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Anleitung zum Glücklichsein

Lebensweisheiten von Arthur Schopenhauer


Zum Thema Glück wollen wir nun einen Philosophen aus dem 19. Jahrhundert zu Worte kommen lassen. Vor 150 Jahren suchte er eine Antwort auf die Frage: Wie führe ich ein glückliches Leben? Wir stellen uns jetzt vor, der Philosoph Arthur Schopenhauer säße uns im Gespräch gegenüber und würde auf unsere Fragen antworten.

Abenteuer Philosophie: Herr Schopenhauer, Sie sind in erster Linie als Pessimist bekannt, wann und vor allen Dingen warum haben Sie sich mit dem Thema Glück beschäftigt?

Schopenhauer: Vielen Dank für Ihre Frage. Ich möchte hier nur einige wenige Punkte ansprechen. Meine Ratschläge zum Thema Glück, die ich in meinen Aphorismen zur Lebensweisheit formuliert habe, beziehen sich im Übrigen mehr darauf, das Unglück im Leben, das Sie sicherlich nicht leugnen werden, zu vermeiden als aktiv das Glück zu suchen. Denn ich halte das, was die meisten Menschen als Glück bezeichnen, für eine große Illusion. Ich habe Ratschläge verfasst, wie man möglichst weise leben kann. Vor allem junge Menschen warne ich davor, zu große Erwartungen an unser menschliches Leben zu haben. Denn wer das Leben nicht richtig kennt, kann auch sehr unglücklich werden. Meine Erkenntnisse, die ich durch meine eigenen Lebenserfahrungen und mit Hilfe der antiken Denker gesammelt habe, sind für denjenigen, der das Leben noch vor sich hat, sehr wichtig und lehrreich.


Abenteuer Philosophie:
Was ist denn eigentlich Ihrer Meinung nach Glück?

Schopenhauer: Auch wenn die Umgebung gleich ist, lebt doch jeder in einer anderen Welt. Jeder Mensch hat seine eigenen Gedanken, Vorstellungen und Gefühle. Die Welt, wie ich sie erlebe, ist davon abhängig, wie ich sie auffasse. Stellen wir uns einmal vor, drei Personen mit verschiedenen Temperamenten – ein Melancholiker, ein Sanguiniker und ein Phlegmatiker – würden in eine Lebenskrise geraten. Der Melancholiker übertrüge seine Krise auf die ganze Welt; der Sanguiniker sähe darin vielleicht einen neuen Aspekt oder eine Herausforderung, während der Phlegmatiker vielleicht versuchen würde, die Krise möglichst gelassen zu nehmen. Es kommt darauf an, die Einstellung zur Welt zu ändern. Wie ich mit etwas umgehe, hängt von meiner Persönlichkeit, von meinem Temperament und von meinem Charakter ab. Demnach hängt unser Glück von dem ab, was wir sind, und damit von unserer Persönlichkeit. Man kann auch sagen: Nicht was die Dinge objektiv und wirklich sind, sondern was sie für uns, in unserer Auffassung, sind, macht uns glücklich oder unglücklich.


Abenteuer Philosophie:
Sie wollen also sagen, dass Glück wesentlich von unserer Einstellung abhängt, diese wiederum von unserer Persönlichkeit. Ist es dann nicht sinnvoll, unsere Persönlichkeit zu verändern, gewissermaßen eine andere Persönlichkeit anzunehmen, um dadurch ein glücklicherer Mensch zu werden?

Schopenhauer: Lassen Sie mich einige Verse aus dem Gedicht „Urworte. Orphisch” von dem großen Goethe, dem Schmuck unseres Jahrhunderts und der deutschen Dichtkunst, zitieren:

„Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten.
Bist alsobald und fort und fort gediehen,
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen.
So sagten schon Sibyllen, so Propheten,
und keine Zeit und keine Macht zerstückelt geprägte Form,
die lebend sich entwickelt.”

Wie dieses Gedicht zeigt, liegt es nicht in unserer Macht, unsere Persönlichkeit zu verändern. Wie die Astrologen sagen, beinhaltet der Augenblick der Geburt schon die Grundstruktur unseres Lebens. So wie in einem Samenkorn das Ganze, das sich noch entfalten muss, bereits enthalten ist. Form ist hier nur ein symbolischer Ausdruck für die Anlagen des Menschen, die es zu erkennen und sich bewusst zu machen gilt. Das Einzige, was in unserer Macht steht, ist, unsere Persönlichkeit, die uns gegeben ist, zu entfalten. Aber am Anfang muss stehen: Erkenne dich selbst! Was sind deine Interessen, deine Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten? Dann überlege, wie du diese ausbauen kannst. Danach wähle Ausbildung, Beruf und Lebensweise!


Abenteuer Philosophie: Herr Schopenhauer, seit jeher spielen Geld und Besitz eine besondere Rolle beim Glück. Man brauche nur einen Lottogewinn und schon ist man glücklich. Was leistet Geld zu unserem Glück?

Schopenhauer: Ich stimme mit Ihnen darin überein, dass Geld in unserer Welt einen hohen Stellenwert einnimmt. Dies ist so zu erklären, dass jedes andere Gut nur einen Wunsch oder ein Bedürfnis befriedigt. Lebensmittel sind gut für unseren Hunger; Wasser stillt unseren Durst. Geld allein ist im materiellen Sinn das absolute Gut, da es nicht nur ein Bedürfnis, sondern nahezu alle Bedürfnisse befriedigen kann.

Auch Sie müssen für Ihren Lebensunterhalt sorgen. Wenn Sie dies nicht tun, wird dies zu Ihrer größten Sorge werden, die Ihr ganzes Leben überschattet. Aus lauter Angst vor dieser Sorge fassen die meisten Menschen ihre Arbeit als Sinn ihres Lebens auf. Sie leben, um zu arbeiten, und arbeiten nicht, um zu leben. Ich sagte bereits, dass es wichtig ist, materielle Bedürfnisse zu befriedigen; ich verstehe das Leben sogar in erster Linie als einen Kampf gegen die materielle Not, denn unsere Welt ist eine Welt der Bedürfnisse, und alle Menschen sind pausenlos darum bemüht, ihre materiellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Es ist jedoch ein großer Irrglaube zu meinen, dass viel Geld allein zu unserem Glück beitrage. Das Vermögen, das ich mehr habe als zur direkten Befriedigung meiner Bedürfnisse notwendig ist, einschließlich Rücklagen für die Zukunft, bringt mir nicht viel. Mit dem Besitz wachsen die Ansprüche. Je mehr ich besitze, desto höher die Ansprüche. Reichtum gleicht dem Seewasser, je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man.

Ich empfehle die Tätigkeit, mit der man Geld verdient, nicht als höchstes Lebensziel anzusehen, sondern nur als Mittel zum Zweck! Genüge dir selbst! Setze deine Ansprüche möglichst niedrig an!


Abenteuer Philosophie: Was meinen Sie, Herr Schopenhauer, werden wir glücklich, wenn andere eine gute Meinung von uns haben?

Schopenhauer: Nichts ist uns wichtiger als unser Selbst und unser Wunsch nach Beachtung. Wir streben nach Ehre, Glanz, Rang, Ruhm, Ansehen, Prestige etc. Dies macht sich insbesondere die Werbung zunutze, indem sie gezielt unseren persönlichen Narzissmus anspricht, indem sie sagt: „Wenn du das hast, dann bist du jemand!” Das Streben, einen guten Eindruck auf die anderen zu machen, ist jedoch nichts anderes als die Befriedigung des eigenen Ego, das heißt Eitelkeit.

Nur anderen zu gefallen, macht mich nicht glücklich, da ich nicht versuche, ich selbst zu sein, vielmehr mache ich mich von den Meinungen anderer abhängig. Selbst wenn die anderen ein sehr positives Bild von mir haben, kann ich trotzdem innerlich sehr unglücklich sein. In einem Drama meines Zeitgenossen Ibsen mit dem Titel „Gespenster” geht es um eine Frau, die immer nur das tut, was andere von ihr verlangen. Am Ende bricht aber alles wie ein Kartenhaus zusammen, da sie nie sie selbst gewesen ist und keine eigenen Entscheidungen traf.

Versuchen Sie einmal alle Meinungen, die andere von Ihnen haben, wegzudenken und ganz Sie selbst zu sein! Versuchen Sie Ihr Tun unabhängig davon zu machen, was andere darüber denken!


Abenteuer Philosophie:
Wenn es weder Geld noch Ehre sind, was uns glücklich macht, was ist es dann?

Schopenhauer: Unsere Persönlichkeit ist das Wichtigste für unser Glück. Dazu gehört als Erstes unsere Gesundheit, denn unser Körper ist das Haus des Geistes. Ein antiker Spruch lautet: Mens sana in corpore sano (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper). Für unser Glück spielt unsere körperliche Verfassung eine besondere Rolle, weil auch unsere Gedanken und Gefühle in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn wir krank sind. Deshalb sollte man darauf bedacht sein, die Gesundheit zu erhalten und zu fördern. Die größte Dummheit ist es, seine eigene Gesundheit leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Gesundheit ist der Ausdruck unserer Lebenskraft. Um gesund zu bleiben, muss ich alles tun, um Lebenskraft zu fördern und zu erhalten. Solange ich gesund bin, soll ich dem Körper recht viel Anstrengung und Beschwerden auferlegen, das heißt, mich sportlich betätigen und mich abhärten. Prinzipiell ist es nicht gut, zu viel zu studieren und nur den Intellekt zu trainieren. Andererseits ist es aber auch nicht gut, täglich nur Sport zu treiben und den Geist zu vernachlässigen. Es kommt darauf an, das rechte Maß zu finden, das Körper und Geist gerecht wird.

Seien Sie darum bemüht, Ihre Gesundheit zu erhalten. Dazu gehört Bewegung, richtige Ernährung, das richtige Verhältnis von Aktivität und Ruhe, Vermeidung allen Übermaßes!


Abenteuer Philosophie: Was ist Ihrer Meinung nach am Wichtigsten im Leben?

Schopenhauer: Im Leben geht es uns wie einem Wanderer, der einen Weg zurückzulegen hat. Während wir wandern, verändern sich die Dinge: Sie rücken näher, und wir entfernen uns wieder von ihnen. Die Gegenstände verändern sich durch die unterschiedlichen Standpunkte, von denen aus wir sie betrachten. Das Zwischenziel, das ich mir gesetzt habe, ist erreicht, jetzt kommt die nächste Etappe. Meine Vorstellungen ändern sich durch den Weg, den ich zurücklege. Ich sehe etwas mit anderen Augen, nachdem ich neue Erfahrungen gemacht habe. Es kommt auf das Erreichen von Zielen an, aber auch darauf, was ich auf dem Weg sehe und wem ich begegne. Man darf nicht zu sehr an einmal gefassten Vorstellungen festhalten, sondern soll flexibel sein! Vielleicht findet man auf dem Weg etwas, mit dem man gar nicht gerechnet hat. Das eigentlich Bleibende sind unsere Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse. Diese sind unsere bleibenden und wahren Güter.

Denken Sie mal darüber nach, wie sich Ihre Vorstellungen im Laufe Ihres Lebens verändert haben, nachdem Sie bestimmte Ziele erreicht haben. Im Nachhinein stellen sich Dinge ganz anders dar als zuvor. Betrachten Sie das Leben als Chance, Erfahrungen zu sammeln!

Ich warne alle davor, das Glück in den Freuden und Genüssen des Lebens zu suchen. Diese Einstellung führt oft zu großen Enttäuschungen. Denn – die so genannten schönen Seiten des Lebens sind sehr vergänglich. Wenn wir nur auf Genuss aus sind wie in unserer heutigen Spaßgesellschaft, müssen wir gleichzeitig die innere Leere verdrängen, die sich auftut.


Abenteuer Philosophie: Wie können wir aus Erfahrungen lernen?

Schopenhauer: Um aus eigenen Erfahrungen zu lernen, ist es erforderlich, sich daran zu erinnern, was wir erlebt, getan und dabei empfunden haben. Wir müssen rekapitulieren. Wenn man sich einen Text mit Kommentar vorstellt, so sind die eigene Erfahrung der Text, das Nachdenken darüber und die Erkenntnisse daraus der Kommentar dazu. Wenn ich wenig eigene Erfahrungen habe, aber viel nachdenke, so entspricht das zwei Zeilen Text und 40 Zeilen Kommentar. Wenn ich jedoch viel Text habe und wenig Kommentar, so habe ich viel Erfahrungen gemacht, aus denen ich jedoch nicht viel gelernt habe. Ich schlage vor, die Regel des Pythagoras zu berücksichtigen, die besagt, vor dem Einschlafen den Tag Revue passieren zu lassen und darüber nachzudenken, was man an diesem Tag erlebt hat. Das kann entweder chronologisch oder rückwärtsgehend sein, indem man bei dem anfängt, was man zuletzt erlebt hat.

Betrachten wir das Leben einmal wie ein Theaterstück und sehen wir uns selbst als Schauspieler auf der Bühne. Ich schlage vor, ab und zu mal von der Bühne abzutreten und uns als Zuschauer zu betrachten. Wenn wir Distanz vom Geschehen haben, sehen wir mehr, als wenn wir in unseren Handlungen befangen sind. Wenn wir die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten, gleichen wir einem Schauspieler, der eine Szene gespielt hat und vor seinem nächsten Auftritt unter den Zuschauern Platz nimmt. Der Zuschauer sieht mehr als der Schauspieler!


Abenteuer Philosophie: Vielen Dank für das Gespräch. Wagen wir weise zu sein! Wagen wir ein weises Leben zu führen! Nehmen wir uns die Weisheiten des Philosophen zu Herzen. Wichtig ist nicht nur die Wahrheit zu erkennen, sondern auch nach ihr zu handeln!  


Literatur:

• Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit in Parerga und Paralipomena, Haffmanns-Werkausgabe Bd. IV


Autor: Norbert Völlmecke

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 86)

 
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