Glück in Religion und Philosophie
Welche Wege zum Glück gibt es?
Viele Religionen und Philosophen beschäftigen sich damit, wie der Mensch sein Lebensziel, glücklich zu sein, erreichen kann: Hinduismus, Buddhismus, die Stoiker, Epikur und Aristoteles gehören auch dazu und sollen hier zu Wort kommen. Wir können dabei Ähnlichkeiten feststellen, aber auch Abweichungen und Ergänzungen. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie uns Wege aufzeigen, wie wir zu besseren, humaneren Menschen werden können.
Beginnen wir mit der Lehre des Hinduismus, der ältesten heute noch existierenden Weltreligion.
Die Glücksvorstellung im Hinduismus
In der Bhagavad-Gita, dem berühmtesten und wichtigsten hinduistischen Werk, offenbart der Gott Krishna seinem Schüler Arjuna die Lehre von Karma und Dharma. Unter Dharma versteht man ein Finalitäts- bzw. Evolutionsgesetz der Natur, nicht nur im physischen Sinne Darwins, sondern auch im psychischen und geistigen Sinne. Man kann das Dharma, nach dem nicht nur die Entwicklung der Natur als Ganzes, sondern auch die des einzelnen Menschen nach bestimmten vorgezeichneten Bahnen verläuft, mit der Archetypenlehre von C. G. Jung vergleichen. Jung bezeichnet die Archetypen als Strukturprinzipien, nach denen sich die Psyche entwickelt. Er vergleicht sie mit dem Achsensystem eines Kristalls, das, obwohl selbst unsichtbar und ohne stoffliche Existenz zu besitzen, trotzdem die physische Kristallbildung vorgibt. Das Dharma eines Menschen ist vergleichbar mit einer unsichtbaren Straße mit Begrenzung, innerhalb der die physische, psychische und geistige Entwicklung verlaufen kann. Damit entspricht es unserer Bestimmung.
Wenn nun ein Mensch aus Unwissenheit von seinem Dharma abweicht, setzt er damit in seinen Handlungen Ursachen, deren Wirkungen er in der Zukunft erfahren wird: Jede Abweichung von der klaren Linie des Dharmas führt unweigerlich zu dem Punkt, wo man an seine Grenzen stößt, sei es im physischen, psychischen oder geistigen Bereich. Das Erlebnis der Grenzen empfindet man als Schmerz, das heißt, man leidet. Dieser Leidensprozess ermöglicht es, das eigene Dharma zu erkennen. Aus dem Leid entwickelt sich die Leitung: Man wird nach dem Prinzip von „Ursache und Wirkung“ bzw. „Einfallswinkel ist gleich Ausfallswinkel“ wieder in seine Bestimmung hineingeworfen, und zwar in einem bewussten Prozess. Dieses Gesetz von Ursache und Wirkung, von Fehler, Leid und Erkenntnis nennt die indische Philosophie Karma.
Eine Handlung, die zum Glück führt, ist daher immer nur eine Handlung, die dem eigenen Dharma, der inneren Bestimmung eines Menschen entspricht. Deswegen ist die Handlung aus Pflicht (das heißt einer inneren Pflicht im Sinne des Dharmas) die ethische Konsequenz. Es geht darum, ohne Gier und Leidenschaft freiwillig seinen Schicksalsplan zu erfüllen. So heißt es in der Bhagavad-Gita vom weisen Menschen:
„Vom Einfluss aller andern frei,
Verfolgt er seines Lebens Plan.
Drum handle ruhig; weise nicht
Die auferlegte Tat zurück;
Wer handelt ohne Leidenschaft,
Der Mensch erreicht das
höchste Glück.“
Das setzt natürlich zweierlei voraus: Einmal muss man seinen Lebensplan erkennen, zum anderen sollte man aber auch danach zu handeln wissen. Erkennen und Handeln, oder, wie der Inder sagt, Sankhya und Yoga, müssen im Menschen, der das Glück sucht, zu einer dynamischen Synthese verbunden sein.
Diese ewig gültigen Wahrheiten sind in den alten Epen Indiens enthalten und bis in unser 21. Jahrhundert überliefert. Es liegt an uns, sie in unserem Leben umzusetzen.
Das Glücksverständnis der Stoiker
Die stoische Philosophie, die fast ein Jahrtausend lang Denken und Handeln vieler Kulturen beeinflusst hat, soll hier anhand von Epiktet, einem ihrer Hauptvertreter, behandelt werden. Die Stoiker kennen einen dem indischen Dharma ähnlichen Begriff, den man mit Notwendigkeit oder Weltgesetz übersetzen könnte. Die Welt, das ganze Universum wird als ein riesiger Organismus, als ein physisch, psychologisch und geistig vernetztes Ökosystem verstanden. Der Mensch hat die Aufgabe, aber gleichzeitig auch die große Chance, diese Weltordnung zu erkennen und seinen ihm darin zugedachten Platz einzunehmen. Das ist der stoische Begriff der menschlichen Freiheit: sich der Notwendigkeit anzupassen bzw. dem Weltgesetz einzufügen und danach zu handeln. In diesem bewussten Handeln liegt gleichzeitig das höchste Glück des Menschen. Epiktet formuliert das folgendermaßen:
„Du, Zeus, und du, mein Schicksal,
führet mich dorthin,
wo ich nach eurem Rat und Willen
stehen soll.
Ich folge ohne Zaudern. Wollte ich es nicht,
so tät' ich übel dran und müsste
endlich doch.
Wer der Notwendigkeit sich willig unterwirft,
dünkt weise uns und kennt der Götter Walten wohl.“
Lassen Sie uns aus der stoischen Philosophie folgendes Resümee ziehen:
Glück hat viel zu tun mit wahrer Freiheit. Diese wiederum folgt unmittelbar aus der Erkenntnis des eigenen Schicksals und der Einstellung, die wir zu unserem Schicksal haben. So kann man, bildlich gesprochen, eine Mauer sehen und trotzdem immer wieder gegen sie anrennen, was natürlich mit Leid, Frustration, Stagnation usw. verbunden ist. Man kann aber auch die Mauer akzeptieren und an ihr entlang spazieren, um sich nicht zu verlaufen. Die gleiche Sache, der gleiche Lebensumstand, die gleiche Situation kann also, je nach unserer Einstellung, entweder Hindernis oder Führung bedeuten. Es hängt von uns ab, ob wir unsere Energien, Talente und Möglichkeiten vergeuden und an irgendeiner Mauer unseres Lebensweges voller Selbstmitleid zugrunde gehen oder ob wir die gleiche Mauer als Motivation und Führung benutzen, um weiterzuschreiten.
Glück im Buddhismus
Im Buddhismus, der ja Religion, Philosophie und Psychologie auf unübertroffene Art und Weise in sich vereinigt, hat der Weg zum Glück eine lange Tradition. Das philosophische Kernstück der buddhistischen Lehre sind die so genannten vier erhabenen Wahrheiten:
1) Die erste der vier erhabenen Wahrheiten betrifft das Leiden. Buddha erkannte, dass das ganze Leben, von der Geburt bis zum Tod, mit Schmerz und Leiden verbunden ist.
2) Die zweite erhabene Wahrheit erklärt die Ursache des Leidens. Sie besteht darin, dass der Mensch den Schein und das Vergängliche als Wirklichkeit betrachtet und versucht, vergängliche Werte zu besitzen und zu erhalten. Durch dieses Haften an der sich ständig verändernden äußeren Welt entsteht der Schmerz als menschliche Grunderfahrung, und zwar immer dann, wenn sich die äußeren Umstände verändern.
3) Die dritte erhabene Wahrheit bezieht sich auf die Überwindung des Leidens. Wenn wir unser Verlangen im Leben auf Dauerhaftes, nämlich die Welt der Archetypen und unser unsterbliches Selbst, richten, endet das Leid und wir erreichen die wahre Glückseligkeit.
4) Die vierte erhabene Wahrheit erklärt den Weg zur Überwindung des Haftens, der damit auch zur Überwindung des Leidens führt. Es ist der heilige achtfache Pfad, der aus den rechten Meinungen, den rechten Absichten, den rechten Worten, den rechten Verhaltensweisen, den rechten Mitteln zum Leben, der rechten Anstrengung, der rechten Aufmersamkeit und der rechten Konzentration besteht.
Diese acht Aspekte sind keine Dogmen oder aufgezwungenen moralischen Gebote, sondern praktische Lebensregeln, an denen man sich orientieren kann. Ziel ist es, im rechten Maß sein Haften zu überwinden und seinem höheren, wahren Selbst näher zu kommen. Der heilige achtfache Pfad wird damit zu einem Pfad der inneren Verwandlung, der den Menschen befähigt, den lebendigen schöpferischen Fluss des Daseins zuzulassen.
Werfen wir einen Blick auf einige Fragmente des Dhammapada, der ältesten buddhistischen Spruchsammlung. Dort heißt es im so genannten Kapitel Glück:
„O wie so glücklich leben wir,
Hasslos unter Gehässigen!
In dieser hasserfüllten Welt
Verweilen hasserlöster wir.
O wie so glücklich leben wir,
tierlos unter den Gierigen!
In dieser gierverzehrten Welt
Verweilen giergesunder wir.
Ein Sieg erzeuget Wut und Hass,
Besiegte leben unglücklich;
Glücklich lebt der Beruhigte,
Gleich fern von Sieges Lust und Not.“
Frei von Hass und Gier zu sein, nicht abhängig von Erfolg oder Misserfolg ... All das erfordert eine starke Persönlichkeit, die Kunst, sich freizumachen von den Meinungen anderer, die Fähigkeit, die Einsamkeit der eigenen Gewissensentscheidungen ertragen zu können. Der Tiefenpsychologe C. G. Jung spricht von ähnlichen Phänomenen auf dem Individuationsweg, dem Selbstwerdungsprozess des Menschen.
Östliche Weisheitslehren oder westliche Psychologie: Der Mensch, seine inneren Probleme und ihre Lösungsmöglichkeiten sind seit Jahrtausenden dieselben geblieben.
Und seit Jahrtausenden ist der Weg zum Glück mit inneren Kämpfen, Einsamkeit und Anstrengungen verbunden. Folgen wir also weiterhin diesem Weg, folgen wir den alten mythologischen Helden und Weisen, die uns vorangeschritten sind und ihre Lebensweisheiten zu unserer Orientierung hinterlassen haben.
Epikur und das Lustprinzip
In scheinbar krassem Widerspruch zu den stoischen und buddhistischen Lehren der Selbstgenügsamkeit und der Befreiung von der Abhängigkeit von den Sinnen steht die Lehre des griechischen Philosophen Epikur, die später von ihren römischen Anhängern zum Hedonismus weiterentwickelt, oder, besser gesagt, degradiert wurde.
Das philosophische Endziel Epikurs ist, wie könnte es anders sein, auch das Glück. Nur sucht er es im Streben nach hedonó, der Lust, zu erreichen. Als Philosoph in der klassischen Tradition differenziert aber Epikur zwischen verschiedenen Ebenen des Menschseins, wobei jede Ebene die ihr entsprechende Lust erleben kann und anstreben sollte. Aus ihrer harmonischen Umsetzung ergibt sich das Glück des Menschen.
So ist das Fehlen von Schmerz das Glück des Menschen auf der physischen Ebene. Aus dem Fehlen von Verwirrung und Zweifeln hingegen ergibt sich das geistige Glück des Menschen. Epikur trifft auch sofort eine wichtige Wertung. Das Glück im Geistigen steht ihm am höchsten, dann erst kommt für ihn das psychische und das körperliche Glück. Denn im geistigen Bereich, auf der Ebene der Archetypen und Wertvorstellungen, ist größere Beständigkeit und Dauer möglich als im ständig der Veränderung unterworfenen Bereich der Physis. Ein Ideal, das unserem Leben Sinn, Wert und Würde verleiht, kann uns bis in die Stunde das Todes begleiten, während unser Körper zyklischer Veränderung und stetiger Abnutzung unterworfen ist. Geist, Seele und Körper müssen also in ihrer Gesamtheit, vor allem aber in der richtigen Gewichtung beteiligt sein, wenn wir nach dauerhaftem Glück streben. Es geht also beim richtig verstandenen Epikureismus nicht um 95% Körperlust, denen als Anhängsel unter Umständen, wenn die Zeit dafür bleibt, noch 5% Glück für Seele und Geist folgen, sondern es ist genau umgekehrt.
Leider haben schon recht früh Epikurs Nachfolger das Lustprinzip im körperlichen Sinne verstanden und den Hedonismus daraus entwickelt. Die Orgien und sonstigen Ausschweifungen im römischen Kaiserreich sind Zeugnisse dieser Einstellung. Auch unser 21. Jahrhundert leidet unter dieser historisch bedingten falschen Einschätzung des Menschen und seiner Bedürfnisse. Die kollektiv um sich greifende Sinnkrise, die neue Einsamkeit und andere Phänomene sind Zeichen einer intellektuellen Verdrängung geistiger Werte und Ideale.
Ein klassisches Beispiel für die Verdrängung des Geistigen und die Reduktion des Menschen auf eine reine Lust-Unlust-Maschine bietet Sigmund Freud, der Stammvater der Psychoanalyse, wenn er schreibt:
„Wir wenden uns darum der anspruchsloseren Frage zu, was die Menschen selbst durch ihr Verhalten als Zweck und Absicht ihres Lebens erkennen lassen, was sie vom Leben fordern, in ihm erreichen wollen. Die Antwort darauf ist kaum zu verfehlen; sie streben nach dem Glück, sie wollen glücklich werden und so bleiben. Dies Streben hat zwei Seiten, ein positives und ein negatives Ziel, es will einerseits die Abwesenheit von Schmerz und Unlust, andererseits das Erleben starker Lustgefühle. (...) Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip beherrscht die Leistung des seelischen Apparates vom Anfang an.“
Aber schon Epikur distanziert sich von dem falschen Verständnis seiner Gedanken, wenn er sagt:
"Wenn wir also erklären, die Lust sei das Endziel, so meinen wir nicht die Lüste der Schlemmer und diejenigen, die auf dem Genuss beruhen, wie manche Unwissende, Andersdenkende oder Böswillige glauben, sondern das Freisein von körperlichem Schmerz und seelischer Unruhe. (...) Für alles das ist der Ausgangspunkt und das höchste Gut die Vernunft. Deshalb ist diese sogar wertvoller als die Philosophie: aus ihr erwachsen alle übrigen Tugenden, da sie lehrt, dass man nicht lustvoll lebt, ohne vernünftig, anständig und gerecht zu leben, und umgekehrt nicht vernünftig, anständig und gerecht, ohne lustvoll zu leben. Denn die Tugenden sind mit dem lustvollen Leben eng verwachsen, und dieses kann von jenen nicht getrennt werden.“
Diesen Gedanken des alten Meisters des Glücks, dass Vernunft und Tugenden mit Glück und Lust der Seele und des Geistes eng verbunden sind, wollen wir im Folgenden weiter nachgehen.
Aristoteles und die praktische Arbeit am Glück
Systematisiert wurde der Zusammenhang von Tugend und Vernunft mit dem glücklichen Leben vom griechischen Philosophen Aristoteles.
Aristoteles, der bekannteste Schüler Platons, gilt heute als der Stammvater des wissenschaftlichen Denkens und entwickelte die Logik zu einer eigenständigen philosophischen Disziplin. In seinem Werk „Nikomachische Ethik“ finden sich wichtige Aussagen des großen Denkers zum Thema Glück.
Die Tugenden als Mittel zum Glück
Aristoteles geht von der durch allgemeine Beobachtung gewonnenen Prämisse aus, dass alle Menschen von Natur aus nach Glück streben. Danach stellt er die wichtige Frage, was denn das für den Menschen typische, ihm in seinem Menschsein eigentümliche Glück sei. Wie Aristoteles mit bestechender Logik beweist, teilen wir ja Glückserlebnisse über biologische Funktionen und Sinnesempfindungen, also über Körper und Gefühle, mit den Pflanzen und Tieren. Das Besondere des Menschen ist aber, dass er einen Verstand besitzt, mit dem er den Sinn seines Daseins reflektieren und begreifen kann. So lautet die klassische Glücksdefinition von Aristoteles:
"Glück ist das Tätigsein der Seele im Sinne der ihr wesenhaften Tüchtigkeit, insbesondere der Tugenden und des Verstandes."
Wir sehen also, dass – ähnlich wie bei Epikur – alle Ebenen des Menschen, vom Geist bzw. Verstand über die Seele bzw. Psyche zum Tätigsein im Sinne der Aktivität, beteiligt sind und harmonisiert werden müssen. Damit aber die Seele tätig sein und handeln kann, braucht sie psychologische Werkzeuge, ähnlich wie wir auch physische Werkzeuge benötigen, um im physischen Bereich schöpferisch tätig sein zu können. Diese Werkzeuge der Psyche nennt Aristoteles Tugenden. Die Tugenden der Philosophie sind nicht wie im heutigen Sprachgebrauch als verstaubte Moralvorstellungen und unverständliche religiöse Dogmen zu verstehen, sondern als „Muskeln der Seele“, die es uns ermöglichen, dass die Seele alle menschlichen Ebenen und Bereiche durchdringt und durch sie zum Ausdruck kommt. Die Tugenden sind daher ein Mittel zum Glück. Aristoteles gebührt der unsterbliche Verdienst, diesen Gedanken in all seiner praktischen Tragweite im westlichen Kulturkreis wieder formuliert zu haben.
Die Entwicklung der Tugenden
Durch die Weiterentwicklung unserer Tugenden bzw. psychischen Fähigkeiten fördern wir also unmittelbar unser Glück. Aristoteles hat nun vier wichtige Aspekte herausgearbeitet, die bei der Entwicklung von Tugenden von großer Bedeutung sind.
a) Freiwilligkeit der Tugenden
Dieser Aspekt, nämlich dass Tugend immer nur Ausdruck einer freiwilligen Geisteshaltung sein kann, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Daraus folgt aber, dass man niemanden zu seinem Glück zwingen kann, wie eine Redensart so treffend sagt. Zugleich folgt daraus aber auch, dass zu Dogmen erstarrte religiöse Moralvorstellungen und daraus entwickelte Erziehungssysteme, die nur mit äußerem Zwang und nicht mit innerer Einsicht und Bewusstseinsänderung arbeiten, zum Scheitern verurteilt sind. Mit dem Satz und der ihm zugrunde liegenden Geisteshaltung „Sei ja brav“ erzeugt man unberechenbare Marionetten und nicht selbstverantwortliche Individuen, die gelernt haben, die Aufgaben und Herausforderungen des Schicksals aus der Würde ihrer geistigen Freiheit heraus anzunehmen. Gerade die so genannten geoffenbarten Religionen sind insofern herausgefordert, ihre Moralvorstellungen, die eher an den blinden Glauben als an die bewusste Einsicht ihrer Anhänger appellieren, zu überdenken.
b) Erlernbarkeit der Tugenden
Der Aspekt, dass Tugenden, also „psychologische Muskeln“, erlernt werden können, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse von Aristoteles. Wenn wir uns bewusst machen, dass unsere psychischen Fähigkeiten nicht angeboren sind im Sinne einer fatalistischen Bestimmung, können wir uns auch ändern. Die Ausrede: „Ich bin nun einmal so“ ist anderen oder uns selbst gegenüber nicht mehr möglich, wenn wir mit Aristoteles erkannt haben, dass wir die Schmiede und Baumeister unserer eigenen Tugenden und damit unseres Glückes sind. Von der Erlernbarkeit einer speziellen Tugend, nämlich der Liebe, handelt der Bestseller von Erich Fromm „Die Kunst des Liebens“. Erich Fromm beschreibt darin sehr anschaulich, dass psychische Fähigkeiten ein Leben lang gelernt und vervollkommnet werden können, bis sie zu einer wirklichen Kunst werden.
Ebenso könnte man auch Bücher schreiben über die Kunst der Ausdauer, der Großzügigkeit, der Hoffnung usw.
c) Tugenden und Praxis
Aristoteles kommt weiter zu dem Schluss, dass Tugenden, wie eigentlich alles Wesentliche im Leben, nur in der Praxis wirklich erlernt werden können. Es reicht also nicht aus, über das Glück und seine eigene Vervollkommnung nur zu lesen, Vorträge zu besuchen, intelligente Gespräche zu führen usw. Notwendig ist vielmehr die praktische Arbeit an sich selbst, an den eigenen Fehlern und Unvollkommenheiten. Und dafür bieten uns jeder Tag und jede Stunde reichhaltige Möglichkeiten. Ob beruflich oder privat, überall können wir gerade die Schwierigkeiten und Herausforderungen unseres Lebens zum Training unserer psychologischen Muskeln nutzen. Alltag als Übung: hinter diesem Schlagwort verbirgt sich eine aktive und positive Lebenshaltung, die gerade auch die Philosophen im klassischen Sinne immer und überall praktiziert haben.
d) Tugenden und Wiederholung
An den Gedanken der praktischen Übung im Alltag schließt sich nahtlos der letzte praktische Rat des großen Philosophen an. Er bezieht sich auf die Notwendigkeit der Wiederholung der Tugenden im Alltag. Wie alles im Leben lernt man auch die Tugenden nur durch ständige Wiederholung: Es reicht nicht aus, einmal im Jahr Geld zu spenden, um die Fähigkeit der Großzügigkeit zu erwerben. Nein, man muss ständig Gelegenheiten im Leben nutzen, um in seinem Denken großzügig zu werden, um großzügig mit seiner Zeit zu sein, um eine Großzügigkeit der Gefühle, eine Weite des Herzens zu erwerben usw.
Diese wenigen Bausteine aus der praktischen Seelenkunde des Aristoteles können und sollen nur Anregung sein, um mehr und erfolgreicher an sich selbst zu arbeiten. Anregungen, um nicht nur Bodybuilding, sondern auch ein wenig „Psychobuilding“ zu betreiben. Wenn wir das jahrhundertealte Vorurteil überwinden, dass Erziehung Unterdrückung bedeutet, können wir erleben, dass die Arbeit an uns selbst, das Entdecken und Entwickeln brachliegender Potentiale in uns Freude und Spaß machen kann.
Wie der römische Dichter Horaz einmal formuliert hat: Wagen wir es, weise zu sein!
Autor: Helmut Müller
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 85)
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