Neo, Morpheus und die Matrix
Der Weg des Menschen aus der Welt der Illusion
Als die Brüder Larry und Andy Wachowski, den 1999 erschienenen
Science-Fiction-Film Matrix drehten, wollten sie "so viele Ideen wie
möglich in den Film bringen". Matrix ist dadurch, zusammen mit den
beiden nachfolgenden Teilen Matrix Reloaded und Matrix Revolutions
(2003), zu einem modernen Mythos geworden, der eine Vielzahl von Ideen,
philosophischen Gedanken und mythologischen Elementen in einer modernen
und begeisternden Form präsentiert.
Der Kinobesucher taucht dabei in das erzählte Geschehen ein und
versteht die enthaltenen Ideen nicht nur mit dem Kopf, sondern erlebt
sie mit dem Herzen. Der große Erfolg der Matrix-Trilogie gibt den
beiden Filmemachern Recht.
Wir wollen uns in diesem Artikel auf die Suche nach einigen dieser Ideen begeben.
Von Thomas Anderson zu Neo
Matrix erzählt die Geschichte von Thomas Anderson (gespielt von Keanu
Reeves), der als Programmierer scheinbar in unserer Zeit einem
geregelten Leben nachgeht und aber in seinem Privatleben als Hacker mit
dem Pseudonym Neo tätig ist. Er erfüllt dabei immer wieder dubiose
Aufträge. Insgeheim beschäftigt Neo aber vor allem die Ahnung, dass die
Welt nicht so ist, wie er sie momentan wahrnimmt. Er stößt dabei im
Internet auf die Frage "Was ist die Matrix?" Diese geheimnisvolle
Struktur scheint die Lösung für Neos Unklarheiten zu sein. Er nimmt
nach und nach Kontakt zu Morpheus (Laurence Fishburne) auf.
Morpheus ist in der Alltagswelt des Thomas Anderson ein gesuchter
Untergrund-Führer und Terrorist, der Neo aber über die Natur und die
Funktion der Matrix aufklären kann. Die Matrix stellt ein hochkomplexes
Computerprogramm dar, das erschaffen wurde, den Geist der Menschen zu
kontrollieren. Die Matrix erschafft und erhält dazu eine illusionäre
Welt, in der die meisten Menschen nichts ahnend ihr Leben verbringen.
In Realität werden sie dadurch von Maschinen kontrolliert und
ausgenützt, die die Kontrolle über den größten Teil der Erde und der
Menschheit übernommen haben. Die wenigen freien Menschen leben unter
schwierigen Bedingungen und in ständigem Kampf mit diesen Maschinen.
Die freien Menschen - Morpheus ist einer von ihnen - können sich
ebenfalls in die Matrix einklinken, um so in dieser illusionären Welt
in Kontakt mit den gefangenen Menschen zu treten.
Morpheus wird im Weiteren für Neo zu einem wichtigen Lehrer, der ihn
auf seinem Weg aus der Gefangenschaft der Matrix hin zur vollen
Entfaltung seiner geistigen Fähigkeiten begleitet und unterstützt. So
kann Neo über viele Zwischenschritte und Herausforderungen zum
prophezeiten "Auserwählten" werden, der in der illusionären Welt der
Matrix mit freiem Geist handeln kann und dadurch die Menschheit wieder
hin zur Freiheit führen soll.
Die Gefangenschaft der Seele
Die Gefangenschaft des Menschen in einer Welt der
Illusion wurde von Philosophen bereits oft beschrieben. Der Philosoph
Platon (Athen, 427-347 v. Chr) hat sie in seinem Höhlengleichnis,
enthalten in dem Werk politeia - Der Staat,
bemerkenswert dargestellt. Der Mensch wird hier als Gefesselter in
einer unterirdischen Höhle gezeigt, beschränkt in seiner
Wahrnehmungsfähigkeit und dadurch gefangen in einer Welt der Illusion.
Diese Illusionen werden durch die Herren der Höhle (entsprechend den
Maschinen in Matrix) bewusst aufrechterhalten, um die Menschen zu
hintergehen und auszunützen. Der Gefangene in Platons Höhle muss sich
durch Herausforderungen und Zweifel hindurchkämpfen, um nach und nach
die Höhle verlassen zu können und das Bewusstsein des Guten
(symbolisiert durch die Sonne) erreichen zu können.
Dann kann er in die Höhle zurückkehren, um anderen Menschen auf dem Weg der Befreiung beizustehen.
Parallelen gibt es auch zu Buddhas Vier Edlen Wahrheiten, die den Kern
und die Grundlage des Buddhismus darstellen. Der Mensch wird darin als
Gefangener in der Welt der Materie verstanden. Er ist gefangen durch
Anhaften und Nichtwissen. Beides führt zu Leid. Der Mensch kann diese
Welt des Leides und der Materie überwinden, indem er sein eigenes
Verlangen loslässt und Weisheit erlangt.
Der erste Schritt: Entscheidung für das Unbekannte
Als Neo zum ersten Mal vor Morpheus steht, stellt
dieser ihn vor eine grundsätzliche Entscheidung: Will Neo tatsächlich
seiner verborgenen Sehnsucht nachgehen und in das Geheimnis der Matrix
vorstoßen? Dann muss er allerdings auch die Konsequenzen tragen. Wissen
bringt immer die Verantwortung mit sich, gemäß der neu erlangten
Kenntnisse zu handeln. Ein Weg zurück zur Unwissenheit ist nicht mehr
möglich. Für diesen Schritt ins noch Unbekannte braucht man Vertrauen
in den Lehrer, der einen begleitet, aber vor allem Vertrauen in sich
selbst und die eigenen Fähigkeiten. Es verlangt auch der inneren leisen
Gewissheit zu folgen, dass das Leben mehr sein kann, als das, was wir
aktuell gerade als Realität erleben.
Neo trifft die Entscheidung für das Unbekannte. Er geht das Risiko ein. Erst dadurch wird die weitere Entwicklung möglich.
Es zeigt sich: Wirkliche Eroberungen entstehen nicht in unserer
Komfortzone, sondern dann, wenn wir an die Grenzen unserer Fähigkeiten
gehen und bereit sind, Dinge zu tun, die wir bisher noch nie getan
haben.
Herausforderungen helfen, Grenzen zu überwinden
Nach dieser grundsätzlichen Entscheidung wird Neo im
weiteren Verlauf des ersten Films von seinem Lehrer Morpheus
unterrichtet. Neo absolviert dabei zahlreiche Übungen und Proben,
wodurch er Schritt für Schritt lernt, die Matrix zu beherrschen. Immer
geht er an die scheinbaren Grenzen und erweitert dabei diese Grenzen.
Er erfährt, dass Kraft und Geschwindigkeit des eigenen Handelns nicht
so sehr von den Muskeln, sondern viel mehr von der Stärke und Freiheit
des eigenen Geistes abhängen.
Neos Aufstieg ist nicht geradlinig. Es gibt auch
Niederlagen. "Das bedeutet gar nichts", wird an einer dieser Stellen
des Filmes gesagt. Entscheidend ist, dass man wieder aufsteht und
weitermacht, auch wenn man einmal gefallen ist. Das Fallen gehört zum
Weg und scheinbare Niederlagen können uns oft mehr lehren, als einfache
Siege.
Morpheus zeigt, dass die Aufgabe des Lehrers nicht ist, den Schüler
durch diese Herausforderungen zu tragen, sondern ihm Türen zu zeigen.
Der Schüler muss selbst durch die Türen hindurchgehen. Nur dadurch ist
das höchste Ziel des Lehrens zu erreichen: Der Schüler soll besser als
der Lehrer werden.
Das Orakel: Verantwortung für sich selbst übernehmen
Nachdem Neo ein gutes Stück seines Weges mit seinem
ersten Lehrer Morpheus gegangen ist, kommt er in Kontakt mit dem
"Orakel", dargestellt durch eine ältere Frau. Dieses Orakel
symbolisiert den weisen Lehrer, der als Ratgeber in schwierigen
Situationen aufgesucht wird. Für Neo ist unklar, inwieweit er
tatsächlich der prophezeite Auserwählte ist.
Der weitere Weg ist undurchschaubar und alles steht auf Messers
Schneide. Auch dies stellt eine archetypische Herausforderung auf dem
Weg der Entwicklung dar. Solange man noch nicht am Ziel angekommen ist,
wird uns immer der Zweifel begleiten. Das ist normal. Probleme
entstehen dann, wenn wir uns durch unsere Zweifel lähmen lassen.
Das Orakel sagt zu Neo: "Du hast die Gabe, aber wartest auf etwas." Neo
wird durch das Orakel auf sich selbst zurückgeworfen. Er wirft die
Erwartungen der anderen von sich ab und gesteht sich und den anderen
ein, dass er eben nicht der Auserwählte ist. Erst dadurch erlangt er
eine innere Freiheit, die es ihm erlaubt, die entscheidenden Schritte
auch tatsächlich zu gehen.
Eine der wichtigsten Orakelstätten des klassischen
Griechenlands, der Apollontempel in Delphi, trug die Inschrift "Erkenne
Dich selbst!". Der Mensch ist letztendlich immer auf sich selbst
zurückgeworfen und aufgefordert die Wahrheit in sich selbst zu
erkennen.
Äußere Lehrer und Hilfsmittel können nur einen begrenzten Beitrag
leisten. Aus diesem Grund muss er sich am Ende seinem Erzfeind Agent
Smith, der nur eine Widerspiegelung seiner eigenen Unwissenheit
darstellt, auch ganz alleine stellen. In einem letzten entscheidenden
Kampf gibt Neo alles, er wirft sein ganzes Leben in die Waagschale und
scheint dieses schließlich sogar verloren zu haben.
Der Tod im diesseitigen, bzw. "alten" Leben ist, wie es in allen
Mysterientraditionen stets gelehrt wurde, die Vorraussetzung für die
Wiedergeburt im Jenseits bzw. "neuen" Leben, das sich nun auf einer
anderen Entwicklungsstufe befindet. Erst durch diese völlige
Transformation seines Wesens kann er die Illusion der Matrix überwinden
und so zu "übermenschlichen" Fähigkeiten gelangen, welche ihn
schließlich den Sieg davontragen lassen.
Neo erringt seine Bestimmung nicht durch das Wissen,
sondern durch die Handlung. Er kämpft für seine Weggefährten und für
die Frau, die er liebt. Er sprengt seine Grenzen und wird tatsächlich
zum "Auserwählten".
Auf diese Weise wird er zum Archetyp, Urbild des
Menschen schlechthin, dem es aus eigener Kraft gelingt, sich die
Erkenntnis zu erobern. Daher ist Neo kein abstrakter Filmheld, sondern
ein Vorbild für jeden einzelnen von uns, der uns Mut gibt, aus
gewohnten Bahnen auszubrechen und durch den Kampf für die Dinge, die
uns wirklich wichtig sind, unsere innere Freiheit zu erobern.
Das zeigen uns nicht nur die ewig gültigen Mythen, sondern auch die
großen Menschen der Geschichte, dass Wahres Glück nicht darin liegen
kann, sich von den vorgegebenen Umständen einlullen zu lassen, sondern
darin, beherzt dem eigenen Traum von einer neuen und besseren Welt zu
folgen!
Autor: Thomas Sauter
(Aus: Zeitschrift Abenteuer Philosophie Nr. 114)
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