Die Lehren des Don Juan
Carlos Castaneda und der Weg des Kriegers im täglichen Leben
„Ein Krieger ist immer fröhlich, weil seine Liebe unwandelbar ist und weil seine Geliebtte, die Erde, ihn umarmt und ihn mit unvorstellbaren Gaben beschenkt. (...) Deshalb ist sein Leben bis zum Rand erfüllt, und sein Dasein, wie immer es sein mag, ist Überfluss. Er wandert auf den Pfaden seiner Liebe, und wo immer er ist, da ist er ganz und gar."
Als vor 35 Jahren der amerikanische Anthropologiestudent Carlos Castaneda der Schüler eines indianischen Zauberers namens Don Juan wurde und kurz darauf begann, seine Erfahrungen zu veröffentlichen, begegnete der westlichen Geisteswelt eine revolutionäre Weltsicht und Lebensweise, ebenso fremdartig wie faszinierend: der Weg des Kriegers.
Don Juan und seine von Castaneda schlüssig geschilderte Welt des Schamanisch-Zauberhaften haben inzwischen ihren Platz im Denken unserer Zeit gefunden, und, was erstaunlicher ist: Sie trotzen allen Vereinnahmungsversuchen, angefangen von der Hippie- und Drogenszene über die New-Age- und Esoterikvermarkter bis hin zu den Universitätsprofessoren. Der von Don Juan vorgeschlagene Weg ist geblieben, was er immer war: Eine Lebenshaltung, die nicht nur intellektuell inspiriert, sondern vor allem einlädt und motiviert, sie sofort praktisch auszuprobieren. Der Verfasser erlebt seit Jahren in seinen Vorträgen und praktischen Seminaren zu diesem Thema, dass gerade junge, kritische und mit beiden Beinen im Leben stehende Menschen sich für die Bücher Castanedas begeistern und das Gelesene auch anwenden wollen.
So geht es in diesem Artikel weder um eine parapsychologische Deutung bestimmter magischer Zauberphänomene, noch um eine Beurteilung der Drogenerfahrungen Castanedas, die dieser übrigens später selbst als schädlich und gefährlich bezeichnete, sondern um das ethische Herzstück der Lehren Don Juans: Wie lebt man wie ein Krieger?
Zunächst soll aber in groben Umrissen das Weltbild skizziert werden, das dem Weg des Kriegers zugrunde liegt.
Die andere Wirklichkeit
„Die Grundprämisse der Zauberei heißt: Unsere Welt ist nur eine von vielen möglichen Beschreibungen."
Don Juan
Don Juan als Vertreter der toltekischen Zaubertradition lehrt, dass es verschiedene Ebenen der Wirklichkeit und damit auch des Bewusstseins gibt. So schafft und gestaltet unser jeweiliger Aufenthaltsort des Bewusstseins, Montagepunkt genannt, unsere eigene Wirklichkeit. Don Juan unterscheidet zwischen zwei grundverschiedenen Ebenen der Wirklichkeit, nämlich dem Tonal, worunter unsere sichtbare Welt, aber auch unsere Gefühle und Gedanken, letztlich alles der Vernunft Zugängliche fallen, und dem Nagual, der unsichtbaren Welt des Willens und der Zauberer, die nicht beschrieben, sondern nur erlebt werden kann.
Dieses Konzept ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Zum einen erinnert es an andere naturphilosophische Weltbilder, etwa der Inder oder Tibeter, die ebenfalls von der Existenz mehrerer Welten oder Wirklichkeitsebenen sprechen, in denen sich der Mensch bewegen kann. Zum anderen gestaltet der Mensch selbst sein Schicksal, viel umfassender, als selbst moderne Positiv-Denker und Vertreter der selbsterfüllenden Prophezeiung annehmen. „Du bist wie du bist, weil du dir sagst, dass du so bist", belehrt Don Juan seinen Schüler. Die Konsequenz liegt daher auf der Hand: „Unsere Vorstellung, unsere Ansicht von der Welt zu ändern, das ist der springende Punkt bei der Zauberei." Man erinnert sich dabei an Buddha, der uns in seinem heiligen Achtfachen Pfad lehrt, dass wir zunächst unsere Meinungen und Vorstellungen ändern müssen, wenn wir zu anderen Lebensumständen oder gar Handlungen gelangen wollen. Es sei hier noch erwähnt, dass dies nicht nur ein intellektueller, sondern letztlich auch ein spontaner intuitiver Vorgang ist. Die Meditation, etwa im Zen-Buddhismus, dient dazu, den Geist aus den selbstauferlegten Schranken des eigenen Denkens und der eigenen Erfahrung zu befreien. Don Juan nennt diesen Zustand der Erleuchtung das „Anhalten der Welt".
Die Ganzheit des Selbst
„Es kommt nur darauf an, dass ein Krieger makellos ist. Es kommt nur darauf an, dass ein Krieger die Ganzheit seiner selbst erreicht."
Don Juan
Die Ganzheit des Selbst oder die Makellosigkeit ist das Ergebnis dessen, dass sich der Mensch der anderen Wirklichkeiten bewusst wird. Man könnte sie auch umschreiben als ein in allen Ebenen Präsent-Sein und Bewusst-Sein, oder ein umfassendes Leben und Handeln. Don Juan rät seinem Schüler in diesem Zusammenhang, er solle die losen Enden seines Lebens zusammen knüpfen, was soviel bedeutet wie die Harmonie von Wissen und Tun, Kopf und Herz, des Bewusstseins und des Unbewussten herzustellen. Fernöstliche Lehren sprechen in diesem Zusammenhang vom Leben im Dharma (Indien) oder im Tao (China), womit dasselbe Bild, nämlich das Verknüpfen aller Enden unseres Lebens, aller Gedanken, Gefühle und Handlungen mit einem Ziel, nämlich unserem Schicksal, assoziiert werden kann.
„Ein Krieger muss beweglich sein und sich harmonisch mit der ihn umgebenden Welt verändern, sei es die Welt der Vernunft (Tonal) oder die des Willens (Nagual). Die Konsequenz aus dieser Konzeption der Makellosigkeit ist die ständige Vervollkommnung des Kriegergeistes, ein höchst evolutiver Ansatz, wie Don Juan lehrt: „Nach der Vervollkommnung des Kriegergeistes zu streben ist die einzige unseres Menschseins würdige Aufgabe." Dieser Prozess hört niemals auf, sondern fordert ein ständiges Vorwärtsschreiten, ähnlich wie die buddhistische Lehre der rechten Anstrengung. So verlangt der toltekische Zauberer von seinem Schüler Castaneda: „Du musst dich zwingen, deine Grenzen zu überschreiten - immer." Spätestens hier beginnt man zu ahnen, dass es sich bei der Lehre der Tolteken um eine Mysterientradition handelt, mit dem ewig gleichen Ziel: der Vervollkommnung und der Evolution des Menschen.
Der Weg des Kriegers und Jägers
„Jeder Krieger kann ein Wissender werden. Ein Krieger ist ein unfehlbarer Jäger, der die Kraft jagt. Wenn seine Jagd erfolgreich ist, kann er ein Wissender werden." Don Juan
In seinen späteren Werken berichtet Castaneda, dass es sich bei Don Juan um keinen einzelkämpferischen Schamanen handelt, sondern er einerseits eingebettet ist in eine große Gruppe Gleichgesinnter, andererseits diese wiederum in einer uralten Tradition der Überlieferung und persönlichen Ausbildung stehen. Die toltekische Tradition benutzt jahrtausendealte, aus der täglichen Lebenserfahrung gewonnene Metaphern wie Jäger und Krieger für den archetypische Weg des Menschen. Der Weg mit Herz, wie Don Juan seine Tradition auch einmal ausdrücklich nennt, ist selbstverständlich auch von Frauen begehbar.
Die Haltung des Kriegers und Jägers ist flexibel auf jede Lebenssituation anwendbar. So versetzt Don Juan, der seinem Schüler immer nur als typischer, barfüßiger und mit Strohhut bekleideter Indio bekannt war, diesen in Erstaunen, als er ihm in der Stadt als eleganter Geschäftsmann begegnet und ihm eine Lektion über die flexible Anpassung erteilt. Was aber sind nun die archetypischen Erfahrungen des Jägers und des Kriegers? Der Jäger kennzeichnet sich durch die Erfahrung der Jagd, d.h., er hat ein Ziel, nämlich das Wild, und er muss sich zu seiner Erreichung einen Plan machen, diesen flexibel an die Umstände anpassen und durchführen. Don Juan wendet diese Erfahrung auf die Jagd nach dem Wissen an: „Ein Jäger zu sein bedeutet, dass man viel weiß. Es bedeutet, dass man die Welt auf andere Art sehen kann. Um ein Jäger zu sein, muss man in völligem Gleichgewicht mit allem anderen sein, sonst wird das Jagen zu einer sinnlosen Pflicht."
Die Krieger sucht darüber hinaus die Auseinandersetzung auf dem Weg zur Ganzheit des Selbst. Er stellt sich dem archetypischen Kampf in der Dualität der Welt. Er weiß, dass jeder Fehler tödlich sein kann und steht deshalb unmittelbar im Hier und Jetzt. Er hat gelernt, die Erfahrung vor die Theorie zu stellen sowie das Handeln vor das Reden. Er lernt mit der Furcht und dem Tod umzugehen. Hierzu Don Juan: „Das Wissen jagt Furcht ein. Aber wenn der Krieger die beängstigende Natur des Wissens akzeptiert, dann durchkreuzt er seine Furchtbarkeit ... „Ein Mann macht sich auf zum Wissen, wie er sich zum Krieg aufmacht, hellwach, voller Furcht und Achtung und absoluter Zuversicht. Wer sich auf andere Weise zum Wissen oder zum Krieg aufmacht, begeht einen Fehler, und wer ihn immer macht, wird seine Schritte ewig bereuen." Es sei noch erwähnt, dass das Wissen in diesem Sinne oft mit dem Synonym Kraft bezeichnet wird. Es ist kein intellektuelles Wissen, sondern ein durch die eigene Erfahrung mit jeder Faser des Bewusstseins gespeichertes inneres Wissen.
Aus dieser schamanistischen Weltsicht und dem daraus resultierenden Entwicklungsziel des Menschen entwickelt sich ein ethisches System, das anderen naturphilosopischen Lehren wie z.B. der griechischen Stoa, dem Buddhismus oder den Maximen der Bhagavad Ghita frappierend ähnelt. Don Juan belehrt Castaneda, als dieser sich über seine mangelnden Fortschritte in der schamanistisch-parapsychologischen „Kunst des Träumens" beklagt, er würde deshalb keine Fortschritte machen, weil er nicht im Alltag wie ein Krieger lebe: „Für jede einzelne Handlung braucht man die Stimmung eines Kriegers."
Wie aber lebt ein Krieger?
Das Leben als Herausforderung
„Der grundlegende Unterschied zwischen einem normalen Menschen und einem Krieger ist, dass der Krieger alles als Herausforderung annimmt, während der normale Mensch alles entweder als Segen oder als Fluch auffasst."
Don Juan
Man hört immer öfter Klagen, dass wir in einer Zeit leben, in der Abenteuer keinen Platz mehr
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