|
Rubrik GesundSEIN
Warum bin ich Ärztin geworden? Weil ich mich mit dem Tod nicht abfinden
wollte. Weil ich mich gegen Krankheit, Leid und Schmerz ankämpfen sah.
Weil ich einfach nicht bereit war, der schmerzlichen Seite des
Abschieds in meinem Leben einen Platz einzuräumen. Aber spätestens beim
Lernen für die Pathologie-Prüfung wurde mir klar: Krankheit und Tod
existieren, ob ich will oder nicht. Die besten Apparate und die
modernsten Medikamente können ihn zwar aufschieben aber nicht
aufhalten: den Tod. Das Leben währt 70 Jahre und wenn es hoch kommt, so
sind es 80 Jahre. Manchmal ist es aber auch ein kleines Kind, das
abberufen wird. Macht es einen Unterschied?
Es ist nur eine weitere Form des Materialismus, wenn der Tod des
20jährigen mehr Erschütterung hervorruft, als der des 70jährigen. Auch
mit 70 hat man noch Zukunftspläne, Wünsche, unerfüllte Visionen und
lebt gerne. Bin ich weitergekommen im Thema des Todes? Ich habe viel
studiert und gelesen, ich kenne alle Bücher von Elisabeth Kübler-Ross.
Aber ganz besonders kostbar war die Begegnung mit besonderen Menschen.
Zum Beispiel mit Christine.
Renate Knoblauch
Krebs - herzlichen Glückwunsch!
Eine andere Art, mit dieser Diagnose umzugehen!
Christine Dusch, Weihnachten 2004
Das Leben ist eine "tödliche Krankheit". Mit unserer Geburt steht der
Tod fest. Diese Tatsache verdrängen wir nur zu gern. Aktivitäten in der
äußeren Welt lenken uns ab, uns mit den überzeitlichen Werten, Ideen
und Idealen zu beschäftigen. Oft leben wir nach den Vorstellungen
anderer oder sind damit beschäftigt, unser Glück zu suchen.
Den idealen Partner, den Traumberuf, ein Traumhaus, die Traumfigur,
Reichtum, usw. Es gleicht einer Jagd nach Liebe und Anerkennung.
Plötzlich klopfte Bruder Tod an meine Tür und ermahnte mich, meine Zeit zu nützen. Eine schwere Krankheit - eine große Chance.
Ein plötzlich aus dem Leben gerissener Mensch hat diese Chance nicht.
Ich hatte die Chance.
Medizinisch gesehen war ich unheilbar chronisch krank, sterbenskrank.
Alles, was vorher wichtig war, wurde nichtig. Alles, was mir vorher
Halt gegeben hatte, mir Sinn meines Lebens war, löste sich auf wie eine
Seifenblase.
Ich hatte die Chance!
Die Chance, zu vergeben, zu vergeben und zu vergeben.
Die Gelegenheit, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Mit meinem
eigenen Bewusstsein der Steuermann meines Schicksals zu werden. Die
tragische Diagnose anzunehmen und die Entscheidung, meine Sichtweise
selbst zu bestimmen. Es war meine Initiation, lebensbedrohlich zu
erkranken.
Eine wunderbare Gelegenheit, eine zweite Geburt zu erleben. Eine
Innenreise zu meinen ureigenen Wurzeln. Eine Entdeckungsreise zum
göttlichen Funken, der mich mit allem verbindet und ewig währt. Ein
Geschenk, innezuhalten und mich mit Gott und der Welt und meinem Leben
auszusöhnen. Alles, was ich im Äußeren getrennt hatte, fügte sich in
eine göttliche Einheit zusammen.
Ich bin immer alleine. Und doch verbunden mit allem im Urvertrauen auf
den göttlichen Plan. Es ist ein Mysterium. Gott ist der Fixpunkt. Er
ist und wird immer sein. Die Erinnerung lebt. Die Erinnerung an unsere
eigentlichen Wurzeln, an unseren Schöpfer. Wer sind wir? Woher kommen
wir? Wohin gehen wir? Fragen, die aus uns kommen und deren Antwort in
uns liegt.
Der eigentliche Sinn des Lebens liegt nicht im Außen, sondern in uns,
im Bewusstsein des göttlichen Funkens und in unserer inneren Haltung
dem Leben gegenüber. Ja zu sagen zum Leben! Im Diesseits wie im
Jenseits.
Die Tatsache, sich seiner Zeit bewusst zu sein, als endliche Erfahrung
einen irdischen Körper benutzen zu können, sozusagen als Leihgabe,
bringt einen dynamischen Prozess in Gang. Geschenkte Zeit, um
unerledigte Dinge zu bereinigen, Zeit, zu vergeben, Zeit, ganz selbst
zu sein, zu lieben, zu weinen, zu lachen, zu singen, zu tanzen,
...
Im Augenblick erfüllen sich mein Sein und meine eigene Bestimmung.
(aus: Abenteuer Philosophie, Heft Nr. 100)
|