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Unsere Ideen werden eure überwinden“

Der Überlebenskampf

der nordamerikanischen Indianer

 


Where is the thicket? Gone. Where is the eagle? Gone. And what is it to say good-bye to the swift pony and the hunt? The end of living and the beginning of survival. “

(„Wo ist das Dickicht? Verschwunden. Wo ist der Adler? Verschwunden. Und was heißt es, sich von dem schnellen Pony und der Jagd zu verabschieden? Das Ende des Lebens und der Beginn des Überlebens. ")

(Rede des Häuptlings Seattle)



Der Direktor des National Congress of American Indians, Vine Deloria, ein junger Sioux, war einmal zu einem Kongress nordamerikanischer Minderheiten eingeladen. Thema des Abends waren Finanzierungsmethoden für die Menschenrechtsprojekte. Einem angesehenen schwarzen Bürgerrechtler wurde Deloria als ein Vertreter von „Red Power“ vorgestellt. Der Ehrengast zog die Brauen hoch und lächelte etwas peinlich berührt:
„Nein, wir wollen keine „Red Power", meinte er, „und außerdem, seid ihr da nicht etwas eingebildet? Was können die wenigen von euch schon erreichen?" „Red Power wird siegen“, entgegnete der junge Sioux, „Wir kämpfen nicht mehr um das physische Überleben. Wir kämpfen für das ideologische Überleben. Unsere Ideen werden eure überwinden. Wir werden das gesamte Wertesystem des Landes in Stücke reißen. Es spielt keine Rolle, dass es nur

500.000 von uns gibt. Was zählt, ist, dass wir eine bessere Lebensweise besitzen. Wir Indianer haben eine menschlichere Lebensphilosophie. Wir Indianer werden dem Land zeigen, wie man menschlich handelt. Eines Tages wird dieses Land seine Verfassung überarbeiten, und seine Gesetze werden den Menschen und nicht das Eigentum in den Mittelpunkt stellen. Wenn Red Power eine Macht in diesem Land wird, dann deswegen, weil es eine ideologische Bewegung ist."


Diese kurze Rede, die seinerzeit im gesamten Kongress auf staunendes Unverständnis stieß, ist beispielhaft für das
Selbstverständnis einer neuen Generation von Indianern. Man fragt sich unwillkürlich, wie ein Volk, das noch vor 80 Jahren akut vom Aussterben bedroht war, die Kraft für derartige Visionen gefunden hat. Wie sollte eine Minderheit, die heute weniger als ein Zweihundertstel der US-amerikanischen Bevölkerung ausmacht, das gesamte Wertesystem des Landes verändern können? Dieser Artikel setzt sich das Ziel, dieses nur scheinbar größenwahnsinnige Ansinnen verständlicher zu machen. Dazu ist jedoch zunächst ein Blick in die Geschichte notwendig.



500 Jahre USA - die Geschichte eines Überlebenskampfs

Als die ersten Europäer den amerikanischen Kontinent betraten, lebten dort schätzungsweise 10 Millionen Ureinwohner (Die Schätzungen weichen stark voneinander ab. Andere Quellen sprechen von nur 5 oder sogar von über 30 Millionen).

Um die Jahrhundertwende erreichte die Bevölkerungszahl ihren Tiefpunkt von 250 000 Indianern. 1980 war die Zahl wieder auf 1,4 Millionen gestiegen, immer noch weniger als die schwarze Bevölkerung von Harlem. Mehr als die Hälfte lebt unter sehr ärmlichen Verhältnissen in den etwa 160 000 Quadratkilometer großen Reservaten, einem Sechzigstel ihres ursprünglichen Siedlungsgebietes, und selbst diese meist sehr trockenen und unfruchtbaren Gebiete stehen weitgehend unter Regierungsverwaltung.


Um eine Rechtfertigung dieser Landnahm
e waren die weißen Siedler nie verlegen. In der Bulle „Inter cetera“ erklärte der Papst bereits 1493, das Recht der spanischen Eroberer leite sich aus ihrem Christianisierungsauftrag ab. 1512 erließ die spanische Regierung ein als „Requerimiento“ bezeichnetes Dekret, das die Heiden unter Berufung auf die göttliche Autorität des Papstes zur Bekehrung aufforderte und bei Nichtbefolgung mit Gewalt drohte. Das Dokument war vor jedem Angriff von einem Notar in vollem spanischen Wortlaut vorzulesen. Dass die Indianer kein Wort der Erklärung verstanden, spielte selbstverständlich keine Rolle, ging es doch im wesentlichen um den Schein einer moralischen Rechtferti­gung – eine groteske Farce wie die mei­sten der späteren Versuche, den Land­raub auf eine legale Grundlage zu stellen. Man berief sich auf Aristoteles, demzu­folge bestimmte Menschen von Natur aus minderwertig und daher zu versklaven seien, oder man griff ein aus Gründen der Menschlichkeit, indem man den India­nern Kindermord, Inzest und Leichen­schändung vorwarf. (Diese und weitere Beispiele nachzulesen bei Feest, Christi­an F., „ Das rote Amerika", S. 29 f.)


Verträge wurden meist erst dann ge­schlossen, wenn die Indianer in die schlechtere Verhandlungsposition gera­ten waren. Man machte ihnen kleine wertlose Geschenke und berief sich spä­ter darauf, damit hätte man ihr Land erworben. Oft wurden die Verträge nur mit kleinen, nicht repräsentativen Unterab­teilungen der Stämme abgeschlossen; dennoch beanspruchte man deswegen das gesamte Stammesgebiet. Insgesamt geht man von über 300 gebrochenen Ein­zelverträgen aus; zumindest bis zum An­fang dieses Jahrhunderts ging es den weißen Einwanderern nicht darum, ei­nen tragfähigen Kompromiss mit der Ur­bevölkerung zu schließen – vielmehr war das Endziel die totale Verdrängung bzw. Assimilation der Indianer. Die berühmte Redewendung in Western „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“ war 400 Jahre lang bittere Realität für die Betrof­fenen. Selbst Indianerfreunde stellten schon im 16. Jahrhundert bedauernd fest, es gäbe zur Vernichtung der roten Rasse keine Alternative.


Später trat an die Stelle der physischen
Vernichtung immer mehr eine geistige: Die Indianer sollten ihre Sprache, ihre Religion, ihre gesamte Identität aufgeben, denn anders konnte man sich ein erträg­liches Zusammenleben miteinander nicht vorstellen. Kinder wurden ihren El­tern entrissen und in weiße Missions­schulen gebracht. Man gab ihnen christ­liche Namen, verbot ihn bei drakonischer Strafe die Verwendung ihrer Mut­tersprache und versuchte so, sie zu Weißen mit farbiger Haut zu machen. Kehrten sie als Erwachsene zu ihrem Volk zurück, waren sie meist gebrochene Menschen ohne jede Identität. Sie hatten weder Verständnis für die Lebensweise ihrer Eltern noch waren sie imstande, die­se zu praktisieren; von den Weißen wur­den sie nach wie vor als Bürger dritter Klasse betrachtet – sie gehörten nirgend­wohin.


Eine Geschichte, die bei vielen Indianer­
stämmen bekannt ist, erzählt von dem getauften Indianer, dem der Einlass in den christlichen Himmel wegen seiner Haut­farbe verwehrt wird; aber auch die ewi­gen Jagdgründe darf er nicht betreten, weil er sich zu Christus bekannt hat. Ein Schicksal, das ausdrückt, wie es vielen der „Umerzogenen“ schon zu Lebzeiten erging: Niemand öffnete ihnen die Tür. 1811 beschrieb der Seneca-Häuptling Red Jacket ihre Situation folgender­maßen: „Sie sind leicht entmutigt und verzetteln sich; von den Indianern wer­den sie verachtet, und von den Weißen werden sie missachtet – und für keine der beiden Gruppen sind sie wertvoll. Sie sind weniger rechtschaffen als die Indianer und vielleicht verkommener als die Weißen..."


Man kann sich als Europäer nur sehr
schwer eine Vorstellung davon machen, was dieser kulturelle Holocaust für die Betroffenen bedeutete. Aber vielleicht ist es hilfreich, sich einmal vorzustellen, München würde von einer Horde India­ner eingenommen; die Stadt würde zer­stört; sämtliche Kinder gewaltsam ent­führt; man müsse ihnen eine höhere Zi­vilisationsform vermitteln. Deswegen würden sie gezwungen, nur noch die Sprache der Sioux zu sprechen, auf die Jagd zu gehen, zu Manitou zu beten. Stel­len wir uns weiter vor, diese Kinder kä­men nach zwanzig Jahren als Erwachse­ne zurück, bekleidet mit einem Lenden­schurz, der deutschen Sprache nicht mehr mächtig – wo würden sie hin­gehören? Wer würde sie verstehen?


Den damaligen Exekutoren fiel die Un­geheuerlichkeit ihres Vorgehens nicht sonderlich auf. Sie glaubten sogar, den Kindern Gutes zu tun und sahen in der Umerziehung die einzige Überlebens­
chance. In subtilerer Form findet man die Negierung der indianischen Kultur noch heute in unserem Sprachgebrauch: 1995 hatte die wenigsten Weißen Probleme damit, das Jubiläum der „Entdeckung“ Amerikas zu feiern. 1973 demonstrierte der Chippewa-Indianer Adam Nordwall ziemlich drastisch, welche Assoziationen diese Sprache beim indianischen Hörer auslöst: Er reiste in die Heimat von Chri­stoph Kolumbus, nach Italien, rammte dort seinen Speer in den Boden und pro­klamierte die „Entdeckung“ Italiens. Dann gab er Italien in einer großzügigen Geste den Italienern zurück.


1830
beschloss der amerikanische Kon­gress den „lndian Removal Act“, der die notfalls gewaltsame Umsiedlung ganzer Völker in ein Gebiet westlich des Missis­sippi vorsah — in ein Land, das man be­reits den dort siedelnden Indianern „ver­kauft“ hatte. Nicht alle Stämme akzep­tierten diese Umsiedlung, die man heute nicht weniger beschönigend als „ethni­sche Säuberung“ bezeichnen würde. Die Irokesen und Seminolen etwa verwickel­ten daraufhin die Armee in lange, blutige Kriege und lieferten den Weißen so den Vorwand für brutale Strafaktionen. Die Nez Percés-Indianer versuchten 1877 der Zwangsumsiedelung durch die Flucht n a c h K a n a d a zu entgehen. Unter der Führung des berühmten Häuptlings Chief Joseph gelang es 600 Männern, Frauen und Kindern über 2000 Kilometer immer wieder, den weißen Verfolgern zu ent­kommen. Mit einer heute noch ange­wandten, genialen Guerillataktik durch­brachen sie dabei vier nordamerikani­sche Armeegruppen. Kurz vor der kanadischen Grenze erlitten sie die ent­scheidende Niederlage; die meisten Krie­ger waren getötet, viele Frauen und Kin­der verhungert oder erfroren. Chief Jose­phs kurze Kapitulationsrede ist eines der erschütterndsten Dokumente der Tragik des indianischen Schicksals: „Ich bin des Kämpfens müde. Unsere Häuptlinge sind getötet... Die Alten sind alle tot... Die klei­nen Kinder kommen um vor Kälte. Meine Leute, einige von ihnen, sind fortgelaufen in die Berge, und sie haben keine Decken, keine Nahrung. Niemand weiß, wo sie sind — vielleicht kommen sie um vor Kälte. Ich möchte Zeit haben, nach meinen Kindern zu schauen und zu se­hen, wie viele ich finden kann. Vielleicht finde ich sie unter den Toten. Hört mich an, meine Häuptlinge! Ich bin müde; mein Herz ist krank und traurig. Vom jetzigen Stand der Sonne an werde ich nicht mehr kämpfen — nie mehr."


Insgesamt scheiterte diese Phase
der Umsiedlungspolitik. Deswegen gingen die Behörden seit der Mitte des 18. Jahrhunderts dazu über, einen sehr kleinen Teil der Stammesgebiete unter den ein­zelnen Stammesmitgliedern aufzuteilen. Man wollte den India­nern die Idee des Privateigen­tums vermitteln, ohne Rücksicht darauf, dass die einzig sinnvolle Verwendung dieser Parzellen - der Ackerbau - ihnen als Jäger - und Sammlerkultur völlig fremd war. Auch diese Methode, die im General Allotment Act von 1887 auf alle Stämme angewandt wur­de und teils auch von Indianerfreunden begrüßt wurde, erwies sich als Fehlschlag. Den India­nern, die mit den Tücken des weißen Wirtschaftssystems nicht vertraut waren, wurde das weni­ge Land sukzessive von gerissenen weißen Bodenspekulanten abgeluchst. Der Teil, der unter Regie­rungsverwaltung stand, war mit einem Verkaufsverbot belegt und den einzelnen Indianern zur Nutzung zugeteilt; da Nut­zungsrechte nur im Erbgang übertragen werden konnten, war das Land bald hoff­nungslos zerstückelt - die Nutzungsbe­rechtigten lebten teils Hunderte von Mei­len entfernt und waren nicht mehr dazu in der Lage, das Land zu bewirtschaften. Der General Allotment Act fand auch im 20. Jahrhundert in neuem Gewand An­wendung. Die so genannte „Terminati­onspolitik“ brachte z.B. den wirtschaftli­chen Zusammenbruch für die bis dato völlig autarke Siedlung der Menominees (3000 Mitglieder). Was von Wohlmei­nenden als Entlassung der Indianer in die Selbständigkeit konzipiert war, die Auf­lösung der Reservation und die Auftei­lung des Stammesvermögens unter den einzelnen Stammesmitgliedern, führte zum Bankrott der vorher florierenden Sä­gemühle, welcher der Stamm seine wirt­schaftliche Existenz verdankte.


Die Geschichte des gewaltsamen india
nischen Widerstandes endete 1890 in der Tragödie am Wounded Knee: Nach der Ermordung von Sitting Bull versammelte Häuptling Big Foot an die hundert Krieger zu bewaffnetem Widerstand. Diese wurden besiegt, entwaffnet und samt weiterer 200 Frauen und Kinder gefangen genommen. Man weiß heute nicht mehr genau, warum die Situation damals eskalierte – löste sich ein Schuss, oder leistete einer der Gefangenen doch noch Widerstand? Jedenfalls wurde aus der Auseinandersetzung ein Massaker, in dem alle 300 Indianer und 31 Soldaten umkamen. Bis heute ist Wounded Knee eines der wichtigsten Denkmäler indianischen Widerstandes.


Da Gegengewalt nicht fruchtete und die
weißen Gerichte (bis heute) kaum indianische Ansprüche anerkannten, entwickelte sich ab etwa 1890 eine neue Form von Widerstand, die sich auf kultureller Ebene abspielte.



Indianisches Selbstverständnis und Kulturbewusstsein heute

Als Reaktion auf den rapiden Bevölkerungsschwund und dem darauf folgenden sozialen und kulturellen Zusammenbruch gaben viele Indianer ihre Bemühungen auf, sich einen Platz in der weißen Gesellschaft zu suchen. Sie versuchten, ihre Sprachen wieder zu beleben, zu alten Gesellschaftsformen und religiösen Kulten zurückzukehren. An welche Schwierigkeiten sie dabei bis heute stoßen, zeigt das Zitat einer Yokut-Frau: „1 am the last full blond Chunut left. My children are part Spanish. I am the only one who knows the whole Chunut and Wowol language. When 1 am gone, no one will have it. 1 have to be the last." („Ich bin die letzte Echtblütige des Chunut-Stammes. Meine Kinder haben zum Teil spanisches Blut. Ich bin die einzige, die noch die Chunut- und Wowolsprache spricht. Wenn ich sterbe, wird sie keiner mehr kennen. Ich werde die letzte sein.“). Ihr Widerstand ist mittlerweile ein Wettlauf gegen die Zeit.


Welche Welten oft zwischen den Indianern und Weißen liegen, zeigt eine groteske Geschichte aus den siebziger Jahren: Die Indianer rund um Oklahoma
wurden von einer Welle von Hausdurchsuchungen heimgesucht. Auf der Suchliste standen Waffen, Rauschgift und Federn. Insgesamt wurden dabei 40 000 Federn unter Berufung auf das Zugvogelschutzgesetz konfisziert. Die Indianer beriefen sich auf ihre Religionsfreiheit und sahen im Vorgehen der Behörden einen gezielten Angriff auf ihre religiöse Kultur unter dem Vorwand des Vogelschutzes. Indirekt bestätigte die Regierung diese Vermutung zumindest teilweise: Sie erließ eine Richtlinie, der zufolge für jede kultisch verwendete Feder ein ornithologisches Gutachten beizubringen sei – eine fast unmögliche Forderung. In der Folge brachen auch ganze traditionelle Arbeitszweige, wie der Verkauf der von den Hopis produzierten, mit Federn geschmückten Katschinapuppen zusammen, weil die Händler sich weigerten, die Produkte ohne Gutachten anzunehmen. Es fällt schwer zu glauben, dass sich in dieser Konstellation kein gangbarerer Kompromiss angeboten hat.


Wie schlecht die materielle Lage vieler Indianer immer noch ist, wurde besonders bei der Besetzung der ehemaligen Gefangeneninsel Alcatraz deutlich. Ent
sprechend einem Vertrag der Sioux aus dem Jahr 1868 nahm eine Aktionsgruppe der „Indianer aller Stämme“ die Insel am 9.11. 1969 in Besitz. Obwohl die US-Regierung nach und nach die Strom- und Wasserleitungen still legte, konnte Alcatraz, das durch intensive Medienberichterstattung immer mehr zum Symbol indianischen Widerstands wurde, über anderthalb Jahre lang gehalten werden. Sie bezahlten für die Insel symbolisch 24 Dollar unter Zugrundelegung eines Quadratmeterpreises, der höher war als jede Vergütung für Indianerland vorher, und begründeten die Besetzung in ihrer Abschlussproklamation mit folgenden Worten:

Wir haben das Gefühl, dass die Insel –Alcatraz genannt – mehr als geeignet für eine Indianer-Reservation ist, gemessen an den ureigenen Vorstellungen der Weißen. Damit meinen wir, dass dieser Ort den meisten indianischen Reservationen in folgenden Punkten gleicht:

  1. Er ist abgeschlossen von den modernen Errungenschaften und ohne entsprechende Transportmittel.

  2. Er hat kein frisches, fließendes Wasser.

  3. Er hat ungenügende sanitäre Einrichtungen.

  4. Es gibt keine Öl- und Mineralschürfrechte.

  5. Es gibt keine Industrie, und die Arbeitslosigkeit ist sehr groß.

  6. Es gibt keine Gesundheitsfürsorge.

  7. Der Boden ist felsig und unfruchtbar.

  8. Es gibt kein Erziehungssystem.

  9. Die Bevölkerung war immer größer als die Landbasis.

  10. Die Bevölkerung wurde immer gefangen gehalten und lebte in Abhängigkeit von anderen."

Ferner wurde die Gründung eines indianischen Studien-, Religions- und Ökologiezentrums auf der Insel angekündigt. Auf Alcatraz folgte eine ganze Lawine weiterer Aktionen, in deren Mittelpunkt Jagd- und Fischereirechte, der Schutz der Wälder vor Holzschlägertrupps und Umweltverschmutzung oder heiliger Stätten wie der Black Mesas im Hopigebiet vor der finanzkräftigen Kohleindustrie. Die meist friedlichen Demonstrationen und Sit-ins (Sitzkreise) wurden meist mit Gewalt, Verhaftungen und Anklagen beantwortet.


Im Folgenden sollen einige Leitlinien der
neu-alten indianischen Weltsicht dargestellt werden, die der Beweggrund für ihren neuen Widerstand sind:


Respekt vor allen Lebewesen


Die Wiederbelebung des indianischen Kulturverständnisses hat dazu geführt, dass heute viele Indianer die Lebensweise und Weltsicht ihrer Väter wieder hochhalten. Frustriert von den hoffnungslosen Versuchen, in den Städten, dem Schul- und Wirtschaftssystem der Weißen Fuß zu fassen, kehrten sie zurück zu einer fast ausgestorbenen Lebenshaltung, in deren Zentrum das Bewusstsein für die Verwandtschaft aller Dinge steht. Von den Steinen über die Tiere und Pflanzen bis zum Menschen ist alles von ein und demselben Lebensgeist durchdrungen. Etwas Göttliches wirkt in allen Dingen – aus dem tiefen Respekt und der Bescheidenheit angesichts der Begrenztheit des menschlichen Verstandes heraus nennen die Indianer dieses göttliche Prinzip oft nur das „Große Geheimnis“. Wenn ein Bagger die Erde aufreißt, um zu einem Kohlelager vorzudringen, kommt das für einen religiösen Indianer dem Wühlen in den Eingeweiden seiner Mutter Erde gleich. Auch die Tiere und Pflanzen werden als Brüder und Schwestern empfunden, die man nur zum Überleben tötet, und nur, nachdem man sich zuvor angemessen dafür entschuldigt hat. Man möge darüber nicht lächeln. Wie viele von uns wären wohl Vegetarier, wenn sie das Tier, das ihr Schnitzel liefert, selbst schlachten müssten?


Es gibt kein grenzenloses Wachstum


Die Abhängigkeit unseres gesellschaftli­chen Systems vom permanenten wissen­schaftlichen, technologischen und öko­nomischen Fortschritt ist spätestens seit dem Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ (1972) als ge­fährlicher Irrtum entlarvt worden. Dem traditionellen indianischen Denken war diese Vorstellung immer fremd: Nichts kann ins Unendliche wachsen, alles ist in den Zyklus von Geburt, Wachstum und Sterben eingeschlossen. Dem Fortschrit­tsgedanken setzen die Indianer deswe­gen die Idee der „Angemessenheit“ ent­gegen: jede moderne Technologie darf nur insoweit angewandt werden, als sie das Gleichgewicht der Natur nicht be­einträchtigt.

Gegen die Verherrlichung des Individualismus
 

Die Forderung nach dem Recht aller auf „pursuit of happiness“ (Streben nach Glück), das ursprünglich einmal als In­begriff demokratischer Freiheit in die amerikanische Verfassung einging, ver­stehen viele Vertreter von „Red Power“ als einen Freibrief, sich auf Kosten aller anderen und im Rahmen laxer Gesetze so rücksichtslos wie möglich zu berei­chern. Es wird kritisiert, dass dieser Indi­vidualismus hauptsächlich ökonomisch verstanden wird, während die weiße Mehrheit andererseits wenig Verständnis für die andersartige indianische Weltsicht aufbringt. Überspitzt ausgedrückt: Man dürfe tun, was man wolle, aber nur, wenn es dabei um Gelderwerb gehe.


Moderne Gesellschaft kontra
Stammessystem
 

In seiner satirisch gehaltenen Abhand­lung „Nur Stämme werden überleben“ kritisiert Vine Deloria die Vereinsamung des einzelnen in der weißen Gesell­schaft. Sie rühre daher, dass der Mensch letztlich hauptsächlich nach seiner fi­nanziellen oder intellektuellen Leistung beurteilt werde, nicht nach seinen menschlichen Qualitäten. In einem in­takten indianischen Stammessystem spielten dagegen die sozialen Fähigkeiten die viel größere Rolle; der Wert eines Menschen werde in erster Linie daran ge­messen, ob dieser sich menschlich ver­hält, zur Gemeinschaft beiträgt, die Schwächeren unterstützt usw.


Diese Liste könnte noch weiter verlängert werden. Aber das Obenstehende reicht wohl aus, um deutlich zu machen, dass es den „New Indians“, den Vertretern der Red Power, längst nicht mehr nur um Land geht. Sie erfassen die sozialen und ökologischen, ja die allgemein mensch­lichen Probleme genauer, tiefer gehender und konsequenter als die große Mehrheit ihrer weißen Nachbarn. Die zahllosen Warnungen und Prophezeiungen der In­dianer (am bekanntesten die der Hopi), die sich mit dem Untergang des weißen Gesellschaftsmodells befassen, finden immer mehr Bestätigung in den Statisti­ken der zuständigen Referate aller west­lichen Regierungen – sei es nun im fi­nanziellen, sozialen oder ökologischen Ressort. Ein kollektives Umschwenken hin zu einem „indianischen“ Weg, adap­tiert an moderne Verhältnisse, wie es vie­le Indianer fordern, ist freilich nicht in Sicht. Für einzelne jedoch sind die in­dianischen Ideen über die Rolle des Men­schen, seine Stellung zur Umwelt und Gemeinschaft jedoch relativ leicht um­setzbar. Es geht nicht um eine Rückkehr in die Zelte. Es geht um ein wenig mehr Achtung vor jenem „großen Geheimnis“, das in fast allen indianischen Liedern und Gebeten auftaucht, ein Geheimnis, das sich überall in der Natur, aber auch im Menschen selbst entdecken lässt. Der Sioux-Indianer Black Elk schreibt dar­über:


Das Herz des Menschen ist ein Heilig­tum. In seiner Mitte befindet sich ein kleiner Raum, in dem das Große Geheimnis wohnt...

Um diese Mitte des Herzens zu kennen, müsst ihr rein und gut sein und in der rechten Art und Weise leben, die das Große Geheimnis uns gelehrt hat.

Der Mensch, der also rein ist, trägt das Weltall in der Mitte seines Herzens."



Möge dieser Artikel ein kleiner Beitrag dazu sein, die Lebenseinstellung der nord­amerikanischen Indianer verständlich und nachvollziehbar zu machen. Da die­sen grundlegenden Ideen überkulturelle Bedeutung zukommt, sind sie angesichts der heutigen ökologischen und sozialen Situation unverzichtbar geworden.


Autorin: Katharina Honsell

Literatur:

  • Deloria, Vine: Nur Stämme werden überleben, Trikont-Verlag, München 1976

  • Feest, Christian F.: Das rote Amerika, Europaverlag, Wien 1976

  • Kaiser, Rudolf: Die Erde ist uns heilig, Herder, Freiburg i. B.

  • Kaiser, Rudolf: Indianischer Sonnengesang, Herder, Freiburg i. B. 1993

  • Steiner, Stan: The New Indians, Harper & Row, New York 1968

  • Thornton, Russet: American Indian Holocaust and Survival, Univ. of Oklahoma Pr., Oklahoma 1987

  • Waters, Frank: Das Buch der Hopi, Diederichs, Düsseldorf 1980


(aus: Zeitschrift Neue Akropolis Nr. 68 1997)

 
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