Der Begriff "Jugend"
Die Jugend bezeichnet den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Beim näheren Hinsehen jedoch ist die Begriffsbestimmung von "Jugend" eine komplexe Angelegenheit. Nach dem deutschen Recht gelten 14-17-Jährige als Jugendliche, 18-20-Jährige als Heranwachsende; dies wird aber nach oben und unten je nach Teilgebiet aufgefächert. In der Psychologie gelten die 14-
18-Jährigen als Jugendliche, individuell auch bis ins 25. Lebensjahr. In der Politik gilt als Jugend die Altersgruppe der bis zu 25-Jährigen, in einigen Fällen der bis zu 35-Jährigen. Auch die Bedeutungsebenen von "Jugend" sind sehr vielfältig.
"Jugend" bezeichnet entweder eine Altersphase oder eine Gruppenerfahrung oder das Ergebnis einer charakteristischen Gruppenbildung innerhalb der gesellschaftlichen Organisation oder eine Subkultur innerhalb der Gesellschaft oder - und dies ist interessant - einen Wertbegriff, der eine große Entwicklungschance darstellt, der aber auch eine Fessel für die individuelle und gesamtgesellschaftliche Orientierung sein kann.
Viele der heute noch vorhandenen Stammesgesellschaften kennen keine eigenständige Jugendphase: Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen findet relativ schnell statt und ist vielfach an (mit der Pubertät verknüpfte) so genannte Übergangsriten, die "Rites de passage" gekoppelt. In unserem westlichen Kulturkreis gingen Einweihungsriten und die damit verbundenen Proben, die von der gesamten Gesellschaft lebendig mitgetragen wurden, verloren. Reste davon finden wir beispielsweise noch in der christlichen Konfirmation oder vielleicht bei den Pfadfindern.
Es gibt unter anderem fünf Aspekte, die den Wandel der Jugend bei uns entscheidend mitprägen:
1.) Beschleunigung - Moratorium: Seit dem Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert tritt die Pubertät immer früher ein, zugleich erfolgt der Eintritt in Berufsleben immer später. Dadurch bildet sich eine
"eigene Zeit", die der Psychologe Erik Erikson "Moratorium" nennt. Dieser "Moratorium"-Zeitabschnitt wird immer größer, und dadurch entwickeln sich in dieser Altersgruppe eigenständige Lebensformen.
2.) Zahlenmäßige Verringerung - Anstieg der Bedeutung: Bedingt durch Geburtenrückgang und zugleich gestiegene Lebenserwartung wird die Jugend immer wichtiger, und zwar in ihrer ökonomischen und kulturellen Bedeutung, als Rententräger, Konsument, soziales Leitbild und Werbeträger.
3.) Formierung - Differenzierung: Durch Massenmedien, Unterhaltungsindustrie usw. gleichen sich die Verhaltensmuster und Wertsysteme von Jugendlichen sowohl im nationalen als auch im internationalen Rahmen einander an; zugleich bieten sich damit aber auch überregional und international vorhandene "Codes" an, die zu neuen Differenzierungen führen können.
4.) Anpassung - Protestverhalten: Obwohl der Jugend häufig Protestverhalten nachgesagt wird, zeigt der größte Teil der Jugend eine deutliche Anpassungs- und Leistungsbereitschaft. Daneben existieren Formen jugendlichen Protestverhaltens, in denen - häufig durch Popkultur vermittelt - Unbehagen und Unzufriedenheit zum Ausdruck kommen (Rock'n'Roll, Hippie- und Punkbewegung). Diese Formen entwickeln neue Lebensstile und Organisationsformen, werden aber auch vermarktet.
5.) Jugendliche - Erwachsene: Die Ausbildung einer eigenen Jugendkultur hat zu Reaktionsbildungen bei Erwachsenen geführt, die nun ihrerseits Stile und Auffassungsweisen der Jugend übernehmen. Dem liegt ein Strukturwandel moderner Gesellschaften zugrunde: Dem Erwachsenen werden eben jene Lernfähigkeit, Veränderungsbereitschaft und Unsicherheitserfahrungen abverlangt, die bisher als Merkmale von Jugend galten und auf diesen Erfahrungsraum beschränkt bleiben sollten.
"Die Jugendkultur" in dem Sinne gibt es nicht; vielmehr können wir von "Jugendkulturen" sprechen. Sie haben ihre eigenen Verhaltensweisen, Lebensstile, Kommunikationsformen, Symbolbildungen, Selbstdarstellungen und Konfliktpotenziale. Neben den Veränderungen der Industriegesellschaften wirken bei dem Herausbilden von Jugendkulturen u.a. vier weitere Gründe mit: erstens vor allem das Vorbild der amerikanischen Jugend nach dem Zweiten Weltkrieg ("Beat generation"), zweitens die inzwischen weltweite Verbreitung der Popkultur (engl. Popular culture), drittens die wachsende ökonomische Bedeutung der Jugendlichen als Konsumträger (Freizeitindustrie) und viertens die kulturelle und ökonomische Durchdringung und zum Teil Funktionalisierung der Jugend durch Massenmedien, Werbung und Konsumgüterindustrie. Hier kann Jugendkultur auch die Funktionen eines Markenartikels und sozialen Leitbildes übernehmen. Und damit sind wir weit entfernt von den humanistisch geprägten Idealen der Jugend in Aufklärung
und Romantik...
Autor: Georg Pallono
(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 94)
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