Philosophie ist Musik, die man mit der Seele macht
Interview mit Delia Steinberg Guzman
Unsere Rubrik „Philosophie aktuell" widmen wir einer Philosophin im 20. Jahrhundert: Frau Delia Steinberg Guzmán. Sie war fast zwanzig Jahre lang die Leiterin der Niederlassungen von Neue Akropolis in Spanien, bis sie im Jahre 1991 - nach dem Tod des Gründers, Jorge Angel Livraga - zur internationalen Präsidentin von Neue Akropolis gewählt wurde.
In der Zwischenzeit ist Neue Akropolis weltweit in mehr als 40 Ländern vertreten und hat sich zu einer komplexen Organisation entwickelt. Sie bietet den Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen Stätten der Begegnung an, wobei sie die enorme Vielfalt durch gemeinsame Ziele und durch einen Sinn für menschliche Anteilnahme harmonisiert.
Die Journalistin Maria Dolores Fernández-Figarez, die seit vielen Jahren mit Frau Delia Steinberg Guzmán bekannt ist, führte kürzlich ein Interview mit ihr. Der Anlaß war das 40jährige Jubiläum von Neue Akropolis - Gelegenheit, Bilanz zu ziehen, einen Blick auf die gegenwärtigen Herausforderungen zu werfen und eine Ausrichtung auf die Zukunft zu geben.
Angesichts dieses 40jährigen Jubiläums, ein wenig zwischen Vergangenheit und Zukunft, welche grundlegenden Aspekte von Neue Akropolis treten nun zutage?
Es ist sehr wichtig, 40 Jahre erfüllt zu haben, denn dies zeigt uns eine kontinuierliche Leitlinie auf. Die Kontinuität einer philosophischen Bewegung beweist, daß sie mehr ist als ein weiterer Impuls unter vielen anderen, und mehr ist als eine einfache Laune, mit etwas Neuem an die Öffentlichkeit zu treten, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die Tatsache, über mehr als 40 Jahre gearbeitet zu haben, bedeutet, daß die Grundidee gültig ist, daß die Menschen, die wir um diese Idee sammelten, ihren Wert verstanden haben. Auf diese Weise haben wir diese menschliche Kette gebildet, die im Laufe der 40 Jahre Geschichte schon Generationen ausmachen.
Wenn man versucht, ein wenig zu reflektieren, so sind vierzig Jahre ausreichend, um von einer Geschichte von Neue Akropolis zu sprechen. Wenn wir daran denken, daß wir diese Idee im Hinblick auf eine zeitlose Zukunft in Bewegung gesetzt haben - denn wir glauben, daß, wenn diese Idee mit uns aus einer weit entfernten Vergangenheit kommt, daß sie sich auf eine zeitlose Zukunft beziehen sollte -, dann können wir nicht von einer Reife sprechen, ebensowenig wie von der Reife einer Person, die ein entsprechendes Alter hat.
Aber zumindest ist die Geschichte, die wir durchsehen werden, die unsrige. Es gab erste Jahre, in denen Möglichkeiten und Mittel ausprobiert sowie Erfahrungen gesammelt wurden, in denen wir uns in vielen Arbeiten verbesserten, die wir dabei waren zu entwickeln - es waren die ersten Jahre des Wachstums.
Neue Akropolis ist einem wachsenden Kind vergleichbar: Anfänglich sieht man das Wachstum sehr stark, und das bißchen, was es erreicht, erscheint groß und wichtig. Im Laufe der Jahre kommt ein Gefühl der Verlangsamung. Ich glaube nicht, daß es eine richtige Verlangsamung ist, sondern, daß es wie bei einem menschlichen Wesen ist: Wenn es einmal seine eigene Größe erlangt hat, sind es andere Sachen und Werte, die entwickelt werden. Ich glaube, daß Neue Akropolis sich in dieser Etappe befindet. Wir sind nicht mehr in dieser großartigen Etappe der Ausdehnung und des Wachstums, auch wenn es Jahr für Jahr weiter vorangeht; wir befinden uns vielmehr in einer Etappe der inneren Entwicklung, und wir sind dabei, mit all unseren Mitteln jene wünschenswerte Reife zu erlangen, sowohl in unseren Strukturen, auf die wir uns stützen, als auch in den Personen, die an diesem Ideal teilnehmen. Dies ist es, was ich aus den vierzig Jahren herausnehme.
Gibt es nach dem Verscheiden des Gründers eine andere Neue Akropolis?
Nein. Im Gegenteil: Das Verscheiden des Gründers verpflichtete uns, das Wesentliche von Neue Akropolis noch einmal zu erörtern. Wir sind weit davon entfernt, eine neue Neue Akropolis aufzubauen; statt dessen haben wir eine intensive Arbeit an unseren Wurzeln wiederaufgenommen. Das Verscheiden des Gründers brachte uns dazu. Es ist natürlich klar, daß wir alle im Laufe der Zeit und in dem Maße, wie die Geschichte verschiedene Richtungen einschlägt, unsere Haltungen und unsere Sprache, unsere Standpunkte oder Handlungsweisen modifizieren müssen, aber die grundlegenden Fragen ändern sich nicht. In diesem Sinne glaube ich, daß das Verscheiden des Gründers uns dazu führte, daß Neue Akropolis jetzt sogar mehr Neue Akropolis ist als früher. Es gibt eine größere Notwendigkeit, daß wir uns als wir selbst fühlen, und dies führte uns dazu, die ursprünglichen Ideen wieder hervorzuholen, die Möglichkeit, diese zu erweitern und in mehr und mehr Tätigkeitsbereiche umzusetzen.
Welche sind diese grundlegenden Ideen?
Die grundlegenden Ideen finden sich zusammengefaßt in den drei Grundsätzen der Gründungs-Charta von Neue Akropolis, aber wie in vielen Philosophien beziehen wir uns auf den Menschen, die Welt und die Gottheit; und auf diesen drei Säulen gründen wir auch die Arbeit mit der akropolitanischen Philosophie.
Was sucht man bezüglich des Menschen? Jedes menschliche Wesen spürt die Notwendigkeit, sich selbst zu finden. Jedes menschliche Wesen befindet sich in seinem Leben auf der Suche nach sich selbst. Das große Problem besteht darin, daß nicht jeder Mensch es letztendlich schafft, in sich selbst zu ruhen; daraus stammen meiner Meinung nach die Ängste, die Frustrationen und die Tatsache, daß viele Menschen nicht wissen, was sie aus ihrem Leben eigentlich machen sollen. Und dies einfach deshalb, weil sie sich nicht gefunden haben.
Sich selbst zu finden ist keine so bestaunenswerte Sache: Es bedeutet, aus sich selbst heraus zu geben; es bedeutet zu wissen, wer man ist, mit welchen Werten man rechnet und wie man sie entwickeln kann, was man mit ihnen machen kann; welches die neuen Werte sind, die man erwerben und welches die eigenen Potentiale sind, die man in sein Leben einbringen kann. Dies ist eines der allerersten Stufen, daß der Mensch sich selbst findet: nicht getrieben von der Befriedigung zu sagen: „Ich bin ich, dies bin ich", sondern motiviert von Gedanken wie: „Dieses Ich-Bin, was habe ich und was kann ich machen?"
Bezüglich der Welt: wenn einer sich selbst erst einmal gefunden hat, muß er diese Energien auf etwas lenken, was allen anderen zugutekommt. Wir leben nicht allein; wir leben immer schon in Gesellschaft, und ich glaube, daß dies keine Strafe ist, sondern eine Probe, die uns allen vom Schicksal auferlegt wird: Was ist unsere Fähigkeit des Zusammenlebens, des Lebens in der Gesellschaft, mit den anderen, was können wir für die anderen tun, was können wir tun, nicht um unseren Egoismus zu befriedigen, sondern um zu merken, daß wir der Welt nützlich sind?
Und dies ist ein anderer großer Vorschlag der akropolitanischen Philosophie: der Dienst an der Gesellschaft, nicht an der Menschheit als etwas sehr Entferntes und sehr Abstraktes, sondern an der Gesellschaft, an den Leuten, die uns umgeben, an den kleinen menschlichen „Zellen".
Bezüglich der Gottheit bedeutet dies zu fühlen, daß das Universum kein Zufall ist, daß ein großes allgemeines Gesetz existiert, aus welchem sich weitere grundlegende Gesetze ableiten, die sich in der Natur, im Menschen und in allen Reichen des Lebens ausdrücken; daß es wichtig ist, sich als Teil jenes Universums zu fühlen und nicht als ein simpler Beobachter. Es bedeutet, nicht zu denken, daß die anderen Sonnensysteme und Sterne nichts mit uns zu tun hätten. Auch wenn sie uns groß erscheinen, ist es interessant zu empfinden, daß wir einen Teil dieser Unermeßlichkeit und des Kleinen bilden, vom unendlich Großen und vom unendlich Kleinen.
In bezug auf die Welle der Spiritualität, die dieses Ende des Jahrtausends kennzeichnet: Wie steht Neue Akropolis dazu? Auf welche Art und Weise stellt sich die philosophische Haltung von Neue Akropolis ein auf die spirituelle Unruhe der heutigen Menschen, der sich der Krise des Materialismus bewußt wird?
Es gab immer die Notwendigkeit der Spiritualität; ich glaube nicht, daß dies nur eine Situation dieses auslaufenden Jahrtausends ist. Vielmehr hat sich diese spirituelle Notwendigkeit in unterschiedlichen historischen Momenten manifestiert, in Übereinstimmung mit den Umständen, und daher erkennen wir sie nicht immer, und nicht immer merken wir, daß wir uns vor demselben Phänomen befinden. Einige würden es Spiritualität nennen, andere Verinnerlichung, psychologische Suche. Die Worte sind verschieden, aber alle spiegeln jene typische menschliche Situation wider: Der Mensch erschöpft sich nicht in einem materiellen Leben und in einer Gesamtheit von materiellen Befriedigungen, denn auch wenn er viele dieser Befriedigungen erreicht, so bleibt ihm eine Leere und eine Unruhe, die sich in der Frage nach dem Warum ausdrückt, was hinter all dem liegt.
In unserem Jahrhundert wurde die spirituelle Notwendigkeit vielleicht gerade deshalb aufgebracht, weil unsere Zeit den Menschen zu solch unvorstellbaren Extremen eines Materialismus geführt hat, der nicht immer triumphieren konnte wie sonst in der Geschichte; nichtsdestoweniger hinterließ die Geschichte als Nachfolgeerscheinungen materialistische Konzeptionen. Sogar die spirituelle Notwendigkeit wird gefärbt durch materialistische Konzeptionen. Vielleicht besteht die größte Schwierigkeit, auf die Neue Akropolis stößt, darin, einen spirituell-mystischen Weg - wenn man ihn so nennen will - anzubieten, der zugleich ein Weg der Praxis ist; und dies in einer Welt, in der Ideen herrschen, die alles verstofflichen, alles verkleinern und alles auf einige unmittelbare Resultate reduzieren. Die Leute wollen heute Spiritualität, morgen Resultate; sie wollen die Änderungen schon sehen, bevor sie überhaupt ihr eigenes inneres Sein bewegt haben.
Ich denke, daß wir uns dem stellen werden müssen und dies modifizieren müssen, nicht nur in diesem Jahrhundert, sondern im kommenden; und das bedeutet, den Menschen wieder in Kontakt zu bringen mit Geduld, mit einer natürlichen Konzeption der Zeit: daß man die wichtigen Dinge nicht in einer Minute erreicht, daß man sie nicht in einem Tag entwickeln kann, und auch nicht in einer Woche, und ebensowenig in einem Jahr.
Dies ist die große spirituelle Notwendigkeit: Die Unruhe reicht nicht, sondern man braucht Beharrlichkeit, damit diese Unruhe sich in etwas Konkretes, Konstruktives und Positives verwandelt.
Welche sind die brennendsten Notwendigkeiten der aktuellen Welt aus der Sicht von Neue Akropolis?
Vielleicht liegt ein großer Mangel unserer Gesellschaften in der Oberflächlichkeit, und um sie zu beheben, bietet die Philosophie einen Weg der Verinnerlichung an, den ich als sehr wichtig erachte. All das Oberflächliche ist zugleich vergänglich; das, was wir anbieten, ist eine vitale, transzendente Philosophie, die uns heute und morgen dienen kann und die wir sogar ohne irgendwelche Scheu unseren Nachkommen übergeben können, damit die zukünftigen Generationen nicht von irgendetwas Altem und Antiquiertem trinken, sondern merken, daß sie etwas Dauerhaftes zu sich nehmen.
Angesichts der Oberflächlichkeit schlagen wir eine Vertiefung vor, eine Ernsthaftigkeit, eine Fähigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen, zu den Wurzeln der Dinge vorzustoßen, zu verstehen, daß das, was man sieht, nichts anderes ist als die Konsequenz tieferer Daseinsebenen.
Eine andere große Situation, die unsere gegenwärtige Welt erlebt, ist die Angst. Die Leute haben viel Angst, vielleicht weil sie oberflächlich sind und weil sie nichts haben, wo sie geistig ankern können, nichts wirklich Sicheres für ihre Selbstbestätigung. Sie haben Angst vor allem, alles versetzt sie in Unsicherheit, und diese Angst drückt sich ihrerseits in verschiedenen Reaktionsformen aus. Es gibt Ängste, die sich in Furchtsamkeiten übertragen, in Formen, das Leben selbst mit seinen Herausforderungen zu fliehen. Es gibt andere Ängste, die sich in Aggressivität übertragen, in Gewalt. Aber ich glaube, daß sowohl der, der das Leben flieht, wie der, der sich dem Leben auf gewaltsame Art stellt, damit nur aufzeigen, daß sie Angst haben.
Die Philosophie hilft, die großen Zweifel und die großen Ängste aufzulösen, denn sie festigt die Ideen und fördert in den Menschen das Bewußtsein ihrer eigenen Realität. Wer sich seiner Realität bewußt ist, auch wenn dies keine Realität der Abgeschlossenheit oder Perfektion ist, der hat keine Angst. Derjenige, der weiß, daß er nicht vollkommen ist, aber daß er die Vollkommenheit erlangen kann, der hat keine Angst. Derjenige, der weiß, daß er zwar nicht vollständig ist, aber daß er die Möglichkeit hat, immer mehr Kenntnisse zu erwerben, hat keine Angst.
Wer dahingegen sich unwissend fühlt und nicht weiß, wie er aus der Unwissenheit herauskommen soll, hat Angst. Wer Zweifel hat und nicht weiß, wie er die Zweifel lösen soll, hat Angst. Wer empfindet, daß die Welt ihn überfällt, hat Angst. Wer nicht weiß, wie er sich mit anderen menschlichen Wesen verbinden soll, hat Angst.
Einer der Beiträge, die Neue Akropolis anbietet, um die Angst und die Oberflächlichkeit aufzulösen, ist also die Vertiefung. Und es gibt noch andere Beiträge, die sehr klar und deutlich im kulturellen Bereich liegen, denn das Kulturelle macht den vitalen Aspekt des Menschen aus. Es berührt all seine Ausdrucksformen, seien diese nun in der Kunst, in der Wissenschaft, der Religion oder dem sozialen Leben zu finden, und es bietet ihm auch Antworten an, um mit all diesen Aspekten besser leben zu können, in jenem Gesamtrahmen, den wir Kultur nennen.
Als Musikerin, die sich während vieler Jahre dem Studium und der Praxis der Musik widmete, wie bist du auf die Philosophie gestoßen?
Als ich Musik ernsthaft zu studieren begann, entdeckte ich, daß es Musik und Philosophie sehr nahe beieinanderliegen. Du kannst fast unmöglich eine Kunst wirklich ausüben, ohne dich in das, was du tust, ernsthaft hineinzuvertiefen, ohne dich zu fragen, woher die Schönheit kommt, warum es Werke gibt, die das ganze Leben bleiben, warum es Dinge gibt, die sich niemals ändern und du immer auf das Gleiche zurückkommst. Warum der Interpret, der sich vor demselben Werk befindet, die Interpretation jedes Mal leicht variieren kann, aber sich nichtsdestotrotz immer vor derselben Botschaft befindet, vor derselben Quelle der Schönheit. Mir fiel es nicht schwer, dies mit der Philosophie zu verbinden, denn ohne es zu merken, habe ich mir im Laufe meiner Musikausübung die großen Fragen der Philosophie gestellt. Mehr noch, ich glaube, daß ich das brauchte; beide Sachen sind damals zu einer Sache verschmolzen, und ich könnte sagen, mit den Worten meines Meisters, Professor Livraga, daß „die Philosophie eine Musik ist, die man mit der Seele macht".
Könnte es eine große Philosophie geben, jenseits der verschiedenen Philosophien?
Die vielfältigen Philosophien bilden die Geschichte der Philosophie. In der Philosophiegeschichte können wir in den letzten Jahrhunderten einen Wettbewerb um Originalität feststellen. All dies entfernt uns von der Philosophie. Ich ziehe es vor, daß wir die Philosophie suchen, die - wie es die ersten klassischen Philosophen formulierten - die Suche nach der Wahrheit ist.
Es ist egal, in welchem Moment der Geschichte wir uns befänden - ich glaube, daß alle Menschen, wir alle irgendwie auf der Suche nach Wahrheit sind, auch wenn wir dies über den Weg der kleinen Wahrheiten machen müssen. Es ist klar, daß man eine Leiter mit Hilfe vieler Sprossen hochsteigt, aber wir alle wollen diese Leiter emporsteigen.
Die Philosophie versucht, die Wahrheit zu finden, die Gerechtigkeit, die Schönheit, in einem Wort: Es ist eine Philosophie der Einheit. Wir schätzen das Studium der verschiedenen Philosophien, der zahlreichen Konzeptionen und der vielen Arten, diese Wahrheiten darzustellen. Wir glauben jedoch, daß die wichtigste Aufgabe für uns darin besteht, diese vereinigende Achse zu finden, die alles miteinander verbindet.
Erstmals erschienen in der Zeitschrift „Nueva Acrópolis - Cuadernos de Cultura", Nr. 261, Juli/August 1997, übersetzt von Walter Gutdeutsch
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 70)
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