Die geheimnisvolle Kunst des Siegens
Ein Philosoph gleicht einer aufgerichteten Lanze, die gegen Wind und Nebel vorwärtsstürmt, jenseits des Bekannten und Unbekannten. Philosoph bedeutet der Verliebte in die Wahrheit, der Verliebte in die Weisheit, derjenige, der alles der Suche nach dieser Weisheit unterordnet. Ein Verliebter ist vielleicht nicht unbedingt ein vollkommen intelligentes Geschöpf, aber er ist auf jeden Fall überzeugt davon, daß er das Ziel erreichen wird, das er sich gesteckt hat; jemand Edler, der mit all seiner Kraft versucht, das zu erreichen, was er erahnt.
Das Thema, über das ich heute sprechen werde, ist die geheimnisvolle und schwierige Kunst des Siegens. Wenn ich siegen sage, so beziehe ich mich nicht darauf, über jemanden zu siegen, Türen einzurennen, Mauern niederzureißen, zu fühlen, daß andere schwächer sind als wir, vielmehr beziehe ich mich auf etwas viel Tieferes. Vor vielen Jahren hatte ich einen Meister, der mich lehrte, daß die Kunst des Glücklichseins darin bestünde, Ziele nicht auf Kosten anderer und deren Unglück zu erreichen. In gewisser Weise besteht die Kunst des Siegens darin, unsere Ziele von ganzem Herzen und mit ganzer Kraft zu erreichen, ohne die anderen als Treppenstufe zu benutzen, ohne auf die Köpfe der Schwachen zu steigen, ohne auf diejenigen zu trampeln, die uns anscheinend den Weg versperren. Was macht also diese schwierige oder geheimnisvolle Kunst des Siegens aus? Es gibt Personen, die wie Sterne auf die Welt kommen und denen scheinbar alles gelingt. Im Gegensatz dazu gibt es jedoch andere, denen das Erreichen einer Sache sehr schwer fällt. Und manchmal treffen wir auf die Auserwählten der Geschichte, die durch ihre bloße Anwesenheit wahre Wunder wirken.
Ich erinnere mich an einen Abend in Griechenland, genauer in Mazedonien. An diesem Abend kamen mir die Tränen. Ich befand mich in den Ruinen von Philipopolis und las einige Fragmente der Briefe von Philipp Sother. Er erzählte, wie sie mit Alexander dem Großen marschierten und daß sie, während sie dies taten, Wunder vollbringen konnten, aber daß sie, seit Alexander gestorben war, nur noch kleine Wundertaten bewirkten. Sie wollten groß sein, aber sie kamen irgendwie einfach nicht darüber hinaus, mittelmäßig und klein zu sein.
Und wie oft, meine lieben Freunde, wie oft sind wir im Leben schon dagestanden und haben uns gewünscht, eine Heldentat oder etwas Wunderbares zu vollbringen. Trotzdem können wir nur kleine Schritte machen. Wie oft wollten wir schon wie die Lerchen singen? Wie oft schon wollten wir fliegen? Und trotzdem kommen aus unserer Kehle nichts anderes als kleine, leise Stimmchen. Wir sehen uns gezwungen, zu Fuß zu gehen und immerfort zu gehen, hin zu diesem Horizont, der niemals aufhört. Aus diesem Grund fragen wir uns aus ganzem Herzen, als Philosophen, worin denn diese Kunst des Siegens besteht? Warum siegen einige, und andere können dies nicht?
Vielleicht, meine Freunde, ist das Leben wie das Mikrophonkabel, das ich in den Händen halte, von dem man nicht genau weiß, wie lang es ist, und bei dem man vorbereitet und sensibilisiert sein muß, um zu merken, daß wir ans Ende kommen, wenn uns auf irgendeine Weise die Widrigkeit zu verstehen gibt, daß wir genau bis hierher kommen können und nicht weiter.
Der Akt des Siegens liegt daher nicht darin, uns in Alexander zu verwandeln, denn wir können nicht alle Alexander sein, genausowenig wie Alexander jeder von uns sein könnte. Jeder ist das, was er ist, und die Kunst besteht darin, das zu sein, was wir wirklich sind, in unserer wirklichen, unserer eigenen Dimension, was immer auch unsere Größe sein mag. Alle alten Kulturen besaßen sogenannte initiatische Systeme, durch die der Mensch potenziert wurde (siehe Philosophisches Lexikon. Anm. d. Red.). Im allgemeinen herrschen ziemlich irrige Ansichten darüber, was die alten Initiationen eigentlich waren. Wir glauben, dass sie aus, sagen wir einmal, richtigen Formeln bestanden. Daß Pythagoras oder Platon Formeln gaben wie: „Du wirst um die und die Zeit aufstehen, du wirst dein Ei auf diese und jene Weise essen und du wirst auf die und die Weise schlafen." Nein, leider scheint es nicht so einfach gewesen zu sein, denn, wenn es so wäre, wären viele ans Ende des Weges gekommen. Nein, es war nicht so einfach, sondern viel menschlicher.
Heute stellen wir uns alles mit Hilfe von Formeln vor. Alle Triumphe und Lösungen entwerfen wir anhand von Systemen. Wenn etwas schief geht, so liegt der Fehler am politischen System; wenn wir ökonomische Probleme haben, so ist die Regierung schuld und wir kommen gar nicht dazu, uns zu fragen: Ist das nicht etwas Menschliches? Bin das nicht ich in irgendeiner Weise? Wie weit geht der Wert der Systeme? Wie weit liegt der wahre Wert nicht in diesem Menschen, der ein bißchen von der Liebe Gottes erfüllt ist?
Der Mensch hat seinen grundlegenden Wert, und deshalb versuchten die Alten nicht, diesem Menschen außergewöhnliche Wahrheiten oder mysteriöse Dinge zu vermitteln. Vielmehr versuchten sie, ihn zu waschen, ihn von allen Dingen der Welt zu reinigen, ihn von seiner eigenen Tierhaftigkeit zu befreien, von seinen Ängsten, von all dem, was sein Vorankommen behindern könnte, damit er von innen nach außen auftauchen kann, so wie der weiße Lotus, aus dem Herzen der Dinge selbst, und sich zu dem Ans-Ende-aller-Dinge-Gelangens emporheben kann, was durch die Säulen dargestellt wird. Wir sehen, wie sich ihre Kapitelle viele Meter über dem Boden öffnen. Keine einzige Säule öffnet ihre Kapitelle nach unten, alle tun dies nach oben. Ich erinnere mich an den großen Tempel von Karnak. Im Heiligtum von Amon hat man folgenden Eindruck der Säulenkapitelle: Diejenigen, die etwas weiter entfernt sind, erscheinen als geschlossene Lotosknospen, während diejenigen, welche näher stehen, vollkommen zur vertikalen Sonne geöffnet sind. Dies ist eine alte Lehre, die uns einlädt, uns dem eigenen Selbst zu nähern, an dieses Zentrum der Kraft, das wir alle in unserem Inneren besitzen.
Die alten Zivilisationen übten sich im allgemeinen in vier großen Gruppen von Proben: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Exoterisch, oder äußerlich, hat dies wirklich mit der Erde, dem Wasser, der Luft und dem Feuer zu tun, aber esoterisch hat dies mit bestimmten Komponenten unserer Persönlichkeit zu tun, das heißt mit unserem physischen, unserem energetischen, unserem psychologischen Vehikel und mit unserem mentalen Träger, aus dem all diejenigen Dinge aufsteigen, die wir empfangen, erreichen oder anbieten. Aber die Proben waren wirklich physisch, und zwar sehr physisch.
In der Nähe von Syrakus hat man die Reste eines Einweihungsschachtes gefunden - ich habe sie persönlich gesehen -, in dem es eine Reihe von seitlichen Löchern gibt. Wenn der Kandidat diesen Schacht, einen vollständig dunklen Schacht, über eine enge Treppe hinunterstieg,
kamen aus diesen Löchern Hände hervor, welche ihn stießen, während unsichtbare Stimmen riefen: Du fällst! Stellt Euch die panische Furcht des Jüngers vor, der nicht wußte, daß es unten ein Netz gab, das ihn auffing, das heißt, daß er auf keinen Fall sterben konnte.
Heute ist dieser Schacht fast zugeschüttet, und was man sieht, sind einige wenige Meter, aber damals war er vielleicht viel tiefer. Stellt Euch den Jünger vor, eng an den Felsen gekrallt, kämpfend, um seine Furcht zu besiegen, wobei er versuchte, einen weiteren Schritt voranzukommen.
Siegen hieß in diesem Augenblick nicht, an das Ende der Leiter zu kommen. Dies wäre der endgültige Sieg. Siegen bedeutete, Schritt für Schritt eine Stufe zu bewältigen, eine nach der anderen. Einer der großen Irrtümer, den wir begehen, besteht darin, daß wir vor einer Treppe stehen, deren Gesamtheit sehen und es uns zur Aufgabe machen, entweder die gesamte Treppe zu ersteigen oder gar nicht erst anzufangen. Dies ist nicht die richtige Herangehensweise, um der Widrigkeit die Stirn zu bieten. Im Gegenteil: Wir müssen es zu unserer Aufgabe machen, eine Stufe nach der anderen zu erklimmen. Wie sieht mein unmittelbares Problem aus? Diese Stufe, nicht jene, nicht die übernächste! Wenn wir den Blick allzu weit nach oben richten, so wie es von Zeit zu Zeit viele Idealisten und Spiritualisten tun, ist die Gefahr, über die ersten Stufen zu stolpern und in den Abgrund hinunterzufallen, sehr groß.
Man muß wissen, wo man ankommen will, aber Schritt für Schritt und ohne, sagen wir einmal, allzuviel zu planen. Wenn wir es verstehen, unsere Hand zu rühren, so wird es immer einen gütigen Engel geben, wirklich oder geträumt, der unsere rechte nimmt und uns auf dem Weg hilft.
Ihr alle wißt, daß die besten Schwerter mit Schlägen geschmiedet werden und von der Hitze in die Kälte und von der Kälte in die Hitze kommen. Dies geschieht auf eine äußerst brutale Art und Weise. Müssen nicht auch wir gehärtet werden? Müssen nicht auch wir die Schläge des Lebens erhalten, so wie das Schwert die Schläge auf dem Amboß empfängt?
Derjenige, der schon einmal die Arbeit an einem Amboß gesehen hat, weiß, dass man neben den Hammerschlägen auch einen anderen Ton hört. Dies sind die Schreie des Metalls, welches sich zermalmt fühlt. Ja, das Schwert schreit und harrt aus, schreit und harrt aus, schreit und harrt aus, bis zum Schluß dieses Eisen, welches nur ein einfaches und unkompliziertes Metall gewesen ist, verändert wird - durch die Schläge, und dadurch, daß es ins kalte Wasser getaucht worden ist oder in die mysteriösen Substanzen der Legierung - zu einer nackten Stahlklinge, und dann erst erreicht es Härte, Schärfe und Geschmeidigkeit. Ist der Prozeß unseres eigenen Geschmiedetwerdens durch das Leben nicht ähnlich?
Ich habe in der Zeitschrift Neue Akropolis hier in Spanien gerade einen Artikel über Schwerter gelesen. Darin wird eine japanische Erzählung erwähnt, in welcher Schnee auf einen Kirschbaum und auf eine Weide fällt. Der Zweig des Kirschbaums, der sehr steif ist, nimmt die Last des Schnees so lange auf, bis er bricht. Die Weide, die elastischer ist, nimmt die Last des Schnees auf und biegt sich unter seinem Gewicht, bis der Schnee hinunterfällt und der Zweig sich von neuem erheben kann.
Wir müssen wieder diese innere Zähigkeit erreichen und lernen zu verstehen, daß Fallen nur dazu da ist, um sich von neuem zu erheben. Niemand fällt endgültig, denn alle Dinge in dieser Welt sind vergänglich. Alles hat einen relativen Wert: unsere Triumphe wie auch unsere Niederlagen. Aufgrund dieser Demut des Herzens können wir erst wirklich vorankommen. Wenn wir in unserem Inneren die Herrschaft über diese Vier Elemente der Natur erreichen - die Erde, Wasser, Luft und Feuer genannt werden -, können wir zwar keine Wunder vollbringen und sind auch keine Söhne des Amon, zumindest nicht direkt, aber wir können kleine Fortschritte machen.
Es gibt einfache Übungen, die uns beim Lernen nützlich sein können. Nehmt irgendeine mit Wasser gefüllte Flasche und haltet sie mit ausgestrecktem Arm von Euch weg. Am Anfang sieht dies sehr leicht aus, denn wer kann nicht einen Liter Wasser halten... Aber wenn die Zeit vergeht und damit das Gewicht schwerer wirkt, so wird unser Arm durch die ausgestreckte Haltung schmerzen. Jeden Augenblick fühlen wir das Gewicht stärker, und es fühlt sich so an, als ob eine Kuh an uns hinge. Macht etwas anderes! Setzt Euren Willen in die Praxis um! Macht, daß Eure Augen und Euer Geist zu zählen beginnen, zum Beispiel die verschiedenen Ziegel auf dem Dach, ohne die Flasche loszulassen. Ihr werdet sehen, daß Ihr viel leichter widerstehen könnt, wenn Ihr den Geist vom Schmerz entfernt haltet.
Dasselbe geschieht mit den Dingen des Lebens. Wenn Ihr Euren Geist an jedes Problem angeklammert haltet, an diesen kleinen täglichen Tod, der über uns kommt, an die Furcht, die man in uns nicht auslöschen konnte - denn wir befinden uns nicht im 5. Jahrhundert v.Chr. mit seinem initiatischen System der Proben -, dann werdet Ihr auch der leisesten Andeutung von Widrigkeit nicht standhalten können. Wir müssen daher versuchen, diese Hand auszustrecken, sie ein wenig von den Dingen der Welt zu befreien, unseren Willen anzuwenden, einen Willen, der nicht protzt, sondern der selbstständig und natürlich funktioniert.
Wenn Ihr einer ernsthaften Widrigkeit gegenübersteht, versucht immer, eine Minute länger Widerstand zu leisten. Denkt nicht daran, es eine Stunde auszuhalten, einen Tag, ein Jahr oder gar das ganze Leben. Nein, eine Minute länger, nicht mehr als eine Minute länger und danach noch eine Minute länger. Auf diese Weise werden sich nach und nach viel größere Zahlen aufsummieren. Die Macht unseres Geistes ist gewaltig!
Macht eine weitere Probe und messt die psychologische Dauer einer Minute. Wenn der Sekundenzeiger von neuem bei zwölf ankommt, wenn er den Kreis von neuem vollständig umrundet hat, werdet Ihr einen großen Preis erhalten. Jeder soll sich das Glück vorstellen, das er möchte. Ihr werdet sehen, wie langsam der Sekundenzeiger vorwärtskommt, er scheint sogar rückwärts zu gehen. Jetzt machen wir die umgekehrte Erfahrung: Wir stellen uns vor, dass beim Ende der Umdrehung des Sekundenzeigers zu unseren Füßen eine Bombe explodieren wird. Jetzt werdet ihr sehen, wie schnell er saust, Punkt für Punkt, man könnte sagen, daß die Uhr verrückt geworden ist. Die Uhr jedoch zeigt immer dieselben Zeitspannen mit demselben Rhythmus an. Was hat daher gewechselt? Unsere Perspektive. Wenn wir etwas mit leidenschaftlicher Inbrunst wünschen, wird uns die Zeit viel zu langsam erscheinen.
Wir müssen dem Leben den Wert geben, den es wirklich hat. Dann werden wir eine viel wahrheitsgetreuere Version von all dem erhalten, was uns widerfährt. Heute laufen wir dem Geld, dem Ruhm oder der Anerkennung nach. Ein besseres Auto, eine größere Wohnung, der neueste Kühlschrank, der herauskommt und die Eiswürfel rund macht... Auf diese Weise stehen wir immer unter Spannung, nichts ist uns genug, denn es kommt uns immer so vor, als hätten wir wenig, als bräuchten wir etwas Neues. Dies ist das große Gespenst des Konsums, das unsere Seele verhärtet hat und der eine der schlimmsten Formen des Materialismus ist.
Lernen wir, uns mit einfachen Dingen zufriedenzugeben! Ich sage nicht, darauf zu verzichten, mehr zu haben, sondern ich sage nur ganz einfach, daß wir Frieden in unserem eigenen Herzen haben sollten und erst danach zu sehen, auf welche Weise wir ein bißchen mehr gedeihen können.
Das Geheimnis liegt darin, wirklich zu wissen, was ist, was wir tun können, wie wir es tun können, und all unsere Aufmerksamkeit und Kraft darauf zu richten. In Wirklichkeit haben wir wesentlich mehr Kraft als wir meinen. Jeder einzelne von uns, wie klein er auch sein mag, besitzt große Möglichkeiten.
Einige werden denken: „Ich schreibe keine Lyrik, denn... wer wird sie mir herausgeben? So gut bin ich nicht." Verlieren wir ein wenig diese Haltung des Vergleichens, des Wettbewerbs, diese Art des ungesunden Sports, mit dem wir uns abgeben. Legen wir diese Haltung ab und tun wir die Sache um ihrer selbst willen! Wenn Euch Gedichte in der Seele auftauchen, wenn sich auf Euch Gedichte senken, so wie sich Vögel auf ihre Nester setzen, empfangt sie, erhaltet sie, laßt sie fliegen! Es ist unwichtig, ob sie herausgegeben werden oder nicht!
Wie haben es die Dichter gemacht, als es den Buchdruck noch nicht gab? Was hat in der Epoche von Sappho die auserlesene Dichterschaft getan, um ihre Werke überall bekannt zu machen? Diese überdauerten sogar bis ins Mittelalter, in welchem sie unglücklicherweise zerstört wurden. Es gab weder Buchdruck noch Herausgeber, es gab nur Poesie, und diese Poesie wurde langsam verbreitet, von Hand zu Hand.
Wir brauchen keine großen Mittel, damit unsere Schöpfungen und Heldentaten Wirklichkeit werden. Das Buch, das ich am meisten liebe, habe ich mit 19 Jahren zu schreiben begonnen, und ich habe niemals daran gedacht, daß es einmal herausgegeben würde. Ich schrieb es ganz einfach, weil ich mich danach fühlte.
Wie viele Leute gibt es, die in sich Bücher, Botschaften, Schätze oder eine Persönlichkeit tragen? Man muß sie herausholen. Man muß die Kraft haben, sie aus sich selbst herauszuziehen, sie der Welt zu zeigen, die nach spontanen Dingen dürstet. Die Welt ist überdrüssig, daß man zu ihr mit Hilfe großer Systeme spricht. Sie möchte, daß man aus dem Herzen zu ihr spricht: von Mann zu Mann, von Frau zu Frau, von Mensch zu Mensch. Daraus kommt der alte römische Sinn der Eintracht, „con-cordia": Herz mit Herz. Dies ist keineswegs Gleichheit, nein - die Gleichheit ist steril -, sondern es ist etwas, das bewirkt, daß sich das Eine mit dem Anderen ergänzt, so wie die Zähne eines Getriebes, in welchem diejenigen, die herausragen, in die Lücken, welche die übrigen lassen, hineingehen.
In diesem Eindringen der Herausstehenden in die Lücken, welche die übrigen lassen, existiert die Möglichkeit der Kraftübertragung: spirituelle Kraft, physische Kraft und viel mehr! Innere Kraft... die innere Kraft, die den Sieg auf ihren Händen trägt, diesen endgültigen Sieg, der uns alle erwartet, mittels der kleinen Erfolge, diejenigen, die täglich da sein müssen, die kontinuierlich sein müssen und die uns das Herz mit Glaube und mit Freude füllen müssen.
Vielleicht malt Ihr Bilder, vielleicht macht Ihr Zeichnungen. Macht sie! Es ist unwichtig, ob die Leute sie anerkennen oder nicht! Jenseits der Leute, jenseits der Welt gibt es einen anderen Richter, einen „Sehr Großen Richter", der so groß ist, daß wir nicht sagen können, welche Ausmaße er besitzt; so gut, dass wir es uns nicht vorstellen können und so unendlich gerecht, daß er jenseits aller Taten in den Herzen derjenigen liest, welche die Taten inspirieren.
Und dieser „Große Richter" wird in irgendeiner Form seinen Mantel über uns ausbreiten und unsere kleinen Erfolge und unsere kleinen Freuden beschützen: die Verse, die wir niemals geschrieben haben, die Zeichnungen, die wir nicht gemacht haben, die Lieben, die wir nicht gehabt haben, die Gelegenheiten, die uns entschlüpft sind, aber die in irgendeiner magischen Weise in dieser Welt der erhabenen Erlösung leben und die uns begleiten, über die Jahrtausende,
bis zu einer innerlichen und vollkommenen Verwirklichung.
Jeder einzelne von uns, auch der Kleinste, auch derjenige, der sich am Winzigsten fühlt, auch derjenige, der glaubt, dass er der Einsamste ist, besitzt die Fähigkeit zum Sieg. Er hat die Fähigkeit, weiter und weiter zu gehen mittels dieser kleinen Erfolge, dieser kleinen Schritte, die ihn sachte vorwärtsstoßen werden.
Uns fehlen weder Formeln noch spezielle Hilfestellungen. Man kann immer vorwärts gehen, sich immer mehr vervollkommnen. Jeder einzelne von uns muß sein eigenes Licht suchen, seinen eigenen Platz. Und wenn wir dort glücklich sind, wo wir sind, großartig - und wenn wir dort nicht glücklich sind, können wir es anderswo sein.
Das Grundlegende dabei ist, niemandem Schaden zuzufügen; das Grundlegende ist, unser eigenes Wachs zu verbrennen und nicht das des Nachbarn! Das Grundlegende ist es, Licht zu haben. Man muß wählen: Stellt Euch vor, Ihr habt eine Kerze. Wollt Ihr diese Kerze haben oder wollt Ihr Licht haben? Wenn Ihr eine Kerze haben wollt, so werdet Ihr Euer ganzes Leben im Dunklen verbringen. Wenn Ihr Licht wollt, werdet Ihr diese Kerze aufbrauchen müssen, ein Streichholz holen, es anzünden und an die Kerze halten und es zulassen, daß das Licht entzündet wird, dieses Licht, das immer vertikal ist, wie ein leuchtendes Schwert.
So oder so, die materiellen Dinge fallen, werden rissig und verschwinden. Die Alten sagten: „Omnia transit". Alles vergeht, alles ist in Bewegung... alles fließt zum Meer, so wie die Flüsse fließen. Alles hat eine Bestimmung.
Verbinden wir uns mit der Bestimmung! Wir sehen, wie die Wasser plätschernd von den Bergen herunterspringen. Und welches sind die reinsten Wasser? Diejenigen, die sich am meisten an den Steinen brechen; diejenigen, die in Kaskaden herunterfallen und in großem Gespränge von weißem Schaum explodieren. Die anderen, die feigen Wasser, die, welche sich ruhig verhalten, im Stau, enden damit, durchmischt und verschmutzt zu werden, und kein lebendes Wesen kann in ihnen wohnen.
Macht aus Eurer Welt eine Welt der großen Ideen, damit in Euch die guten Gedanken und Gefühle wohnen, singend, als ob die Vögel in den Zweigen eines Baumes wären oder als ob farbige Fische in den Tiefen des Meeres wären, damit in uns große, freie und bunte Wesenheiten leben.
Laßt Euch nicht zu Boden fallen. Erhebt Euch immer wieder. Stützt Eure Hände wie Flügel oder wie Tatzen gegen die Flanken der Geschichte und richtet Euer Denken nach vorne, immer nach vorne. Wir müssen alle sterben, und vielleicht müssen wir alle wiedergeboren werden. Wir sind alle dem Großen Rad unterworfen, dem großen Samsara. Aber jenseits von all dem sind wir unserem eigenen Willen unterworfen.
Vor einigen Jahren, in der Nähe des Hohlwegs zu den Thermopylen, fand ich jene alte Inschrift, die lautet: „Wanderer, wenn Du in unsere Stadt kommst, so sage ihnen, daß hier dreihundert Spartaner in der Erfüllung ihrer Gesetze starben." Sie konnten mit ihrem Beispiel die Geschichte überdauern. Leonidas zählte die Perser nicht, die er vor sich hatte, für ihn zählte ganz einfach, daß er einen Engpaß zu verteidigen hatte, denn dahinter befand sich der Schatz der
Athener, ein mystischer und kultureller Schatz. Es gelang ihm, drei Tage zu gewinnen, nicht mehr, aber in diesen drei Tagen wurden viele Dinge gerettet.
Wo sind heute diese Männer, wenn nicht in uns? Wo sind jene Außergewöhnlichen, die Leonidas gefragt haben: „Herr, heute werden wir kämpfen. Müssen wir viel essen, um vor dem Feind stark zu sein?" Leonidas antwortete ihnen: „Nein, eßt leicht, denn heute Nacht haben wir ein großes Festmahl mit Pluto, dem Gott des Todes!" Diese Soldaten schauderten nicht, sondern sie sahen ihn an und sagten: „Und du, Leonidas, wirst du auf diesem Festmahl sein?" und er antwortet: „Ich werde der erste sein!"- „Dann werden wir alle heute Nacht mit dir und Pluto speisen!" Wo sind diese großartigen Männer von einst? Wo sind sie, wenn nicht in uns? Sie sind nicht vergessen, sie sind nicht verloren. Wir haben sie einfach unter Müll begraben, mit Furcht und Unsicherheit.
Autor : Jorge Angel Livraga Rizzi
Auszug aus einem Vortrag von Jorge Angel Livraga Rizzi - Gründer von Neue Akropolis -, gehalten in Madrid im Oktober 1990. Übersetzt aus der spanischen Zeitschrift „Nueva Acrópolis" Nr. 230 vom Oktober 1994 von Martin Peschaut.
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 72)
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