PDF Drucken E-Mail

Die Lotosblüte



Würden wir hier im Westen nach einer Symbolblume für Klarheit und Reinheit suchen, kämen wir spontan auf die Lilie - und genau das war für das Alte Ägypten und für den Osten die Lotosblume. Diese seerosenartige Pflanze wächst aus schlammigem, sumpfigem Untergrund durch das Wasser hindurch nach oben und entfaltet über der Oberfläche im Sonnenlicht ihre strahlend weißen oder rosafarbenen Blüten. Wegen ihrer speziellen Oberflächenbeschaffenheit  perlt jegliches Schmutzteilchen zusammen mit den Wassertropfen ab, so ist die Blüte immer makellos rein.


Im Alten Ägypten und in Indien galt sie als heilige Pflanze und war Sinnbild jeweils für die heiligen Flüsse, den Nil und den Ganges. Gleichzeitig war sie ein Symbol für den Urozean, aus dem nach verschiedenen Mythen alles Leben stammt. Der Lotos wächst aus dem Wasser, öffnet am Morgen seine Blüten und schließt sie abends wieder. Manche Lotosarten senken bei Dunkelheit sogar ihre Blüten etwas ins Wasser und richten sie morgens wieder auf. Das macht die Pflanze zum Attribut von Gottheiten, die sich aus den Urwassern erheben, zum Sinnbild für die Erschaffung der Welt, für ständige Neuschöpfung, für Wiedergeburt und zum Symbol des Lichts.


Nach einer altägyptischen Legende erschien eine Lotosblume aus den Wassern des heiligen Sees beim Tempel von Hermopolis. Als ihre Blütenblätter sich öffneten, erhob sich aus ihr ein göttliches Kind, der Sonnengott Re, die Sonne selbst. Auch Horus, dessen vier Söhne und der Gott Nefertem (sie alle sind Aspekte des Sonnengottes) entstiegen einer Lotosblüte aus eigener Kraft, wie es in anderen Legenden heißt. Die Verbindung zwischen der jeden Morgen aufsteigenden Sonne und der sich jeden Morgen öffnenden Blüte lag nahe. Tagsüber, so heißt es, „entließ der Blütenkelch den Sonnengott für sein Schöpfungswerk, abends kehrte dieser in ihn zurück, wo er - von den geschlossenen Blättern verborgen - ruhte bis zum nächsten Morgen". Die Sonne ging also einst aus dem Urwasser  hervor - ein sich ständig wiederholender Vorgang und Symbol für das ewige Leben.


Viele  altägyptische Darstellungen von Göttern, Pharaonen und Menschen aus dem Volk zeigen Lotosblüten: als Schmuckelemente, als Duftpflanzen, als Opfergaben. Berühmt sind die Kapitelle der Lotos- und Papyrusbündelsäulen im Tempel von Karnak. Zwölf dieser Säulen sind höher als die anderen, und  ihre Dolden- bzw. Blütenkapitelle sind weit geöffnet, während  die Kapitelle der 122 niedrigeren Säulen noch als Knospen geschlossen sind. Die verschiedenen Stadien dieser Blüten versinnbildlichen die verschiedenen Stadien der menschlichen Evolution.


Parallelen gibt es zur fernöstlichen Kultur, zum Hinduismus und zum Buddhismus.


Die hinduistischen Inder sehen den Weltenschöpfer Brahma auf einer Lotosblüte ruhen; diese wächst an einem langen Stängel aus dem Nabel des Gottes Vishnu empor. Auf geheimnisvolle Weise bildet die Göttin Lakshmi  die Verbindung zwischen ihrem Gemahl Vishnu und  dem Gott Brahma, denn alle drei werden oft gemeinsam und jeweils mit der Lotosblume dargestellt. Brahma wird der „Lotosgeborene" genannt, entstanden aus  dem „Weltlotos" Vishnu - das erinnert an den ägyptischen Sonnengott Re, verehrt auch unter seinem Beinamen „Große Weltlotosblume".


Wenn Künstler in der fernöstlichen Bildersprache die Reinheit, das Glück, die Schöpfung oder das Leben selbst zum Ausdruck bringen wollen, verwenden sie häufig das Bild der Lotospflanze, sei es als göttliches Attribut oder auch nur als Ornament. Für die Tibeter ist das Symbol der Lotosblüte eine der sehr geschätzten „Acht glückbringenden Kostbarkeiten".


Im Buddhismus, vor allem in Tibet, ist der Lotos ein Symbol für den Buddha Siddharta Gautama und für die Reinheit seiner Lehre. Zahlreiche Buddhas und Bodhisattvas und auch die mildtätigen Göttinnen tragen ihn als Symbol und Attribut oder werden auf einem Lotosthron sitzend dargestellt. Nach einer tibetischen Legende schaute Avalokiteshvara, der Bodhisattva des Mitgefühls, auf die Erde herab und war vom Leiden der Wesen dort so bewegt, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Im See seiner Tränen erschien eine Lotosblüte, und aus ihr wurden zwei Göttinnen geboren, die Weiße und die Grüne Tara, um den Schmerz und den Kummer aller empfindsamen Wesen lindern zu helfen.


Das weltbekannte Mantra OM MANI PADME HUM heißt übersetzt O du Juwel im Lotos. Was kann man darunter verstehen? Populär ist die Deutung als heiliger Zeugungsakt und Erschaffung neuen Lebens. Auf einer höheren Ebene ist dieses Mantra eine Formel der Verehrung: „O du Buddha im Herzen des Menschen". Hier gilt das menschliche Herz als das „Lotoszentrum", als das Zentrum der Hingabe.


Bei der zeremoniellen Erschaffung tibetischer Mandalas werden oft Kreise oder Ringe von Lotosblumen dargestellt. Einerseits versinnbildlichen diese Blumen die Schöpfung und andererseits die Fähigkeit zur geistigen Schau. Hier geht es wieder um das Lotoszentrum des Herzens, das auf magische Weise in den kosmischen Raum verwandelt wird. In diesem geheimnisvollen Reich entstehen die Götter, bevor sie im Mandalakreis sichtbar werden.


Nach den östlichen Lehren können alle im Menschen schlummernden göttlichen Kräfte aktiviert werden, wenn Sahasrara, das oberste Chakra über dem Scheitel erweckt wird. „Tausendblättriger Lotos" - so nennt man im Osten dieses Erleuchtungszentrum, den Ort absoluter Glückseligkeit. Somit gilt die Lotosblume hier auch als Zeichen für Weisheit und höchste geistige Erkenntnisse.

 

Besonders berührend finde ich folgendes Gleichnis: die Lotospflanze gedeiht in einem ruhigen Gewässer; sie braucht Wärme, nährstoffreichen Boden, schützende Geborgenheit, Sonnenlicht - ganz ähnlich wie auf der menschlichen Ebene ein heranwachsendes Menschenkind - und es kann sich aus den „schlammigsten Wassern" eine strahlende Blüte - oder eben ein leuchtender Geist - erheben.

 

Literatur:

  • * Die Götter und Mythen Ägyptens, Veronica Ions, Neuer Kaiser-Verlag 1988

  • * DuMont  Kunstreiseführer Ägypten, Hans Strelocke, DuMont 1980

  • * DuMont  Kunstreiseführer  Bhutan, Gisela Bonn, DuMont 1988

  •  

Autorin: Rotraud Plattner

 

Letzte Aktualisierung ( Montag, 26. Januar 2009 )
 
< Zurück   Weiter >