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Die Kraft der Gedanken


Tipps und Übungen, wie man sein eige­nes geistiges Poten­tial besser nutzen kann



"Um durch die Natur glücklich zu werden, muss man die größte ihrer Wohltaten und das Werkzeug aller übrigen, die Empfindung, unverdorben erhalten haben, und zum richtigen Empfinden ist ein richtiges Denken eine unentbehrliche Bedingung."


Wieland


 

Der menschliche Verstand ist nicht nur ein einzigartiges Wunder der Schöpfung, sondern auch das größte Problem desjenigen, der versucht, sein Le­ben zu vervollkommnen. Der Verstand ist das trennende Prinzip im Menschen. Er ist das Zentrum des Egoismus, das uns das Gefühl vermittelt, dass wir ein Indivi­duum mit eigenen Interessen sind, die mit denen anderer in Konflikt stehen. Er ist der Schöpfer der Illusion, „Maya", der in unserem Bewusstsein ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit hervorruft. Wer die Wirklichkeit kennenlernen will, die die­ser Welt der Erscheinungen zugrundeliegt, muss den Verstand zuerst beherr­schen und dann über ihn hinausschrei­ten.

Bei der Geburt ist unser physisches Ge­hirn leer, ein unbeschriebenes Blatt. Al­les muss gelernt werden, alles ist neu. Der Säugling besitzt keine Fertigkeiten, keine geschulten Gehirnzellen, keine Gedan­ken und Bewegungsfolgen, auf die er sich verlassen kann. Über die Sinneswahr­nehmungen beginnt das Kind zu lernen.


Dieser Vorgang ähnelt sehr der Program­mierung eines modernen Computers. Ei­ne Vielzahl von hochkomplizierten Be­wegungen müssen in das neue Gehirn einprogrammiert werden. Jede Art von Muskelbewegung muss erlernt werden, und es braucht mehrere Jahre, bis ein heranwachsendes Kind das alles ausrei­chend beherrscht.


Die Körperbeherrschung ist natürlich erst der Anfang. Der nächste Schritt sollte die Disziplinierung der Gefühle und des Gei­stes sein, doch unglücklicherweise ver­säumen es die heutigen Erzieher, diese Bereiche mit der gebührenden Aufmerk­samkeit zu entwickeln. Nur ganz selten erreicht heutzutage ein Mensch eine annähernd gleiche Beherrschung seiner Gefühle und seines Geistes wie die sei­nes physischen Körpers.


Diese menschliche Schwäche ist der Kern eines großen Teils der Probleme und Konflikte im sozialen, politischen und ökologischen Bereich. Wie kann jemand von sich annehmen, Ereignisse lenken zu können, wenn seine eigenen Gedanken
und Gefühle verrückt spielen?


Es ist eigenartig, dass ein Mensch mit ei­nem offensichtlichen physischen Gebre­chen oder Unfähigkeit wegen seines Mangels an Körperbeherrschung bemit­leidet wird.


Sollte man aber nicht auch der emotio­nalen und geistigen Ungeschicklichkeit mit der gleichen, wenn nicht sogar mit noch größerer Aufmerksamkeit begeg­nen?


Die ganzheitlichen Erziehungsmodelle der früheren Hochkulturen hatten eigene Schulungsprogramme zur emotionalen und geistigen Selbstbeherrschung ent­wickelt. Diese Charakterschulung emp­fiehlt, dass man Schritt für Schritt in einer geordneten Weise vorgeht. Mit Hilfe des Denkens und der Meditation kann der Geist neue Prozesse und Bewegungsfol­gen erlernen.


 

Denken ist eine mächtige Form von Energie

Der Gedanke ist der Anfang einer Bewegung, der Ursprung einer Wirkung, der Keim des Geschehens. Er ist so wirklich, wie nur irgendetwas wirklich ist; denn wirklich ist, was wirkt. Jeder Gedanke ist eine lebendige Schwingung, eine verwandelnde Kraft, die danach strebt, sich auszuwirken, sich zu verwirklichen, ihre Bestimmung zu erfüllen. Das Durchsetzungsvermögen eines Gedankens hängt ab von der Konzentration, Zielstrebigkeit und Bewußtheit des Denkers. Alles, was geschieht, ist zuerst Gedanke.


Die Geschichte zeigt uns immer wieder, wie das Schicksal der Menschheit durch neue Ideen, durch die mächtigen Gedanken schöpferischer Denker verändert worden ist. Auch der wissenschaftliche und technische Fortschritt unserer heutigen Welt mit all seinen Errungenschaften, aber auch Problemen, ist ein Ergebnis des Denkens.


Der Umgang mit der Gedankenkraft ist eine der mächtigsten Energien, die der Mensch zur Verfügung hat. Denken kann Wunder vollbringen, es kann das Leben verändern, Reichtum und Sicherheit bringen, oder aber auch Armut und Unglück. Erfolge oder Fehlschläge sind das Ergeb-nis von gewohnheitsmäßigem Denken. Was gewinnt die Oberhand: Erfolgs- oder Fehlschlagsgedanken? Wer sich die meiste Zeit mit negativen Gedanken befasst, dem kann ein gelegentlicher positiver Gedanke keinen Erfolg bringen. Sofern aber richtig gedacht wird, wird man auch sein Ziel erreichen. jeder trägt die Verantwortung für sich selbst und sein Schicksal. Es sind weniger die zeitweiligen Inspirationen oder Ideen, die richtungsweisend für das Leben sind, als vielmehr die täglichen Denkgewohnheiten. Gewohnheitsmäßige Gedanken gleichen geistigen Magneten, die bestimmte Dinge, Personen oder Umstände anziehen. Ständiges positives Denken wird Vorteile und günstige Gelegenheiten nach sich ziehen, während ständiges negatives Denken Schwierigkeiten verstärkt und das Unglück förmlich anzieht.

Die Fähigkeit, das Richtige zu denken und danach zu handeln, ist eine der größten Herausforderungen für die Charakterbildung.


Unter „richtigem Denken" verstehen wir ein Denken, das immer höher führt: zur Mehrung unserer Kraft, zu Glück, Gesundheit, Erfolg und zur Harmonie mit dem Ganzen.


Vor mehr als 2500 Jahren empfahl schon Buddha seinen Jüngern, dabei den „Weg der goldenen Mitte" zu gehen. Noch älter ist die „Bhagavad Gita", die Heilige Schrift der Hindus. Hier wird der Held „Arjuna", als Symbol für den Menschen auf seiner Suche nach Vollkommenheit, vom Gott Krishna belehrt, wie er denken und handeln soll, um sein großes Ziel zu erreichen. „Die Rechte Handlung" oder Karma-Yoga wird als Hilfsmittel für den ernsthaft Strebenden vorgeschlagen. In der christlichen Morallehre spricht man von „Tugenden", als taugliche Mittel zur moralischen Vervollkommnung, ein heu-te leicht missverständlicher Begriff. Tugenden sind die rechten Handlungsweisen, die zum Ziel führen, während extreme Verhaltensweisen nicht zum gewünschten Ergebnis führen können.


 

Nehmen wir dazu ein Beispiel: „Mut" ist notwendig, um Schwierigkeiten und Hin­dernisse zu überwinden. Ein Mangel an Mut wäre Feigheit, aber ein Zuviel an Mut wäre Übermut. Weder das eine Ex­trem Feigheit, noch das andere Extrem Übermut sind geeignete Mittel zum Er­reichen des Ziels. Wir brauchen die „Goldene Mitte" oder die "Rechte Hand­lung" oder die „Tugend" „Mut", um das gewünschte Ergebnis zu bewirken.


Anhand dieses einfachen Beispiels sehen wir, dass in verschiedenen Kulturen und Epochen immer wieder von denselben Notwendigkeiten gesprochen wird, nur unter anderen Namen.


Jede Charakterschulung und Ausbildung der Denkfähigkeit hat deshalb eine prak­tische Anwendung der Tugenden zur Fol­ge. Die Gewohnheit, richtig zu denken, führt unweigerlich zu rechtem Handeln und rechtem Leben.


 

Die Beherrschung, Reini­gung und Schulung des Ver­standes

Der erste Schritt ist, dass man den Ver­stand objektiviert und damit vom eigenen Bewusstsein trennt. Aber es gibt tatsäch­lich noch sehr wenige Menschen, die sich getrennt von ihrem Verstand oder In­tellekt sehen können. Das Denken scheint ein wesentlicher Bestandteil ihres Daseins selbst zu sein. Aber für jeman­den, der lernen will, seinen Verstand zu beherrschen, ist diese Objektivierung un­bedingt nötig. Unterwirft man den Ver­stand einer systematischen Disziplinie­rung, wird der Dualismus zwischen dem Herrscher und dem Beherrschten immer stärker ins Bewusstsein treten.

Der erste Schritt dazu ist, alle Aufgaben des Tages mit konzentrierter Zielstrebig­keit durchzuführen. Schneller Fortschritt in der Konzentrationsfähigkeit wird nicht mit mentalen Übungen erreicht, sondern mit einer andauernden Aufmerksamkeit im Denken. Ein Mensch, der seinem Denken erlaubt, während seiner ge­wöhnlichen Tagesarbeit umherzuschwei­fen, wird sich bei der Meditation niemals erfolgreich konzentrieren können, denn das Umherschweifen der Gedanken im Alltag schafft eine generelle Neigung zum Umherschweifen. Daher sollten wir die Gewohnheit ausbilden, jede Tätigkeit bewusst auszuführen und unser Denken vollkommen darauf zu konzentrieren, anstatt unserem Tun nur einen Teil unse­rer Aufmerksamkeit zu widmen. „Was immer deine Hand zu tun findet, ist wert, dass es ganz getan wird" betonte auch der Gründer von Neue Akropolis, Prof. Li­vraga Rizzi. Ob die Arbeit wichtig oder unwichtig ist, spielt dabei keine Rolle. Ob wir ein Buch lesen, uns mit jeman­dem unterhalten oder vielleicht die Zäh­ne putzen, immer sollten wir uns voll dar­auf konzentrieren.


Gleichzeitig sollte eine weitere Ge­wohnheit erworben werden, nämlich die, ständig eine Auswahl unter den Ge­danken zu treffen, die in unser Gemüt eindringen. Der Verstand soll geschult werden, fortwährend zwischen dem Wünschenswerten und dem Unerwünschten zu unterscheiden. Wir sind umgeben von einer Vielfalt von Gedan­ken der Sinnlichkeit, des Hasses, der Ra­che, der Eifersucht, des Stolzes und des Egoismus. Die wenigen reinen und edlen Gedanken gehen praktisch verloren in der Masse der niederen Gedanken. Wenn wir unsere geistige Gesundheit erhalten wollen, ist es notwendig zu lernen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die beste Art, einem schlechten Gedanken zu be­gegnen, ist es, die Aufmerksamkeit sofort einem anderen, möglichst hohen und ed­len Gedanken zuzuwenden. Der Ver­stand kann zur gleichen Zeit nur an einen Gegenstand denken, und die Energie des Denkens fließt somit in die gewünschte Richtung.


Auf keinen Fall sollten wir versuchen, den Gedanken zu bekämpfen, indem wir uns mit ihm beschäftigen, denn das verleiht ihm vermehrte Kraft und erschwert seine Abstoßung. Wenn ein brennendes Zündholz zufällig auf brennbaren Stoff geworfen wird, besteht die beste Methode, ein Feuer zu verhindern, darin, dass man es sofort löscht. Wenn wir dem Stoff Zeit geben, Feuer zu fangen, wird die Aufgabe, es zu löschen, viel schwieriger. Air sollten daran denken, dass nichts Schlechtes uns von außen beeinflussen .kann, wenn nicht in uns etwas ist, das auf das Schlechte reagiert. Diese Übung unaufhörlicher Wachsamkeit und einer festen Einstellung gegenüber den von außen kommenden Gedanken fördert unsere mentale Gesundheit und reinigt allmählich unseren Verstand. Langsam entwickelt sich jene Stetigkeit im Denkver-mögen, die notwendig ist, um erfolgreich
zu meditieren.


 

Die Meditation

Für die meisten kreativen Arbeiten, für Schöpfungen von höchstem Rang, ist das Gehirn wie eine Zwangsjacke, die die Geistestätigkeit einschränkt, bindet und begrenzt. Meditationsübungen helfen dabei, den Geist freizusetzen. Bei jedem von uns ist der Geist der königliche Teil.


Er ist
von Natur aus durch die Macht, die er ausüben kann, dazu bestimmt, Herrscher über unser Leben zu sein und alle Ereignisse zu kontrollieren. Doch die meisten Menschen setzen ihn als Dienstboten ein. Wir machen den Geist zum Sklaven unserer Triebe und Gefühle. In der oben schon erwähnten Bhagavad Gita geht es um diesen inneren Konflikt der menschlichen Entwicklung. Die Kuravas (ichsüchtige Wünsche, Triebe etc.) verweigern den Pandavas (das Gute, der Geist) die rechtmäßige Herrschaft. Es kommt zum Kampf zwischen den beiden Parteien. Arjuna, der Anführer der Pandavas, gilt als Symbol für den Menschen, der nach den höheren geistigen Kräften strebt. Es gelingt ihm schließlich doch, den Sieg über die niederen Kräfte zu erringen.


In der Meditation lernen wir, die höheren Schwingungen des Geistes bewusst wahrzunehmen und uns damit zu verbinden.


 

Es werde Licht...

Die wichtigste praktische Wissenschaft ist die Wissenschaft vom rechten Denken. Denn es gibt nichts, was nicht von der Macht unserer Gedanken bestimmt oder mitbestimmt würde. Wer lernt, seine Vorstellungen zu bestimmen, statt von ihnen bestimmt zu werden, der bleibt in allen Situationen der Überlegene und kontrolliert alle Schritte vom ersten bis zum letzten.

Die erste Voraussetzung dazu ist, dass wir unserem Bewsstsein nie erlauben, bei negativen Gedanken, Gefühlen, Vorstellungen und Neigungen zu verweilen, um diese nicht zu stärken. Der Blick muss stets auf das Positive gerichtet sein als auf das, was genährt, gemehrt und gesteigert werden soll.

Die zweite Voraussetzung ist, dass wir mehr und mehr Immunität gegenüber Bazillen der Angst und Sorge, des Schwäche- und Misserfolg-Denkens entwickeln und alles Positive um so beharrlicher festhalten. So zieht das Licht in uns ein, und die Finsternis schwindet allmählich von selbst.


 

Literatur:

  • K.O.Schmidt: Neue Lebensschule, St. Goar, 1992
  • K.Taimni: Die Lehre des Wachstums, Band 3, München, 1980
  • Joseph J. Weed: Leben, Tod und Wiedergeburt- ein ewiges Karma? Berg am Starnberger See, 1984
    Dr. Franz Hartmann: Die Erkenntnislehre der Bhagavad Gita, Calw (Württ.), o. 1.


Tipps zur Beherrschung der Gedanken

  1. Gedanken sind Kräfte. Darum denke - denke - denke!
  2.  „Denken können" bedeutet wählen können". Vorurteilsfreies Denken schafft persönlichen Freiraum.
    Jeder Gedanke trägt in sich die Tendenz, sich zu verwirklichen,
  3. Dein Charakter ist dein Schicksal (Schiller). Also: Wollen Sie etwas an Ihrem Charakter ändern, müssen Sie Ihre Gedanken ändern.
  4. So wie Sie sich in etwas hinein-denken können, so können Sie sich auch aus etwas herausdenken. Darum: Heraus aus dem Schlechten und Schwachen - hinein ins Gute und Starke.
  5. Halten Sie nichts für zu schwierig, dadurch machen Sie es erst schwierig.
  6. Ärgern Sie sich nicht! Lassen Sie es nicht zu, dass Sie Gefangener Ihrer eigenen Ängste werden! Ergreifen Sie bei Problemen selbst die Initiative!
  7. Machen Sie sich eine Gewohnheit daraus, gutgelaunt zu sein! Launische Menschen sind Schwächlinge und ziehen Probleme an.
  8. Machen Sie sich frei von Hass, Sorge und Angst! Sie ruinieren Ihre Gesundheit und Ihre Nerven.
  9. . Eine goldene Regel: „Nie ist ein Umstand entscheidend! Entscheidend ist Ihre Einstellung zu ihm."
  10.  Suchen Sie sich ein Ihnen entsprechendes Ideal. Denken Sie oft daran!
  11. .Nutzen Sie die Kraft des Vorbildes und der Vorstellungskraft.
  12. . Laden Sie Ihren Akku täglich neu auf!
  13.  Schützen Sie sich gegen negative Einflüsse aus Ihrer Umwelt.
  14.  Bauen Sie sich einen „Panzer des Guten" durch Ihr Denken.
  15. .Gestalten Sie Ihr Leben zu einem Meisterwerk, zur eigenen Zufriedenheit und zur Freude Ihrer Mit-menschen!


Autor: Gerald Preßler

(aus: Zeitschrift von Neue Akropolis Nr. 67)

 
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