Gedächtnis und Imagination
Giordano Bruno (1548 - 1600) war ein herausragender Mystiker, Dichter, Philosoph und Wissenschaftler der Renaissance, der vor nun fast 400 Jahren von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, weil seine Lehren zu revolutionär waren. Er sprengte das mittelalterliche Weltbild und war ein entscheidener Wegbereiter der Neuzeit.
Dieser Artikel zeigt auf, daß für Bruno auch die Wissenschaft ein Mittel ist, um den Menschen zum Göttlichen zu führen.
Die Gedächtniskunst des Giordano Bruno
„Ich weiß nicht, welche Übereinstimmung es klar und bewiesen zwischen den höheren Dingen und der niederen Materie gibt, die bewirkt, daß die göttliche Gnade, veranlaßt durch gewisse Bilder und Entsprechungen, herabsteigt und sich mitteilt."
Giordano Bruno
Die Kunst des Gedächtnis und der Imagination nach Giordano Bruno beruht auf der Verwendung von Bildern ähnlich den Mandalas 1, deren Schema zwar universell ist, das aber jeder in dem Maße vervollständigt, wie es seinem Entwicklungsstand entspricht. Sie muß gelebt werden, damit sie fruchtbar ist.
Die Philosophie von Bruno ist ein Pfad zum Göttlichen, von der Vielheit zur Einheit
Bruno geht von den platonischen Ideen aus, ohne die seine Philosophie unverständlich wäre. Diese sind die Ideen des „Guten, Wahren und Schönen", zu denen sich die menschliche Seele mit Hilfe einer enthusiastischen oder „leidenschaftlichen" Antriebskraft erheben muß, indem sie sich von dieser „unterschiedlichen, vielschichtigen und widersprüchlichen" Welt befreit, um die Einheit zu erreichen. Die Kunst des Gedächtnisses und die Kunst der Imagination sind auf dieses Ziel hin ausgerichtet.
„Der Mensch", sagt Bruno, „ist ein für die Unendlichkeit geschaffenes Wesen". Er ist bestimmt zu einem heroischen Vorhaben, dessen Fortschreiten die Vereinigung mit dem Göttlichen zum Ziel hat, die Rückkehr in die Einheit. Die geistige Liebe ist der Ursprung dieses spirituellen Fortschritts, der nicht Vergessen, sondern Erinnerung bedeutet.
Der Philosoph weiht mit der Zeit sein ganzes Leben der Suche nach einem System des Gedächtnisses, das den Menschen hilft, sich in diesen ersehnten göttlichen Zustand zu verwandeln.
Es gibt Zugänge zum Göttlichen: einen theologischen, durch eine transzendente Vorstellung von Gott, jenseits der Dinge und der Welt; und jenen von Bruno, den man den natürlichen, immanenten oder pantheistischen nennen könnte. Seiner Meinung nach ist die ganze Natur heilig. Das bedeutet, daß man Gott durch die Natur wahrnehmen kann. Das ist eine ergreifende Vorstellung: Gott ist anwesend in allem, was uns umgibt. Er erfüllt alles - das Sichtbare und das Unsichtbare. Gegenstand der Philosophie von Bruno ist also die Kontemplation über die Einheit der Natur (Deus in rebus) und über die Einheit als wesentliches Merkmal des Göttlichen. Bruno geht es darum, dem Menschen zuallererst einen einheitlichen Charakter zu geben, indem er alle seine Kräfte integriert und durch Gedächtnismethoden und komplexe Bilder die himmlischen Kräfte auf ihn lenkt.
Das ist der Sinn seiner Gedächtniskunst, die sich auf symbolische Bilder stützt und das Ziel hat, das Band zwischen dem Menschen und dem Göttlichen zu knüpfen.
Bruno gibt in seinem Leben und seiner Weltsicht das Paradoxon des Universums wider. Er geht über seine eigene natürliche (immanente) Vision der Welt hinaus und verneint keinesfalls die Transzendenz Gottes. Er bringt in meisterhafter Weise die Begriffe der Immanenz und der Transzendenz in Übereinstimmung, was zahlreiche Dispute sowie künstliche und absurde philosophische Konfrontationen hervorrief. Zusammenfassend können wir feststellen, daß sich das Göttliche nicht nur in den Dingen, sondern gleichermaßen auch jenseits von ihnen befindet.
Die Kunst der Imagination
Die Imagination nimmt innerhalb der Erkenntnistheorie von Bruno einen speziellen Platz ein.
„Die Imagination muß das erste Band der Seele sein, ein mittlerer Begriff zwischen dem Vergänglichen und dem Ewigen. Sie ist der Sinn, und eigentlich der einzig wahre Sinn. Sie ist der Körper und das Fahrzeug der Seele, die Quelle, von der das Leben ausfließt, die edelste Art, mit Gott zu kommunizieren."
Diese Gedanke fällt seltsamerweise mit den modernsten Forschungen der Humanwissenschaften zusammen: „Die Imagination scheint ganz die »Königin der Fähigkeiten« zu sein. Ihr entspringt die Gabe der Vernunft und der Prozeß der zunehmenden Verkörperung."
Als Vorläufer der modernen Humanwissenschaften ist Bruno ein glühender Verteidiger der symbolischen Handlung: Diese stellt den einzigen Weg für den Menschen zum Göttlichen dar.
Die Verbindung zwischen der Sinneswelt und der Welt des Verstandes bringt die Imagination mittels eines symbolischen Bildes hervor. Dieses dient als Band zwischen dem materiellen Objekt und der intellektuellen Vorstellung, zwischen dem sinnlich Wahrnehmbaren und dem Übersinnlichen und hat an beiden teil. In seiner Schrift „De imaginum" stellt Bruno fest:
„Ich weiß nicht, welche Übereinstimmung es klar und bewiesen zwischen den höheren Dingen und der niederen Materie gibt, die bewirkt, daß die göttliche Gnade, veranlaßt durch gewisse Bilder und Entsprechungen, herabsteigt und sich mitteilt."
Folglich ist das Symbolbild nicht nur eine passive Figur, sondern es bewirkt etwas, da es ja zur Energiezirkulation zwischen oben und unten beiträgt. Deswegen orientierte sich die Suche von Bruno an der Ausarbeitung einer Bildersprache.
Bilder und Sprache der Götter
In seiner Abhandlung „Ars memoriae" stellt Bruno eine Umgestaltung des Seelenlebens vor, die auf gedächtnismäßigen Anordnungen sowie auf Bildern beruht.
Er beginnt diese Umgestaltung, deren Ziel es ist, alle Kräfte im Inneren des Menschen zu vereinen, indem er talismanartige Bilder ausarbeitet. Diese Bilder sind „Schatten" oder Gedanken Gottes in der Materie und ziehen die himmlischen Kräfte an, wobei eine Abstufung innerhalb der Schatten existiert. Er bearbeitet die höchsten Schatten und vertraut diese Bilder Orten an, die speziell dafür in seinem Gedächtnis erdacht wurden, damit „die Mächte in seiner Seele arbeiten".
Die Wissenschaft der Bilder
Um mit den Göttern zu kommunizieren, schafft Giordano Bruno eine Sprache, die weder begrifflich noch abstrakt ist, sondern sich auf emblemartige Bilder stützt - hieroglyphische Schriftzeichen mit typisch astrologischen Zügen (Die himmlischen Konstellationen sind wie Buchstaben eines Buches, das von göttlichen Gedanken handelt: „Das Himmelszelt erzählt von der Herrlichkeit der Götter").
Die Sprache der Götter ist mit Hieroglyphen ausgearbeitet, da unsere Umgangssprache ausschließlich auf Übereinkunft beruht - das heißt, daß die Buchstaben und die Wörter, die sie zusammensetzen, willkürlich angeordnet sind. Es gibt unter ihnen keine natürliche, an den Kontakt mit dem Seienden angepaßte Übereinstimmung zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten, zwischen Form und Inhalt.
Die hermetische Tradition lehrt uns, daß es eine Wissenschaft der Bilder, der magischen Zeremonien und der Talismane gibt. Derjenige, der sie beherrscht, ist der Magier, welcher die Macht besitzt, „Wunder" hervorzubringen und die Bande zwischen den Welten zu verwirklichen. Der Magier ist derjenige, der auf die Vorstellung des Zuschauers einwirkt, die Bilder und die Formen nährt, derer er sich bedient, und der einen mächtigen Einfluß auf das Seelenleben ausübt.
Bruno zeigt uns eine wahre seelische Therapie mittels der Bilder, durch welche die „tiefen Kräfte und die verborgenen Tugenden" erwachen. Die Worte, die Zeichen und die Symbole fördern die Wiederherstellung der moralischen, psychischen und physischen „Gesundheit".
Die magischen Bilder von Giordano Bruno
Die talismanartigen Bilder, die Giordano Bruno auswählt, sind Sternbilder; sie sind „Vermittler" zwischen den Ideen der himmlischen und der irdischen Welt der Elemente.
Indem man die Sternbilder ordnet oder verwendet, geht man mit Formen um, die der Realität in einem viel höheren Grad nahe sind als die Objekte der niederen Welt. In der Tat sind die Sternbilder die Schatten der Ideen.
In seinem Werk „De imaginum" stellt Giordano Bruno, ausgehend von Sternbildern, Gedächtnisbilder zusammen, die wie von Magie durchdrungene Statuen gedacht sind. Diese magischen Bilder gehen einerseits auf astrologische Figuren, andererseits auf antike Götter, vor allem aus der griechischen Mythologie, zurück.
Die Gedächtniskunst
Auf den ersten Seiten der „Schatten der Ideen" wird die Gedächtniskunst, die danach enthüllt wird, als hermetisches Geheimnis vorgestellt. Hermes verleiht sie den Philosophen persönlich in einem Buch. Dieses ist das Buch über die „Schatten der Ideen, gesammelt durch die Sicht der inneren Schrift". Das heißt, daß es eine Reihe von Bildern enthält, die man seinem Gedächtnis einprägen muß.
In der Tat existieren in uns archetypische Bilder in einer chaotischen, konfusen Form. So sagt Bruno: „In deiner ursprünglichen Natur gibt es ein Chaos an Elementen und Zahlen, das aber dennoch die Ordnung und Reihenfolge nicht ausschließt." Das magische Gedächtnis holt die Bilder aus dem Chaos heraus, stellt ihre Ordnung wieder her und gibt dem Menschen seine göttlichen Fähigkeiten zurück.
Die klassische Gedächtniskunst
Seit der Antike beruht sie auf zwei einfachen Prinzipien.
Das erste besagt, daß man sich ein Bild leichter einprägt als irgendein anderes Element. Aristoteles behauptete, daß es unmöglich sei, ohne mentale Bilder zu denken.
Das zweite Prinzip rät, um sich eine Reihe von wichtigen Bildern einzuprägen, sie durch eine leicht identifizierbare Struktur in Zusammenhang zu bringen oder sie zuzuordnen. Diese Methode besteht darin, die Bilder mental an verschiedene Stellen eines bekannten Ortes (die Zimmer eines Gebäudes zum Beispiel) zu plazieren, wobei die räumliche Struktur aus vielen Teilen bestehen kann (etwa das Theater von Giullio Camillo oder die magischen Räder von Giordano Bruno).
Die Gedächtniskunst bei Giordano Bruno
Das Ziel des Gedächtnissystems ist es, durch das Einprägen von signifikanten Bildern die Rückkehr zur Einheit und zum Göttlichen zu ermöglichen. Da sie in der hermetischen Wissenschaft der Entsprechungen begründet ist, stützt sich die Gedächtniskunst auf die Vorstellung, daß „die Ägypter durch die magischen und göttlichen Riten dieselbe Leiter der Natur benutzten, um die Höhe des Göttlichen zu erreichen, wie die, die das Göttliche benutzt, um bis zu den kleinsten Dingen herabzusteigen und sich selbst mitzuteilen".
Bruno nimmt die klassischen Prinzipien der Gedächtniskunst wieder auf. Er betont vor allem, daß die Bilder auffallend sein müssen, damit sie gut im Gedächtnis haften. Als System empfiehlt er Figuren in Form von Diagrammen. Diese erinnern an die geometrischen Darstellungen der Mandalas.
In den „Dreißig Siegeln" gibt Bruno dreißig Definitionen der Prinzipien des magischen Gedächtnisses, gefolgt von dreißig mehr oder weniger obskuren Erklärungen. Platon verwendet die Metapher des Siegels in seinem Werk „Theaitetos", wo Sokrates annimmt, daß sich in unseren Seelen ein Wachsblock befindet, dessen Beschaffenheit sich je nach Individuum verändert. Alles, was wir denken oder wahrnehmen, drückt sich darin ein.
Außerdem entwickelt Platon im „Phaidros" die Idee, daß das Bewußtsein der Wahrheit aletheia ist - die Abwesenheit von Vergessen, das heißt, daß es aus Sich-Erinnern besteht, indem man sich an die Ideen erinnert, die die Seelen einmal gesehen haben und von denen alle materiellen Dinge nur diffuse Kopien sind.
Das System der Räder
Brunos Gedächtniskunst ist sehr komplex. Sie stützt sich nicht nur auf Diagramme, die den Orten des Gedächtnisses dienen, sondern setzt Rädersysteme in Bewegung, die in Segmente geteilt sind und sich gegenseitig durchdringen. J. Gomez drückt dies folgendermaßen aus; „Der Gedächtnisapparat ... ist ein System aus sich bewegenden Rädern, die astrologisch angeordnet sind und sich untereinander wie die Umlaufbahnen der Gestirne zusammenstellen lassen."
In seinem ersten Werk „Clavis magna", welches verlorengegangen ist, erklärte Bruno die Benutzungsart der Räder von Raimundus Lullus 2 als Invokation, um die Geister der Luft zusammenzurufen, die magischen Bilder der Sterne, die verwendet werden müssen, um die himmlische Welt zu erreichen, und er verwandelt auf gleiche Art und Weise die Räder von Lullus in praktische Kabbala oder Anrufungskunst, um die Geister oder Engel jenseits der Sterne zu erreichen. Eine der Formen, auf die himmlische Welt Wirkung auszuüben, wird durch die magischen oder talismanartigen Bilder der Sterne erreicht. Bruno versetzt solche Bilder ins Innere des Geistes, indem er sie auf das Gedächtnis anwendet, wo sie im Inneren die himmlische Welt reproduzieren.
Ein System, in das jeder seine Erfahrung einbringt
Das bewegliche Gedächtnissystem, das Bruno auswandte, ist für uns in bezug auf die allgemeinen Regeln gültig, aber nicht in dem, was die besonderen Beziehungen der Teile oder die Bilder betrifft, die sich in die dreißig Segmente einordnen und verschiedene bewegliche Räder bilden. In seiner Reihe ist jedes Rad in fünf Teile geteilt, in welche sich die ausgewählten Bilder in einer logischen Ordnung einfügen. Jeder Praktizierende wird seine miteinander verbundenen Symbole entdecken und sie ins Innere der Räder setzen. So entstehen neue geometrische Gedächtnisräume, in die unter anderem hieroglyphische Bilder eingebracht sind, die Bruno einem Magie-Lehrbuch von Agrippa3 entnahm, in welchem sich eine Reihe von magischen Sternbildern befanden, die Agrippa in seinem Gedächtnissystem verwendete.
Giordano Bruno hat seiner Nachkommenschaft ein universelles Gedächtnissystem hinterlassen, das - wie sein philosophischer Gedanke - durch das tiefe Paradoxon gekennzeichnet ist, daß es nämlich zugleich universell und persönlich und (welch Erstaunen!) unübertragbar ist. In der Tat muß der Schüler sein eigenes System in Übereinstimmung mit seiner subjektiven Sicht der Welt konstruieren.
Wenn wir unsere ersten Schritte machen, werden wir von unseren eigenen persönlichen Vorstellungen ausgehen. Wir besitzen subjektive Beziehungen, die uns vertraut sind, weil es die unseren sind. Mit der Erfahrung, die wir im Laufe der Zeit erwerben, werden wir weitere, komplexere Beziehungen hinzufügen können.
Transformation
Das System von Bruno ist nicht nur ausgearbeitet für alles, was wir uns zu merken haben. Es ist ein System, das alle Ebenen des Menschen integriert und einen transzendenten Zielpunkt besitzt. Derjenige, der es meistert, hat Macht über die Dinge und an erster Stelle über sich selbst. Von unserer subjektiven Perspektive aus beginnt also ein Weg, der uns dazu bringen wird, diese zu transzendieren und uns „in alles" zu verwandeln.
Das gesamte Universum und sein ganzes Mysterium befindet sich in uns, obwohl wir uns darüber nicht im klaren sind. Eine ganzheitlich orientierte Philosophie wie die von Giordano Bruno regt uns an, neue Bewußtseinsräume zu entdecken und zu erforschen.
Fußnoten:
1 Mandala (Sanskrit: Kreis, Ring): in den Religionen des indischen Kulturkreises ein mystisches Diagramm, welches in konzentrischer Anordnung - meist aus einer Verbindung von Quadraten und Kreisen - den gesamten Kosmos, die „Götterwelt oder auch psychische Aspekte versinnbildlicht und als Meditationsbild dient.
2 Raimundus Lullus, 1235-1316, katalanischer Mystiker und Philosoph. Er erfand die „Ars magna", ein Verfahren, durch schematische Anordnung der Begriffe übersichtliche Erkenntnis und sichere Beweisführung zu lehren.
3 Agrippa von Nettesheim, 1486 -1535, deutscher Arzt, Mystiker und Philosoph. Er vertrat die Lehre, daß die gesamte Natur beseelt sei.
Autorin: Isabelle Ohmann
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 71)
|