Die Kunst des Managements
Wie sich die japanische Unternehmensphilosophie von der westlichen unterscheidet
Die „Herren des Archipels" haben überall in Europa Fuß gefasst und etablierten sich
unter anderem auch in Frankreich, wo bis heute mehr als 300 japanische
Firmen registriert sind. Die Vereinigten Staaten wollten den Niedergang
ihrer ökonomischen Vormachtstellung nicht wahrhaben und konnten sich
nicht vorstellen, dass eine asiatische Nation sie einholen und auf vielerlei Gebieten sogar überholen
würde. Die verächtlichen Schlagworte von einst hört man heute nicht
mehr: „Produzenten von Taschenradios", „Diebe und Imitatoren westlicher Technologie", „seelenlose Soldaten in militärisch geführten Unternehmen" usw.
Heute versucht man vielmehr die Gründe für den kollektiven Erfolg dieses Landes zu verstehen, das heute die zweitstärkste Wirtschaftsmacht der Welt ist und dessen materielle Basis nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gerade für einen wirtschaftlichen Erfolg sprach. Es geht uns nicht darum, ein Land oder ein Modell zu idealisieren, wo trotz allem jeden Monat 1600 Unternehmen in Konkurs gehen und wo es eine der höchsten Selbstmordraten der Welt gibt, insbesondere unter Jugendlichen. Ich möchte nur die Charakteristika der Mentalität und des Managements herausstellen, denen Japan seinen Erfolg verdankt, in einem soziokulturelle System, das ganz anders geartet ist als das westliche, genauer gesagt als das amerikanische System.
Der Mensch beschränkt sich weit mehr durch seine Sicht der Dinge als durch die Mittel, derer er sich bedient. Christoph Kolumbus hat Amerika entdeckt, weil er eine andere Sicht von der Welt hatte als seine Zeitgenossen, für die die Erde flach war, und nicht deshalb, weil er über bessere Navigationsinstrumente verfügte.
Der wesentliche
Unterschied zwischen dem japanischen und dem westlichen Modell liegt
nicht in den Techniken des Managements, die mehr oder weniger die gleichen sind, sondern in einer anders gearteten Sichtweise der Welt, des Lebens und der Menschen.
Takeo Fujisawa, ein Mitbegründer des Unternehmens Honda, sagte einmal, dass das Management in Japan und den USA zu 95 Prozent identisch sei, jedoch in essentieller Hinsicht gravierende Unterschiede aufweise. Tatsächlich gibt es kein typisch
japanisches Modell des Managements. Es gibt Modelle des Managements,
die sowohl in Japan als auch im Westen auf weitgehend gleiche Art und
Weise umgesetzt werden. Der Unterschied besteht darin, wie die wesentlichen Prinzipien eines Modells interpretiert, angewandt und miteinander verknüpft werden.
Die Kunst des Managements liegt in seinem subtilen und irrationalen Aspekt, der schwer zu fassen ist und sich durch kein Modell darstellen lässt.
Wir wollen einmal den Versuch unternehmen, dieses Essentielle zu verstehen, das, obwohl es von den gleichen Mitteln ausgeht, in diesen beiden Wirtschaftsmächten so unterschiedliche Modelle herausgebildet hat.
Globale Vision und „Scheuklappenvision"
Im Gegensatz zu China oder Japan haben sich im Westen im Laufe der Geschichte getrennte Institutionen herausgebildet, die aus unterschiedlichen Einflusssphären Nutzen ziehen. Die Kirche hat sich als Wächterin des Glaubens und des spirituellen Lebens etabliert, während die Institutionen der Regierung und später die des Handels für das materielle Leben zuständig
waren. Im 16. Jahrhundert war Macchiavelli einer der ersten, der eine
vom Moralkodex unabhängige Führung der Staatsgeschäfte propagierte.
Das Aufkommen des Industriezeitalters war die nächste Etappe bei der
Strukturierung der westlichen Gesellschaft in den Beziehungen zwischen
Mensch, Organisation, Gesellschaft und Kultur. Diese Sichtweise, die Arbeit nur unter den getrennten Gesichtspunkten von Produktion, Eigentum, Arbeit und Kapital zu betrachten, hat den Menschen als soziales und spirituelles Wesen von seiner produktiven Funktion entfremdet.
Im Osten war dieser ideologische Bruch unbekannt. Nach der östlichen Sichtweise gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Privatleben, sozialem und spirituellem Leben. Die Wertvorstellungen sind auf allen drei Ebenen identisch. Die Japaner glauben, dass jedes Individuum materielle, soziale, psychologische und spirituelle Bedürfnisse hat, und zwar alle gleichzeitig. Die japanischen Wirtschaftsführer halten es für ihre Pflicht, die Entfaltung des Individuums in seiner Gesamtheit zu fördern und dies nicht nur den anderen Institutionen wie z.B. Regierung, Familie, Religion usw. zu überlassen.
Das Berufsleben wird nicht nur als ein rein materielles Geschäft Leistung gegen Bezahlung (Arbeit - Kapital) aufgefasst, sondern als ein grundlegender Faktor, mit dessen Hilfe das Individuum sich entfalten und spirituell weiterentwickeln kann. Eine ETHIK der Leistung bedingt eine andere Sichtweise der Rolle des Unternehmens und der Menschen im Unternehmen.
Für den Japaner ist das Unternehmen in erster Linie ein „Laboratorium" der Entwicklung und der Erfahrungen für das Individuum. Jeder einzelne muss seinen Platz darin finden. Folglich gibt es eine hohe Mobilität innerhalb der großen Firmen und wenig fristlose Entlassungen. Aus diesem Grunde bleibt man in der Regel viele Jahre bei ein und demselben Unternehmen. Man verpflichtet sich sozusagen.
Auch legt man weniger Wert auf das Ausbildungsniveau, das man am Anfang hat, sondern mehr auf die Erfahrung; letztere ist maßgeblich für die Höhe des Lohnes. In westlichen Unternehmen hingegen muss man sofort gewinnbringend und produktiv sein; die Mobilität innerhalb des Unternehmens ist sehr schwach. Die kontinuierliche Weiterbildung wird nicht als
so wichtig erachtet. Man tritt in ein Unternehmen ein, um Karriere zu
machen und nicht so sehr, um sich weiterzubilden. Und schließlich ist
die Höhe des Lohnes vom letzten Diplom oder Zeugnis abhängig.
In Japan investiert man langfristig. Man gründet ein Unternehmen, damit es lange bestehen bleibt. Man stellt einen Mitarbeiter ein, um ihn auszubilden: Er soll lange im Unternehmen bleiben und diesem sein Know-How und seine Erfahrung zur Verfügung stellen. In Japan ist man bestrebt, „bei gewöhnlichen Menschen außergewöhnliche Fähigkeiten zu entwickeln"; im Westen hingegen will man „Ziele mit außergewöhnlichen Menschen erreichen".
Ein weiterer Unterschied im japanischen System ist das Verhältnis zu Erfolg und Misserfolg. Der individuelle Erfolg ist ohne den kollektiven Erfolg unvorstellbar, und umgekehrt wird der kollektive Erfolg nur von kurzer Dauer sein, wenn er nicht von der individuellen Entfaltung jedes einzelnen begleitet ist. Im Gegensatz zu unserer westlichen Sichtweise bringt dieses System autonome Individuen hervor, die trotzdem unter sich und mit der sie umgebenden Hierarchie eng verbunden sind. Im Westen hat man oft keine klare Vorstellung von Autonomie und Unabhängigkeit. Der Erfolg, den jemand im Westen hat und der mehr individueller als kollektiver Natur ist, ist sehr zerbrechlich.
Eine andere Auffassung von Strategie
Die Japaner - wie auch
die Asiaten im Allgemeinen - haben eine ganz andere Herangehensweise an
die Strategie als die, die von westlichen Theorien propagiert wird. Das ist einer der Gründe, warum sehr wenige Westler in der Lage waren, die Strategie ihrer asiatischen Konkurrenten vorherzusehen.
Im Westen begründet man eine Strategie auf der Analyse der vorhandenen Ressourcen und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten, und zwar im Hinblick auf Personal, Technik und Finanzen. Für ein westliches Unternehmen ist die einzig wirkliche Bedrohung die durch ein Unternehmen, das über mehr Ressourcen verfügt. Im Westen ist man mehr auf seine Ressourcen fixiert als auf seine Zielsetzungen. Das Hauptproblem, das mit dieser Auffassung von Strategie einhergeht, ist, dass man mittels der klassischen strategischen Pläne die Probleme der Gegenwart gut erfassen kann, dass man sich aber nicht die Möglichkeiten vorstellen kann, welche die Zukunft bietet. Der chinesische Stratege Sun Tsu (1000 V. Chr.) sagte: „Alle können die Taktik sehen, durch die ich meine Eroberungen zuwege bringe, aber niemand kann die Strategie erkennen, die einen großen Sieg gebiert." Die Unternehmen, die im Laufe der letzten zwanzig Jahre auf dem Weltmarkt eine Führungsposition eingenommen haben, hatten am Anfang immer Pläne gehabt, die in keinem Verhältnis zu ihren Ressourcen und Kapazitäten standen. Um eines Tages groß zu sein, muss man eine „große" Vision von sich selbst haben. Zunächst wollten diese Unternehmen auf allen Ebenen unbedingt gewinnen, und dann haben sie 20 Jahre lang durchgehalten, um ihr Ziel zu erreichen. Diese Hartnäckigkeit und die Fähigkeit, „die Zukunft in die Gegenwart zu holen", ist das, was man strategische Intention nennt.
Bei der strategischen Intention muss es ein hochgestecktes, langfristiges und feststehendes Ziel geben. Die entsprechende Einstellung ist gekennzeichnet durch Hartnäckigkeit, Ausdauer und Entschlossenheit (die wichtiger sind als die Mittel). Mag man auch zu anderen Mitteln greifen, die Frist zur Erreichung des Ziels noch hinausschieben oder einen anderen Weg einschlagen: Das Ziel darf keineswegs in Frage gestellt werden.
Die strategische Intention macht klar, wie wichtig der Wille zum Sieg ist, die Gewissheit seines unausweichlichen Kommens. Diese Gewissheit verleiht Vertrauen und Stabilität, sogar bei den Misserfolgen, die nur als vorübergehende Erscheinungen gewertet werden. Sie zwingt dazu, maximalen Nutzen aus den beschränkten Ressourcen zu ziehen, mit weniger Mitteln mehr zu erreichen.
Sie setzt ein Ziel, durch das alle Beteiligten zu Anstrengungen und Einsatz motiviert werden. Und zwar ohne Druck durch das, was auf dem Spiel steht, aber mit einer klaren, individuellen und kollektiven Bewusstheit dessen. Sie erlaubt es, nicht Gefangener einer strategisch allzu starren Planung zu sein, was sehr uneffektiv und gefährlich wäre in einer Welt, die sich ständig ändert und wo die Zukunft ungewiss ist.
Eine andere Auffassung von den Strukturen und den Entscheidungs- und Kommunikationssystemen
Präsident Matsushita Konosute sagte 1980 auf einer internationale Konferenz in Tokio: „Wir werden gewinnen, und die Industrie des Westens wird verlieren; daran führt kein Weg vorbei, weil ihr eure Niederlage in euch selbst tragt. Eure Organisationsformen sind nach Taylor-Manier zugeschnitten, und schlimmer noch, eure
Köpfe sind es auch. Ihr seid überzeugt davon, eure Unternehmen gut zu
führen, indem ihr einen Unterschied macht zwischen Führungskräften und Ausführenden, zwischen denen, die denken und denen, die schuften. Für uns dagegen ist das Management die Kunst, das gesamte Intelligenz-Potential aller zu aktivieren, um es dem Unternehmen nutzbar zu machen."
Die innere Organisation hat das Ziel, die Struktur zu beleben; sie hat dafür zu sorgen, dass das Unternehmen von Energie und Leben durchströmt wird. Sie ist es, durch die das Unternehmen zu einem belebten oder unbelebten Wesen wird.
Vergleichen wir einmal den Organisationstyp der westlichen Unternehmen mit dem der japanischen Unternehmen:
Das westliche System
•vertikale Kommunikation von einer Stufe zur anderen.
•Verantwortlichkeit, Autonomie und Kreativität nimmt nach unten hin ab.
•Klassenkampf: „Der Chef muss ausgebootet werden, er blockiert meine Karriere."
•Die oberste Führungskraft ist an der Spitze, aber selten oder niemals an der Basis.
•Die Strategie ist Sache der Führungskräfte.
Das japanische System: senkrechte und transversale Kommunikation, stufenübergreifend
•Verantwortlichkeit, Autonomie und Kreativität werden auf jeder Stufe ausgeübt.
•Die oberste Führungskraft ist an der Spitze, aber auch im Zentrum. Sie ist die Achse, sie steht im Kampf.
•Die strategische Intention ist Sache aller.
Matsushita sagte auch: „ Eure Sozialtheoretiker, oft Leute guten Willens, glauben, dass der Mensch im Unternehmen geschützt werden muss. Als Realisten glauben wir, ganz im Gegenteil, dass das Unternehmen von den Menschen geschützt werden muss und dass es ihnen hundertfach zurückgibt, was sie ihm gegeben haben. So gesehen sind wir letzten Endes noch »sozialer« als ihr."
In Japan geht es darum, die gesamte Struktur für den Fortschritt des Unternehmens zu nutzen, wobei die individuelle und kollektive Verantwortlichkeit jedes einzelnen zum Tragen kommen soll. Für den Japaner ist die Hierarchie kein Hindernis für seine Selbstverwirklichung, sondern er ist der Auffassung, dass sein individueller Erfolg nur durch den kollektiven Erfolg der Gruppe ermöglicht wird. Da er seineTage nicht damit zubringt, „Verschwörungen" gegen seinen unmittelbaren Vorgesetzten auszuhecken, verfügt er über genügend Zeit und geistige Autonomie, um aus seiner Stellung im Unternehmen das Beste zu machen.
Das Kommunikationssystem in den japanischen Unternehmen ist folglich sehr aktiv und fruchtbar, und zwar sowohl von oben nach unten als auch von unten nach oben. Die Unternehmensziele sind allen bekannt. Keine Entscheidung wird ohne breite Zustimmung getroffen; ist diese Zustimmung einmal erreicht, wird die Entscheidung umgesetzt, ohne dass diese noch einmal in Frage gestellt wird. Dabei wird häufig an die strategische Intention erinnert.
Der Klassenkampf ist typisch für den Westen. In Japan sieht ein Stand nicht mit Verachtung auf einen anderen Stand herab. Arbeiter und Angestellte stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Die Grundlage des vertikalen pyramidalen Systems besteht darin, dass jeder eine Rolle zu spielen hat und mitwirkt bei der kollektiven Leistung des Systems. Autonom sein heißt, in seiner Funktion selbständig zu sein und mit der Hierarchie und den anderen Funktionen in Verbindung zu stehen.
Die besonders erfolgreichen Unternehmen verstehen es, ihre Ziele und die Methoden, selbige zu erreichen, nicht nur mit ökonomischen, sondern auch mit menschlichen Werten zu verknüpfen. Das größte Manko der westlichen Unternehmen ist meistens ihr Mangel an einem tieferen Verständnis für die Rolle des Menschen in den Organisationen. Auf diesem Gebiet sind sie kulturell bedingt hoffnungslos im Rückstand. Ihre Kultur gibt ihnen nicht die Möglichkeit, jene Synthese zu erreichen, die die Japaner so gut bewerkstelligen: die Synthese zwischen rationaler Analyse und Phantasie; zwischen Gewissheit, Zweifel und Unvollkommenheit; zwischen dem privaten, dem gesellschaftlichen und dem spirituellen Menschen; zwischen Ressourcen und Zielen; zwischen individueller Verantwortung und der Achtung der Hierarchie; zwischen Autonomie und dem Sinn für den kollektiven Erfolg; zwischen dem materiellen und dem transzendenten Leben.
Von den Japanern können wir die Fähigkeit erlernen, Dinge zu vereinen, die scheinbar in Widerspruch zueinander stehen und die sich in unseren Augen gegenseitig ausschließen; die Fähigkeit, hinter den Spiegel zu schauen; das zu sehen, was man normalerweise nicht sieht:
„Dreißig Speichen sind durch Löcher in der Nabe vereint.
Mit dem Raum, der sie trennt, bilden sie das Rad.
Die Nützlichkeit des Tons bei der Herstellung der Töpfe kommt von dem hohlen Raum, den seine Abwesenheit hinterlässt.
Die Türen und Fenster eines Hauses können wir nur nutzen wegen des leeren Raumes, den sie begrenzen. So hilft uns das Nicht-Seiende, das Seiende zu gebrauchen."
Lao Tse (chinesischer Philosoph, 6. Jahrhundert v. Chr.)
Autorin: Francoise Bechet
Übersetzung: Helmut Blass
Literatur:
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R.T. Pascale und A.G. Athos: Ist das Management eine japanische Kunst? 1984 (Dieses Buch von zwei Harvard-Absolventen ist das Ergebnis einer vergleichenden Studie über Leistungskriterien im Management und gesellschaftlichen Organisationen in den Vereinigten Staaten und Japan)
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Die Strategen der Aufgehenden Sonne in Harvard-Expansion (Zeitschrift), Herbst 1990
-
Artikel und Kurse von Fernando Schwarz aus dem Bereich des Management und der Menschenführung.
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Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift „Nouvelle Acropole" in Frankreich, Nr. 135, Jan.-Feb. 1994
(aus: Zeitschrift von Neue Akropolis Nr. 69, 1997)
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