Der entthronte Wille - ein Plädoyer für die Leidenschaft
Ist Leidenschaft gut oder böse? Sollen Leidenschaften unterdrückt oder ausgelebt werden? Hat die moderne, marktwirtschaftlich orientierte Welt endlich den Menschen im Ausleben seiner Leidenschaften frei gemacht? Oder hat der moderne Homo oeconomicus seine wahrhaften Leidenschaften dem: „ich rechne, also bin ich“ geopfert und ist zum rationalen Nutzenmaximierer geworden bzw. „zur zufriedenen Kuh“ (Fromm)?
„Die Leidenschaft ist immer ein Leiden, auch die befriedigte“, lesen wir bei Marie von Ebner Eschenbach. Bei Georg Friedrich Hegel heißt es dagegen: „Es ist nichts Großes ohne Leidenschaft vollbracht worden“. Leidenschaft wünschen wir alle, aber ist sie ohne die Nebenwirkung Leiden zu haben?
Eine Geschichte der Leidenschaft
Schon im Menschenbild der Antike spielen die Leidenschaften eine große Rolle als Antriebskraft im Menschen, die jedoch von der Vernunft geleitet werden soll. Platon verdeutlicht dies im seither immer wieder bemühten Vergleich mit einem von zwei Pferden gezogenen Wagen. Ein Pferd ist gut und gehorsam, das andere aber störrisch und eigenwillig. Dadurch gelingt es dem Wagenlenker kaum, die Richtung zu halten und den Wagen gezielt zu lenken. Erst wenn die menschlichen Leidenschaften und Laster vom „Wagenlenker“ Vernunft gezähmt sind und sich von ihr leiten lassen, dienen die Pferde als wesentliche Antriebskräfte auf unserem Lebensweg, ansonsten bringen sie uns eher von unserem Weg ab oder gar zu Fall.
Die Stoa empfiehlt eine Askese, ein Sich Enthalten von den Leidenschaften, indem wir uns das Leiden danach ausmalen und nicht die Freuden davor, also z.B. uns unangenehmes Völlegefühl und Übelkeit vorstellen anstatt den Genuss des dritten Tortenstücks. So erlangt der Mensch eine Ataraxis, eine Unerschütterlichkeit und Seelenruhe gegenüber seinen aufrührerischen Leidenschaften.
Auch die Epikuräer erstreben diesen Seelenfrieden, indem sie aber den Leidenschaften freien Lauf lassen. Gemeint ist kein hemmungsloses Ausleben aller niederen Triebe, sondern die Energie der Leidenschaften auf immer höhere und edlere Ziele zu richten.
Im Christentum wurde weitgehend die asketische Moral der Stoa übernommen, und die Leidenschaften wurden mehr und mehr dämonisiert. In der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung galten Adel und Geistlichkeit durch ihre Erziehung und Gottergebenheit als über den Leidenschaften erhaben, während das Volk diesen Dämonen beinahe hilflos ausgeliefert war. Die ans Licht gekommenen Ausschweifungen der Obrigkeit gipfelten schließlich in Reformbewegungen und Kirchenspaltung. Keiner hat die Hemmungslosigkeit dieser Zeit so beißend dargestellt wie der Maler Hieronymus Bosch.
Die Neuzeit bringt auch eine neue Idee im Umgang mit den Leidenschaften: man solle die Leidenschaften durch die Leidenschaften selbst bekämpfen, um so ein Gleichgewicht der Kräfte herzustellen. Neben Francis Bacon, Spinoza und Hume findet sich diese Idee auch bei Adrien Helvetius, der Leidenschaften und Interessen voneinander trennt.
Interessen sind sozusagen die „harmlosen Leidenschaften“, die zu einem besonnenen Zusammenleben führen. Von späteren Denkern wird beispielsweise die Habgier in diesem Sinne verharmlost, da sie ja immerhin die verschwenderische Genusssucht in Schach hält. Neu am Gedankengang der Interessen ist, dass es einerseits nicht um das ethisch Gute geht, sondern was führt zum Ziel, und andererseits nicht um das aus der Welt Schaffen der Leidenschaften, sondern wie macht man diese vernünftig und berechenbar.
Die ökonomische Zügelung der Leidenschaft
Der moderne Mensch ist vor allem ein rationaler Mensch. Die Vernunft blendet das Leidenschaftlich-Triebhafte aus, ihr widerstrebt es, die Herrschaft zu verlieren. Erst Siegmund Freud wird mit seiner Theorie des Unterbewussten diesen Teil des Menschseins wieder ans Licht bringen.
Der Klassiker der modernen Wirtschaftswissenschaft Adam Smith trennt ebenfalls zwischen „verwertbaren“ Interessen und „unbrauchbaren“ Leidenschaften. Die Wahrnehmung der eigenen Interessen hält seiner Meinung nach die Wirtschaft in Gang und versorgt die anderen mit dem Lebensnotwendigen. „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen“, bringt er es auf den „marktwirtschaftlichen“ Punkt. Sein Vertrauen in die positive Wirkung des Strebens nach Vorteil und Reichtum gewinnt Smith aus seinem Gottesglauben. Vom Schöpfer - so seine Überzeugung - ist die Welt so eingerichtet, dass selbst aus Unvernunft und Laster der Menschen noch Heil entsteht. Das Heil der Menschheit ist daher auch getrost Gottes Fügung zu überlassen, ja es scheint geradezu menschliche Anmaßung zu sein, sich dafür verantwortlich zu fühlen.
Man könnte sein Konzept salopp folgendermaßen charakterisieren: Wenn Müßiggang aller Laster Anfang ist, dann ist möglicherweise Geschäftigkeit (im wörtlichen Sinn des Geschäftemachens) aller Laster Ende. So wurden Habgier und egoistisches Streben nach dem eigenen Vorteil unter dem Titel „Interessen“ salonfähig. Der rationale Homo oeconomicus hat seine Entscheidungen demnach nicht mehr mit seinem Gewissen nach moralisch gut oder schlecht zu treffen, sondern sie sind zu einer einfachen Kosten-Nutzenrechnung geworden.
In den Worten des Wirtschaftsethikers Peter Ulrich: „'Ich rechne, also bin ich' – lautet die Identitätsformel des im Übrigen identitätslosen Homo oeconomicus.“ Wo bleibt die Leidenschaft? Der rationale Rechner aber legt wenig Leidenschaft an den Tag. Im Gegenteil, die menschlichen Beziehungen werden berechnend und von gegenseitiger Interessensbefriedigung getragen. „Wer nützt mir wozu“ schafft eher ein unterkühltes und steriles Klima denn ein leidenschaftlich-herzliches. Natürlich leben im Menschen auch weiterhin die menschlichen Bedürfnisse wie Anerkennung, Liebe, Unabhängigkeit, Glück, die jedoch alle auf der Spielwiese der Konsumgüter ausgelebt werden. Denn mit einem speziellen Auto, einem speziellen Kleid, einer speziellen Marke wird all dies gleich mitverkauft.
Der Mensch widmet sich also nicht mehr voll Leidenschaft seiner Arbeit, seiner Berufung, um sein Glück zu finden, sondern strebt nach Gütern, die ihm dieses Glück verheißen, bzw. noch schlimmer nach dem Geld, mit dem er – theoretisch – dieses Glück in Händen hält. Diese Form von Reduktion des Menschen auf ein „Konsumtier“, dieses Fehlen von wahrer menschlicher Leidenschaft und Sehnsucht geißelt Friedrich Nietzsche in seinem Zarathustra: „'Wir haben das Glück erfunden' - sagen die letzten Menschen und blinzeln. ... Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife. Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. ... Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. 'Wir haben das Glück erfunden' sagen die letzten Menschen und blinzeln.“
Der entthronte Wille
Nach dieser Betrachtung der Geschichte der Leidenschaft stellt sich gerade angesichts der Ambivalenz und heutigen Verwirrung in diesem Thema die Frage: was ist nun die menschliche Leidenschaft und wie sollen wir sinnvollerweise mit ihr umgehen?
Das klassische Menschenbild versteht den Menschen als ein dreiteiliges Wesen von Körper, Seele und Geist. Mit Geist wurde nicht das menschliche Denken gemeint, dies gehört der Seele an, sondern der unsterbliche Teil des Menschen, vergleichbar mit der Monade bei Leibniz oder dem Atma der Inder. Es ist der göttliche Wille des Menschen, der sich in der Welt manifestiert, der Wille zur Existenz. Dieser Wille umfasst den gesamten Menschen; wenn er in die seelische Dimension herabsteigt, wird er zum Verlangen, zum Wunsch, zur Begierde, in der körperlichen Dimension zu den Trieben und Instinkten. So wie der Wille in der geistigen Dimension die Triebkraft ist, von der wir jedoch wenig merken, weil unser Bewusstsein sich kaum in dieser Dimension aufhält, so ist unser Verlangen die Triebkraft unseres seelischen Lebens und damit – gemäß unseres derzeitigen Bewusstseins – unserer aktuellen Existenz. Ohne Wünsche, ohne Begierden wären wir antriebslos.
Der Unterschied zwischen Wille und Verlangen besteht in der „Regierung“: während der Wille vom Geist gelenkt wird, ist das Verlangen der Sklave der materiellen Welt, es bestimmt sich nicht selbst, sondern wird von Anziehung und Abstoßung, Sympathie und Antipathie, Moden und sonstigen Äußerlichkeiten beherrscht. Das Verlangen ist der entthronte Wille, der Gefangene der materiellen Welt. Je stärker nun der Wille bzw. das Verlangen ist, umso größer ist die Wirkungskraft eines Charakters. Wenn das Verlangen nun zu einem dauerhaften Drang wird, von dem das gesamte Fühlen und Denken des Menschen durchdrungen ist, spricht man von einer Leidenschaft.
Das leidenschaftliche Verlangen ist also eine andauernde und daher umso wirkungsvollere Triebkraft. Diese Triebkraft zu zerstören kommt dem Ausspannen der Pferde aus Platons Wagen gleich, wodurch der Wagen zur Bewegungslosigkeit verdammt ist. Die Leidenschaft ist demnach eine wesentliche Kraft unseres Menschseins, vergleichbar den Pferden bei Platon, nur muss man sie zu zügeln wissen.
Die Macht des Denkens
Im Allgemeinen aktiviert die Leidenschaft das Denken. Das Denken erstellt einen Plan und führt so zur Handlung. Das Denken ist somit die Schaltstelle zwischen Antrieb und Umsetzung in die Tat. Mit dem Denken können wir also die Richtung der Leidenschaft verändern und damit auch unser Handeln.
Wenn unsere Vernunft begreift, dass beispielsweise das Verlangen nach dem dritten Tortenstück letztlich nur Leiden gebracht hat, wird sie sich das nächste Mal weigern, dem Verlangen nachzugeben. So können „niedrigere“ Leidenschaften mit der Zeit „ausgehungert“ und in höhere, sinnvollere Leidenschaften verwandelt werden. In dem Maße, wie unsere Vernunft die Herrschaft über die Begierden erlangt, beginnt ein sukzessiver Verwandlungsprozess unseres Verlangens in den eigentlichen Willen.
Dies meint Platon mit dem Wagenlenker, der seine Pferde so unter Kontrolle gebracht hat, dass sie den Wagen zu jedem gewünschten Ziel führen. So kommt es zum sprichwörtlichen Kampf mit unserem Schweinehund. Die Leidenschaft drängt uns vorwärts, die Vernunft, in Erinnerung an frühere, daraus entstandene Leiden, hält uns zurück. Letztlich ist dieser Kampf nicht durch ein Ausrotten noch durch ein Rationalisieren, noch durch ungezügeltes Ausleben der Leidenschaften zu gewinnen, sondern durch ein Ausrichten unserer Leidenschaften auf höhere Werte und Ziele.
Den niederen Leidenschaften permanent nachzugeben führt uns zum „Murmeltieralltag“. Wie im Spielfilm „Und täglich grüßt das Murmeltier“ streben wir immer nach denselben Dingen, um damit immer wieder dasselbe Leiden zu schaffen, bis wir unser Streben schließlich auf höhere Ziele richten, wie z.B. auf Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit oder Gerechtigkeitssinn.
Ein Plädoyer für die Leidenschaft
In diesem Sinne muss die Leidenschaft wieder Einzug in unsere berechenbar, rationale Welt halten. Denn längst hat dieser amputierte menschliche Seelenteil nachzuwachsen begonnen, allerdings in einem entstellten Wildwuchs.
Der Terror des 11. September hat nach dem amerikanischen Politikwissenschafter Francis Fukuyama seine Wurzeln genau in diesem blindwütigem Wiedererwachen der Leidenschaften, denn die Menschen „... werden dagegen aufbegehren, undifferenzierte Mitglieder eines universalen, homogenen Staates zu sein, die überall auf dem Globus gleich sind. ... Sie wollen Ideale, für die sie leben und sterben können, und sie wollen ihr Leben riskieren,...“.
Um sein Leben zu riskieren, muss man weder Extremsportler noch Selbstmordattentäter werden. Für den Philosophen bedeutet dies, die Fesseln eines kleinkarierten, angepassten und egoistischen Lebens abzuwerfen, sich von seinem Fernsehstuhl zu erheben und das Denken selbst in die Hand zu nehmen, seine niederen Leidenschaften in höhere zu verwandeln, jede Tätigkeit voll Leidenschaft auszuüben, voll Leidenschaft für das Gute, Schöne und Gerechte einzutreten.
Dies ist es, was der italienische Renaissancephilosoph Giordano Bruno als Heroische Leidenschaften bezeichnet, jene Leidenschaften, die nicht Leiden sondern inneren Seelenfrieden schaffen.
Autor: Hannes Weinelt
(Aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 112)
|