Und ewig spielt der Mensch
Es war einmal ein sehr ernstes Kind, so ernst, dass es tiefes Bedauern für die anderen Kinder empfand, die ihre Tage mit Spielen verbrachten. Dieses Kind hatte bemerkt, dass die Puppen, die Spielzeugautos, die Masken und weitere Spielzeuge für die Erwachsenen keine Realität und keinen Wert besaßen. Und so entschied es sich, auf diese Täuschungen zu verzichten. Das Spiel - eine Illusion? Während alle Kinder spielten, blieb dieses Kind aus unserer Geschichte einsam und es litt, während sich seine Kameraden an Spaziergängen und eingebildeten Abenteuern erfreuten. Das einsame Kind versuchte, in der Lektüre Trost zu finden, aber bald sah es, dass auch die Bücher voll von nicht immer wahren Phantasien und Erzählungen waren. Das Kind wandte sich daher der Betrachtung der Natur zu und stellte mit Schrecken fest, dass auch die Natur spielte und täuschte mit Lichtern und Farben, mit Formen und Düften. Das Kind benötigte eine Erklärung, und es wandte sich an seine anderen spielenden Kameraden: "Warum spielt ihr? Seht ihr nicht, dass alle eure Spielzeuge Lüge sind, dass sie euch nicht im wirklichen Leben dienen?" "Wir spielen, um erwachsene Menschen zu werden." "Aber eure Autos sind nicht wie die der erwachsenen Menschen. Sie fahren nicht auf den Straßen. Und eure Puppen sind nicht wie wirkliche Kinder." "Das wissen wir schon. Aber wenn wir mit diesen kleinen Autos und diesen kleinen Puppen spielen, üben wir das, was wir tun werden, wenn wir erwachsen sind. Dann werden wir nämlich keine Angst haben, weder vor den Kindern, noch vor den Autos." "Also ihr wisst, dass ihr mit Illusionen spielt?" "Natürlich wissen wir das, aber wir denken nicht daran. Würden wir uns jeden Moment daran erinnern, dass unsere Spiele Nachahmungen sind, könnten wir nicht spielen. Und wir brauchen das Spielen, wir müssen das üben, was wir morgen in Wirklichkeit tun werden. Deswegen tauchen wir in unser Spiel ein und genießen es wie eine Wirklichkeit." (aus: "Die Spiele der Göttin Maya", Delia Steinberg Guzman, Eigenverlag Neue Akropolis)
Das Spiel muss gespielt werden
Das einsame Kind verstand auf einmal den Grund seiner ewigen Traurigkeit. Auf der ständigen Suche nach der letzten Realität verlieren wir die Freude am gegenwärtigen Leben. Der nächsthöheren Wahrheit auf der Spur zu sein bedeutet auch, dieser immer einen Schritt hinterherzulaufen, wie sehr wir uns auch immer bemühen mögen. Das Leben wird so zu einer verbissenen Anstrengung, in der die Fixierung auf das Ziel das Erleben des Augenblicks verhindert. Die praktische Lebensweisheit der Stoiker, das "carpe diem" ("nutze den Tag"), verschwindet hinter der Vorstellung, dass das Leben eine einzige Mühsal sei.
Die pädagogische Bedeutung des Spieles ist heute unbestritten. Im Zeitalter des "lebenslangen Lernens" nimmt das Spiel eine bedeutende Stellung ein. Spielen bedeutet lernen, in diesem Fall lernen durch die Handlung, durch das Tun. Spielen fördert geistige und körperliche Beweglichkeit, Vorstellungskraft, Konzentration, Gedächtnis, soziales Verhalten durch die Beachtung von Regeln und vieles mehr. Doch das Spielen muss gelernt werden. Wird die Spielleidenschaft des Menschen nicht geschult und entwickelt, kann es für den Spieler wie auch für sein Umfeld zerstörerische Konsequenzen haben. Dazu kann das zum Teil staatlich tolerierte und von diesem auch betriebene Glücksspiel gezählt werden, das die Bezeichnung "Spiel" nicht verdient.
Spiel - was ist das?
Eine heute weithin anerkannte Definition für das Spiel stammt von Johan Huizinga, einem niederländischen Kulturanthropologen: "Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ,Andersseins' als das ,gewöhnliche Leben'." (Johan Huizinga, "Homo ludens - Vom Ursprung der Kultur im Spiel", Rowohlt Taschenbuch, 1994).
In der Antike wurde in Ergänzung bzw. im Unterschied zu dieser Definition dem Spiel immer ein transzendentes Ziel zugrunde gelegt. So soll der griechische Gott Hermes das Würfelspiel und damit das Spiel an sich erfunden haben. Als bekannter Grenzgänger zwischen der Welt der Götter und der der Menschen wird ihm die Erfindung etlicher Elemente zugeschrieben, die dem Menschen den Weg zu übermenschlichem, sprich göttlichem Bewusstsein weisen sollten. So gilt er auch als "Erfinder" der Musik, indem er über die Schale einer Schildkröte die ersten Saiten spannte.
Dieser mythologische Fingerzeig sollte bei der philosophischen Betrachtung des Spieles also nicht außer Acht gelassen werden. Vor allem auch deshalb nicht, weil die Parade-Spiele der Antike wie auch der Moderne - die Olympischen Spiele - diesen spirituellen Ursprung aufweisen. Das Spiel der Spiele Die Olympischen Spiele wurden laut den Siegerlisten zum ersten Mal im Jahr 776 v. Chr. im griechischen Olympia abgehalten. Sie wurden zu Ehren des göttlichen Helden Pelops und des Gottvaters Zeus veranstaltet. Demzufolge stellten sie ursprünglich keine sportliche Veranstaltung in unserem heutigen Sinne dar, sondern waren ein religiöses Fest. Der erste Tag der insgesamt fünf Tage dauernden Spiele war kultischen Zeremonien, Weihehandlungen und dem Einzug der Athleten, Schiedsrichter und Zuschauer in den heiligen Hain von Olympia gewidmet. Im Tempel von Zeus schworen die Teilnehmer, sich an die Regeln der Spiele zu halten. Während der Zeit der Spiele herrschte eine heilige Waffenruhe ("Ekecheiria"), um allen Beteiligten eine sichere An- und Abreise zu gewährleisten. Die heiligen Stätten von Olympia durften nicht mit Waffen betreten werden. Die Spiele fanden alle vier Jahre statt, die Zeit zwischen den Spielen wurde Olympiade genannt.
Jeder mag nun selber beurteilen, welchen Stellenwert die Olympischen Spiele in der Gegenwart eingenommen haben. Sei dem, wie es sei. Auf alle Fälle wird jedoch jeder von uns schon einmal von einem starken völkerverbindenden Gefühl beim Erleben einer Eröffnungszeremonie ergriffen worden sein. Wenn auch nur für Minuten, so gelingt es uns in diesen Augenblicken doch, über den Rand unserer nationalen Begeisterung hinauszublicken und mehr zu würdigen als unsere ganz persönlichen Helden.
Und damit nähern wir uns wieder der ursprünglichen Idee des Spieles. "Der Weltlauf ist ein spielendes Kind, Brettsteine schiebend" So urteilte der griechische Philosoph Heraklit von Ephesos (ca. 540 - 480 v. Chr.) über das kosmische Leben. Wir können nur hoffen, dass dieses auch mit uns "spielende Kind" nicht ähnlichen Gefühlsausbrüchen ausgesetzt ist wie wir. In diesem Fall wird aus Spiel sehr schnell ein Albtraum. Durch die Identifikation mit dem Computerspiel, mit der eigenen Fußballmannschaft oder mit dem Lieblings- Leichtathleten entstehen starke Gefühle, die uns bisweilen zu übermannen drohen.
Vielleicht liegt darin als Lernziel die bewusste Beherrschung unserer niederen, weil zerstörerischen Gefühle, die Aufgabe, die es zu bewältigen gilt. Das Spiel als flüchtige Illusion zu begreifen bedeutet, menschliches Bewusstsein zu erlangen. Was aber noch lange nicht bedeutet, teilnahmslos die Spiele des Lebens neben sich ablaufen zu lassen. "Eine Erkenntnis der Dinge wird erst möglich, wenn sie auf der Erkenntnis des Logos (,des Gesetzes') beruht.
Die Menschen vertrauen allerdings ihren Augen und Ohren. Was den Sinnen zugänglich ist, ist subjektive Meinung, sind Spiele von Kindern." Heraklit ist uns auch in diesem Fall ein wohlmeinender Begleiter. Beim Spiel des Lebens wie auch bei jedem anderen Spiel heißt es, dabei zu sein, mit all seinen Sinnen und tief die Erfahrung des Spieles zu durchlaufen.
Gleichzeitig bedeutet es aber, zu wissen, dass ich nicht das Spiel und auch nicht meine Gefühle bin. Wenn wir spielen, dürfen wir gerade das nicht vergessen. Der Mensch - ein ewiger Spieler "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." (F. Schiller)
Das Spiel ist unser untrennbarer Begleiter. Selbst wenn wir meinen, ihm entkommen zu sein, gehört das zum Spielplan der Evolution. Dies alles ist ein großes Spiel. Das Leben ist die Bühne mit uns Menschen als Schauspielern. Wenn dem schon so ist, dann sollten wir uns bemühen, unser Bestes als Schauspieler zu geben. Und das ist nur dann möglich, wenn wir Liebe und Freude in unser Spiel legen. "Es ist daher nicht möglich in Freude zu leben, ohne vernünftig, edel und gerecht zu leben." (Epikur von Samos, 341-270 v. Chr.)
Autor: Helmut Knoblauch
|