gott. Der berühmte Bildhauer Lysippos schuf eine Statue von Kairos, und in einem antiken Gedicht, einer fiktiven Zwiesprache mit dieser Statue heißt es am Ende: "Warum hat dich dieser Künstler geschaffen? " - "Zu deinem eigenen Wohl, Fremder, und er hat mich in die Säulenhalle gestellt als eine Lektion."
Wir alle kennen die verpassten Gelegenheiten im Leben, Zeiten, in denen wir zu lange gezögert, abgewägt und abgewartet haben, Situationen, in denen wir aus Unbedachtheit oder Unentschlossenheit die Zeit verstreichen ließen, Angst hatten, die uns vertraute Sicherheit aufzugeben oder auch einfach zu träge waren. Wir finden immer Erklärungen dafür: Ich kann mich nicht entschließen - Ich warte mal ab - Morgen ist auch noch ein Tag - Es wird schon noch andere Gelegenheiten geben.... Ja natürlich, aber es wird anders sein. Der selbe Moment, die selbe Zeitqualität werden nicht wieder kommen, die vielleicht beste Chance ist ungenutzt geblieben. Im Märchen von Frau Holle wird das Mädchen mit Gold belohnt, das zum rechten Zeitpunkt richtig handelt, nämlich den Apfelbaum schüttelt und das Brot aus dem Ofen holt.
Wie können wir Kairos erkennen? Wenn wir ein Ziel vor Augen zu haben, innerlich ruhig und aufmerksam sind, uns dem Fluss des Lebens hingeben, "mit der Zeit fließen". Hören wir auf unsere innere Stimme, vetrauen wir unserer Intuition, folgen wir unserem untrüglichen inneren Gefühl, einem Wissen, dass "es" einfach jetzt richtig ist.
Auch die Astrologie arbeitet mit der Zeitqualität, sie ist eine seit Jahrtausenden erprobte Wissenschaft, die beste Zeit für ein Vorhaben oder einen Plan herauszufinden, nämlich wenn Kairos sich zeigt, wenn "die Sterne gut stehen".
Die fernöstlichen Prinzipien von Dharma und Karma lehren das selbe wie Kairos. Genau so wie wir den Gesetzen des Lebens, dem Dharma, der natürlichen Harmonie folgen - oder auch nicht -so erfahren wir auch die Auswirkungen, das Karma.
Dem Entschlossenen gebührt der Erfolg. Wahrscheinlich ist das Geheimnis der stets Erfolgreichen, intuitiv den richtigen Augenblick zu erfassen, entschlossen und mutig zu handeln. Greifen wir zu, wenn Kairos uns begegnet! Natürlich erfordert es auch Anstrengung, sich zu entscheiden und zu handeln. "Glück gehabt" ist oft nur ein Synonym für "Kairos genutzt".
Vielleicht ist gerade jetzt der richtige Moment dafür, eine unerledigte Aufgabe fertig zu stellen, etwas zu lange Hinausgezögertes endlich einfach zu tun, alte Lasten abzuschütteln, sich voll Elan dem Neuen widmen. Wenn wir den Kairos erwischen, haben wir auch das Glück erwischt .
Die Zukunft hat viele Namen:
Für den Schwachen ist sie das Unsichtbare,
Für den Furchtsamen das Unbekannte,
Für den Mutigen die Gelegenheit.
(Victor Hugo)
Autorin: Rotraud Plattner
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