DER HELD UND SEIN SCHICKSAL
„Jeder, der das wirklich tut, wozu er fähig ist, ist ein Held.“
Hermann Hesse
Warum soll ich ein Held sein?
Prometheus stahl den Göttern des Olymp das Feuer und brachte es den Menschen; Jason durchschiffte ein Meer voller Gefahrnisse, bezwang durch eine List den Drachen, der das Goldene Vlies bewachte und kehrte mit diesem und damit mit der Legitimation eines Königs zu den Seinen zurück; Aeneas stieg hinab in die Unterwelt und erfuhr durch ein Gespräch mit der Seele seines Vaters von seiner zukünftigen Aufgabe, nämlich der Gründung Roms.
In den Mythen wird der Held immer vor scheinbar unlösbare Aufgaben gestellt. Als Leser oder Zuhörer nehmen wir Anteil an der Geschichte, mit zunehmender Identifizierung wird sie ein Teil von uns und unserem Lebensweg. Das abenteuerliche Leben des Helden wird zum Archetyp des Menschen, der sich seiner inneren Entwicklung bewusst wird.
Die symbolhafte Sprache des Mythos erklärt uns unsere Möglichkeiten und Ziele und stemmt sich unseren Phantasiebildern entgegen, die uns der bleiben lassen wollen, der „wir gerade sind“. Wir sträuben uns gegen ein Erwachsen-werden mit seinen Verantwortungen und meiden damit auch die damit notwendigerweise verbundenen Verwandlungen unserer Persönlichkeit.
Der Held im Mythos zeigt sich uns nun als Symbol dieser Verwandlung, der kraft seines Selbstbewusstseins den Weg in das Neue und Unbekannte wagt und sich nicht hinter übertriebener Vorsicht, komplizenhaftem Schweigen und farbloser Anonymität versteckt. Die Reise des Helden birgt viele Gefahren und Hindernisse, dafür aber winkt ein Schatz als Belohnung: die Entdeckung seiner wahren und bisher latenten Fähigkeiten im Umgang mit der Welt und mit sich selbst. Diese Fähigkeiten stellt der Held seinen Mitmenschen zur Verfügung und verwandelt damit nicht nur seine Umwelt, sondern auch sich selbst.
Der Held ist demzufolge der Mensch, der fähig ist, seine persönlichen und historischen Grenzen zu überschreiten. Er stirbt damit - im symbolischen Sinn - als Mensch der Gegenwart und wird als unsterblicher Mensch wiedergeboren.
"Erste Aufgabe eines Mythos ist es, im Individuum ein Gefühl der Ehrfurcht, des Staunens und des Einbezogenseins in das unerforschliche Rätsel des Lebens zu wecken." Joseph Campbell
Der Aufbruch
"In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, lebten auf einem Schloss ein König und eine Königin. Die hatten einen Sohn. Eines Tages fiel dem Königssohn sein goldener Spielball in den Käfig, in dem ein gar wilder Mann, der Eisenhans, gefangen gehalten wurde. Der Mann händigte dem Kind den Ball nur unter der Bedingung aus, ihn freizulassen. Der Junge tat dies und öffnete den Käfig. Aus Angst vor der Bestrafung folgte er dem Eisenhans in den dunklen Wald, wurde sein Schüler und erlangte durch dessen Unterweisungen die Macht und die Würde eines Königs."
In diesem Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm zeigen sich typische Symbole der Entwicklung eines Helden. Allgemeine Symbole sind der dunkle Wald, der murmelnde Brunnen, der große Baum, ein fernes Land, ein unterirdisches Reich sowie das Auftreten eines oder mehrerer Schicksalsboten. In diesem ersten Teil des Abenteuers erreicht den angehenden Helden seine Bestimmung, die ihn aus der bislang vertrauten Umgebung herausreißt. Die Welt, die nun vor ihm liegt, ist unbekannt - verlockend wie gefahrvoll zugleich. Es drohen unvorstellbare Qualen, der Kontakt mit seltsamen Gestalten, übermenschliche Taten, aber auch die Schönheiten des Lebens.
„Ein Held ist nicht mutiger als ein gewöhnlicher Mensch, aber er ist fünf Minuten länger mutig.“ Ralph Waldo Emerson
Der Held kann sich freiwillig für den Aufbruch entscheiden, wie zum Beispiel Theseus, der in Athen vom Ungeheuer Minotaurus erfährt, oder er wird von einer höheren Macht in das Unbekannte gestürzt, wie Odysseus, den die Winde des erzürnten Poseidon vom Weg abtreiben.
Eine weitere Möglichkeit besteht in der Weigerung, die jedoch nur die negative Umkehr der Fähigkeiten zur Folge hat. Der Mensch möchte nicht aufgeben, was er für seine persönlichen Interessen hält. Die Zukunft erscheint ihm nicht hoffnungsfroh, sondern als Bedrohung seines gegenwärtigen Zustandes. So opferte König Minos nicht den Stier, den er dem Poseidon versprochen hatte und trug damit direkte Schuld an der Existenz des Ungeheuers Minotaurus.
Wer dem Ruf des Schicksals folgt, begegnet auf seiner Reise einer beschützenden Figur, die ihn mit Amuletten oder magischen Waffen versieht. So tritt bei den amerikanischen Indianern in dieser Rolle oftmals die Spinnenfrau auf, die unter der Erde lebt und den Helden unverletzbar macht. Das hiefür in Europa wohl bekannteste Beispiel stellt Ariadne dar, die Theseus den lebensrettenden Faden gibt.
Der Eintritt in das Unbekannte
Dermaßen ausgestattet erreicht der Held den Eingang zum unbekannten Bereich. Dort gilt es nun, den Schwellenwächter, der als Torhüter den Zutritt bewacht, zu überwinden und sei es auch mittels einer List. Psychologisch gesehen bedarf es der Überschreitung der eigenen Grenzen, um neue Erfahrungen machen zu können.
Das Abenteuer ist immer eine Reise ins Unbekannte, die Kräfte dahinter sind bedrohlich, riskant die Auseinandersetzung mit ihnen. Die Gefahr verschwindet jedoch augenblicklich vor demjenigen, der den ersten Schritt wagt.
In Indien erzählt man sich den Mythos von einem Prinzen, der gerade seine militärische Ausbildung der 5 Waffen bei einem berühmten Waffenmeister abgeschlossen hatte. Auf der Heimreise führt ihn sein Weg durch einen dunklen Wald, vor dessen Betreten ihm dringend abgeraten wird. Ein Dämon töte jeden Wanderer, der sich in seine Nähe wagt. Doch unerschrocken betritt der Prinz den Wald, trifft wirklich auf den Dämon und kämpft gegen ihn. Doch seine 5 Waffen versagen. In seiner Hilflosigkeit bedroht er den Dämon mit einer 6. Waffe, einem Donnerkeil in seinem Inneren und wirklich überwindet er damit den Feind. Mit seinen fünf Sinnen konnte der Prinz, eine frühere Inkarnation Buddhas, seinem Widersacher nicht beikommen. Erst die Kraft seiner Weisheit besiegte den inneren Feind.
Die Initiation
Nach Überschreiten der Schwelle beginnt für den Helden die Reise in das Unbekannte, in die Welt der Prüfungen und Proben. Unterstützt wird er dabei von den magischen Waffen bzw. Werkzeugen, die ihm sein göttlicher Helfer verliehen hat. Diese Schwelle bedeutet den Beginn einer langen Reihe von gefahrvollen Abenteuern, die nicht immer siegreich bewältigt werden. Es liegt jedoch in der Natur des Helden, sich nach einer verlorenen Schlacht wieder zu erheben und sein Ziel ungebrochenen Mutes weiterhin zu verfolgen.
Eines der höchsten Abenteuer besteht in der mystischen Hochzeit der siegreichen Heldenseele mit der göttlichen Urmutter. Diese stellt den Aspekt der übermenschlichen Weisheit dar, die zu erringen der Mensch nach letztendlicher Ausschöpfung seiner physischen und geistigen Möglichkeiten fähig ist.
Der griechische Actaeon entdeckt auf der Jagd die Göttin Aphrodite nackt beim Bade, wird von ihr in einen Hirschen verwandelt und so zum Gejagten seiner eigenen Hundemeute. Bei der direkten Schau der Wahrheit wird er selbst zum Ziel seiner Suche.
„Ein jeglicher muss seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet.“ Johann Wolfgang v. Goethe
Die Prüfungen und Proben stellen Wandlungsmöglichkeiten dar, durch deren Bestehen wir unsere Fähigkeiten erweitern und neue Erfahrungen gewinnen können. Die antike Vorstellung der Initiation sieht die notwendige Verbindung der Erlangung äußerer Fähigkeiten mit der gleichzeitigen Übernahme der Verantwortung für die Folgen weiterer Handlungen.
Geschichten über die Nachgiebigkeit seitens der Lehrmeister gegenüber dieser Anforderung zeigen als Ergebnis das Chaos. Dieses entsteht, wenn die Funktionen des Lebens von ungenügend Eingeweihten übernommen werden. Das Symbol der Macht darf nur demjenigen anvertraut werden, der sich von allen infantilen Bindungen, persönlichen Vorlieben oder Abneigungen befreit hat.
Im Idealfall steht der eingeweihte Held für eine unpersönliche, kosmische Kraft. Er ist damit zum Doppeltgeborenen geworden und selber befähigt, die Rolle des Königs über sein Leben und das seiner Gruppe zu übernehmen. Das Symbol dieser Errungenschaft ist das Bewusstsein der eigenen Unsterblichkeit.
Die Rückkehr
Nach der Bewältigung der Aufgabe bleibt dem Helden noch die Rückkehr, um die Weisheitsrunen, das Goldene Vlies oder die Prinzessin heimzubringen und damit die Erneuerung seines Volkes bzw. der Menschheit herbeizuführen. Manchmal entzieht er sich dieser Verantwortung und bleibt für immer in der Welt der ewig jungen Göttin oder der gesegneten Insel. Manchmal auch muss der Held durch eine Kraft von außen, von der Welt selbst, wieder aus der anderen Ebene zurückgeholt werden. Mit der Hilfe jener übernatürlichen Kräfte, die ihn aussandten, und ihn ständig begleiteten wird wieder ein Gleichgewicht zwischen den inneren Lebenserfahrungen und der äußeren Anwendung hergestellt.
Die Rückkehr aus der jenseitigen Welt in die Welt des banalen Alltags stellt die letzte Krise im Laufe des Weges dar. Wo er bislang in einer ständig extremen, außergewöhnlichen Welt lebte, trifft er nun auf Ignoranz, Böswilligkeit und Unvermögen.
Die Erhöhung des Helden
Seine letzte Aufgabe besteht nun in der Verbindung und damit Harmonisierung dieser beiden Welten, die so verschieden zueinander sind wie Tag und Nacht, Leben und Tod. Wie "übersetzt" er die Erfahrungen der anderen Welt, sodass sie allgemein verständlich werden? Und wie übersteht er den Ansturm der banalen Welt?
Guion Bach, der walisische Held, wurde, nachdem er 3 Tropfen vom Giftkessel der Erleuchtung gekostet hatte, von einer Hexe verschluckt, als Kind wiedergeboren und wiederum dem Meer übergeben. Das Bündel mit dem Kind wurde von einem Mann gefunden, der ihm den Namen Taliesin gab. Dieser Taliesin wurde zum berühmtesten Barden Irlands, der seine Kunst auf magische Weise ausübte. In seinen Gesängen ließ er die Tradition der Kelten wieder aufleben und gab seinem Stamm damit ein erneuertes Verständnis ihrer Kultur.
"Keinem bleibt seine äußere Gestalt, die Verwandlerin aller Dinge, die Natur, lässt aus dem Einen das Andere werden. Glaubt mir, nichts in der ganzen Welt geht wirklich zugrunde, es wandelt sich nur erneut sein Gesicht."
aus den "Metamorphosen"- Ovid
Literatur:
-
Campbell, J.: "Der Heros in tausend Gestalten", Suhrkamp., 1978
-
Bly, R.: "Eisenhans", Kindler, 1991
-
Eliot, A. (Hrsg.): "Mythen der Welt" Pearson, C.S.: "Die Geburt des Helden in uns", Knaur, 1993
Autor: Helmut Knoblauch
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 112)
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