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Tod - Wiedergeburt - Unsterblichkeit


Allgemeine Betrachtungen über den Umgang mit einem Tabuthema


Dieser Themenkreis hat die Menschheit seit ihren Anfängen beschäftigt; er ist vielleicht einer der universellsten, überzeitlichsten, überkulturellsten, überkonfessionellsten  Themenkreise überhaupt. Wenn wir auf diese Themenstellung gute Antworten finden wollen, müssen wir festgefügte Meinungen beiseite lassen und dürfen uns nicht an fixen Vorstellungen festhalten, sonst hemmen wir uns selbst.

 

Der Zeitgeist

Wir befinden uns in den letzten beiden Jahren vor der Jahrtausendwende. In der gewaltigen Beschleunigung der Zeit, in die uns die letztlich unergründlichen historischen Winde treiben, erleben wir die immer stärker werdende Kristallisation zweier entgegengesetzter weltweiter geistiger Strömungen: des sogenannten „New Age" und eines wachsenden Dogmatismus, religiösen Fanatismus und Rassismus.

New Age

Heute wird von einer Art „neuen Spiritualität" geredet, da diese die Hoffnung vieler suchender Frauen und Männer anspricht. Diese Strömung wird mit einem schon fast alltäglichen Modewort „New Age", „Neues Zeitalter" genannt. Gemeint ist damit ein neues astrologisches Zeitalter, das des Wassermannes. Dieses ist gerade dabei - nach der gängigen Astrologie -, das Fische-Zeitalter der vergangenen rund zweitausend Jahre abzulösen, um dann für die nächsten rund zweitausend Jahre die Geschicke der Erde zu beeinflussen.

 

Eigentlich ist dieses „Neue Zeitalter" jedoch nur eine Sammelbezeichnung für unbeschreiblich viele und verschiedenste Weltanschauungen, die sich zum Teil sogar gegenseitig befehden: Einzelpersonen und Individualisten, Gurus (seien sie nun echte oder selbsterwählte), Meditationszirkel, Geistheiler, Okkultisten, auch straff organisierte und weltweit wirkende Organisationen, Studiengemeinschaften, praktisch orientierten Selbsthilfegruppen, und nicht zuletzt ein Vielfalt von kleinen und großen „Sekten" (wobei nicht immer alles, was die Dogmatik der Kirche als „Sekte" bezeichnet, diesen Namen verdient) und vieles mehr ... Allen gemeinsam ist eine allgemeine spirituelle Notwendigkeit - eine den historischen Winden innewohnende Kraft der Natur. Und nur jene Menschen, die es gelernt haben, ihr kleines Lebensschifflein über die Meere des Schicksals zu lenken, werden ihre geistigen Segel in den Dienst dieser großen Winde stellen können, ohne zu kentern, ohne ungewollte Ufer, weitab von der inneren Reiseroute, anzusteuern, und ohne sich in den unendlichen Weiten des Meeres hoffnungslos zu verirren.

 

Aus dieser Aufbruchsstimmung wird leider auch egoistischer Profit gezogen. Kaum erscheint ein ernstzunehmendes neues Buch auf dem Büchermarkt, als Neuauflage eines klassischen Werkes der Menschheitsgeschichte oder als eine Wiederentdeckung vergessener Kenntnisse, schwemmt ein Zehnfaches an Pseudo-Esoterik-Büchern nach, deren Autoren auf jeden Fall eine Sache ausgezeichnet beherrschen: Geistesströmungen auszunützen, elegant aus anderen Werken abzuschreiben, so daß die wenigsten es merken, und auf diese Weise rasch zu Geld und zu Ruhm zu gelangen. Abgesehen davon nehmen sich viele Autoren nur jene Rosinen aus esoterischen Kuchen anderer, die ihnen selbst genehm sind, um ihre eigenen Mixturen zusammenzubrauen.

 

Gerade dem Thema „Leben nach dem Tod" widerfährt dies in besonderem Maße. Dadurch passiert zweierlei: Erstens wird die wahre Suche nach Weisheit ungemein erschwert, weil der Zugang dazu immer mehr verwässert und banalisiert, verzerrt und deformiert wird. Zweitens werden viele ernsthafte und intelligente Menschen, die wirklich studieren wollen, von der Beschäftigung mit dieser Materie abgeschreckt, weil sie das inszenierte und peinliche Theater durchblicken, dieses spirituelle Konsumieren  (fast möchte ich sagen diese „Fast-Food-Esoterik"), den „spirituellen Materialismus", wie es Chögyam Trungpa treffend formulierte.

 

Dogmatismus, religiöser Fanatismus und Rassismus

Die anfangs erwähnte zweite geistige Strömung wird oft verschwiegen, doch wird sie von Tag zu Tag offensichtlicher: Hand in Hand mit der Suche nach mehr Geistigkeit und ideellen Werten wächst der religiöse Fanatismus und der Rassismus wieder an. Viele Menschen, v. a. in einigen „New Age"-Kreisen, wollen dies nicht wahrhaben und predigen lieber ein neues Goldenes Zeitalter, das bald, eigentlich schon gleich, da sein soll. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Und wenn die Lehre von den astrologischen Zeitaltern stimmt, von den „Tagen" des Kosmos, so gibt es bei 2000 Jahren Dauer etwa 300 bis 400 Jahre Übergangszeit, also „Dämmerung", in der der „alte Tag" gegen sein Sterben und der „neue Tag" um seine Geburt kämpfen. So schnell wird die Welt nicht erlöst werden können. Kampf ist da, Auseinandersetzung diametral entgegengesetzter gigantischer Gedankenformen und Geisteshaltungen. Wachsende Freiheit des Geistes wird bekämpft von wachsendem religiösem Fanatismus und gesteuerten Medien. Wachsender Rassismus bekämpft wachsendes menschliches Zusammengehörigkeits- und Solidaritätsempfinden.

 

Jorge A. Livraga, der Gründer von Neue Akropolis, sagte einmal, gefährlicher als der physische Rassismus ist der geistige Rassismus, denn er ist die wahre Wurzel jeglicher Verfolgung, der Religionskriege und der Intoleranz. Und genau dieser geistige Rassismus, der in diesen Jahren wuchert, manipuliert die öffentliche Meinungsbildung durch die Vereinheitlichung und Homogenisierung der Medien, unterdrückt die Freiheit des Geistes und ist somit ein ernstzunehmender Feind der Würde des Menschen und des Heiligen. Und da reichen Meditationen und „gute Gedanken" nicht aus, da muß man sich als gesamter Mensch stellen, mit Kopf, Herz und Tat.

 

Die Philosophie als Weg des Menschen

Echte Spiritualität beinhaltet immer die Suche und das Finden. Sie beinhaltet eine Dynamik des Geistes, und Dynamik entsteht durch ein „Gefälle": Ich weiß etwas, aber ich weiß auch, daß ich vieles nicht weiß, und was ist das? Aus offenen Fragen ergibt sich ein offener Geist, frei von Vorurteilen und fixen Vorstellungen. Wer Mut zu offenen Fragen hat, Mut zur Unwissenheit, erst der begibt sich auf einen Weg. Denn der Mensch, der die Weisheit schon hat, muß sie ja nicht mehr suchen. So ist ein „Philosoph" im klassischen Sinn nicht einer, der die Weisheit hat, sondern einer, der sie liebt, der sie sucht und sich um sie bemüht und ihr nachstrebt. Dies sagt auch das Wort selbst: griech. „philo" ist die Liebe zu einer Sache, „sophía" ist die Weisheit.

 

Gerade das Thema „Tod - Wiedergeburt - Unsterblichkeit" ist ein besonders hitzig diskutiertes und wichtiges Teilgebiet des geistigen Studiums, hier berühren sich Glaube und Wissenschaft, Aberglaube und Weisheit, Dogmatik und lebendige Erfahrung. Hier prallen - wie auch bei anderen Themen des „New Age" - zwei Welten zusammen: zum einen die überlieferte Tradition der vorherrschenden, oft veräußerlichten Religionen mit ihren fixen Glaubensvorstellungen, äußeren Riten und Zeremonien („das Äußere betreffend" bedeutet „exoteros" im Griechischen), und zum anderen die persönliche, intime Erfahrung innerer Wahrheiten, welche in jeder Religion erlebt werden kann, unabhängig vom äußeren Gewand („das Innere betreffend" bedeutend „esoteros" im Griechischen). Das Problem ist, daß oft echte Wahrheiten abgelehnt werden, weil sie nicht in das herkömmliche traditionelle Glaubensschema passen, denn „was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht".

 

Wir sollten uns immer wieder bewußt machen, daß jedes Glaubensschema (philosophisch betrachtet) nicht Wissen ist, sondern eben ein Schema, ein Modell, eine Annahme, kurz: eine Meinung. Auch wenn eine Glaubensmeinung durch Erziehung und Gewöhnung zur Überzeugung auswächst, auch wenn sie sich durch ausbleibende Widersprüche scheinbar bewahrheitet, bleibt es eine Meinung und wird kein Wissen. Glaube und Wissen müssen sich vielmehr ergänzen: Wissen ohne Glauben führt zur Unsicherheit, und Glaube ohne Wissen kann zu Fanatismus führen, sagte schon Blaise Pascal.

 

Was ist nach dem Tod?

Was darauf die letztgültige richtige Antwort ist, weiß ich nicht. Aber ich habe das Vertrauen und den Glauben, daß die großen Meister der Menschheitsgeschichte, jene großen Frauen und Männer, die das Rad der Geschichte selbst mitgedreht haben, dieser „letzten Antwort" näher gekommen sind als ich, und daher sind sie für mich Vorbilder, Beispiele und Ansporn zum weiteren Studium.

 

Heute wird so viel vom Trennenden gesprochen - daher wollen wir in Neue Akropolis weltweit das Gemeinsame aufzeigen. Wir plädieren für ein vergleichendes Studium, unabhängig von Konfession, Rasse und anderen einengenden künstlichen Barrieren. Wir suchen den MENSCHEN AN SICH, und wir sind überzeugt, daß keine Religion die Wahrheit für sich alleine gepachtet hat. Bei dem vergleichenden Studium entdeckt man dann Gemeinsamkeiten, man ahnt durch den schillernden Dschungel der geistigen Blütenpracht der Kulturen eine Einheit, man wird mehr und mehr gewahr, daß alle Religionen, Philosophien, Wissenschaften und Künste den Menschen, den globalen ganzheitlichen Menschen und das Heilige zum Ziel hatten, und dieses Heilige spiegelt sich in jeder Kultur, in jedem Volk wider. Genauso haben Philosophen, Theologen, aber auch Wissenschaftler und Künstler ihren speziellen Zugang zu dem Thema „Tod - Wiedergeburt - Unsterblichkeit": Betrachtet man diese jedoch genauer, so erkennt man wiederum viele gemeinsame Elemente...

Menschen brauchen Ideale

Die Aufbruchsstimmung ins nächste Jahrtausend ist begrüßens- und unterstützenswert. Materialismus und religiöser Dogmatismus haben alle Möglichkeiten verspielt, die Welt besser, gerechter und schöner zu machen, obwohl sie seit Jahrhunderten immer mehr und mehr Macht und Einfluß an sich gerafft haben. Die katastrophalen Folgen dieser kollektiven Geisteshaltung und „Gedankenform" werden wohl erst unsere Kindeskinder in ganzer Härte zu spüren bekommen... Und so ist die Suche nach besseren Geisteshaltungen, nach einem Sinn des Daseins jedes einzelnen Menschen lebenswichtig und mehr als legitim. Sie ist eine Notwendigkeit unserer Zeit. Menschen brauchen keine materiellen letzten Ziele, sondern ideelle letzte Ziele, und dazu das Wissen, wohin denn der nächste Fuß auf dem Weg zu setzen ist. Keine erstarrte Dogmatik, sondern ein lebendiger, den Umständen der Zeit gegenüber anpassungsfähiger und realistischer Sinn für das Heilige. Wir brauchen ein geistig orientiertes Realitätsempfinden, wir brauchen praktisch orientierten Idealismus, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, und doch seine Hände zu den Sternen streckt, dem mythischen Atlas gleich.

 

Autor: Walter Gutdeutsch

 

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 73)

 
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