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Warum  es  gute Menschen  geben muß

 

Wie eine Veränderung zum Besseren möglich ist

 

Politische Systeme haben nicht automatisch zu einer besseren besseren Welt geführt. Daher sind gute Menschen wichtig, die Fähigkeiten erwerben und Verantwortung übernehmen.

 

In all seinen Werken lehrt Platon die Notwendigkeit moralischer Bedingungen des Seins, das einer von Grund auf reinen Natur entstamme. Zwei Jahrtausende später findet sich diese Idee auch bei Immanuel Kant* und seinen Nachfolgern wieder.

 

Jeder wahre Philosoph hat diese Notwendigkeit betont. Nach dem Untergang der klassischen Welt wurde jedoch diese ursprünglich offensichtliche Tatsache von theologischen, politischen, sozialen, wenn nicht sogar von rein wirtschaftlichen Gründen abhängig gemacht.

Zur gleichen Zeit wie sich die instrumentelle Mechanik im Physischen entwickelte, fand ein analoger Prozeß im Metaphysischen statt. Das Individuum versank langsam in einer Art Sumpf, den wir „Methodenkult" oder auch „Ursachenkult" nennen könnten.

 

So nahm man an, daß die angeborene Güte des Menschen durch seine Religion, seinen familiären, geographischen und ethnischen Ursprung bedingt sei. Wir könnten noch schier endlose Seiten mit solchen Bedingungen füllen, die eigentlich nichts anderes als eine umfangreichere Ausführung möglicher Vorurteile und Oberflächlichkeiten sind.

 

Die Menschheit hat sich von Plänen und Systemen blenden lassen. Sie schenkt den Formen weit mehr Aufmerksamkeit als den Inhalten. Vor dem Riß in der ethischen Basis wandte man sich an mehr oder weniger rezeptartige Utopien; zum Beispiel wurde das Böse als etwas real Existierendes betrachtet - also nicht nur als Nicht-Vorhandensein des Guten, sondern als stetige Gegenwart. So versuchte man es mit allen möglichen Arten von Exorzismus auszutreiben, wobei es gänzlich entpersonifiziert im Überindividuellen gesehen wurde. Das Wesen selbst stand erst an zweiter Stelle und war nur das Resultat von psychischen und sozialen Mechanismen.

Wenn wir in einem Bild darstellen wollten, was hier versucht wird, so wäre es wie der Versuch, aus ungebrannten Lehmziegeln eine feste und starke Mauer zu bauen.

 

Die spirituelle Vermassung entstand viele Jahrhunderte vor der modernen Fließbandproduktion. Ohne Bezug zur Wirklichkeit glaubte man, daß man ein Geschöpf erzeugen könnte, das von Tugenden und guten Seiten übervoll wäre, indem man den einen Bestandteil mit dem anderen verband. Schließlich nahm man die Theorie der Evolution der Formen an, die auf Fehlversuchen der Natur und auf deren Erfahrung beruhe. Der einzelne Mensch stand nun nicht mehr im Mittelpunkt. An seine Stelle war die gesamte Menschheit getreten. Es schien fast so, als würde man den Einzelnen alsErfindung der Systeme betrachten. Menschen erhielten von ihren Systemen nur unter der Bedingung das Überlebensrecht, daß sie sich anpaßten und jede individuelle Charaktereigenschaft ablegten.

 

Die Produkte der Fließbandproduktion wurden danach beurteilt, woher sie kamen, d.h. nach welchem System sie erzeugt worden waren.

Die Christen waren gut, die Heiden schlecht.

Den heiligen Jakob machte man zum Maurentöter.

Die Adeligen hatten blaues Blut, und die restlichen Menschen waren unkultivert.

Das Volk war gut und die Könige  waren schlecht... Es lebe die Guillotine!

Der Arbeiter war gut, der Industrielle schlecht.

Der Soldat war mehr wert als der Bauer oder umgekehrt.

Das auserwählte Volk... das Gottesvolk... Genau gesagt benötigen die Guten die Schlechten, um überhaupt zu existieren.

Und dieses Schwarzweißdenken führt dazu, daß man von den Christen, den Juden, den Muslimen, den Atheisten, den Weißen, Schwarzen, Reichen, Armen, den Weisen und den Unwissenden spricht. Das ist Rassismus in verschiedensten Facetten.

 

Dieses massenhafte Streben nach einer kollektiven Erlösung und nach einer ebenfalls kollektiven Zerstörung jener anderen, die nicht an dieser oder jener Form von Erlösung, Klasse oder Partei teilhaben, setzt alle Hoffnung in die Wirksamkeit der Systeme. Der einzelne Mensch verliert darin seine Bedeutung. Das geht so weit, daß man sich schließlich nicht mehr vorstellen kann, daß es irgendeinen Menschen geben könnte, der sich nicht in irgendeiner Partei oder Mode-Sekte befindet.

 

Trotzdem ist zu bemerken, daß das Scheitern des Kommunismus, des Faschismus und des Kapitalismus mit all seinen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Eigenheiten den Menschen an der Wirksamkeit von Systemen zweifeln ließ.

 

In den verschiedenen Religionsformen geschieht dasselbe: Auch wenn auf den Bevölkerungslandkarten z.B. Italien noch als ein katholisches Land geführt wird, so sind doch die Kirchen oft nur voll von neugierigen Touristen. Die Klöster werden langsam entvölkert und als Zentren für Aktivitäten verwendet, die nichts mit der Religion zu tun haben. Der Papst selbst wird zur Zielscheibe von Witzeleien über seine Nationalität oder seine Angewohnheiten. Es ist deutlich erkennbar, daß das, was man früher als heilig geachtet hatte, heute sehr weit davon entfernt ist, heilig zu sein.

 

Möglicherweise besteht die Lösung für dieses Problem in der einfachen Erkenntnis, daß das wirklich Ausschlaggebende nicht die Systeme sind, sondern die Menschen, die diese Systeme bilden; denn diese stehen und fallen mit der moralischen Qualität der Menschen.

 

Es ist von geringer Wichtigkeit, ob die Geschicke eines Landes von einer rechten oder linken Regierung bestimmt werden (was sich jedoch nicht auf extremistische bzw. tyrannische Systeme bezieht, welche an sich abzulehnen sind) und ob ein Präsidentschaftsregime oder eine Monarchie herrscht. Das Wesentliche bleibt der Mensch oder die Tatsache, ob die verantwortlichen Menschen, die in der Führung und Verwaltung eines Landes tätig sind, gut, ehrenhaft, gerecht, mutig und gewissenhaft sind.

 

Das schlechteste System bringt dem Volk Glück, Reichtum, Güte und Frieden, wenn es von guten Menschen geführt wird. Und die Menschen, die von dem besten System regiert werden, das aber von Personen ohne Moral geführt wird, werden sich dadurch gestraft fühlen.

 

Der Mythos von der kollektiven Erlösung durch ein System hat seine Fehlbarkeit deutlich gezeigt. Außerdem wird selbst das am perfektesten organisierte und natürlichste System zerfallen, wenn es nicht von Menschen erhalten wird, die einen echten Sinn für Ehrenhaftigkeit und Moral besitzen, die, mit einem Wort gesagt, gut sind.

 

Wir brauchen keine politischen, sozialen oder religiösen Parteien und Sekten. Was wir dringend benötigen, sind gute Menschen, und daß man diese auch als solche anerkennt und ihnen die wichtigsten Posten in allen Bereichen überläßt. Wenn man das täte, würden sie es annehmen - aber nicht aus eigenen Ambitionen heraus, sondern aus ihrem Geist der Großzügigkeit und Solidarität.

 

Platon schreibt, daß der gute Schuster doch für alle die Schuhe herstellen sollte, der gute Schneider für alle die Kleidung usw. So sei auch derjenige, der sich selbst regieren kann, der die Herrschaft über seine Leidenschaften besitzt und seine Ideen mit der Kraft des Willens ausrichtet, am besten dazu befähigt, das, was er so vorteilhaft für sich selbst anwenden kann, auch für alle anderen Mitglieder seiner Gemeinschaft zu tun.

 

Wenn wir es schaffen, den guten Menschen den Rücken zu decken und ihnen die nötigen kulturellen Werkzeuge in die Hand zu geben, dann werden sie jegliche Regierungsform verwirklichen können, denn jede würde in ihren Händen gute Wirkungen haben.

 

Wenn ein guter Mensch in Kontakt mit einer Religion kommt, so wird er - ganz egal, um welche es sich handeln mag - in den Gläubigen die Gegenwart Gottes erwecken; denn er wird diese Gegenwart in der Religion widergespiegelt sehen.

 

Wenn ein guter Mensch sich der Kunst, der Wissenschaft oder welcher Tätigkeit auch immer widmet, so wird diese Tätigkeit durch seine Güte erleuchtet werden, ganz egal, welchen Weg er dabei einschlägt. Denn in seiner Güte wird er immer das Beste daraus machen.

 

Es ist notwendig, sich dessen bewußt zu werden, daß es nicht damit getan ist, vom 20. in das 21. Jahrhundert überzuwechseln und zu hoffen, daß damit der Rassismus, die Verfolgungen, die unrechtmäßigen Bereicherungen und die Völkermorde abgeschafft sind. Es ist vielmehr vor allem notwendig, sich von innen heraus zu ändern, damit die verschmutzten „Maschinen" der Systeme den guten Menschen Platz machen.

 

Es ist notwendig, diese Menschen zu suchen, sie zu unterrichten und ihnen Handlungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Es gibt für einen Menschen keinen größeren Feind als einen anderen Menschen, der schlecht ist, und keinen besseren Freund und keine bessere Hilfe als einen anderen Menschen, der gut ist.

Seien wir mutig und beginnen wir damit, einen neuen Menschen zu schaffen, dessen erste Charaktereigenschaft darin besteht, daß er gut ist! 

 

Literatur:

  • Immanuel Kant: „Kritik der praktischen Vernunft" und „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"

 

Autor: Jorge Angel Livraga Rizzi

Der Autor war Gründer von Neue Akropolis International und erster Internationaler Direktor. 

 

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 73)

 

 

 

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 13. Februar 2009 )
 
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