Der magische Mensch
Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn
von Mag. Hannes Weinelt
An einem Weihnachtsabend wurde mir in Luxor ein
herrliches Geschenk zuteil: Ich wurde bei einer Familie von
Schlangenbeschwörern zum Abendessen eingeladen. Die Nacht war mild. Als
die Sonne sank, lösten sich ihre Strahlen in ein Dutzend schillernde
Farben auf, um dann rotglühend an den Wänden des Tempels von Luxor, dem
grandiosen Werk des Pharao Amenhotep, Sohn des Hapu, hinabzugleiten.
Das Abendessen dauerte bis kurz vor Sonnenaufgang, und unsere
Unterhaltung drehte sich nun um ein einziges Thema: die Magie...
"Der Magier", sagte mein Gastgeber, "ist ein Mann, der die Dinge kennt
..., Erkenntnis", fuhr der Magier von Luxor fort, "ist das wichtigste
Wort in der Kunst der Magie." (aus Christian Jacq, "Das verborgene
Wissen der Magier", Knaur-Verlag, 1999)
Dieses Erlebnis des französischen Schriftstellers und Ägyptologen
Christian Jacq führt uns mitten in das Herz der unerschöpflichen Magie.
Der Mensch will wissen, die Zusammenhänge erkennen und so sich selbst
und die Welt immer besser verstehen. Auch die größte Esoterikerin des
19. Jahrhunderts H.P. Blavatsky meinte in diesem Zusammenhang, dass die
Magie den Menschen während seiner gesamten Evolution begleitet. Denn
neben vielen anderen Definitionen wurde die Magie als die "magna
sciencia", die "große Wissenschaft" bezeichnet. Schon Agrippa von
Nettesheim nannte im 16. Jahrhundert die Magie das wahre Wissen, die
Vollkommenheit, die Verwirklichung aller Naturwissenschaften. Im alten
Ägypten war die Magie Bestandteil der allgemeinen Religion und der
Magier eine geachtete Person des gesellschaftlichen Lebens. Ohne Magie
zu leben hieß, mit "geschlossenen Augen und Ohren zu leben". Demnach
ist der magische Mensch in erster Linie ein Mensch, der Wissen hat,
keine oberflächlichen Kenntnisse, sondern Wissen um die verborgenen
Kräfte der Natur, um das "Wie und Warum", aber auch um das "Woher und
Wohin" aller Dinge. Deshalb wirkten die Magier aller Zeiten
vermeintliche Wunder, obwohl diese in Wirklichkeit "nur" ihrer tiefen
Schau der Naturgesetze zuzuschreiben waren.
Übrig blieb nur Zauberei und Aberglaube Wenn sich die
Weisen und mit ihnen das Wissen aus dem Herzen der Kulturen
zurückziehen, bleiben verzerrte Fragmente und Zeugnisse der Magie im
Umlauf. Die einstige große Wissenschaft löst sich auf in Kaffeesud,
entblättert sich beim Kartenspiel oder erschöpft sich in endlosen und
nichts sagenden Mantrams. Der Aberglaube treibt die seltsamsten Blüten
und Zauberlehrlinge führen sich selbst und andere im besten Falle nur
hinters Licht.
Im Falle unserer Zivilisation sehen wir uns dem Phänomen einer
Konfrontation von Wissen und Glauben gegenüber. Im christlichen
Mittelalter versuchte die Kirche, das Wissen in ihren eigenen Reihen zu
behalten, der Mensch hatte sich mit dem einfachen Glauben zufrieden zu
geben. Als Renaissance und Humanismus wieder den magischen Menschen ins
Zentrum rückten, meinten sie den um Erkenntnis ringenden Menschen, der
seinen Glauben auf Wissen gründet und sein Wissen dank eines tiefen
Glaubens erweitert. Doch mit lichterlohen Scheiterhaufen wehrte sich
die Kirche gegen das neuerliche innere Licht des Wissens und der
Erkenntnis. So trennten sich spätestens in der Aufklärung Wissen und
Glaube, die intellektuelle Forschung von den geistigen Möglichkeiten
und Potentialen des Menschen. Damit wurde die Magie, die sich nicht in
der intellektuellen Forschung erschöpfte, sondern wesentlich die
individuellen geistigen Fähigkeiten des Menschen benötigt, endgültig in
das Reich von Zauberei und Aberglaube verbannt. Magie wurde zum Synonym
für eine primitive Vorstufe der sich entwickelnden Menschheit, die als
Krönung endlich im wissenschaftlichen Zeitalter angelangt ist.
Doch unsere hoch technisierte Wissenschaft vermag viele Krankheiten
nicht zu heilen, die Menschheit nicht zu ernähren, die Kriege nicht zu
verhindern, nicht einmal große Erdbeben vorherzusagen, was
beispielsweise den alten Chinesen vor tausenden Jahren gelang. Was
wissen wir also wirklich? Und wozu nützt der gegenwärtigen Menschheit
ihr Wissen? Aus dieser Ratlosigkeit und einer allgemeinen
Unzufriedenheit verbunden mit dem Gefühl von Sinnlosigkeit erhebt sich
heute von neuem das Interesse an der Magie. Doch beginnt die Suche nach
dem verborgenen Sinn und den verborgenen Gesetzen mit der Sucht nach
Phänomenen und Rezepten mittels degenerierter Formen der Zauberei, des
Aberglaubens und sogar der so genannten schwarzen Magie. Man lässt sich
von herbeigezauberten Rosenblättern betören, glaubt in tantrischen
Sexualritualen die erlösende Einheit finden zu können oder in schwarzen
Messen die Macht des Teufels an seine Seite zu bekommen. Auch wenn der
Impuls und die Suche ehrlich sind, fehlt es an tiefer Erkenntnis auf
der Basis einer hohen Moral. In den Worten von H. P. Blavatsky: "Die
Macht der Magie ist zweifach und daher ist nichts einfacher, als der
Zauberei zu verfallen, denn dafür ist nur ein einziger schlechter
Gedanke notwendig."
Die zwei Dreiecke der Magie Die Erkenntnis ist ein
zweischneidiges Schwert. Daher bezeichnet man in der Bibel den Baum der
Erkenntnis als Baum des Guten und des Bösen, des Lebens und des Todes.
Der Mensch musste in den "sauren Apfel" beißen, denn Erkenntnis ist ihm
auf seinem Evolutionsweg bestimmt. Die Erkenntnis ist weder gut noch
schlecht, sie verleiht Möglichkeit und Macht, wie ein Messer, das erst
in der Hand des Benutzers zum heilenden Skalpell oder zur tödlichen
Waffe wird. Wissen ist Macht. Und Macht heißt machen können. Und machen
kann man etwas Gutes oder etwas Schlechtes. Der französische Kabbalist
Eliphas Lévi (1810 - 1875) bringt dies folgendermaßen zum Ausdruck: "Es
gibt keinen mächtigen Mittelpunkt. Jedes menschliche Wesen ist entweder
gut oder schlecht. Die Gleichgültigen, die Lauwarmen sind nicht gut,
also sind sie schlecht, und die Schlechtesten von allen sind geistig
schwach und feige."
Über das hohe, nach oben gerichtete Dreieck der Magie (weiße Magie)
oder das niedere, nach unten gerichtete Dreieck (schwarze Magie)
entscheidet die Absicht. Der Egoismus, die persönliche Absicht, ist das
größte Hindernis auf dem Pfad zur echten Magie. Daher ist die erste
Macht, die der Mensch erreichen muss, die Macht über sich selbst, seine
Leidenschaften und Instinkte, seine egoistischen Absichten. Pythagoras
unterzog seine Schüler jahrelang den höchsten moralischen Proben, bevor
sie zur Mathematik (mathema = Wissen) zugelassen wurden. Die Finalität
dieser akusmatischen Jahre war das Entwickeln von festen inneren
Werten, den so genannten Tugenden. Der Mensch hatte sich zunächst
innerlich zu reinigen und zu erneuern.
Über die rechte Handlung zur hohen Magie Angenommen,
Sie hätten die Fähigkeit, andere durch die Magie Ihrer Gedanken zu
beeinflussen. Oder die Gefühle eines anderen zu sehen und zu lenken.
Würden Sie nicht gelegentlich der Versuchung erliegen, diese
Fähigkeiten für Ihre persönlichen Ziele zu missbrauchen? Genau aus
diesem Grund hatten sich in den großen Schulen der Mysterien und der
Magie jene, die zu den komplexesten Erkenntnissen strebten, plötzlich
mit ihren einfachsten persönlichen Schwächen auseinander zu setzen.
Ein Grundprinzip war dabei das der "Rechten Handlung". D.h. etwas zu
tun, nicht weil es mir gefällt oder nicht gefällt, weil ich davon
profitiere oder Nachteile habe, sondern einfach weil es recht und
richtig ist, motiviert durch ein inneres Pflichtgefühl, auferlegt von
einem wachen Gewissen. Diese "Rechte Handlung" braucht Reinheit.
Reinheit in unseren Gedanken, Gefühlen und Gewohnheiten. Egoistische
Absichten und Gedanken, persönliche Gefühle wie Zorn, Angst,
Traurigkeit, Rache, Stolz usw., automatisierte Gewohnheiten überdecken
das innere Licht des Gewissens, das uns die rechte Richtung weist. Auf
diesem Weg zur Reinheit benötigen wir viel Geduld, denn hunderte Male
werden wir uns in denselben Kreisgedanken finden, ohne ausreichenden
Willen und die Kraft, ihnen zu entkommen. Hunderte Male werden wir uns
dem Zorn, den Ängsten oder der Traurigkeit ausgeliefert fühlen,
hunderte Male in dieselben Gewohnheiten verfallen, manchmal ohne es zu
bemerken. Außerdem benötigen wir ein hohes Maß an Bescheidenheit, denn
wenn sich die ersten Erfolge einstellen, wenn man ein Stück über die
allgemeine Unwissenheit hinauswächst, beginnt man auf andere
herabzublicken und meint, alles beurteilen zu können. Der Stolze bleibt
auf dem Pfad stecken, weil er sich auf dem Gipfel wähnt, der
Bescheidene blickt nach oben und sieht, wie viel noch vor ihm liegt.
Und je höher man steigt, umso mehr Mut benötigt man. Mut zur
schonungslosen Konfrontation mit sich selbst, aber auch mit der Umwelt.
Denn wo die hohe Magie erblüht, ist auch die niedere. Man begegnet
Unverständnis und Ignoranz, Missgunst und Eifersucht, Dogmatismus und
Fanatismus. Oft findet man sich am gesellschaftlichen Pranger, in
manchen historischen Epochen sogar am Scheiterhaufen.
Um solche Situationen zu meistern, benötigt man eine tiefe Liebe zur
Menschheit und einen echten Glauben an das Gute im Menschen. Angesichts
von persönlichen Angriffen und Beleidigungen nicht die
Selbstbeherrschung zu verlieren, gehört mit zu den größten Proben des
Strebenden.
Der Mensch ist heute von neuem auf der Suche nach dem verlorenen Sinn.
Doch die ungeheure Aufgabe besteht darin, den Blick nach oben zu
richten und sich nicht von glitzernden Zauberformeln blenden zu lassen,
um persönliche Vorteile zu gewinnen. Der mögliche Pfad der hohen Magie
beginnt mit einer täglichen Arbeit an sich selbst, sich als Mensch zu
verbessern und zu erneuern, reiner, geduldiger, bescheidener, mutiger
und liebevoller zu werden. Das Ziel ist eine Renaissance der wahren
magna sciencia und des wahren magischen Menschen, der die Erde wieder
zu einem Abbild des Himmels macht.
Autor: Hannes Weinelt
(aus: Abenteuer Philosophie, Heft Nr. 100)
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