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Sinn-Sucht im Computerzeitalter


Online-Rollenspiele wie "World of Warcraft" haben das Freizeitverhalten vieler Teenager und Erwachsener heute vollkommen umgekrempelt. Bereits mehr als 7 Millionen Spieler weltweit führen in diesem Spiel ein Doppelleben als mutige Krieger, mächtige Zauberer oder Nacht-Elf in einer Parallelwelt voller Mystik, Magie und Abenteuer. Sie sitzen tage- und nächtelang vor dem PC im Kampf um Ruhm und Punkte. Unter 13-Jährige nützen heute das Internet im Schnitt dreieinhalb Stunden pro Woche, 13- bis 16-Jährige sogar knapp acht Stunden. Jedes zehnte Kind und jeder zehnte erwachsene Internet-User spielt Studien zufolge exzessiv Computerspiele.

Nicht-stoffliche Süchte wie Spiel-, Kauf- oder Sexsucht haben ähnliche Symptome wie stoffliche Süchte (Drogen, Alkohol, ...), meint dazu Sabine Grüsser-Sinopoli, Leiterin einer Berliner Suchtforschungsgruppe. In Labor-Experimenten konnte sie nachweisen, dass der Anblick von Computerspielen bei süchtigen Spielern im Gehirn dieselben Mechanismen auslöst wie bei Alkoholikern der Anblick von Alkohol. Viele Eltern befürchten deshalb, ihre Kinder könnten vollständig in die virtuelle Welt abgleiten.

Diverse Studien und Medienberichte prophezeien uns den Entwicklungs-Supergau: Kinder, die Schule, Freunde und andere Interessen vernachlässigen. Aquilino Polaino, Direktor des Instituts für Psychologie an der Universität San Pablo in Madrid, behauptet, dass 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die das Internet benutzen oder sich mit Computerspielen beschäftigen, danach süchtig werden.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx, selbst ein leidenschaftlicher Spieler von World of Warcraft, betont im Gegensatz dazu die gehirnstimulierende Wirkung solcher Spiele. So trainiere man das Denken in Zusammenhängen, das strategische Simulationsvermögen und übe das Multitasking. Er zitiert Studien, die belegen, dass Spielkids deutlich besser in Symbolverarbeitung, Orientierungssinn und Verknüpfung von Sinn-Inhalten sind. Nach Ansicht von Horx entwickeln Spieler auch Sozialkompetenz, Koordinationsfähigkeiten, Flexibilität, Wettbewerbslust und Selbstvertrauen.

Wem soll man nun glauben? Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wie bei allen Dingen in der Mitte. Der Grundsatz bei all diesen Themen lautet: Man darf diese Veränderungen weder bagatellisieren noch dramatisieren. Wir erleben eine Zunahme der Suchterkrankungen, was aber nicht heißt, dass bald ein Drittel der Jugendlichen süchtig sein wird, sei es nach Alkohol, Drogen oder Computerspielen. Viel interessanter erscheint mir die Frage, was Jugendliche in Alkohol, Drogen oder Computerspielen suchen.

Oder noch besser: Warum fällt es ihnen schwer, zu diesem Angebot "Nein" zu sagen oder es zu begrenzen? Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, sprach in diesem Zusammenhang davon, dass unsere Gesellschaft und vor allem die Jugend von einer kollektiv-neurotischen Trias heimgesucht wird: von "Addiction, Aggression and Depression". Also Sucht, in welcher Form auch immer. Aggression, die sich in der Zunahme der Gewalt und Jugendkriminalität ausdrückt. Und Depressionen, die sich unter anderem durch einen Anstieg der Selbstmorde und Selbstmordversuche bei Jugendlichen bemerkbar machen.

Frankl sah in diesen Phänomenen die Symptome von Individuen, die nicht mehr in der Lage sind, den Sinn ihres Lebens zu finden - oder einer Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, diesen Sinn über die Tradition zu vermitteln. Prägnant formulierte er das so: "Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte und Triebe mehr, was er tun muss. Im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagen ihm heute keine Traditionen und tradierten Werte mehr, was er tun soll. Jetzt weder wissend, was er muss noch was er soll, scheint er manchmal nicht recht zu wissen, was er eigentlich will."

Viele Menschen, und ganz besonders junge, leiden heute am sinnlosen Leben. Eine Studie der Idaho State University (USA) unter 60 Studenten, die einen Selbstmordversuch überlebt haben, ergab Folgendes: 85 Prozent nannten als Grund, dass sie in ihrem Leben keinen Sinn mehr sehen konnten. S

elbstmord ist nach Frankl eine Antwort auf die Sinnfrage, und zwar ein hinausgeschleudertes "Nein". Auch wenn es wahrscheinlich viele Ursachen für Selbstmord gibt, kann man doch sagen, dass mancher Versuch, sein Leben zu beenden, unterbleiben würde, wenn derjenige in seinem Leben einen Sinn sehen würde.

Ähnliche Zusammenhänge findet man bei den Themen Sucht und Gewalttätigkeit.

Eine von Stanley Krippner, Professor der Psychologie in San Francisco, durchgeführte Befragung von drogenabhängigen Jugendlichen ergab, dass die Frage, ob sie einen Lebenssinn sehen könnten, von 100 % mit "Nein" beantwortet wurde. Sucht ist oft das Ergebnis einer fehlerhaften oder fehlgeleiteten Suche.

Der Mensch ist und war immer auf der Suche nach Sinn. Wenn er einmal einen Sinn gefunden hat, ist er fähig sich hinzugeben an eine Aufgabe, die er für wichtig hält, oder an einen Menschen, den er liebt, und dem er helfen möchte.

Dazu die Geschichte eines mir namentlich nicht mehr bekannten virtuosen Geigers, der in Wien ein Konzert gab. Nach seinem Auftritt bedrängte ihn ein schwärmender Verehrer mit seiner Bewunderung und den Worten: "Ich würde mein Leben dafür hingeben, wenn ich so Geige spielen könnte wie Sie." Darauf antwortete der Geiger: "Sehen Sie, genau das habe ich getan." Wenn jemand eine Aufgabe - einen Sinn - im Leben gefunden hat, ist er bereit und fähig, Mühen auf sich zu nehmen, auf etwas zu verzichten oder sogar Leid zu ertragen.

C.G. Jung meinte dazu: "Sinn macht vieles - vielleicht alles - ertragbar." Wenn jemand hingegen keinen Sinn im Leben sieht, dann ist er unter Umständen bereit, sein Leben wegzuwerfen - und all das inmitten der Wohlstandsgesellschaft und im Wohlfahrtsstaat.

Warum ist das so? Die heutige Industriegesellschaft versucht doch, alle menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Das stärkste menschliche Bedürfnis geht dabei allerdings leer aus: das Sinnbedürfnis. Die Menschen haben heute genug, wovon sie leben können, aber sie wissen nicht, wofür sie leben sollen.

Sie haben die Lebens-Mittel, aber sie finden keinen Lebens-Zweck. Was alle und speziell junge Menschen brauchen, ist eine sinnvolle Aufgabe. Und: das Vorbild von Menschen, die ihre Aufgabe mit Ehrlichkeit, Demut und Würde erfüllen.

Wenn Kinder oder Jugendliche heute verhaltensauffällig werden, gibt man ihnen meist noch mehr Zuwendung in der Schule oder eine spezielle Therapie. Eine befreundete Psychologin berichtete mir unlängst, dass ihr (von öffentlichen Geldern bezahlter) Halbtagsjob darin besteht, eine Einzelbetreuung für einen 14-jährigen verhaltensauffälligen Schüler zu machen.

Hingegen erzählte mir vor einem Jahr ein 23-jähriger sozial engagierter Israeli, von einem meines Erachtens wirksameren - weil sinn-orientierten - Projekt, das er in seiner Heimat initiiert hat. In ehrenamtlicher Arbeit hat er dort gemeinsam mit verhaltensauffälligen Schülern Klassenzimmer von heruntergekommenen Schulen ausgemalt. Die einzigen Kosten, die die begünstigten Schulen dafür übernehmen mussten, waren die Materialkosten.

Die unbeabsichtigte Nebenwirkung dieser mühevollen Arbeiten waren erstaunte Lehrer, die meinem israelischen Freund von einer für sie unerwarteten positiven Veränderung bei den beteiligten Schülern berichteten. "Es gibt keinen Weg zum Glück. Glück ist der Weg", lautet ein Ausspruch von Buddha, der für mich den Nagel auf den Kopf trifft. Die Botschaft steht im Gegensatz zur Doktrin unserer Konsumgesellschaft.

Heute strebt man Genuss, Freude, Glück direkt als Ziele an. Doch kaum hat man sich einen Genuss gegönnt, enteilt er einem schon wieder. Kaum hat man sich etwas gekauft, verliert das Gekaufte auch schon wieder seinen Reiz. Kaum hat man im Computerspiel den Level erreicht, den man ersehnt hat und von dem man sich Bedürfnisbefriedigung erhofft hat, da gibt es auch schon den nächsten Level, den man erreichen könnte, und so enteilt und entschwindet einem das Glück.

Das Leben im Überfluss erzeugt Überdruss und zurück bleibt - ein schales Gefühl der Leere.

Wenn man hingegen diese Selbsttranszendenz, diese Hingabe an eine Aufgabe auslebt, fallen einem alle anderen Dinge in den Schoß. Das Glück, die Identität und die Selbstverwirklichung - als Nebenwirkung, als Effekt, als Zugabe -, aber nicht, wenn man sie selbst als Zweck anstrebt.

Wie kann man nun seinen Lebenssinn finden? Sinn ist immer gebunden an die Einmaligkeit und Einzigartigkeit einer Person. Daher kann man ihn keinem geben, jeder muss seine Aufgabe und seinen Sinn selbst finden.

Die Suche unterstützen kann hingegen die Beschäftigung mit dem Leben von Menschen, die ihren Lebenssinn gefunden haben - also das Lesen von guten Biografien, wie von Viktor Frankl, C.G. Jung, Mahatma Gandhi oder Elisabeth Kübler-Ross und vielen anderen.

Ein anderer Schlüssel ist das Lesen der alten Weisheitslehren, die Beschäftigung mit Werten und Tugenden. Während der Sinn immer etwas Spezifisches ist, sind Werte so etwas wie Sinn-Universalien, die sich im Verlauf der Geschichte herauskristallisiert haben - und so können sie ein Licht, ein Stern, eine Orientierung in der eigenen Suche werden.

Vielleicht hilft uns so ein Weisheitssatz des bekannten indischen Philosophen Rabindranath Tagore auch dabei, unsere Sinn-Sucht wieder in eine Sinn-Suche und in ein Sinn-Finden zu verwandeln:

Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude.

Ich erwachte und sah das Leben war Pflicht.

Ich handelte und siehe, aus Pflicht wurde Freude.

 

Literatur:

  • Viktor Frankl, Trotzdem Ja zum Leben sagen
  • Viktor Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn
  • P.M.-Magazin August 2006: Matthias Horx, "Hoppla, hier kommt mein zweites Ich"
  • Wolfgang Bergmann, Gerald Hüther: Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien

Autor: Heribert Holzinger

 

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 109)

 
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