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TOLERANZ - (K)EINE UTOPIE?

 

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Grundlage der menschlichen Evolution

 

Obwohl die Medien das Thema Toleranz ständig erwähnen, wird Toleranz selbst in unserer Gesellschaft paradoxerweise nicht praktiziert. Ganz im Gegenteil: Revolutionen, Terrorakte, Verfolgungen, Sektierertum, Fanatismus, Kriege und das gesamte Spektrum latenter Aggressionen halten uns den Mangel an Toleranz tagtäglich vor Augen. Im allgemeinen gilt sie als Utopie - also als etwas nicht zu Verwirklichendes.

 

Das Wesen der Utopie

Utopie trägt den Beigeschmack des Unmöglichen, des Nicht-in-die-Realität-Umsetzbaren. Dennoch wurden Utopien immer erträumt, entworfen und empfohlen. Sehr oft stellten sie sich allerdings als Zusammenstellung haltloser Theorien heraus und propagierten Gesetze oder Verhaltensregeln, die keinerlei Beziehung zur Situation und Wirklichkeit der Menschen besaßen.

Einfacher zu verstehen wird der Begriff Utopie, wenn wir - ganz im klassischen Sinn - von einer Idee oder einem Ideal sprechen.

Ein klassischer Philosoph, ein Wissenschafter oder auch ein Künstler ist in der Lage, sich die Verwirklichung einer Idee vorzustellen, wenn sie die natürlichen Potentiale des Menschen miteinbeziehen.

Um eine Idee (Utopie) zu verwirklichen, muß man zunächst von der Tatsache ausgehen, daß es in der Natur ein Wesen gibt, das in der Lage ist, auf eine ganz bestimmte Art und Weise Ideen zu entwickeln, kurz gesagt, zu denken - den Menschen. Möglicherweise besteht eines der Probleme des heutigen Menschen in der Schwierigkeit zu akzeptieren, woraus er besteht und sich für die Möglichkeiten verantwortlich zu fühlen, die ihm aufgrund seiner Beschaffenheit zur Verfügung stehen.

 

Über die Beschaffenheit des Menschen

 

Grundlegend können wir von drei Dimensionen sprechen, die unser Leben bestimmen. Die erste und einfachste ist die vegetative, welche alle Funktionen des Wachstums und der Entwicklung umfaßt. Physiologisch betrachtet sind alle diese vegetativen Prozesse im Hirnstamm verankert.

Diese Dimension haben wir mit den Pflanzen gemeinsam, denn es handelt sich um eine Reihe automatischer Mechanismen, welche die Bedürfnisse nach Wachstum, Nahrung und Überleben betreffen. Im Falle der Pflanzen bedeutet dies, daß sich eine Blume die feuchtesten Stellen für ihre Wurzeln sucht und Licht für ihre Blätter.

Ähnlich wie die Pflanzen besitzt auch der Mensch ein grundlegendes Bedürfnis nach Ernährung und Überleben und folgt dabei den Rhythmen von Aktivität und Ruhe.

In der nächsten Dimension - mit Sitz im limbischen System - liegen die Bedürfnisse verankert, welche wir mit den Tieren gemeinsam haben. Es handelt sich um Instinkte und andere tierische Mechanismen wie Fortpflanzung, Erhaltung der eigenen Art, Geltungsbedürfnis und ähnliche psychisch-emotionale Erscheinungsformen. Wir kennen solche Beispiele der Treue, der Zuneigung oder der Ausdauer bei Tieren, welche die menschlichen Eigenschaften zum Teil sogar übertreffen. Jedoch können auch die Menschen durch Zuneigung, Lob oder andere emotionelle Anreize motiviert werden. Ebenso wie bei den Pflanzen können wir auch hier sagen, daß diese grundlegenden Gegebenheiten bei allen Menschen vorhanden sind.

Diese instinktiven Kräfte und passiven Haltungen können jedoch durch Selbstbeobachtung und kritische Selbstbetrachtung überwunden werden, und zwar dann, wenn wir Motivationen für unser Handeln ins Spiel bringen, die über unsere biologischen oder emotionalen Bedürfnisse hinausgehen.

Wenn der Mensch sich dafür entscheidet, sich nicht ausschließlich von seinen physisch-psychischen Grundbedürfnissen leiten zu lassen, sondern auch die Gegebenheiten der höheren Dimensionen miteinbezieht, unterscheidet er sich in seinem Verhalten vom Tier. Dabei vermag er seine instinktiven Ängste zu überwinden, seine Wut zu besänftigen oder durch die Vernunft seinen Schmerz zu lindern. Er wächst über das Tierhafte hinaus, wenn seine Vernunft und nicht seine animalischen Kräfte sein Verhalten leiten.

Dies ist möglich, weil der Mensch etwas besitzt, das ihn von den anderen Wesen unterscheidet. Es handelt sich um eine dritte Dimension, die - physiologisch betrachtet - innerhalb des Gehirns im Cortex ihren Sitz hat und eine sehr komplexe Struktur besitzt. Sie ermöglicht uns u.a. zu denken, zu verstehen, sowie die konsequente und zielstrebige Umsetzung unserer Ziele.

Ein Hund z.B. ist nicht in der Lage, sich die Erinnerungen und Erfahrungen seiner Eltern oder Großeltern zunutze zu machen. Was diese lernten und erlebten, kann auf ihn nicht übertragen werden.

Der Mensch dagegen wird mit einer bestimmten Erbinformation geboren. Diese lebenswichtige Information ist weniger vollständig ausgeprägt als beim Tier. Darum benötigt er nach seiner Geburt viele Jahre Schutz, um überleben zu können. Im Gegensatz zum Tier besitzt er jedoch die Fähigkeit, Erfahrungen zu nutzen, um sie in die Gegenwart zu integrieren. Die Erinnerungen werden nicht nur innerhalb der Familie weitergegeben, sondern können von allen Mitgliedern einer menschlichen Gemeinschaft über die Kommunikation aufgenommen werden. Diese übertragbare Erinnerung nennen wir Geschichte.

Die abstrakte Sprache oder die Fähigkeit, Begriffe und Ideen zu schaffen und sie zu definieren - all das unterscheidet uns von den Tieren und Pflanzen und macht uns letztendlich zu Menschen.

Verstand und Sprache erlauben uns nicht nur, unsere Erfahrungen des instinktiven und vegetativen Lebens, sondern auch die Ideen der mentalen Welt zu übertragen. Ein Mensch, der nicht lernt, zu unterscheiden, woher seine Ideen und Regungen kommen, läuft Gefahr, alle Erfahrungen in einen Topf zu werfen. Er ist verwirrt und identifiziert sich mit etwas, das er nicht selbst ist. Vielleicht verwenden wir u.a. deshalb den Begriff „Toleranz" mit immer unterschiedlicher Bedeutung und verwechseln ihn oft mit Nachgiebigkeit, Passivität oder Apathie.

 

Das Wesen der Toleranz in der Geschichte

Ein Kennzeichen des Menschen ist also seine Fähigkeit, Geschichte bewusst zu erleben und aufzuzeichnen. Viele Menschen versuchten die Toleranz in der Geschichte zu verwirklichen. Als Ideal tritt sie zu allen Zeiten auf. Im Römischen Reich z.B. lebten Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion als Weltbürger gleichberechtigt nebeneinander.

Doch es gab ebenso Momente, in der gegenseitige Zerstörung, Kampf und menschliches Unverständnis vorherrschten - denken wir nur an die Zeiten der Kolonialisierung oder der zahlreichen Religionskriege.

Verschiedenste Gedankenströmungen, die alle Toleranz als gemeinsames Ziel auf ihre Fahnen schrieben, erhoben sich im Laufe der Geschichte. Die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, die Abschaffung der absoluten Monarchien und die Entstehung des liberalen Staates waren nur einige typischen Folgeerscheinungen davon. Die drei Begriffe Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwandelten sich damals in ein Ideal, das bis heute unsere Weltanschauung geprägt hat. Doch leider blieben diese drei Begriffe oft nur leere Worte, mit deren Hilfe die Menschen zum Teil nur ihre eigenen egoistischen Bestrebungen rechtfertigten. Nur wenige gaben ihnen den hohen Sinn, der zum Lebensideal hätte werden können.

Aufgrund dieser Widersprüchlichkeit begann die Mehrheit der Menschen zu glauben, daß es sich bei diesen Begriffen um Utopien handelt. Doch können diese sogenannten Utopien zum Leben erweckt werden.

 

Freiheit

Freiheit im vegetativen System bedeutet, in der Art einer Pflanze den wichtigsten Bedürfnissen nachzukommen wie Nahrung, Schlaf, Ruhe sowie den biologischen Rhythmen der Natur zu folgen. Für das limbische System bedeutet Freiheit, sich allen Arten von Emotionen und Gefühlen hinzugeben, sich fortzupflanzen, sich zu bewegen, seine Energien auszuschöpfen, um jeden Preis zu überleben und für seine Wünsche jeglicher Art auch mit Gewalt zu kämpfen.

Unter diesen Bedingungen für „Freiheit" überleben nur die Tauglichsten: diejenigen, die sich durchsetzen. Wenn die Natur irgendeinen Fehler begeht, wenn es Schwäche gibt, wenn man einen „falschen Schritt" tut oder Krankheit auftritt, bezahlt man es mit dem Leben.

Doch beim Menschen gibt es noch ein drittes Element: Es ist das „Verstandeselement" und noch höhere Fähigkeiten wie z.B. Hingabe, Liebe, Opferbereitschaft, Altruismus, Solidarität und Großzügigkeit. Mit ihrer Hilfe können wir das Gleichgewicht in vielen Lebensbereichen wiederherstellen, Unstimmigkeiten korrigieren, ja sogar heilen und Wesen am Leben erhalten, die von sich aus nicht überleben würden.

Wenn wir dies berücksichtigen, basiert die eigentliche Freiheit, die den Menschen ausmacht, auf der Vernunft. Mit Hilfe der Vernunft läßt sich der Mensch nicht von den Instinkten leiten, sondern übernimmt Verantwortung für die Umgebung und Lebensordnung. Er respektiert das Menschliche. Menschlich frei zu sein bedeutet, Verpflichtungen zu akzeptieren und jedem einzelnen das Recht einzuräumen, sein Leben mit der ihm eigenen Würde zu leben. Frei zu sein bedeutet, das Gesetz anzuerkennen und es zu respektieren.

Demnach ist Freiheit keine „Utopie", sondern ein Ideal, das wir anstreben müssen, da es uns eigen ist.

 

Gleichheit

Mit dem Begriff der Gleichheit ergeht es uns ähnlich. Zunächst können wir sagen, daß uns unser instinktives und vegetatives Leben den Tieren ähnlich macht. Sie alle müssen essen, schlafen... und wir tun dies auch. Während jedoch das Leben in freier Natur in einem Selektionsprozeß abläuft und nur den Tauglichsten (the fittest) das Überleben ermöglicht, ist dies beim Menschen anders. Wir verwechseln Gleichheit mit „Wiederholung", obwohl es eigentlich in der Natur keine wirklich gleichen, also sich wiederholende Dinge gibt. Keine Rose gleicht der anderen.

Im Unterschied zu den Tieren wird das menschliche Leben nicht völlig von automatischen Mechanismen gelenkt. Wir müssen uns z.B. nicht ausschließlich im Frühling fortpflanzen oder zu bestimmten Tageszeiten jagen gehen, um uns zu ernähren. Und sogar innerhalb des instinktiven Erhaltungstriebes gibt es bei den Menschen enorme Unterschiede in den Verhaltensweisen.

Die Menschen sind nicht gleich, denn jeder von uns besitzt einen anderen Charakter, ein anderes Temperament, andere Überzeugungen, Gewohnheiten, Erziehung, Herkunft ... ganz abgesehen von der Vielzahl an äußeren biologischen Unterschieden. Die Menschen gehören verschiedenen ethnischen Gruppen und Völkern an, und was sie tatsächlich eint, ist nicht in den Äußerlichkeiten zu finden. Die Menschen sind durch andere Dinge verbunden als durch rein biologische Faktoren, wie es die Tiere sind.

Die Gleichheit ist daher keine „Utopie", wenn sie aus dem gemeinsamen Erleben einer Idee entsteht. Wenn wir ein Ideal teilen, erlangen wir eine geistige Verbundenheit, denn in der Fähigkeit, eine geistige Erfahrung machen zu können, sind wir alle gleich.

 

Brüderlichkeit

Versuchen wir nun der Brüderlichkeit auf den Grund zu gehen. Der Begriff der „Zugehörigkeit" ist in der Tierwelt angesiedelt, denn er gründet sich auf die notwendigen Mechanismen zur biologischen Erhaltung. Im allgemeinen bilden Tiere Herden zum Schutz der Gemeinschaft. Sie besitzen weder Familientraditionen noch eine eigene Geschichte, die längerfristig fortdauern würde.

Die Menschen können aufgrund der „Reichweite" ihrer Erlebnisse und ihres Verständnisses, das nicht im Instinktiven, sondern in Geist und Moral begründet liegt, „Familien" bilden, die weit über die Blutsverwandtschaft hinausgehen. Der Sinn der Brüderlichkeit liegt darin, so zu leben, als wären wir Brüder und Schwestern. Er besteht darin, Gemeinschaften aufgrund eines gemeinsamen Ursprungs und eines gemeinsamen Ziels zu bilden. Da der Mensch Wissen durch die Vernunft übertragen kann und nicht ausschließlich auf die genetische Information angewiesen ist, kann er Ideen erfassen und Philosoph (Liebender der Weisheit) sein.

Die Brüderlichkeit ist daher auch keine „Utopie", sondern ein anzustrebender Zustand. Denn es gehört zur menschlichen Natur, sich einer Familie zugehörig zu fühlen. Sei es eine Familie, der wir schon seit der Geburt angehören, sei es eine Familie, die erst später gefunden wird - eine Familie, die nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch gemeinsame Ideen und Ideale verbunden ist.

 

Das natürliche Ziel des Menschen

Die drei Elemente Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurden nicht durch die Gene als automatische Information der Natur vererbt. Nur durch die Fähigkeit des Verstandes begreifen wir, daß es außerhalb unserer natürlichen Gegebenheiten noch andere Dinge gibt, die nicht durch das Experiment auf physischer oder biologischer Ebene nachvollziehbar sind. Wenn wir geboren werden, können wir weder sprechen noch schreiben, obwohl es Generationen vor uns konnten. Es sind Funktionen, die aus uns selbst entstehen durch Übertragung von Ideen, durch die Gemeinsamkeit des Geistigen, jedenfalls ohne Zwischenschaltung von automatischen biologischen Mechanismen.

Der Mensch strebt durch seine Existenz nach all diesen Idealen und fragt sich, wohin er mit ihnen gelangt. Denn irgendwohin muß er ja gelangen.

Eine Pflanze würde niemals dem Licht zustreben, gäbe es keine Sonne. Zwar weiß die Pflanze nichts von derer Existenz, doch sie strebt ihr zu. Villeicht wird auch die Pflanze durch die Kraft der Evolution einmal dahin gelangen zu wissen, was die Sonne ist.

Ein Tier lebt nach seinen Instinkten. Es schützt seine Art, kämpft ums Überleben und weiß dennoch nicht, daß all diese Erfahrungen zu seiner Beschaffenheit als lebendiges Wesen zählen. Das Tier weiß nicht, was das Leben ist, es ist sich seiner Existenz nicht bewußt. Doch vielleicht wird es durch die Evolution eines Tages Bewußtsein seiner selbst erlangen und damit auch die Erinnerung in einem höheren Aspekt.

Der Mensch hat als Wesen bereits Bewusstsein erlangt und befindet sich ebenfalls auf einem Weg der Evolution. Auch er hat eine Sonne, auf die er sich zubewegt: Sein Ziel ist die geistige Entwicklung. Der Mensch bemüht sich darum zu verstehen, daß auch er eine Zukunft und eine Entwicklung besitzt. Deshalb stellt er sich Fragen wie: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?...

Was folgt nach dem Menschen in der Kette der Evolution? Diese Frage stellten sich alle Mystiker, Philosophen, Erleuchtete, kurz Menschen aller Zeiten auf der Suche nach Weisheit und Wahrheit. Der Verstand scheint zur Beantwortung dieser Frage nicht auszureichen, ähnlich wie die Pflanze ein weiteres Organ benötigen würde, wie z.B. ein Gehirn, um zu wissen, was die Sonne ist.

Der Mensch vermag Ideen zu erfassen und durch sie ein Ideal zu leben. Die Umsetzung der Ideale in die Praxis wird uns einen weiteren Bewusstseinszustand ermöglichen. So ist Toleranz nicht nur möglich, sondern im Sinne einer Weiterentwicklung der Menschen sogar notwendig.

 

Die Toleranz als Grundlage der Evolution

Das Verständnis dafür, daß jeder Mensch seine eigene Vision dafür entwickelt, wie er seine Ideale in die Praxis umsetzt, sowie der Respekt vor diesen individuellen Praktiken ist Grundlage der Toleranz. Jede Ausübung einer Tugend oder einer Fähigkeit, welche dem Menschen hilft, seine Tierhaftigkeit oder seine Automatismen zu überwinden, trägt dazu bei, Bewußtsein zu entwickeln, und ist ein Schritt in der Evolution. Einige praktizieren dies im Rahmen verschiedener Religionen und Gebräuche, andere vertiefen universelle Ideen zum Wohle der Menschheit und der Forschung, und wieder andere schlagen den Weg des Ausdrucks der Schönheit (z.B. in der Kunst) ein.

Respektieren wir die Voraussetzungen der Freiheit, berücksichtigen wir die Gleichheit der geistigen Natur des Menschen und begegnen wir uns als Brüder und Schwestern, dann ist die Menschheit auf dem besten Weg, Toleranz zu lernen - nicht als Utopie, sondern als Lebensideal.

 

Autorin: Maria Paz de Benito

 

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 72)

 
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