Philosophische Lebenskunst –
Praktische Ratschläge für den Alltag
Einleitung
Haben Sie sich nicht schon des Öfteren gewünscht, bewusster und aktiver
zu leben und Vorsätze tatsächlich in die Tat umzusetzen? Fragen Sie
sich nicht auch immer wieder, warum es so schwierig ist, Disziplin und
Willensstärke zu entwickeln und endlich einmal konsequent zu sein?
Es gibt Phasen, in denen vieles gelingt und man eine echte Dynamik
entwickelt. Dann wiederum fällt es einem außerordentlich schwer, auch
nur kleine Entschlüsse zu fassen, richtige Entscheidungen zu treffen
oder die Erkenntnisse in die Tat umzusetzen.
All das ist jedem vertraut, und Zyklen gehören zum Leben wie Tag und
Nacht, Sommer und Winter, Leben und Tod. Doch der Mensch ist mit Hilfe
seines Geistes fähig, sich über dieses Auf und Ab zu erheben und zu
einem inneren Gleichgewicht und einer ruhigen Gelassenheit zu gelangen.
Dies haben Philosophen aller Zeiten bewiesen und ihre Ratschläge sind
im hektischen 21. Jh. höchst aktuell. Darum werden wir bei ihnen in die
Lehre gehen.
Denn die wahre Philosophie ist nicht theoretisch und intellektuell,
sondern echte Lebenskunst. Vor allem die Stoiker der Antike geben in
ihren Schriften wertvolle Anregungen und Ratschläge zu einer
würdevollen Meisterung des Alltags. Sie lehren, dass man jeden Alltag
als Übungsfeld betrachten kann.
Denn unser Leben besteht ja auch einer Kette von Alltagen und wird umso
kostbarer, je wertvoller und ausgearbeiteter die einzelnen Perlen sind.
Wir machen oft den Fehler, nur unseren Urlaub, besondere Festtage, oder
die Wochenenden als wichtig zu betrachten. Das ist schade, denn so
entgeht uns der größte Teil unserer Existenz. Der Alltag mit seinem
stets wiederkehrenden Rhythmus stellt eine ganz besondere
Herausforderung dar: nicht mechanisch zu werden, nicht abzustumpfen und
immer bewusst und aufmerksam zu sein. „Du kannst deinem Leben nicht mehr Tage geben, aber deinen Tagen mehr Leben.“
Betrachten wir solch einen „philosophischen Alltag“ und lassen wir uns
von den Weisheiten verschiedener Philosophen und Kulturen inspirieren,
um aus ihm etwas ganz Besonderes zu machen.
Guten Morgen!
H.P.Blavatsky, russische Theosophin des 19. Jhds., schreibt in ihren „Praktischen
Ratschlägen für das tägliche Leben“: „Steh zeitig auf, sobald du
erwachst, und bleibe nie halb wachend halb träumend im Bette liegen.“
Der Beginn eines neuen Tages ist eine Geburt im Kleinen. Denken Sie an
den Sonnenaufgang. Langsam aber unerbittlich geht die Sonne auf und
ihre Strahlkraft wird immer stärker – egal ob wir sie sehen können oder
nicht. Sie kugelt nicht faul am Horizont hin und her und zieht sich die
Wolken über den Kopf wie wir die Bettdecke, um den Wecker nicht zu
hören.
Die Sonne steigt höher und erfüllt die Welt mit ihrem Glanz. Nehmen wir
uns dieses Bild als Beispiel. Setzen wir uns langsam aber unerbittlich
auf und sein wir uns dessen bewusst, dass ein neuer, jungfräulicher Tag
beginnt. Ein Tag, den wir so leben wollen, dass es auch unser letzter
sein könnte, treu nach Marc Aurels Ausspruch „Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter.“
Vielleicht wollen Sie zum Tagesanfang innerlich ein kleines Gebet
sprechen oder ein Räucherstäbchen entzünden. In den Klöstern wurde
direkt nach dem Aufstehen gebetet, in Ägypten oder anderen
Tempelschulen vollzog man Morgenrituale, z.B. Opferung von Räucherwerk
zu Ehren des Sonnengottes. In Tibet werden Gongs geschlagen oder
Muschelhörner oder Trompeten zum Erklingen gebracht. Ein neuer Tag ist
angebrochen, die Dunkelheit besiegt, es wurde wieder Licht!
Morgenwäsche
Nun beginnt die alltägliche „Morgenroutine“, die uns zuerst ins
Badezimmer führen sollte. Jeder Mensch hat seine Methoden, sich
physisch zu „erwecken“, sei es mit warmem oder kaltem Wasser¼ H.P.
Blavatsky schreibt: „Während
du badest oder dich wäschst, betätige die ganze Zeit den Willen, dass
deine moralischen Unreinheiten mit denen des Körpers weggewaschen
werden mögen.“
Es ist ein Grundsatz des geistigen Lebensstils, dass man jede Handlung
mit vollem Bewusstsein vollzieht. Während Sie sich also physisch
waschen und reinigen, können Sie das gleichzeitig auch im psychischen
und mentalen Bereich tun. So kann man auch das allmorgendliche
Selbstmitleid wegwaschen, weil man zu wenig Schlaf hatte und aufstehen
muss, oder die Trägheit, Launenhaftigkeit, Inkonsequenz, Ungeduld¼
Jede/r kennt sich selbst am besten und weiß, in welchem psychischem
Bereich er auf magische Weise durch das äußere Waschen Reinheit
herstellen will.
Morgenmeditation
Nach der Reinigung ist ein Moment der Besinnung und der Sammlung empfehlenswert. „Ihre
Morgenspaziergänge machten die Pythagoreer alleine. Sie gingen an Orte,
an denen Einsamkeit und gebührende Stille herrschte, wo Heiligtümer und
Haine waren und was sonst das Herz erfreut. Glaubten sie doch, man
dürfe nicht mit einem Menschen zusammentreffen, ehe man die eigene
Seele gerüstet und sein Denken geordnet habe. Solche Ruhe sei der
Zurüstung des Denkens angemessen,“ berichtet Aristoxenos.
Leider wird es wohl nicht vielen Menschen in den Großstädten des 21.
Jhs. möglich sein, einen solchen Spaziergang zu unternehmen. Aber es
gibt auch andere Möglichkeiten, am Morgen das Innenleben zu aktivieren.
Man kann z.B. Konzentrations- oder Imaginationsübungen machen oder eine
Morgenmeditation, bei der man – wie Blavatsky vorschlägt – über die
Mängel seines Charakters nachdenkt: „Vergegenwärtige dir gründlich ihre
bösen Wirkungen und den vergänglichen Charakter der Freuden, die sie
dir bringen, dann fasse den festen Entschluss, ihnen das nächste Mal
nicht mehr nachzugeben.“
Anregend ist es z.B. auch, einen schönen Satz zu lesen und über ihn nachzudenken.
Wichtig ist, dass man sich bei dieser „Morgenmeditation“ selbst
zentriert und den Kontakt mit seiner inneren Achse findet. So
identifiziert man sich mit seinem „wahren Selbst“, seinem „göttlichen
Fünklein“. Und dadurch ist man gut für den „struggle of life“
vorbereitet und kann mit innerer Ruhe, Gelassenheit und der nötigen
Distanz den Herausforderungen des Alltags entgegen treten.
Die Ernährung
Nachdem der Geist gestärkt wurde – und erst danach – sollten Sie sich
Zeit für ein Frühstück nehmen. Getreu nach der alten Weisheit „Morgens
wie ein König, mittags wie ein Bürger und abends wie ein Bettelmann“
sollte man morgens mehr essen als abends.
Blavatsky rät uns auch hier wieder, nicht „bewusstlos“ zu essen: „Während
der Mahlzeiten betätige deinen Willen dahin, dass die Nahrung richtig
verdaut werden und dir einen Körper aufbauen möge, der im Einklang mit
deinen geistigen Bestrebungen geartet ist und keine schlechten
Leidenschaften und keine bösen Gedanken hervorruft. Iss nur, wenn du
hungrig bist, trink nur, wenn du durstig bist, sonst nie.“
Praktische Tipps:
1. Kaufen und essen wir Lebensmittel, die jahreszeitgemäß und heimisch
sind. Ernähren wir uns so im natürlichen Rhythmus der Natur. Dies dient
uns selbst und der Umwelt. Denn so unterstützen wir den weltweiten
„Warentourismus“ nicht, der zur Umweltverschmutzung beiträgt.
2. Achten wir auf gute Qualität und auf gesunde Ernährung. „Der
Mensch ist, was er isst“. Aber machen wir keinen „Kult“ daraus und
bleiben wir flexibel.
3. Üben wir Mäßigkeit. Langsames Essen und sorgfältiges Kauen
machen früher satt und der Körper kann besser verdauen. Zeitweiliges
Fasten dient der Entschlackung.
4. Beachten wir den Stil der Mahlzeiten. Hinterfragen wir unseren
Lebensrhythmus und unsere Lebensweise und versuchen wir, die Mahlzeiten
„ritueller“ und würdiger zu gestalten.
5. Essen wir nicht zwischen den Mahlzeiten. Das „Naschen“, egal ob
süß oder salzig, stört den Rhythmus des Körpers und untergräbt unseren
Willen und unsere Disziplin.
6. Inspirieren wir uns an der alten Sitte des „Tischgebetes“,
machen wir uns bewusst, dass die Natur uns ernährt und seien wir dafür
dankbar.
Weiter geht es mit „Platons Tagesablauf“
Wie viele Philosophen der Antike beschäftigte sich auch Platon mit
„lebenspraktischen“ Fragen und er lehrte, dass man den Tag in vier
Abschnitte á sechs Stunden einteilen kann: sechs Stunden Arbeit, sechs
Stunden Hygiene, sechs Stunden „otium“ (= „göttliche Muße“), sechs
Stunden Schlaf.
Das heißt natürlich nicht, dass jeder Abschnitt zu sechs Stunden
immer an einem Stück erfolgt. Und außerdem ist es wichtig, die
einzelnen Begriffe (z.B. Hygiene) richtig zu verstehen. Betrachten wir
nun jeden der vier Abschnitte.
Die Arbeit
Nach der Morgenroutine setzen wir unseren philosophischen Alltag bei
der Arbeit fort – findet sie nun zu Hause, am Arbeitsplatz oder sonst
wo statt. Obwohl viele Menschen mit dem Begriff „Arbeit“ oft unbewusst
negative Assoziationen verknüpfen, ist Arbeit eine der wichtigsten
Aspekte der Identität. Das größte Problem arbeitsloser Menschen ist die
Minderung des Selbstwertgefühls und das Empfinden, keinen Nutzen mehr
für die Gesellschaft zu haben. Der Mensch definiert sich durch das, was
er tut und schafft.
In der Bhagavad-Gita, dem heiligen Buch des Hinduismus, sagt der
Gott Krishna, dass alle Wesen handeln; auch er – Gott selbst – handelt,
denn würde er das nicht tun, würde die Welt zusammenbrechen. Er wirkt
durch die Naturgesetze und die Schöpfung und handelt stetig und
unentwegt.
Das Leben jedes Menschen ist nur dadurch möglich, weil in seinem
Körper „gearbeitet“ wird. Das Herz schlägt, die Lunge lässt den Atem
fließen, der Organismus verbrennt Nahrung, die Zellen erneuern sich…In
der Natur sind alle Wesen tätig: Pflanzen, Tiere, die Elemente, die
Planeten tanzen um die Sonne, …Leben heißt Aktivität, Arbeit, Bewegung,
Veränderung. Die Tätigkeit des Menschen ist sein Beitrag zum Werden der
Natur und zur Entwicklung der Welt.
Man muss arbeiten, um das Geld zum Leben zu verdienen. Manch einer
hat einen Beruf, der ihn scheinbar nicht „erfüllt“. Doch es hängt nur
von uns selbst ab, was wir aus jeder Tätigkeit machen. Alle Arbeit hat
den Wert, den wir selbst in sie hineintragen. Auch wenn wir die
Toilette putzen, den Boden wischen oder kiloweise Kartoffeln schälen –
mit der richtigen Einstellung können wir überall etwas lernen und an
unserem Charakter arbeiten.
Wahrhaft befriedigend sind altruistische Tätigkeiten, die man für
andere tut, aus Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe und Großzügigkeit. Die
Bhagavad Gita nennt solch eine Handlung die „Rechte Handlung“, die
unter dem Motto vollzogen wird: „Tu, was du willst und wolle, was du sollst.“
Nicht das Ergebnis ist wichtig, sondern die Tätigkeit an sich. Der
Buddhismus lehrt, dass jede Tätigkeit um ihrer selbst geschehen muss,
wodurch der Mensch nicht am Ergebnis haftet und wahre Freiheit erlangt.
Wie erfüllend es ist, anderen Menschen uneigennützig zu helfen oder
einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten, zeigt die Popularität der
ehrenamtlichen Arbeit. Auch in Neue Akropolis International arbeiten
Tausende von Menschen ehrenamtlich, um z.B. die Herausgabe von Büchern
und Zeitschriften möglich zu machen, den Kulturbetrieb aufrecht zu
erhalten oder im sozialen und ökologischen Bereich der Gesellschaft zu
dienen.
Praktische Tipps:
1. Jede Arbeit mit Freude und Ernsthaftigkeit verrichten!
2. Es gibt keine sinnlose Arbeit. Jede Arbeit hat so viel Sinn und bereitet so viel Freude, wie man selbst hineinträgt.
3. Jede Arbeit beenden, die man beginnt.
4. Die Arbeiten so gut und so effektiv wie möglich erledigen.
5. Immer an seiner eigenen Vervollkommnung arbeiten.
Zum Abschluss ein Zitat aus „Der Prophet“ von Khalil Gibran:
„Und alle Arbeit ist leer, wenn die Liebe fehlt;
Und wenn ihr mit Liebe arbeitet, bindet ihr euch an euch selber und an Gott.
Arbeit ist sichtbar gewordene Liebe.“
Otium – die göttliche Muße
Wie alles in der Natur arbeitet auch der menschliche Körper rhythmisch.
Deshalb ist es wichtig, für einen harmonischen Wechsel von Spannung und
Entspannung zu sorgen.
Richtige Entspannung ist eine echte Kunst, die man heute oft lernen
muss. Nicht umsonst nennt man otium die „göttliche Muße“. „Die Muße war
in der Antike das gesellschaftliche Ideal“, sagte der Historiker
Raimund Wünsche, Leiter der Staatlichen Antikensammlung in München.
„Leider hat das Christentum dann aus der Muße den Müßiggang gemacht.
Was kein Geld brachte, galt fortan als unnütz.“
Das entspannte Sein im Hier und Jetzt ist ein uraltes Bedürfnis der
Menschen. Sokrates glaubte, in der Muße „den schönsten Besitz von
allen“ gefunden zu haben. Aristoteles hielt „die Muße für die Schwester
der Freiheit“ und Cicero sagte: „Nichtstun erquickt.“
Äußerlich tut man nichts oder wenig, die Aktivität verlagert sich in
den „Innenraum“. Die „göttliche Muße“ ist mit der Erhebung der Seele
verbunden. Dazu gehörte bei den alten Griechen die Beschäftigung mit
Philosophie – der Suche nach der Weisheit –, gute Gespräche über
geistige Themen, Besuche von Aufführungen in den Theatern, Lektüre und
Betrachtung.
Dies alles sind auch wertvolle Anregungen zur Freizeitgestaltung
des 21. Jhds. Kulturelle Aktivitäten, die Pflege eines künstlerischen
Hobbies, wie z.B. Malen, Musizieren, Blumen stecken, Kochen, Lektüre
von Gedichten oder auch die Gartenpflege, Innengestaltung und
Dekoration des Hauses dienen der Entspannung. Probieren Sie es aus!
Den Griechen wussten um die heilsame Wirkung der Schönheit, deshalb
pflegten sie einen wahren Kult zur Ästhetik, der sich u.a. durch die
Harmonie der Bauten und Statuen ausdrückte. Schon der Aufenthalt in
einer so gestalteten Umgebung ist erhebend und befreiend. Achten Sie
doch bei Ihrem nächsten Besuch eines architektonisch wohlgestalteten
Bauwerkes besonders darauf, wie wohltuend die rechten Proportionen auf
das Gemüt wirken.
Auch ein Spaziergang an der frischen Luft, wobei man die Umgebung
aufmerksam wahr nimmt, ist erquickend. Ebenso der Aufenthalt in den
Bergen, am Meer oder an irgendeinem anderen schönen Platz in der Natur.
Zuletzt vier weitere Ratschläge:
1. Als zyklisches Wesen braucht der Mensch regelmäßige Entspannung.
Dies muss man lernen. Während der Freizeit nicht an die Arbeit denken
und umgekehrt.
2. Körperliche Aktivität ist unerlässlich für die Fitness. Leider
vernachlässigen wir bei den heute verbreiteten „sitzenden Berufen“ oft
die Bewegung an der frischen Luft. Achten Sie darauf!
3. Ruhe, Stille, Einsamkeit sind äußerst beruhigend. Denken Sie
daran, regelmäßig Momente der Stille zu erleben. Zeiten, in denen Sie
nichts tun außer nachdenken, meditieren, schweigen.
4. Fragen Sie sich regelmäßig, ob Sie die richtigen Dinge tun, ob
Ihr Leben auch mit Ihren innersten Wünschen übereinstimmt. Bin ich auf
dem richtigen Weg? Werde ich zufrieden sterben können? Was will ich in
meinem Leben erreicht haben?
Die Hygiene
Unser philosophischer Tagesablauf geht weiter. Nach der Arbeit und der
Entspannung einige Worte zur Hygiene. Wir haben zwar schon weiter oben
über die Reinigung gesprochen, Hygiene ist aber weitaus umfassender.
Das Wort „Hygiene“ leitet sich ab von der griechischen Göttin
„Hygieia“, der Göttin der Gesundheit. Ihr Gatte oder in anderen
Versionen ihr Vater ist Asklepios, der Gott der Heilkunst.
Laut Platon ist es für einen ganzheitlich gesunden Menschen notwendig,
der Gesundheitspflege täglich sechs Stunden zu widmen. Das scheint uns
im ersten Moment übertrieben und seltsam, da wir unter Hygiene
hauptsächlich Sauberkeit und Reinheit verstehen. Doch wir müssen Platon
richtig interpretieren: Gesundheitspflege ist viel komplexer als wir
annehmen. Es gehören alle Tätigkeiten rund um die Pflege und Erhaltung
des Menschen mit Körper, Geist und Seele dazu. Also die
Nahrungszubereitung und das Essen, die Körperpflege und alles, was mit
Krankheit und ihrer Heilung zu tun hat, die Sauberkeit des Wohnraums
und der Kleidung, Sport und Bewegung und vor allem auch Reinigung der
Gedanken und Gefühle und eine erfüllende Spiritualität.
Wir sehen, dass es zwischen der Hygiene und otium, also der
„göttlichen“ Muße, einige Berührungspunkte gibt, auch im Bereich der
Spiritualität. Zur psychischen Gesundheit ist eine Beziehung zu Gott
(egal wie man ihn sonst nennen mag oder ob es mehrere sind) oder die
Anbindung an einen höheren Seinszusammenhang notwendig. C. G. Jung, der
Schweizer Psychotherapeut, erkannte, dass Menschen, die keine
Möglichkeit finden, die allen angeborene Religiosität zu kanalisieren,
zutiefst leiden. Dies kann sich in psychischen Krankheiten, also
Depressionen, Psychosen, usw. ausdrücken.
Tipps für einen „hygienischen“ Alltag
1. Ordnung und Sauberkeit
Unsere Wohnung sollte stets sauber und ordentlich sein, dies wirkt sich
auf die Psyche und den Geist klärend aus. Denn wo sich Staub und
Schmutz sammeln, nisten sich auch negative psychische Energien ein.
Beim Saubermachen ist nicht nur das Ergebnis wichtig, sondern vor allem
auch die Tätigkeit des Reinigens. Mit Bewusstsein kann man das
physische Putzen auf die anderen Ebenen übertragen und auch Psyche und
Geist „säubern“.
2. Körperpflege
In allen Hochkulturen war die Körperpflege wichtig
und Kosmetik, Massage, Sauna, Dampfbad und „Wellness“ waren u. a. den
Indern, Ägyptern, den Mauren und den amerikanischen Hochkulturen
selbstverständlich. Dadurch wird der Körper regelmäßig entgiftet, der
Kreislauf bleibt in Schwung und der ganze Körper bleibt beweglich.
3. Düfte
Alle alten Kulturen wussten um die reinigende und
gesundheitsfördernde Wirkung verschiedener Räucherstoffe. Qualitativ
hochwertiges Räucherwerk erhebet und reinigt die subtilen Ebenen des
Menschen. Praktisch sind Duftlampen mit ätherischen Ölen – auch hier
ist auf die Qualität zu achten. Und: Lüften nicht vergessen! Frische
Luft und frisches Quellwasser sind unersetzlich Quellen der Gesundheit
und Regeneration.
4. Bewegung und Sport
Dienen der Entspannung und der Hygiene. Zu Platons
Zeiten war es üblich, sich in den Gymnasien täglich der körperlichen
Ertüchtigung zu widmen. Heute geht man dazu ins Fitnessstudio, wo es
leider keine frische Luft gibt, die für die Reinigung der Lunge so
wichtig ist. Regelmäßige Anstrengung hält den Kreislauf fit bis ins
hohe Alter.
5. Religion und Spiritualität
Alle Hochkulturen pflegten eine tiefe Religiosität,
wodurch die „geistige Hygiene“ gewährleistet war: die Menschen fühlten
sich eins mit der Schöpfung, waren in Kontakt mit höheren Kräften
(ihren Göttern), wussten um den Sinn seines Lebens und hatten ein
Verständnis für ihr Schicksal. Regelmäßiges Gebet und innere Einkehr,
das Darbringen von Opfergaben in Tempeln, die Teilnahme an kollektiven
religiösen Ritualen mit sakralen Gesängen haben eine für uns heute
unvorstellbare reinigende und erhebende Wirkung.
Was können wir heute tun?
·Hausaltar
In einer Ecke des Hauses oder der Wohnung einen Hausaltar
einrichten mit Kerzen, für uns wichtigen symbolischen Gegenständen,
jahreszeitlichem Schmuck, Räucherstäbchen usw. Diesen „heiligen Ort“
regelmäßig pflegen, umgestalten, die Kerzen anzünden, davor meditieren.
·„In die Stille gehen“
Regelmäßig besondere Orte aufsuchen, eine Kirche, eine Moschee oder
Synagoge oder sonst einen Tempel, den Friedhof, eine Waldlichtung, ein
Flussufer, das Meer,… Dort in die Stille gehen, der Atmosphäre des
Ortes erfühlen, über den Sinn seines Lebens nachdenken, meditieren,
usw.
·Einen „Dienst“ tun
Sich eine sinnvolle altruistische Aufgabe im Sinne der Rechten
Handlung suchen, und diese regelmäßig und zuverlässig wahrnehmen. Immer
ein Vorbild an Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Gelassenheit und Humor
sein. Freude verbreiten.
Der Schlaf
Nun sind wir am Ende unseres „philosophischen“ Tages angelangt und
dürfen uns zur Ruhe begeben. Endlich schlafen! Aber nur sechs Stunden –
das soll laut Platon genügen?! Es mag uns wenig erscheinen, doch wir
müssen bedenken, dass der „Platonische Tag“, den wir jetzt hinter uns
hätten, so ganz anders gestaltet wäre, als die Alltage, die wir gewohnt
sind.
Der wohl größte Unterschied liegt im spirituellen und geistigen
Bereich. Ein Grieche (ähnliches gilt auch für die Römer, Ägypter,
Tibetaner, Mayas, einen Europäer im Mittelalter usw.) hat im Laufe
eines Tages mindestens eine religiöse Handlung vollzogen, z.B. ein
Opfer am Hausaltar vollbracht und Gebete gesprochen, oft auch einen
Tempel besucht. Seine Entspannung suchte er nicht vor dem Fernseher,
der zerstreut und Energie kostet und nicht erhebt oder zentriert. Viel
eher war er vielleicht zu einem Gastmahl geladen und hatte
philosophische Gespräche und gute Geselligkeit erlebt. Womöglich hat er
auch ein öffentliches Bad aufgesucht, sich unterhalten und eine Massage
genossen - alles Dinge, die regelmäßig der Gesundheitspflege und
Energiegewinnung dienten.
Nach solch einem so ganz anders gestalteten Tag genügen wohl sechs oder
sieben Stunden Schlaf, denn auch heute gibt es ja viele Leute, die oft
weniger schlafen. „Richtig schlafen“ ist sehr wesentlich, einerseits um
die größtmögliche Erholung zu gewährleisten und andererseits um die
nächtliche Reise der Seele zu ermöglichen, die während der Nacht in
Kontakt mit den höheren Welten tritt.
Auch hier sind uns die alten Griechen ein großes Vorbild, denn ihnen
war der Schlaf heilig. Der Gott „Hypnos“ – Gott des Schlafes – war der
kleine Bruder des „Thanatos“ - des Gottes des Todes. Und esoterische
Lehren berichten uns, dass die Seele sich während eines guten und
tiefen Schlafes vom Körper löst und in höheren geistigen Welten
hellwach ist. Sie tut also im Kleinen schon das, was nach dem Tod
geschieht. Die Seele und die Psyche brauchen den Schlaf nicht, um sich
auszuruhen, sondern um ihre spezifische Tätigkeit – endlich vom Körper
befreit – in Ruhe ausüben zu können und so das psychische Gleichgewicht
wieder herzustellen.
Anregungen für einen erholsamen Schlaf:
1.Das Schlafzimmer sollte immer sehr sauber und gut gelüftet sein und
möglichst ruhig. Der Boden unter dem Bett sollte stets sauber sein. Die
Decken sollten nicht schwer sein und die Matratzen nicht zu weich,
außerdem ist auf frische Wäsche zu achten.
2.Das Schlafzimmer und insbesondere die Umgebung des Bettes mit
ästhetischen und geschmackvollen Gegenständen dekorieren, die den Geist
erheben und beruhigen. Dezenten und leichten Duft bzw. ätherische Öle
verwenden.
3.„Bevor du einschläfst, bete wie am Morgen. Überblicke deine
Taten während des Tages und erkenne, worin du gefehlt hast. Fass den
Entschluss, dass du in den gleichen Dingen morgen nicht mehr versagen
willst,“ schreibt Blavatsky. Außerdem sollte man sich vor dem
Einschlafen von den Sorgen befreien, indem man etwas liest, meditiert,
nachdenkt, Musik hört usw. Oder man frischt eine Erinnerung auf, die so
angenehm und geistig wie möglich ist. So hilft man der Seele, sich aus
dem Alltagsgeschehen zurückzuziehen und sich auf ihre „Traumreise“
vorzubereiten.
Schlussbetrachtungen
Nun sind wir am Ende unseres Tages angelangt. Ich hoffe, es gelingt
Ihnen, mithilfe dieser Ratschläge Ihre Tage allmählich philosophischer
zu gestalten. Dies wird sich auch auf Ihre Umgebung sehr positiv
auswirken.
Michel de Montaigne schreibt in seinem Plädoyer für eine Rehabilitierung der Philosophie als Lebenskunst: „Eine
Seele, in der die Philosophie wahrhaft heimisch ist, wird daher durch
ihre Gesundheit auch den Körper gesund machen. Ihre Ruhe und ihr
Wohlbehagen werden aus ihm hervorleuchten; so wird sie nach ihrem Bilde
auch die äußere Erscheinung formen und sie folglich mit gelassner Würde
ausrüsten, mit einem lebendigen und fröhlichen Auftreten, mit einer
zufriedenen und leutseligen Haltung. Das deutlichste Kennzeichen der
Weisheit ist ein stetes Vergnügtsein; ihr Zustand gleicht den Dingen
unterm Monde: heiter immerdar.“
Bibliographie:
Josef M. Werle (Hrsg.), Epikur für Zeitgenossen, Goldmann-Verlag 2002
Autorin: Gudrun Gutdeutsch
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