Unter dem Begriff „Erscheinungslehre” versteht man die ursprünglichste und zutiefst dem Menschen innewohnende Art der Erkenntnis. Ein „Sehen-mit-dem Herzen”, ein „In-Sich-Hineinhorchen”, das ganz offen ist, aber auch die Gefahr eines Abgleitens ins Irreale in sich trägt. Was ist das Wesen des Kranken? Was ist das für ein Mensch, auf allen Ebenen betrachtet? Wie steht er selbst zu seiner Krankheit? Was bedeutet sie subjektiv für ihn? Wie reagiert er auf seine Lebenssituation in seiner körperlich-seelisch-geistigen Ganzheit? Der Therapeut betrachtet, interpretiert aber nicht.
Dialektik
Das ist die auf Erfahrung (Reproduzierbarkeit, Meßwerte) beruhende Analyse auf der physischen oder auch psychischen Ebene. Der Mensch wird in faßbare Einzelteile zerlegt (auch auf diese Einzelteile reduziert), und die Ergebnisse weden in objektivierbarer Form (das heißt in Zahlen!) ausgedrückt. Die Verwendung von Zahlenwerten ist ausschließlich auf dieser Stufe gegeben. Für die anderen Erkenntniswege sind Zahlen überhaupt nicht relevant.
Darunter versteht man die Kunst der Auslegung und Interpretation. Es werden sowohl die Bedeutung der Erkrankung für den Patienten als auch die Befunde gedeutet. Dieser Weg enthält Aspekte des Abwägens von Wichtigkeiten, das Erkennen von subjektiven Prioritäten, aber auch das Spielen mit Symbolen und das Jonglieren mit verschiedenen Analogieebenen, sowie das Einbeziehen vernetzter (z.B. sozialer) Systeme.
Nach den verschiedenen Wegen zur Erkenntnis sollen nun die philosophische Dimension des Krankheitsbegriffes, die Wege zur Heilung und die Kriterien für den Kranken und den Therapeuten in eklektischer Weise entwickelt werden. Es finden sich in so unterschiedlichen Quellen wie bei Paracelsus (P), Dr. Edward Bach (EB), Dr. Rüdiger Dahlke (D),
Herman Meyer (M – ein Astropsychologe und Therapeut) und bei Siddharta Gautama, dem Buddha, sehr ähnliche bis praktisch identische Vorstellungen.
Der Krankheitsbegriff
Nach Paracelsus entsteht Krankheit aus dem Ungehorsam gegen die Naturgesetze; alle andere ergründbaren und sichtbaren Krankheitsursachen sind sekundär und können nur auf dem Boden der Disharmonie (der inneren Zerrissenheit und des Handels gegen die Lebensgesetze) entstehen: „Gesund ist das Natürliche (...) Wo die Natur im Menschen unterdrückt wird, nimmt Krankheit ihren Anfang (...) Der Mensch muß in der Natur leben, sonst wird sie zu seinem Gegner und letzlich zur Krankheitsursache.”
Edward Bach drückt den sehr weiten Naturbegriff klar als „die höhere, die göttliche Natur” in jedem einzelnen Menschen aus und definiert zwei Krankheitsursachen:
1. das Vergehen gegen das Höhere Selbst und
2. der Verstoß gegen die Einheit.
Zum ersten entsteht also Disharmonie und infolgedessen Krankheit, wenn die Anlagen und Fähigkeiten eines Menschen nicht seinem Lebensplan entsprechend entwickelt und ausgelebt werden. Die irdische vergängliche Persönlichkeit verhindert durch Ängste, Unwissenheit, Zweifel sowie falsche Prägungen und Wertvorstellungen die Entfaltung hoher Seeleneigenschaften und verfehlt damit ihre Lebensaufgabe. Zum zweiten können geistige und psychische Negativhaltungen wie Egoismus, Stolz, Grausamkeit, Haß, Neid und Habsucht einen Verstoß gegen die Mitmenschen und die anderen Naturreiche auslösen. Krankheit führt als „Korrektiv” wieder auf den Weg zurück, welcher der Entwicklung gemäß ist. Bach sieht Krankheit also niemals als Strafe oder als etwas Böses an, sondern immer als Wegweiser, der uns als weiteren Fehlverhalten uns selbst und anderen gegenüber hindert. Ein sinnvoller Umgang mit Krankheit wäre das Erkennen ihrer Vorstufen auf den psychisch-mentalen Ebenen und damit ein Verhindern des körperlichen Auslebens der Charakterschwächen in Form von Krankheiten. Dieser Ansatz ist sicherlich für viele Menschen in seiner Radikalität unangenehm, da er in der Manifestation einer körperlichen Erkrankung ein Versagen in der Bearbeitung der auslösenden negativen Haltung oder Eigenschaft auf der psychisch-mentalen Ebene sieht.
Diese Vorstellung wird auch nur annehmbar, wenn man einige naturphilosophische Prinzipien akzeptiert. Der Mensch ist ein unsterbliches Wesen, das, um sich zu entwickeln, in verschiedenen Persönlichkeiten inkarniert. Sein ganzes Denken, Fühlen und Tun ist eingebunden in das Gesetz von Ursache und Wirkung (Karma – das Kausalgesetz). Dadurch sind auch sein Schicksal, seine Lebensbedingungen, die Menschen, die ihm begegnen, und seine Interaktionen mit ihnen ausschließlich selbstbestimmt und selbst hervorgerufen. Es gibt kein zufälliges Schicksal (D, M, EB).
In der Analogie- und Symbolsprache unseres Körpers, unserer Umwelt, unseres Horoskopes sind unsere Anlagen und auch ihre Hemmungen, Verdrängungen und Verzerrungen ablesbar (D, M, P).
Leiden ist kein Selbstzweck, sondern hat ausschließlich den Sinn, uns zum Lernen zu bringen und mehr Bewußtheit zu entwickeln. Glück entsteht durch ein Leben in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Seele und nicht durch ein Ausgerichtetsein auf die Wünsche der Persönlichkeit.
In diesem Sinne läßt sich auch die Konzeption Buddhas vom Leiden und seiner Überwindung, also vom Erreichen eines leidlosen, glücklichen Seins, anführen, die in den vier edlen Wahrheiten ausgedrückt ist:
1. Alles Leben ist mit Leiden verbunden.
2. Leiden entsteht aus dem Hängen am Vergänglichen (an der Persönlichkeit; EB).
3. Leiden wird durch Ausrichtung auf das Ewige überwunden.
4. Um dies zu erreichen, muß man von seinem Denken über die Worte bis zu den Verhaltensweisen und Taten alles auf die „rechte Weise” – im Sinne der Seele (des Höheren Selbst; EB) – ausführen (der sogenannte „heilige achtfache Pfad“).
Theraphie im philosophischen Sinne
Wenn Krankheit nach Professor Pieringer als eine von der Natur initiierte Neuorientierung des Menschen verstanden wird, so bedeutet eine Heilung ein Bewußtwerdungsprozeß, der zu einer Veränderung im Kranken führt. Die Defizite und Schwächen müssen erkannt und die entsprechenden positiven Anlagen (Tugenden, Seeleneigenschaften, usw.) entfaltet werden (D, M, EB), damit ein inneres Gleichgewicht, eine Homöostase, sowohl auf der seelischen als auch auf der körperlichen Ebene entstehen kann. Sobald die Botschaft der Symptome entschlüsselt ist, haben diese ihre Informationsaufgabe erfüllt und müßten auf die verschiedenen Arten von Behandlungen ansprechen und sich auflösen (D, M, EB).
Patient und Therapeut im philosophischen Sinne
Der Patient wird zum Philosophen, wenn er seine Krankheit zum Anlaß nimmt, über sich selbst und sein Leben nachzudenken. Seine Haltung muß offen und mutig sein, denn er wird bei seiner Suche auf die Schattenbereiche seiner selbst stoßen: auf seine Fehler, Schwächen, Hemmungen, Kompensationen usw. Der Mensch hat die Freiheit, gegen die Naturgesetze zu handeln, aber er hat damit auch die alleinige Verantwortung für sein Leben. Auch der Therapeut kann ihm nur Wegbegleiter und liebevoller Freund sein (P, EB, M); er kann aber die notwendige Seelenentwicklung nicht stellvertretend für den Kranken durchmachen.
Paracelsus sagt, daß jede Heilung eigentlich eine Selbstheilung ist – es heilt kein Arzt, sondern immer nur der innere Heilmeister, also unsere Selbstheilungskräfte, die die äußeren Ärzte nach bestem Wissen unterstützen sollen. Dazu ist es notwendig, daß auch der Therapeut zum Philosophen wird, der seinen Erkenntnisweg geht und so den Weg seiner Kranken mit seinen Erfahrungen erleichtern kann (P). Als Bild aus der klassischen Philosophie bietet sich hier die Beschreibung des Philosophen und Politikers im Höhlengleichnis Platons an: Der erstere sucht seinen Weg aus der Unwissenheit der Höhle zum Sonnenlicht der Erkenntnis, der zweite geht den Weg zurück, um seinen Mitmenschen im Dunkeln auf ihrem Weg zum Licht hilfreich zur Seite zu stehen.
Welche Fragen könnten sich bei welcher Art von Erkrankung stellen, wenn wir die Selbsterkenntnis als wesentlichen Faktor für die Therapie betrachten?
Existenzbedrohende Erkrankungen (Krebs, Schizophrenie...) - die Frage nach der Endlichkeit dieser Existenz
Die Unterscheidung von Vergänglichem und Bleibendem in sich selbst, eine Frage, die sich die klassische Philosophie mit dem „Momento mori” – „Bedenke, daß du sterblich bist” – gerade auch in guten Zeiten und nicht erst in existentiellen Krisen gestellt hat.
Das Ziel wäre, die Endlichkeit dieses physischen Lebens zu akzeptieren – auch in der Begrenzung ja zu sich selbst sagen zu können. Diese Selbstbejahung – im Idealfall verbunden mit der Gewißheit der Unsterblichkeit der Seele und dem Wissen um die zyklische Wiederkehr – bringt eine radikale Änderung aller inneren Schaltmuster und kann wesentliche Veränderungen im Immun- und Hormonsystem auslösen.
Strukturelle Erkrankungen
Die Strukturen von Körper oder Psyche verändern sich; (z.B. entzündlich degenerative Erkrankungen, Magengeschwür, Herzinfakt, endogene Depression...)
Die Frage: Wer bin ich?
Die Symptome der Depression (Interesse-, Lust-, Motiv- und Schlaflosigkeit) sind Zeichen einer Ich-Losigkeit. Auch während der Rehabilitation nach einem Infarkt stellt sich die Frage: Wer bin ich, wer will ich sein, wer kann ich sein? Das Ziel wäre, sein Ich und seine Lebensaufgaben und Ziele wiederzufinden.
Konstitutionelle Erkrankungen (Bluthochdruck, niedriger Blutdruck, chronische Verdauungsstörungen, Migräne, Asthma...)
Die Frage: Was bin ich wie?
Hier zeigen sich vor allem Störungen der menschlichen Arbeitshaltung und Themen wie Leistung, wirtschaftliche Fragen und Ökologie mit sich selbst.
Das Ziel wäre, neu zu erkennen, welche Einstellung zur Arbeit besteht; wieviel ich tun kann, darf und soll. Es ist ein Aufruf zu einer eigenverantwortlichen Arbeitshaltung.
Funktionelle Störungen
(flüchtige Veränderungen an gut sichtbaren und/oder gut spürbaren Organen; Schwitzen, Erröten, Herzklopfen, nervöse Ticks, Nägelbeißen...)
Die Frage: Welche Rolle spiele ich in der Gesellschaft, der Gemeinschaft?
Das Ziel wäre, den spielerischen Sinn der Existenz wiederzuentdecken, sich als „Homo ludens” zu erkennen und nicht alles so ernst und verkrampft zu sehen. Wer nicht spielt, leidet...
Das Philosophieren – das Fragen und Forschen nach unserem eigentlichen Wesen und unserer Lebensaufgabe und das Erkennen von Naturgesetzen (wie das Gesetz von Ursache und Wirkung, das Gesetz der Wiederkehr des Verdrängten, das Gesetz der Analogie, das Gesetz der Dominanz des Geistigen über das Physische...) – kann und soll uns zu mehr Bewußtsein bringen. Daraus resultiert eine größere Fähigkeit zur Selbstgestaltung und Selbstbestimmung unseres Schicksals und unserer Lebensumstände. Krankheit könnte mehr und mehr bereits vor ihrer physischen Manifestation als Abweichung von unserer Entwicklungslinie erkannt und durch eine Veränderung in den Einstellungen, Gefühlen und Verhaltensweisen unnötig oder zumindest unproblematisch werden.
Aus dieser eigenverantwortlichen Haltung entsteht sehr viel Sicherheit und Vertrauen im Sinne Rilkes: „Uns kann nichts widerfahren, was nicht in unserem tiefsten Wesen zu uns gehört.”
Die tiefste und wesentlichste Aufgabe des Menschseins, in der der Schlüssel für jede weitere Erkenntnis begründet ist, liegt somit im „Mensch, erkenne dich selbst“.
Literatur