Arbeitslosigkeit als Chance
Wie eine Krise zu Gedanken über das Leben anregen kann
Wer Arbeitslosigkeit selbst nicht erfahren hat, kennt sie
nur in Form von Zahlen und Statistiken. Für den Betroffenen bedeutet sie meist
eine schwere Lebenskrise. Der Autor nutzt diese, um Fragen über das Leben zu
stellen.
Da wir Menschen in diesem Schöpfungsteil die höchstentwickelten
Kreaturen sind bzw. sein sollten, haben wir nicht nur unmittelbar unser eigenes
Schicksal, sondern auch mittelbar das der Mitgeschöpfe in unserer Hand. Wenn
wir Menschen mehr auf die innere Stimme des Geistes hören würden, würde das so
entstehende edle Menschentum auch die gesamte Schöpfungsumgebung mitheben und
verfeinern. Weil wir aber den Geist in uns und damit letzlich uns selbst
unterdrückt und den erdgebundenen Verstand auf den Thron gesetzt haben, müssen
wir jetzt zusehen, welche himmelschreienden Mißstände unser geistloses Wirken
mit sich bringt.
Wir können und müßten z.B. anhand der Arbeitslosigkeit
erkennen, daß die Phantastereien vom Schlaraffenland an der Wirklichkeit
zerschellen. Die Schöpfung ist nicht auf Stillstand, sondern auf Bewegung
aufgebaut. Auf Untätigkeit läßt sich kein wahres Glück gründen. Auch mit viel
Geld nicht. Nur freudige Bewegung kann wahres Glück entstehen lassen. Das hängt
nicht von anderen ab. Ich bin frei, mich zu betätigen - auch als Arbeitsloser.
Neben dieser Vorstellung vom süßen Nichtstun gibt es eine
andere irrige Vorstellung, die zu Arbeitslosigkeit führen kann. Sie besagt, daß
irdische Betätigung minderwertig oder unrein ist. Es sei besser, sich nur mit
geistigen Dingen zu beschäftigen. So käme man nicht in die Gefahr, sich zu
beschmutzen oder von irdischen Nichtigkeiten herunterziehen zu lassen und könnte
sein hohes geistiges Niveau halten. Diese Abgehobenheit führt zum gewünschten
Ergebnis: Arbeitslosigkeit. Nur stimmen unsere Vorstellungen oft nicht
mit den Lebensgesetzen und der Wirklichkeit überein. Gerade durch die (geistige!) Auseinandersetzung mit
irdischen Dingen reift unser Geist am besten.
Eine weitere verschobene Vorstellung begünstigt die
Arbeitslosigkeit enorm: Frauen sollen danach streben, wie Männer zu
werden -
vielleicht sogar bessere Männer. In allen Berufsbereichen sollen sie
vertreten
sein und den Männern das Fürchten lehren. Viele Frauen fördern auf
diese Weise
gerade das, was sie eigentlich bekämpfen wollen: Die Herrschaft des
(zur Rücksichtslosigkeit
entarteten) männlichen Prinzips. Die Männer sind freilich mitschuldig
an dieser
Fehlentwicklung, weil sie weibliche Qualitäten nicht oder nicht genug
achten.
Nun, was dabei herauskommt, wenn die Erziehung und die Sorge um die
Kinder für nebensächlich oder gar lästig gehalten wird, sehen wir heute
überall. Da die Kinder in ihrer Art nicht geachtet werden, ahmen sie
die
scheinbar mächtigen Erwachsenen mit all ihren Unsitten nach. Sie lernen
Machtgier statt Liebe und Rücksichtslosigkeit statt Mitgefühl.
Es mangelt allerorten an der Bereitschaft, sich mit sich und
seinem Schicksal auseinanderzusetzen. Die Arbeitslosigkeit gibt einen starken Impuls, das doch einmal
zu versuchen. Solange man in der Arbeitsroutine gefangen ist, besteht ja für
die wenigsten Menschen ein Grund, tiefer über das eigene Leben nachzudenken.
Das Wegfallen der äußeren Beschäftigung bedeutet eine Herausforderung innerer
Kräfte. Dabei wird so manche Selbsttäuschung entlarvt. Einige Arbeitslose
hatten beispielsweise eine großartige Vorstellung von sich. Doch wenn der äußere
Halt des Broterwerbs wegfällt, entpuppt sich die eingebildete Grandiosität als
Illusion.
Überhaupt bietet der Zustand der Arbeitslosigkeit die
Gelegenheit, viele falsche Vorstellungen als solche zu erkennen. Hat man sich nicht schon immer so viel Zeit und
Freiheit (auch von Verpflichtungen) gewünscht? Jetzt sind die Wünsche
Wirklichkeit geworden, und wo bleibt die Begeisterung? Man braucht also doch
das Eingespanntsein in das Berufsgetriebe, um sich wohl zu fühlen. Es ist also
doch besser, eine Arbeit zu machen, die nicht der Berufung entspricht, als
arbeitslos zu sein. Man kann die Freizeit also doch nur genießen, wenn man sie
sich erarbeitet hat. Es ist also doch besser, sich mit den Leuten herumzuärgern
als freigesetzt zu sein. Sicher gibt es noch viele andere Erkenntnisse, die man
in diesem Zusammenhang gewinnen kann.
Die Arbeitslosigkeit kann auch ein Signal sein, das zur Umorientierung auffordert. „So soll es
nicht weitergehen. Besinne dich auf deine Fähigkeiten und arbeite mit ihnen."
Wenn man das tut, verringert sich die Gefahr der Arbeitslosigkeit. In seinem
Element kann man am besten arbeiten, ist zufrieden und erfolgreich.
Der Horizont erweitert sich fast zwangsläufig. Man muß sich
nach anderen Arbeitsstellen, vielleicht auch in anderen Branchen umsehen und
sich ganz allgemein eine andere Lebensgestaltung überlegen. Darin liegt die
Chance eines besseren Lebens. Die Fremdbestimmung hört ja weitgehend auf. Jetzt
ist jeder einzelne gefragt.
Wer mit sich selbst nichts anzufangen weiß, kann an dieser
Situation zerbrechen. Doch für den, der sein Schicksal annimmt und seine
Kreativität entwickelt, kann die Lage durchaus angenehme Züge annehmen. Es
kommt immer darauf an, was man daraus macht. Auch ein „Arbeitsloser" kann in
vollen Zügen tätig sein und leben, selbst wenn er von vielen Menschen verachtet
wird.
Wir erkennen, daß die Welt trotz Arbeitslosigkeit
nicht zusammenstürzt. Ferner sehen wir, daß
das Festklammern an der bestehenden Arbeit nichts nützt. Wir können den
Lauf
der Dinge nicht aufhalten und schaden uns nur, wenn wir es versuchen.
Ein
Arbeitsloser kann leichter als andere Menschen erkennen, daß es im
Leben keine
Sicherheit gibt. Das wäre ein Widerspruch in sich selbst, denn Leben
ist ja nur
da, wo Beweglichkeit vorhanden ist. Und Sicherheit kann nur da sein, wo
die Bewegung aufgehört hat, also im Tod. Man kann sich gegen
Geldverlust versichern, nicht aber gegen das Leben. Und vor dem Leben
kann man
nur im Tod sicher sein, der gewiß nicht als wünschenswert bezeichnet
werden kann.
Als Arbeitsloser weiß man, daß die Zukunft im Ungewissen liegt. Dieses Wissen hat man manchen
Berufstätigen voraus, die meinen, sie könnten durch ihre Planungen ihre Schäfchen
mit absoluter Sicherheit ins Trockene bringen.
So wie der Kranke schmerzlich merkt, daß Gesundheit nicht
selbsverständlich ist, merkt der Arbeitslose, daß Arbeit als Broterwerb nicht
selbstverständlich ist. In beiden Fällen besteht die Chance, die Dankbarkeit für
das Gegebene zu fördern. Bekomme ich wieder Arbeit, werde ich sie nicht mehr so leicht geringachten.
Die Arbeitslosigkeit kann eine gewisse Lockerung der Seele
bringen, die sie empfänglicher macht für Beeindruckungen, Prägungen, die sie
verschönern. Unter Umständen können auch Inspirationen leichter fließen. Voraussetzung für all das
ist natürlich immer die innerliche Bereitschaft dafür. Der Zustand der
Arbeitslosigkeit kann schließlich einen Anstoß zu eigener Regsamkeit bilden,
der viele Chancen in sich birgt, ein besseres Leben zu führen.
Autor: Michael Semle
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 75)
|