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Die Philosophie der Kampfkunst

Der Kampf als Weg zum geistigen Ziel


Wenn wir von Kampfkünsten sprechen, beziehen wir uns im allgemeinen auf eine der gängigen asiatischen Formen wie Karate, Kung Fu, Judo usw. Dabei übersehen wir jedoch, dass es sich bei diesen Formen eigentlich nur noch um Fossilien von ursprünglich weit umfassenderen Systemen handelt, die zum Großteil ihren inneren Sinn verloren haben.

 

Heute ist etwa Judo und Karate durch den Sportcharakter zu einem reinen Wettkampf ohne tieferen Inhalt geworden, das Aikido hat sich durch das falsch interpretierte Prinzip der Gewaltfreiheit seines Gründers, Meister Ueshibas, zu einem weichen Stil tänzerischen Charakters und geringer praktischer Wirksamkeit entwickelt.

Wenn wir die Entwicklung der Kampfkünste von ihren Ursprüngen aus betrachten, so können wir in dieser Entwicklung vier Phasen feststellen:

 

Ursprung

Dies ist die mythisch-magische Phase der Kampfkunst. Gekennzeichnet ist sie durch das Vorhandensein von göttlich-magischen (mythologischen) Königen, von Kriegerkönigen, Kriegerpriestern und von mythologischen Helden. Die Götter sind Kriegsgötter, wie etwa Indra in Indien, Huitzilopochtli bei den Azteken oder aber Krishna in der Bhagavad-Gita. Dieses Werk beschreibt etwa die Einweihung eines Kriegers, des Arjuna, in die Mysterien des Kampfes. Indra als Beispiel entspricht in keiner Weise dem Konzept einer heutigen Religion, sondern dem einer kriegerischen, gekennzeichnet durch einen Weg der Proben und Verantwortungen für den Einzelnen. Seine irdischen Repräsentanten waren eine Reihe von Kriegerkönigen. Auch bei dem mythologischen Paar Merlin und Artus finden wir den König mit seinem mythischen Helfer, dem alten und weisen Magier. Dieselbe Funktion eines Kriegsgottes hat Huitzilopochtli bei den Azteken.

Ein Merkmal der Kriegsgötter war der geringe Grad ihrer öffentlichen Verehrung, die meistens „angenehmeren" Gottheiten vorbehalten war. Aus diesem Grund sind auch Überlieferungen selten und widersprüchlich, wie etwa aus Griechenland vom Gott Ares oder über den römischen Mars, der einer der wichtigsten Götter des Imperiums gewesen ist.

Der schrittweise Übergang zur nächsten Phase bedeutet den Beginn dessen, was wir Zivilisation nennen. Historisch gesehen sprechen wir dann von den ersten Dynastien von historischen Königen, wie etwa in Ägypten oder in China. Die Zeit, die vor diesen Königen lag, wird als mythologisch und daher eher irreal angesehen.

 

Der Krieg

Die erste Phase tritt in den Hintergrund, das Kennzeichen dieser zweiten Phase sind die kriegerischen Proben, wie etwa die Gralssuche im Artusmythos. Das Ziel ist hier der Krieg: Der Mensch muss sich im echten Kampf Mann gegen Mann auf Leben und Tod beweisen. Der japanische Ausdruck für diese Kriegskunst zum Zweck des Krieges ist Bugei. Der Krieg wird jedoch im Sinne des Bringens von Gerechtigkeit und Ordnung gesehen. Der gerechte Krieg bringt, gemäß dieser Lehre, den Frieden und die Zivilisation, er bringt die Errungenschaften einer Hochkultur den Völkern, die sie noch nicht haben.

Dies ist die Epoche der initiierten Könige, der Kodizes (Bugei), die Phase des Krieges für den Krieg an sich. In dieser Phase werden die Kampfkünste geboren.

 

Organisation in Schulen

Der Krieg ist nicht mehr erstes Ziel der Kampfkunst, da sich das politische System entsprechend verändert hat. Die Kampfkunst wird zum Do, dem Weg, den die Krieger auch ohne den wirklichen Kampf gehen können. Die erlernten Künste werden nicht unbedingt im Krieg eingesetzt, der Kampf wird zum Symbol. Die Kriegskünste werden heilig bzw. zu verehrten Symbolen des Krieges. Es entsteht ein Heldenkult, wie man es in Europa anhand der Rittersagen nachvollziehen kann. In weiterer Folge erscheinen Meister, die Schulen und Stile gründen. In unserer Zeit waren dies unter anderen Jigoro Kano (Judo), Gichin Funakoshi (Karate) und Morihei Ueshiba (Aikido), um nur die bekanntesten zu nennen. Diese Meister führten das Wort Do ein, um den Weg anzuzeigen. Es gibt Krieger ohne Krieg, die dennoch den Geist des Krieges aufrechterhalten. Die Kampfkunst als Weg wird zum Budo, zum Krieg als Weg zur Weisheit.

 

Die Rückkehr zum Ursprung

Es findet eine Verbreitung der Kampfkünste statt. Sie gelangen so auch zu Völkern, die mit der ursprünglichen Mentalität, die hinter den Künsten steckt, nichts gemein haben. Diese Phase ist notwendig, um hinter der Form wieder die Philosophie zu entdecken. Dies geschieht deshalb, weil die leere Form immer unbefriedigender wird und die Ausübenden sich wieder um die Hintergründe der Kampfkünste Gedanken zu machen beginnen.

In der heutigen Zeit sind die Kampfkünste zum Sport degeneriert. Der Grund dafür liegt einerseits in der Mentalität der asiatischen Meister, die zwar die Philosophie kennen, aber nicht darüber reden und so ihren westlichen Schülern nur die Form mitgaben. Andererseits liegt der Grund aber auch in der Tendenz der westlichen Welt, alles und jedes zu kommerzialisieren. Diese beiden Aspekte führten dazu, dass die Kampfkünste im Westen zu dem wurden, was sie heute sind: dem Wesen nach materialistische Formen, die zu Sportarten verkommen sind, wie ja auch die Bezeichnung „Kampfsport" verdeutlicht. Der Unterschied der heutigen Kampfkünste zu den Konzeptionen ihrer Gründer ist enorm. Ein weiteres Problem der heutigen Kampfkünste liegt in ihrer engen Verbindung mit religiösen Konzepten, die eigentlich keine Kriegerreligionen sind: Der Buddhismus etwa verbietet die Gewaltanwendung ebenso wie der Konfuzianismus. Diese beiden Konzepte haben aber auf die heutigen Kampfkünste über den Weg des Zen und des Budo großen Einfluss.

Die Rückkehr zum Ursprung zeigt sich als Suche nach den Prinzipien, Finden einer philosophischen Basis und der Anwendung dieser Prinzipien, damit die Kampfkünste wieder von neuem geboren werden können. In diesem Prozess vereinigen sich die zwei Elemente des theoretischen Fundaments und der philosophischen Basis. Aus dem Inhalt des ersteren und dem Weg des zweiten entsteht der Innere Krieg, der die Überwindung der menschlichen Polarität zwischen Körper und Geist zum Ziel hat. Es bedeutet nichts anderes, als dass sich der Mensch darüber klar werden muss, dass er eigentlich gegen nichts und niemanden kämpfen muss als gegen sich selbst. Durch diese Sicht der Kampfkunst ändern sich die Techniken grundlegend, sie werden von einem Instrument zur Unterwerfung des Gegners zu einem Instrument des Sieges über sich selbst, d.h., sie werden zu einem Instrument der Erlangung des Bewusstseins.

Der Unterschied der heutigen externen Kampfkünste zu den internen philosophischen Künsten liegt darin, dass erstere an der Bipolarität und damit der Komplementarität festhalten, während die philosophischen Künste in sich das Bewusstsein tragen, dass der Mensch in seinem Inneren universell und daher eine Einheit ist. Die philosophischen Kampfkünste dienen so der Entwicklung von Bewusstsein bis in die kleinsten Bereiche hinein.

 

Krieg und Frieden

Unsere heutige Gesellschaft und die damit verbundenen moralischen Vorstellungen ordnen dem Kampf und damit dem Krieg quasi automatisch einen negativen Stellenwert zu, der Friede ist immer positiv belegt. Kriege, wie sie heute geführt werden, bringen unsägliches Leid über unschuldige Menschen und sind ein schreckliches Übel. Ein Frieden, der solches Leid lindern oder vermeiden hilft, ist immer begrüßenswert.

Doch werden philosophisch gesehen zwei Aspekte von Krieg und Frieden übersehen, die da sind:

Der Krieg bedeutet Zerstörung, aber auch Neubeginn. Im positiven Sinn verstanden ermöglicht Krieg auch Entwicklung und Fortschritt, da er Platz für Neues schafft. Die Natur zeigt uns dies immer wieder in allen ihren Bereichen. Es gibt kein Leben ohne Kampf bzw. Auseinandersetzung, und sogar eines der grundlegenden Paradigmen der heutigen Gesellschaft, die Evolutionslehre, beruht genau darauf, dass die Fähigsten überleben. Dies garantiert, dass sich das Leben in immer komplexeren Formen weiterentwickeln kann und dass Formen, die überholt sind und nicht mehr gebraucht werden, „weggeworfen" werden.

Der Friede bedeutet auch Stagnation und Entwicklung des Erreichten auf einer Ebene. Auch hier sehen wir in der Natur die entsprechenden Parallelen in der Entwicklung der Arten. Der Frieden zeigt sich in der Differenzierung, in der Herausbildung von Unterarten, in der Vielfalt. Aber auf den Frieden folgt wieder ein Krieg, das heißt, ein Entwicklungsschritt, womit das Leben weiter fortschreitet.

Krieg und Frieden sind also immer im Zusammenhang zu sehen, niemals isoliert voneinander. Trennt man sie, so verlieren beide ihren Sinn. Ein Krieg ohne darauffolgende Entwicklung ist ebenso undenkbar wie ein Friede um jeden Preis, der zu unkontrolliertem Wachstum führen und mit einem Krebsgeschwür verglichen werden kann.

Seltsamerweise werden wir trotz unserer äußerlich zur Schau getragenen Friedensgläubigkeit von Grausamkeiten und Kämpfen fasziniert. Wie anders ist es zu erklären, dass Kampfszenen in Filmen und Büchern breiten Raum einnehmen und verschlungen werden?

 

Ritter und Helden

Gehen wir nun zurück zu einer Gesellschaft, die uns immer noch fasziniert, obwohl sie schon lange nicht mehr existiert, nämlich in die Zeit der Ritter. Hier haben wir die Kämpfer für Recht und Ordnung, die mit Einsatz ihres persönlichen Mutes und ihrer Waffen für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in einer chaotischen Welt sorgten. Die Ritterschaft war eine Eigenschaft, die man sich erwerben musste und die eine idealtypische Form des Verhaltens in allen Lebenslagen war. Es gab hier natürlich auch das Bild des idealen Ritters, der alle Eigenschaften besaß, die man einem idealen Menschen zuschrieb: Er war klug, weise, großzügig, mutig und tapfer.

Wir haben aber auch hier in den Legenden und Mythen die Beschreibungen von Rittern, die teilweise keineswegs diesem Ideal entsprachen und trotzdem höchsten Ruhm erlangten. Die Ideale der Ritterschaft, so wie sie dargestellt werden, sind menschliche Ideale in einer menschlichen Welt. Dagegen müssen die Ideale einer himmlischen Welt keineswegs mit denen der irdischen übereinstimmen. Nehmen wir das Beispiel Lancelot und Parzival: Lancelot war der perfekte Ritter mit allen Eigenschaften, die nach menschlichem Ermessen einen Ritter ausmachen, und doch konnte er den Gral, die höchste Auszeichnung, die einem Ritter widerfahren konnte, nicht finden, da ihm offensichtlich eine wesentliche Eigenschaft fehlte.

Parzival hingegen, der Tor, der in keinem Aspekt dem wahren Rittertum entsprach, konnte den Gral finden. Die Beurteilung der Qualitäten dieser beiden Ritter wird, wenn sie nach menschlichen Maßstäben durchgeführt wird, eindeutig zugunsten des Lancelot ausfallen. Die Beurteilung nach übermenschlichen Maßstäben, die sich unserem Beurteilungsvermögen entziehen, fällt jedoch zugunsten des Parzival aus, der den Gral erlangt. Das bedeutet nichts anderes, als dass der vor den Menschen gute Krieger vor den Göttern noch lange nicht gut sein muss.

Etwas Ähnliches begegnet uns bei den griechischen Heroen, die teilweise nach menschlichen Maßstäben unmoralische Handlungen begehen und dennoch zu Göttern oder Halbgöttern werden, wie etwa Ödipus oder Herakles.

Worauf es hier ankommt, ist also weniger die Perfektion im menschlichen Sinn, sondern vielmehr die Treue zu sich selbst, zu seiner Bestimmung. Vom griechischen Helden sagt man, dass er derjenige ist, der unverrückbar in sich selber gefestigt ist, der daher seine Bestimmung erfüllt, ganz gleich, wie die Außenwelt seine Taten beurteilt, denn er muss sich nur vor den Göttern alleine verantworten. Nur so ist es möglich, dass der Heros zum Bringer der Kultur und der Ordnung wird. Ganz gleich stellt sich die Situation bei Parzival dar: Er ist ein Mensch, der sich entsprechend seiner Anlage und Bestimmung verhält und sein Schicksal und damit seine Proben erfüllt und dadurch das Allerhöchste erringt.

 

Wichtig ist der Geist des Sieges

Der Krieger muss nicht immer gewinnen. Wichtig für ihn ist der Geist des Sieges, das heißt, jedem Kampf so zu begegnen, dass er sein Bestes gibt. Da es die Bestimmung des Kriegers ist, im Kampf zu sterben, falls dies notwendig ist, ist der Tod für ihn genauso ein Sieg wie der Sieg selber, denn er hat in beiden Fällen seine Bestimmung erfüllt.

Und der Sieg des Kriegers ist der Sieg der gesamten Gemeinschaft, denn er ist ja ein Teil derselben, gemäß dem Spruch „Alle für einen und einer für alle". Wenn er also sein Bestes gibt, kann er nicht verlieren. Erst in unserer Zeit mit dem Unbedingt-Gewinnen-Müssen ist die Niederlage mit Schmach und Schande verbunden, vor allem, wenn der Sieg finanziell honoriert wird und das Weltbild auf materiellen Gewinn ausgerichtet ist. In diesem Fall kommt es nicht mehr darauf an, sich selber zu besiegen, sondern den Gegner, und die Kriegskunst degeneriert zum Sport.

Am Beispiel des Judo kann man dies gut verfolgen: Das Judo war ursprünglich, wie alle anderen Stilarten der Kampfkünste, als ein Weg zur geistigen Vervollkommnung des Praktizierenden gedacht. Heute ist es als Wettkampfsport nicht mehr mit dem ursprüngliche Judo vergleichbar, denn der Kodex ist vollkommen verschwunden. Betrügereien und faule Tricks sind an der Tagesordnung, die Techniken werden nur nach dem Gesichtspunkt des größtmöglichen Schadens für den Gegner ausgewählt. Der Geist der kriegerischen Gemeinschaft ist aus den Wettkämpfern gewichen, der Kampf ist nicht mehr das verbindende Element zwischen zwei Kriegern, sondern er fördert den Gegensatz.

In diesem Zusammenhang soll abschließend auch noch der grundlegende Unterschied zwischen Sport und Kampf dargestellt werden:

 

Sport

  • In vielen Fällen wird Schutz verwendet, bzw. es gelten Regeln, die das Anwenden bestimmter Techniken verbieten. 

  • Der Sportler setzt sich selber Grenzen, über die er im Rahmen des Sports nicht hinauskommt.

  • Sport fördert den Egoismus, denn der Sportler sieht die Konsequenzen nicht und braucht sich deshalb nicht zu beherrschen.

  • Gewinnen ist wichtig.

 

Kampf

  • Es gibt keinen Schutz. Der Kämpfer muss lernen, Schmerz zu empfinden. Dadurch wird die Entscheidung zum Schlag schwieriger, die Techniken werden jedoch einfacher.

  • Der Krieger lernt das Risiko zu kalkulieren. Alle Waffen sind einsetzbar, die Aufmerksamkeit muss umfassend sein.

  • Der Kampf hebt das persönliche Niveau. Der Krieger muss sich beherrschen, er darf nicht blindlings töten und muss lernen, als Verlierer in Ruhe zu sterben.

  • Gewinnen ist nicht wichtig; solange der Krieger im Geist der kriegerischen Tradition kämpft, siegt er immer. Das bedeutet, dass man wissen muss, wofür man kämpft und dass man die Gesetze der Natur respektiert und mit ihnen arbeitet.

 

Autor: Martin Peschaut

 

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 79)

 

 

Das österreichische Institut für philosophische Kampfkünste BODHIDHARMA ist ein Verein mit Hauptsitz in Klagenfurt und einer Filiale in Graz. Das Institut hat es sich zur Aufgabe gemacht, unterschiedliche Kampfkunststile und verwandte Disziplinen unter ein gemeinsames Ziel der Förderung der physischen, psychischen und geistigen Entwicklung des Menschen zu stellen.

Kampfkunst hat das Ziel, die Entwicklung aller Ebenen des Menschen zu fördern und ist somit ein ganzheitlicher Weg.

 

Kontaktadressen:

  • Martin Peschaut, Klagenfurt, 0043/676/3427094

  • Thomas Zölß, Graz, 0043/664/3082639

 
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