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Philosophisch reisen
Anleitung zum nicht ganz alltäglichen Abenteuer von Johanna Bernhard
Langsam rieselt die Zeit durch die Sanduhr des Alltags.
Kalenderblatt um Kalenderblatt löst sich von der Wand und segelt zu
Boden. Gespannte Ruhe herrscht in den Fluren und Gängen unserer
Normalität.
Doch plötzlich, wie auf einen unsichtbaren Befehl, kommt Bewegung in
die Erstarrung. Hektisch werden Koffer gepackt. E-Mails gehen hin und
her, um das Super-Bestpreis-Last-Minute-Angebot noch zu erwischen.
Telefone laufen heiß, um auch dem vierbeinigen Liebling für die
kommenden drei Wochen Kost, Unterkunft und Familienanschluss zu
sichern. Schlauchboote und Surfbretter werden in letzter Minute auf
Hochseetauglichkeit getrimmt. Denn es ist Ferienzeit und das heißt
Reisezeit.
Reisen, das ist für uns der Inbegriff von Freiheit, Abenteuer, ja von
Leben. So wie der Philosoph Jean Paul sagt: "Das Leben ist wie ein
Buch, und wer nicht reist, liest nur ein wenig darin." Oder Oscar
Wilde, der feststellt: "Reisen veredelt den Geist und räumt mit den
Vorurteilen auf."
Es sind hoch gesteckte Erwartungen, die wir an unser Reiseziel, an
unsere Reisegefährten und an die kostbarste Zeit im Jahr an sich
stellen. Erwartungen, die nicht immer in Erfüllung gehen, ja gar nicht
in Erfüllung gehen können, weil wir mitunter das Wichtigste in unserem
Reisegepäck vergessen haben: uns selbst.
Reisen allein erweitert nicht den Horizont - es ist unser offener Blick.
Reisen allein fördert nicht die Toleranz - es ist unser offenes Herz.
Reisen allein bewirkt auch keine Veränderung in uns - es ist unser
offener Geist. Doch wer dies alles eingepackt hat, der kann sich auf
ein echtes Abenteuer freuen. Ein Abenteuer, das sich "philosophisch
reisen" nennt. Philosophisch reisen heißt ganzheitlich zu reisen, mit
allen
Sinnen - den äußeren, aber auch den inneren.
Ein Fest für die Sinne... Es ist nicht wichtig, wohin
die Reise führt. Für den, der staunen kann, stellt sich die Welt immer
in ihrer buntesten Vielfalt dar - ein wunderbarer Kosmos voll von
Rätseln und spannenden Entdeckungen. Für den, der glaubt, alles zu
kennen und zu wissen, ist dieselbe Welt ein trüber Schauplatz
unerfüllter Träume und zäh fließender Langeweile.
Worin aber liegt das Geheimnis des wirklichen Reisens? Was ist das für
eine Kunst, die der echte Abenteurer beherrscht? Vielleicht ist es die
Kunst des Sehens: Der Blick schweift über die stummen Ruinen von
Mykene, und plötzlich tauchen aus den verfallenen Mauern die Zyklopen
auf - jene mythischen Gestalten der Odyssee - und richten Stein um
Stein zu einem Kunstwerk auf.
Der Blick fällt auf ein verblasstes Relief in der Kathedrale von
Chartres, und plötzlich heben sich magische Kreise und Spiralen ab,
fügen sich zu alchemischen Formeln und lassen die mystische Welt der
alten Baumeisterorden wieder erstehen. Vielleicht ist es die Kunst des
Hörens. Wer je den melancholischen Klängen der Straßenmusiker auf der
Prager Karlsbrücke zugehört hat, der hat vielleicht verstanden, dass
das Herz eines Volkes in seiner Musik schlummert. Und wer sich je von
den wirbelnden Trommeln und Gitarren der Anden mitreißen ließ, der hat
vielleicht verstanden, dass die Lebenskunst eines Volkes in seiner
Musik eingeschrieben ist. Vielleicht liegt das Geheimnis im Geruch: Ob
es der warme, harzige Duft eines sonnendurchfluteten Akazienwaldes in
Sizilien ist, oder der schwere Geruch von Weihrauch in der Kathedrale
von Sevilla oder der aromatisch, belebende Duft von frischem Cappuccino
auf dem Markusplatz in Venedig - der Duft verzaubert und erweckt jene
besonderen Stimmungen, die man nicht beschreiben, nur empfinden kann.
Vielleicht liegt das Geheimnis aber auch in der Fähigkeit zu spüren:
Wer je im schaukelnden Zug von Lissabon nach Porto saß, der hat ihn
vielleicht gespürt - den Rhythmus des Landes. Und wer je mit nackten
Füßen durch das feuchte Gras im Park von Sighurta gewandert ist, der
hat vielleicht gefühlt - das ist Leben.
Reisen ist ein Fest für die Sinne.
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...und eine Brücke zu unserem Inneren
Vielleicht sind es aber nicht nur unsere äußeren Sinnesorgane, die
durch die vielen neuen und aufregenden Reize in Schwingung geraten.
Denn Reisen ist Bewegung, und der Impuls im Außen sucht seine Resonanz
im Inneren. Viele Menschen erzählen davon, dass es eine Reise war, die
ihr Leben verändert hat. Eine Veränderung des Ortes, eine Veränderung
des Lebensrhythmus, eine Veränderung im Außen, die zu einer Veränderung
im Inneren wurde, eine Reise zum eigenen Ich. Derjenige, der seinem
Innersten begegnet ist, der besitzt auch die Weite, um der Welt mit
offenen Armen zu begegnen. Wie ein magisches Band verbindet sich der
Westen mit dem Osten, der Norden mit dem Süden - in dem Moment, wo wir
verstehen, dass wir voneinander lernen können. Wie ein unsichtbarer
Bogen spannt sich die Geschichte vom Gestern zum Morgen - in dem
Moment, wo wir verstehen, dass die Vergangenheit Lehrmeisterin der
Gegenwart und Zukunft sein kann. Wie über eine unsichtbare Brücke
berühren sich das Oben und das Unten, Himmel und Erde - in dem Moment,
wo wir den Mythen und Geschichten der Völker mit unserem Herzen
zuhören. Reisen kann diese Brücke bauen zu unserem Inneren und
gleichzeitig zur Welt.
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Das Abenteuer braucht den Abenteurer
Viele Menschen bemerken aber nichts von alldem, obwohl sie bestens
gerüstet, bestens vorbereitet ihre Reise antreten. Zu sehr sind sie
damit beschäftigt, ihre wohl durchdachte Urlaubsbilanz in der Balance
zu halten: die Zahl der besuchten Sehenswürdigkeiten und der geknipsten
Fotos auf der Habenseite; die Zahl der verpatzten Abendessen,
verspäteten Flüge und der Regentage auf der Sollseite. Zu sehr sind sie
damit beschäftigt, ihren gewohnten Lebens- und zugleich Alltagsrhythmus
auch unter "schwierigsten" Bedingungen aufrechtzuerhalten.
Zu sehr sind sie damit beschäftigt, über ihre Laptops und Handys die
Anbindung an die so genannte Realität nicht zu verlieren. Denn die
Gesetzmäßigkeiten unserer Profit-Gesellschaft sind längst zum Rhythmus
des Einzelnen geworden, und das Kettenhemd aus Kreisgedanken, Sorgen
und latenter Nervosität kann man nicht einfach am Check-in-Schalter des
Flughafens abgeben - nur weil Urlaubszeit ist.
Philosophisch reisen ist kein Rezept, das man in der Apotheke verordnet bekommt.
Philosophisch reisen ist auch kein Adventure-Trip, den man im
Reisebüro buchen kann. Denn das Abenteuer braucht den Abenteurer.
Philosophisch reisen setzt voraus, dass wir zuallererst dem
Philosophen, der in jedem von uns schlummert, eine Chance geben. Und
philosophisch reisen setzt auch voraus, dass wir damit nicht auf die
Ferienzeit warten, sondern jede Gelegenheit nutzen, um ein bisschen
mehr Philosoph im Alltag zu sein.
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