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Die Goldene Aphrodite

Was ist das Geheimnis der inneren Jugend?

Wir bewundern Menschen, aus deren Gesichtern Fröhlichkeit strahlt, Heiterkeit und Neugier; Menschen, die Unmittelbarkeit, Offenheit und Liebe allem Leben gegenüber zeigen; Menschen, die von einer besseren Zukunft träumen und diese Visionen auch mit anderen teilen können - kurz: Menschen, die eine innere Jugend in sich tragen.

Was ist das Geheimnis der inneren Jugend? Der Begriff Jugend ist sehr komplex und hat verschiedene Bedeutungsebenen. Er bezieht sich nicht nur auf eine Altersstufe, sondern auch auf einen Wertbegriff. Wer sich die Mühe macht, die verschiedenen Kulturkreise nach dem "Wertbegriff Jugend" zu durchforsten, wird eine abenteuerliche Entdeckungsreise machen können. Das Streben nach Jugend steht in Zusammenhang mit einer viel größeren Sehnsucht der Menschheit: der Suche nach der Unsterblichkeit.

Viele Kulturen beschreiben in ihren Mythen symbolhaft dieses Streben.

Im sumerisch-babylonischen Epos um den Helden Gilgamesch geht es um die Suche nach der Pflanze der Unsterblichkeit. Nach vielen Heldentaten findet Gilgamesch die ersehnte Pflanze, aber eine Schlange frisst ihm das Kraut weg und wirft ihre Haut ab. Körperliche Unsterblichkeit scheint es in dieser Welt nicht zu geben - aber die Unsterblichkeit spiegelt sich vielleicht in unserer Welt wider als ständige Erneuerungsfähigkeit, wie bei der Schlange, die ihre alte Haut abwirft... die Schlange wird wieder "jugendlich", das Leben ersteht wieder neu in seiner ganzen Frische und Kraft.

Im alten China überlieferten Meister der taoistischen Religion Techniken zur Lebensverlängerung: Letztes Ziel der Adepten war die Erlangung der physischen Unsterblichkeit. Das Schriftzeichen für "der Unsterbliche" (hsien), das einen Mann und ein Gebirge darstellt, ruft die Vorstellung eines Eremiten hervor; doch ältere Formen stellten einen Mann dar, der beim Tanzen mit seinen Ärmeln wie mit Flügeln schlägt. Der Adept, der die Unsterblichkeit erlangen sollte, wurde mit Vogelfedern bedeckt und Flügel wuchsen ihm an den Schultern. Es ist anzunehmen, dass sich die Suche nach ewiger Jugend und ewigem Leben auch im alten China nicht nur auf die physische Unsterblichkeit bezog.

Aus Indien stammt die etymologische Ableitung des Wortes "Jugend" oder "jung": Über das lateinische "juventus" ist es mit dem altindischen Sanskritwort "yuvan" verwandt, welches so viel bedeutet wie "jung, stark, gesund". Und hier befindet sich ein wichtiger Schlüssel für den Werbebegriff "Jugend": kräftig und stark sein, gesund sein, voller Leben sein - nicht nur auf das physische Starksein und das physische Leben bezogen.

Im alten Ägypten wurde ein mythischer, heiliger Vogel verehrt, der mit der inneren Jugend und der Erneuerung zu tun hat: Es ist der Benu, der bei der Weltschöpfung auf dem Urhügel erschienen war. Später wurde er als Seele des Osiris betrachtet, des Gottes der zyklischen Auferstehung des Lebens. Über die Griechen erbten die Römer diesen Mythos, und dort erhielt er eine Neufassung, in der er sicher später auf der ganzen Welt verbreitete: nämlich als Phönix, der sich in gewissen Zeitabständen selbst verbrennt und aus der Asche neu aufsteigt.

Das Phönixmotiv ist auch in viele Märchen eingegangen. Die Parallelen zum Gilgamesch-Epos sind unverkennbar: Die innere Jugend kommt nicht von selbst zustande, sondern ist ein Ergebnis eines vorhergehenden Todes oder eine Zerstörung, worauf das neue Leben aufbaut - ähnlich wie der Frühling aus dem Winter neu entsteht. Unsterblichkeit gibt es in der menschlichen Welt nur im Gewand der ständigen (Selbst-)Erneuerung.

Im europäischen Mittelalter blühte eine esoterische Wissenschaft, nämlich die Alchemie. Die wenigsten wissen um ihre großartige Symbolik, die sich um alle großen Lebensfragen dreht, um Menschwerdung und Gottwerdung, um Leben, Tod und Auferstehung. Das Streben der Alchemisten nach ewiger Jugend und Unsterblichkeit steht in Beziehung zu ihrer "Anthropos-Lehre" (altgriechisch "anthropos" = Mensch). Hier geht es um den "Homo philosophicus", der das Symbol der hermetischen Wandlung ist. Der "Homo philosophicus" bedeutet einerseits "das Eine", d.h. das Ewige, Göttliche, Spirituelle, nämlich die berühmte "Tinktur" oder das "elixir vitae", das Elixier des ewigen Lebens; andererseits steht er für den inneren, unsterblichen Menschen, der mit dem Anthropos identisch ist oder wenigstens mit ihm in Beziehung gesetzt wird.

Das Ziel der Alchemisten war, dass sich der Geist vollkommen in Körper und Seele ausdrückt - und wenn der Geist unsterblich ist, so hat dies eine Auswirkung auf Körper und Seele. In diesem Zusammenhang ist auch das oft missverstandene "Blei zu Gold machen" zu verstehen: Das Blei der eigenen Schwächen und Laster in das Gold der Tugenden zu verwandeln ist eine wichtige Voraussetzung für die innere Jugend.

Die griechische Antike verehrte Aphrodite (römisch: Venus), die Göttin der Liebe, der inneren und äußeren Schönheit, der inneren und äußeren Jugend, des physischen und geistigen Frühlings. Es wurde bis in unsere Zeit überliefert, dass die "Goldene Aphrodite" ein innerer Seelenzustand jener Menschen sei, die wissen, dass die Seele kein Alter hat und dass sie immer jung ist, wenn das Herz von einem Ideal der Jugend erfüllt ist.

Ganz besonders spannend ist der großartige Mythos um Herakles (römisch: Herkules), der zwölf Heldentaten auferlegt bekommt. Ganz am Schluss erhält er die Aufgabe, die Goldenen Äpfel aus dem Garten der Hesperiden zu holen, die für die ewige Jugend stehen. Diese Heldenprobe des Herakles ist deshalb spannend, weil der Weg bis zur glücklichen Überwindung der Probe viele interessante Assoziationen für unser eigenes Leben zulässt. Herakles darf sich nicht von sich aus auf den Weg machen, um die Äpfel der Unsterblichkeit zu suchen. Er braucht die göttliche Zustimmung. Dies ist die erste Gefahr, die es zu überwinden gilt: der selbstsüchtige Wunsch nach ewiger Jugend. Herakles muss eine langwierige Irrfahrt hinter sich bringen und darf während der Abenteuerreise seinen Auftrag nicht vergessen. Uns jedoch fällt es schwer, unser Lebensziel immer vor Augen zu haben.

Doch die innere Jugend liegt nicht vor unserer Haustür, sondern ist die Krönung eines langen und zyklischen Einweihungsweges, wie der Weg des Herakles uns zeigt. Herakles muss mit dem uralten Meergott Nereus ringen und darf ihn nicht loslassen, egal welch schreckliche Formen Nereus währenddessen annimmt. Das Suchen nach innerer Jugend ist tatsächlich kein angenehmer Weg: Wer ist wirklich bereit, während des Kampfes mit dem inneren Nereus nicht aufzugeben? Herakles kommt an den Kaukasus, wo er Prometheus an den Felsen gefesselt findet und den Adler sieht, der täglich dessen nachwachsende Leber frisst. Herakles tötet den Adler und befreit Prometheus, der eine Art Kulturbringer darstellt, der den Menschen das Feuer der Intelligenz brachte.

Auf dem Weg zur Unsterblichkeit braucht unser innerer Herakles auch Mut und Nächstenliebe... Die Suche nach der inneren Jugend darf uns nicht vom Mitgefühl wegbringen. Vor dem Garten angekommen, bittet Herakles den alten Gott Atlas, die Äpfel zu holen, und als Gegenleistung trägt Herakles so lange die Last des Himmels. In einer anderen Version helfen ihm zauberkundige Wesen, den Drachen Ladon, der den Eingang zum Garten bewacht, einzuschläfern. Denn nicht durch eigene Willens- oder Muskelkraft erlangt der Held die ewige Jugend - sie ist vielmehr ein Erwerb durch Intelligenz und Kooperation.

Sind wir bereit, Lasten auf uns zu nehmen? Sind wir bereit, auf Gewalt zu verzichten auf der Suche nach der inneren Frühlingsquelle? Und sind wir bereit, wie Herakles, uns dem Ladon zu stellen, dem Tod? Können wir, wie Herakles, den Tod besiegen, um zu den Äpfeln der ewigen Erneuerung des Lebens zu gelangen? In einer Darstellung pflückt nun der kleine Gott Eros, der Gott der Liebe, die Äpfel und überreicht sie dem Helden. Herakles empfängt die Äpfel in einer Haltung größter Demut und Achtung, so heilig sind ihm diese Früchte. Ist das nicht wunderschön?

Nur die Liebe ermöglicht, dass ich die Früchte der inneren Jugend erlange, das heißt ohne Raffgier, ohne Besitzwunsch, ohne Habsucht... Tatsächlich ist die innere Jugend eine gewaltige Kraft, die irgendwie mit einer geistigen, vielleicht sogar mystischen Ebene zu tun hat. Dieser Ebene gebührt Respekt. Man erzählt, dass man aus dem Garten der Hesperiden nie mehr zurückkehren kann, wenn man einmal dort eingedrungen ist. Andererseits ist dieser Garten eine Art Insel der Seligen, wo kein Sterblicher hinkommt - und wenn, muss er sterben oder das Paradies wird durch ihn gestört bzw. zerstört - ein blühender Bereich, der in seiner fernen Abgeschiedenheit die in ihrer kleinen Welt verstrickten Menschen eigentlich nichts angeht.

Herakles ist ein Held: Seine Mutter war eine Sterbliche, sein Vater war Zeus. Der Held Herakles erlebt mit diesem Mythos seine Gottwerdung, er erfährt das Geheimnis der Unsterblichkeit. Doch wir Menschen sind davon weit entfernt. Und solange die Unsterblichkeit für uns noch nicht konkret erreichbar ist, mögen wir lieber nach der inneren Jugend streben, der kleinen Schwester der Unsterblichkeit. Die innere Jugend müssen wir uns erwerben. Sie fliegt uns nicht zu. Wir können sie nicht kaufen oder konsumieren. Sie ist auch nichts, was uns automatisch bleibt, wenn wir sie einmal erlangt haben. Täglich muss sie aufs Neue erobert werden. Das ist ein langer und beschwerlicher Weg, auf dem viele Sackgassen, Versuchungen und Selbstzweifel erkannt und überwunden werden müssen.

Aber der Erwerb auch nur eines Funken innerer Jugend - nämlich die Kraft der eigenen inneren Erneuerung - verleiht unserer Seele eine solche Kraft, Ausstrahlung und Lebensfreude, dass sie alle Mühen siebenfach vergilt.

Literatur:

  • Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen, Herder 1978
  • Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 1990
  • Carl Gustav Jung / Richard Wilhelm, Das Geheimnis der Goldenen Blüte. Ein chinesisches Lebensbuch, Walter 1987
  • Karl Kerenyi, Die Mythologie der Griechen, dtv 1966

Walter Gutdeutsch:

Philosophierender Musikpädagoge und Hobbydichter, außerdem Leiter von Neue Akropolis Dänemark. Liebt Mystik und Sphärenharmonie und steht deshalb nur einbeinig im Leben. Als begabter Rhetoriker und Pädagoge küßt er viele Seelen wach, ist aber alleine am Klavier oder der Orgel am glücklichsten.

Autor: Walter Gutdeutsch

(aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 94)

 
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