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Von der Kürze des Lebens - Seneca für Gestresste


Wer kennt es heute nicht - das Problem mit der Zeit? Die Floskeln wie "Ich habe zu viel zu tun", "Ich bin im Stress" oder "Heute habe ich es eilig" sind schon zu abgedroschen als dass man sie noch gelten lässt.

 

Stress - Kavaliersdelikt oder Raub des Mensch-Seins?



Obwohl wir uns darüber beklagen, dass die Zeit immer schnelllebiger wird und das Leben immer höhere Anforderungen an uns stellt, hat es das gleiche Problem anscheinend schon im alten Rom gegeben - Gott sei Dank, sonst könnten wir nicht auf die satirische Kritik wie auf die praktischen Ratschläge meines Lieblingsphilosophen Seneca zurückgreifen. Das Leben, ob es nun 20 oder 80 Jahre dauert, ist immer lang genug, um die größten Taten zu vollbringen - wie uns einige hochrangige Persönlichkeiten beweisen -, um als Mensch zu wachsen und seine Aufgaben zu erfüllen. Es wird aber andererseits immer zu kurz sein, wenn wir das Leben nicht leben, sondern nur die Zeit verbringen. Das heißt, wenn wir Dinge wichtig nehmen, die es eigentlich nicht sind, und Schätzen hinterherjagen, die uns zwischen den Fingern zerrinnen.

Es ist ja nun nicht so, dass wir unsere Zeit absichtlich verschwenden oder die Stunden, Tage und Jahre mit Däumchendrehen und Kaffeetrinken verbringen würden. Im Gegenteil: Wir sind rund um die Uhr beschäftigt; deswegen leiden wir umso mehr, wenn wir entdecken, dass wir zwar viel gegangen, aber kaum weitergekommen sind. Was sind nun aber jene Faktoren, die nicht nur unsere Zeit, sondern auch unser Leben stehlen? Seneca greift hier nicht auf die uns allbekannten Dinge, wie Warteschlangen an den Kassen, das Stecken im Stau oder den Bürokratismus zurück. Nein, er zieht nicht die äußeren Umstände, sondern vor allem unsere innere Haltung zur Verantwortung. Hier sind nur einige Beispiele:

Wir verlieren zu allererst einmal Zeit, indem wir jammern, wie wenig Zeit wir haben. Inzwischen hätten wir schon längst an etwas Schönes denken, mit unserem Gegenüber ein sinnvolles Gespräch führen oder die zu erledigende Arbeit einfach anpacken können.


Die Routine - das Handeln ohne Bewusstsein


Obwohl es auf den ersten Blick eintönig scheinen mag, sich jeden Tag die Zähne zu putzen, täglich den gleichen Weg zur Arbeit zurückzulegen oder immer wieder das Geschirr abzuwaschen, entwickeln diese Alltäglichkeiten eine eigene Kraft und Energie, wenn wir nur unsere ganze Aufmerksamkeit darauf lenken und versuchen, alles so zu machen, als wäre es für uns das Schönste und Wichtigste. Mögen die Tätigkeiten auch dieselben sein - wir sind von Mal zu Mal andere Menschen.

 

Das Leben fern von der Gegenwart


Das Aufschieben von unangenehmen Notwendigkeiten entzieht uns nicht nur die Verantwortung, sondern auch die Macht über unser eigenes Leben. Auch die Angst vor der Zukunft, die wir noch nicht einmal kennen, und das Vergessen der Vergangenheit, das der Grund für die ständige Wiederholung alter Fehler ist, sind hinderlich für ein effektives Leben im Jetzt.

 

Das Kümmern um Angelegenheiten, die nicht die unseren sind


Hierunter sind nicht nur die neuesten Liebesbeziehungen unseres Nachbarn zu zählen, sondern auch Themen, die unser innerstes Ich nicht interessieren. Um dies zu klären, müssen wir uns die Frage stellen, wer wir wirklich sind: ob wir lediglich ein Körper sind, dessen höchstes Ziel größter Genuss und maximale Bequemlichkeit sind, ob wir nur Gefühle sind, die Reflexen und limbischen Systemen unterworfen sind, oder ob wir eine unsterbliche Seele auf der Suche nach der Wahrheit sind.

 

Nachlässigkeit


Irgendwie halbherzig in den Tag hineinzuleben ohne zu versuchen, das Beste daraus zu machen. Oder, wie ein Philosoph es einmal formulierte, wie Sklaven anstatt wie Götter zu handeln.


Dies sind nur einige wenige Punkte, die Seneca veranlassten, sein Buch "Von der Kürze des Lebens" zu schreiben. Er nennt aber auch Aspekte, die dem Leben Farbe und Tiefe verleihen und vom Stress zur Lebensqualität führen.

Wenn wir jeden Tag so leben könnten, als wenn es unser letzter wäre, wenn wir den Sternenhimmel betrachten und uns dabei glücklich fühlen, wenn wir Gespräche führen und dabei die Seele hinter dem sprechenden Gesicht wahrnehmen, wenn wir klare Entscheidungen treffen, die unbeeinflusst von äußeren Umständen auf einer inneren Sicherheit beruhen, wenn wir gegen unsere eigenen Fehler gekämpft und unsere Schwächen in Stärken zu verwandeln versucht haben, wenn wir aus Fehlern Erfahrungen ziehen, vor allem aber wenn wir Ziele und Träume haben und ihnen auch einen Platz geben, dann werden wir am Ende unseres Lebens von einer erfüllten Reise sprechen können und nicht nur von einem Weg, den wir zwar gegangen sind, der uns aber nicht weiter nach vorne und oben gebracht hat.


Zitate Seneca


"Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern viel Zeit, die wir nicht nützen."


"Worauf nämlich arbeitest du sonst hin, als dich täglich besser zu machen, etwas von deinen Irrtümern abzugeben, einzusehen, dass es deine Fehler sind, die du den Dingen anlastest!"


"Niemals sind uns alle Wege derart versperrt, dass nicht Raum für ehrenhaftes Handeln bliebe."


"Zu leben aber muss man das ganze Leben lang lernen."


"Das größte Hindernis im Leben ist die Erwartung, die vom Morgen abhängig ist und das Heute zerstört."


"Sehr kurz und voller Sorgen ist das Leben derer, die das Vergangene vergessen, das Gegenwärtige vernachlässigen, vor der Zukunft Angst haben; wenn sie ans Ende gekommen sind, erkennen die Unglücklichen zu spät, dass sie ohne etwas zu tun so lange beschäftigt gewesen sind."


"Es ist besser, die Rechnung des eigenen Lebens als die der staatlichen Getreideversorgung zu kennen."


SENECAS LEBEN:


Lucius Annaeus Seneca wurde 4 v. Chr. in Cordoba geboren. Die Blüte Roms war zu dieser Zeit schon vorbei und die Dekadenz mit ihren Ausprägungen von Korruption, Materialismus und egoistischem Machtstreben fasste immer mehr Fuß. Sein Vater war ebenfalls Philosoph und sehr interessiert daran, seinem Sohn eine klassische Ausbildung zu ermöglichen. So wuchs Seneca in Rom unter der Erziehung des damals sehr bekannten Stoikers Attalos auf. Nachdem er auch einige Zeit in Ägypten gelebt und studiert hatte, kehrte er nach Rom zurück und schlug die Beamtenlaufbahn ein mit der Vision, Politik und Philosophie miteinander zu vereinen. Bald bemerkte er aber, dass sich  der Traum Roms bereits auf einem sinkenden Schiff befand, die Staatsmänner nur mehr für eigene Interessen handelten und es besser wäre, sich aus der Politik zurückzuziehen. Von nun an widmete er sich zuerst der Erziehung und dann der Beratung des jungen Kaisers Nero. Als dieser sich jedoch zu einem blindwütigen Fanatiker entwickelte, wurde Seneca durch ihn zum Selbstmord gezwungen (65 n. Chr.).


Obwohl man Seneca heute eindeutig den Stoikern zuordnet, bezeichnete er sich immer als Eklektiker und verweist in seinen Werken nicht selten auch auf Epikur, Platon, Pythagoras etc. Und gerade dies ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte, die einen wahren Philosophen ausmachen: immer und von jedem zu lernen.



Autorin: Christina Tauschitz


(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 94)

 
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