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Die Kunst der Zerstreuung

Ohne Zerstreuung gibt es für den Menschen keine Freude, mit Zerstreuung keine Trauer.

Blaise Pascal

Sind doch alle Ordnungen des Menschen darauf eingerichtet, dass das Leben in einer fortgesetzten Zerstreuung der Gedanken nicht gespürt werde.

Friedrich Nietzsche

 

Wie wir alle wissen ist die Zerstreuung mehr als eine schnöde Alltagsfähigkeit. Sie ist Lebensstil, hohe Kunst, nur wenigen begnadeten Genies vom ungerechten Schicksal in die Wiege gelegt. Wir, die Masse ihrer Bewunderer dagegen, müssen uns diese hehre Tugend hart erarbeiten.

Grundstufe

Sollten Sie also Ihre Fähigkeiten zur Zerstreuung verbessern wollen (Seien Sie versichert, das Ziel lohnt sich!) empfehle ich aus eigenen langjährigen Erfahrungen (leider hat mich das erwähnte ungerechte Schicksal von Geburt mit einer strukturierten und fokussierten Grundhaltung gegenüber dem Leben gestraft) mit kleinen und einfachen Zerstreuungen zu beginnen. So gewöhne man sich früh im Leben daran, gerade die kleinen Dinge, wie z.B. einen Satz, nicht zu einem Ende ... Oder man gebe sich heldenhaft jederzeit und an jedem Ort dem Impuls zur Ablenkung hin. Kennen und genießen Sie nicht auch manchmal das Gefühl, dem eigenen schnöden und langweiligen Willen gezeigt zu haben, dass wahre Anarchie kein politisches Modell ist, sondern sich am Ruhmreichsten in der eigenen Psyche realisieren lässt? Apropos, haben Sie nicht auch das Gefühl, dass die Fischpreise (ich studiere gerade nebenbei die Speisekarte eines Heimlieferservices) die letzten Jahre überproportional gestiegen sind? Ich persönlich esse ja gerne Fisch, vor allem Meerfische. Im letzten Urlaub, im schönen italienischen Küstendorf Palinuro nahe Neapel lernte ich beim Fischessen übrigens Paola kennen, eine glutäugige Sizilianerin, deren... Aber lassen wir das und widmen uns wieder der wunderbaren Kunst der Zerstreuung. Gewöhnen Sie sich z.B. daran, Tuben, Flaschen und Dosen des täglichen Gebrauchs nicht wieder zu schließen. Legen Sie aber den Verschluss einer Zahnpastatube nicht einfach direkt daneben, was den Anfänger erkennen ließe. Nein, legen Sie ihn an wirklich ausgefallene Orte, wie z.B. in den Kühlschrank oder die Schmuckschatulle Ihrer Lebensgefährtin.

Wobei wir nahtlos beim nächsten Punkt der Grundstufe wären: Machen Sie niemals, ich betone NIEMALS, nur eine Sache gleichzeitig! Anfänger begnügen sich diesem Rat folgend damit, beim Zähneputzen die Post zu öffnen oder beim Essen fernzusehen. Wie banal! Aber trotzdem wirksam auf dem Wege zum lohnenswerten Ziel der Meisterschaft der Zerstreuung. Aber warum lassen Sie nicht Ihrer Kreativität freien Lauf und ordnen die Schmuckschatulle Ihrer Partnerin während des Zähneputzens? Und fallen Sie bitte nicht auf den schnöden Einwand Ihrer Partnerin herein, dass Sie ja in der Schatulle nichts zu suchen hätten, und schon gar nicht während des Zähneputzens. Genau darum geht es ja bei der Zerstreuung, sich physisch, emotional und gedanklich auf Gebiete zu begeben, wo man nichts, aber auch gar nichts zu suchen hat. Also los, frischauf! Nutzen Sie diese unbestechliche Kompassnadel der Privatsphäre anderer. Gerade das, was für Sie unwichtig ist und Sie nichts angeht, hat das beste Zerstreuungspotential. Es gibt kaum das Herz Erwärmenderes als Gerüchte und Nachrichten aus dem Leben anderer, am besten uns wildfremder Menschen. Die Boulevardpresse, Illustrierten und Fernsehsendungen sind voll davon. Also, ab jetzt sollten mindestens die morgendliche Lektüre der Bildzeitung (dauert leider selbst bei eingehendem Studium nur zehn gutinvestierte Minuten), drei Abonnements von Frauenzeitschriften (z.B. Bild der Frau, BUNTE), „Leute heute" im Fernsehen und zwei Talkshows zu Ihrem Trainingsprogramm gehören. Und zur Abwechslung widmen Sie sich ruhig auch regelmäßig ausgiebig Ihren Mitmenschen. So sollten die Besucher Ihrer Nachbarin, das (natürlich ungerechte und nur vermutete) Gehalt der neuen Kollegin, die Schulden des Cousins usw. zu Ihrem festen Gesprächs- und Beziehungsrepertoire gehören. Und vergessen Sie nicht, alles nicht nur einmal, sondern allen Bekannten zu erzählen. Am meisten Dynamik entfalten natürlich Gespräche des Inhalts, was wer wann zu wem wie und warum gesagt hat, wie und warum der andere dann reagiert hat usw. Und achten Sie (aber Sie haben es ja längst begriffen) konsequent darauf, dass Sie immer nur ÜBER die betroffenen Personen reden, niemals direkt MIT ihnen. Und wenn Sie zum Thema noch eigene Vermutungen, Gerüchte, Übertreibungen usw. beisteuern können, nur zu! Oscar Wilde sagte einmal: „Lieber einen guten Freund verlieren, als eine gute Pointe". Ich füge hinzu: Lieber einen guten Freund verlieren, als eine gutes Gerücht, das ja nebenbei noch dem eigentlichen Ziel der Zerstreuung gedient hat.

Mittelstufe

Vermeiden Sie jegliche (auch unbeabsichtigte) Form von Konzentrationstraining. Aber Vorsicht! Die Teufelin der Konzentration bedient sich bei der Verführung ihrer Opfer oft der schändlichsten Listen und Verkleidungen.

So steckt schon im Wunsch, ein gutes Buch zu lesen oder im anregenden guten Gespräch die Verführung der Schlange der Konzentration. Was also tun? Wehren Sie schon bei den einfachsten Handlungen den Anfängen. Wie sagte schon Jesus: Schlagt Euch lieber den Arm an, als dass ihr ihm erlaubt zu sündigen! Trennen Sie sich daher von Hobbys, guten Freunden, Büchern, ja, von allen Elementen Ihres Lebens, wo die Gefahr besteht, dass Sie sich länger, intensiver und tiefer (sprich: konzentrierter) auf eine Sache oder Idee einlassen. Und vergessen Sie nicht die Gegentherapie: Füllen Sie die so auftretende Leere in Ihrem Denken, Fühlen und Handeln durch Ablenkung. Dafür sei jedes Mittel recht. Wenn Sie aufgrund angeborener natürlicher Abneigung nicht sofort zum Königsweg der tagesfüllenden Daily Soaps und Talkshows greifen können (wie Eingangs gesagt, nicht allen ist die Fähigkeit zur Zerstreuung in die Wiege gelegt) überlisten Sie die vorhandenen Reste Ihres philosophischen Instinkts doch einfach mit dem Gefühl, sich mit etwas „Sinnvollem" zu zerstreuen und zu entspannen. Z.B. sind Gerichtssendungen doch wirklich sehr informativ über das deutsche Strafrecht. Oder die Kochsendung, es ist doch immer nett, ein neues Rezept zu kennen zu lernen. Dass man dies einem Kochbuch in nur drei Minuten entnehmen könnte, während die Sendung inklusive Werbepausen 70 Minuten dauert, ist ein Einwand, der nun wirklich nicht mehr der Mittelstufe würdig ist.

Damit kommen wir zu einem der wichtigsten Tipps: Lernen Sie, sinnvolle Dinge als Instrument der Ablenkung einzusetzen. Wer würde es nicht verstehen und bewundern, wenn Sie plötzlich mit großer Energie beginnen würden, Ihr Englisch zu verbessern? Dass diese Energie gerade in der Vorbereitungszeit zur Abschlussprüfung Ihrer beruflichen Weiterbildung, die mit Englisch überhaupt nicht zu tun hat, auftritt, brauchen Sie sich selbst und anderen ja nicht einzugestehen. Vergessen Sie, dass Sie eigentlich anderes zu lernen hätten. Nutzen Sie dieses unerwartete Geschenk des großen Elans und lernen Sie Englisch. Sie können nämlich sicher sein, dass der Schwung und die Begeisterung für diese früher immer gehasste Fremdsprache abrupt nach der Abschlussprüfung beendet ist.

Haben Sie sich vorgenommen, zumindest ein Mal wöchentlich Sport zu treiben und teuer für ein Fitnessstudio bezahlt? Wäre es da, so fragt man sich vielleicht am ersten Abend, nicht vernünftig, stattdessen die Zeit zu investieren und sich die richtige Sportkleidung zu kaufen? Gesagt, getan. Der Termin ist vorbei, aber man hat ja etwas Sinnvolles auf dem Weg zur Fitness erledigt und genießt die Anprobe zuhause vor dem Spiegel. Beim nächsten Termin denkt man sich, man könne doch auch zuhause (im neuen Outfit) einige Übungen stattdessen machen, verbindet das dann mit ein paar Telefonaten und der Sportschau (ist doch irgendwie auch Sport, oder?). Der dritte Termin rückt bedrohlich näher, und jetzt kommt der große Trick: Man sollte doch einmal etwas für den Geist tun, oder? Ist der Geist nicht wichtiger als der Körper? Und plötzlich wird das gute Buch, das man zu Beginn der Mittelstufe noch als Teufelswerk in den Keller verbannt hat, zum Retter in der Not. (Merke: Meister der Zerstreuung trennen sich nie wirklich von Büchern, Menschen, Ideen usw. Man kann sie ja alle später wieder gebrauchen.) Zufrieden mit sich und der Welt gönnt man sich jetzt statt des schnöden Fitnessstudios das lang verschmähte Werk des Nobelpreisträgers. Echte Genies der Zerstreuung weigern sich jetzt natürlich noch, den auf ein Jahr geschlossenen Fitnessvertrag zu bezahlen und führen stattdessen einen aufwändigen Rechtsstreit über zwei Instanzen mit mindestens neunzehn Anwalts- und Gerichtsterminen.

Oberstufe

Unter welchen Voraussetzungen kann man jetzt - gesellschaftlich anerkannt und sinnvollen Tätigkeiten nachgehend - von Freunden bewundert auf höchstem Niveau der Tugend der Zerstreuung frönen, ohne man den Spießbürgern des sinnvollen Lebens und sich selbst Rechenschaft ablegen müsste? Die folgende Antwort ist, so wage ich unbescheiden und pathetisch zu behaupten, das vermutlich Wertvollste, was Sie für Ihr weiteres Leben je hören werden. Sagen Sie es bitte niemanden weiter:

Hüten Sie sich vor jeder (noch so versteckten oder ansatzweisen) Form eines Lebensziels oder Lebensplans! Diese haben nämlich die unangenehme Nebenwirkung, dass neben ihnen wahre, tiefgreifende und lustvolle Zerstreuung kaum möglich ist. Oder könnten Sie sich Mahatma Ghandi oder Martin Luther King beim stundenlangen Genuss von Talkshows oder Studium der „Frau im Spiegel" vorstellen? Eben! Diese Menschen hatten Lebensziele, schlimmer noch, sie hatten feste und klare Werte im Leben, die Magneten gleich, zu ihnen passende Handlungen und Beschäftigungen förmlich anzogen, andere, unpassende, aber gar nicht erst zuließen. Ein wahrer Alptraum für die Zerstreuung!

Darum: Weg mit Lebenszielen, Lebensplänen, Visionen, Prioritäten, Werten und Idealen! Beschäftigen Sie sich auf keinen Fall mit Philosophie. Reihen Sie sich ein in das Heer der Mittelmäßigkeit. Ihre Instinkte, Launen und Leidenschaften werden es Ihnen danken! Und noch ein erhebender Gedanke zum Abschluss: Zerstreuung heißt doch, die eigenen Kräfte, Energien, Potentiale, Handlungen, Gedanken und Gefühle ungeordnet und ohne Ziel frei in der Welt zu verteilen. Was könnte es denn Demokratischeres und Gerechteres geben als absolute Zerstreuung von allem in allem? Wenn wir uns alle in allem zerstreuen, sind wir dann nicht alle als Teil irgendwo, und ist nicht alles irgendwo in uns? Ein fast schon buddhistischer, zumindest zutiefst mystischer Gedanke, so meine ich. Denken Sie mal darüber nach, um sich abzulenken.

 

Autor: Helmut Müller

 
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