Die Suche nach dem Glück
Glück als Ziel unseres Daseins
Eines der wichtigsten Ziele in unserem Leben ist es, glücklich zu sein. Aber hier stellt sich schon die Frage, ob es das Glück überhaupt gibt? Wenn ja, ist Glück nur subjektiv erlebbar? Wie lässt es sich praktisch erleben?
Wenn wir in diesem Artikel gemeinsam auf die philosophische Suche nach dem uralten Menschheitsziel Glück gehen, betreten wir ein sehr unsicheres und unübersichtliches Gelände. Unsere Situation ähnelt der eines Wanderers, der des Nachts einen nebelverhangenen Wald durchstreift, auf der Suche nach einer Hütte, die ihm Wärme und Geborgenheit gibt, von der er noch nicht einmal weiß, ob sie überhaupt existiert. Er wird Bäume und Büsche für die Hütte halten, er wird im Kreis laufen, vielleicht erschöpft und verzweifelt niedersinken und schließlich seine Suche aufgeben.
Ähnliche Schwierigkeiten stellen sich uns auf unserer philosophischen Suche: So wird manchmal schon bestritten, dass es das Glück überhaupt gibt. Die erste Frage, der wir uns stellen müssen, lautet daher: Gibt es überhaupt Glück?
Außerdem arbeiten gerade Heilslehren, Sekten und Gurus jeglicher Couleur gerne mit dem Begriff Glück. Von der selbstzerstörerischen Askese bis zur zügellosen Völlerei wird heutzutage jegliche Handlung mit dem Zauberwort Glück zu rechtfertigen versucht. Dahinter steckt das Phänomen, dass Glück, ähnlich wie andere abstrakte Begriffe wie z.B. Gott oder Freiheit, sehr subjektiv und vielgestaltig gedacht und erlebt werden kann. Der römische Philosoph Varro, ein Zeitgenosse von Julius Caesar, hat sich zu seiner Zeit schon die Mühe gemacht, die verschiedenen philosophischen Glücksvorstellungen zu zählen. Er ist auf die stattliche Zahl von 288 gekommen ...
Die zweite Frage, die wir behandeln müssen, ist: Gibt es außer subjektiven Glückserlebnissen auch ein allgemein gültiges, objektives Glück?
Und falls wir das bejahen können, lautet die dritte Frage, die uns dann natürlich interessieren wird: Welche Wege kann man einschlagen, um das Glück zu finden? Wie lässt sich Glück praktisch erfahren?
Die Frage der praktischen Lebenshaltung interessiert uns als Philosophen in Neue Akropolis, die auf die Anwendung von Philosophie im Alltag Wert legen, natürlich besonders.
Lassen Sie uns angesichts dieser drei großen Fragen nochmals zum Bild des Wanderers auf der Suche nach der Hütte zurückkehren. Auch der Wanderer weiß zu Beginn der Suche nicht, ob es überhaupt eine Hütte gibt, und wenn doch, wie sie aussehen wird und wie er sie finden kann. Aber die Hütte fehlt ihm, und er hat große Sehnsucht, die ihm Kraft gibt und ihn weiterwandern lässt. Vielleicht spüren wir alle eine unstillbare Sehnsucht nach dem Glück. Und diese Sehnsucht ist ein Grundimpuls für jede philosophische Suche. Sie hält uns wach und lebendig, lässt uns aktiv werden und gibt uns die Kraft, weiterzugehen. Der Philo-sophos in uns ist gerade deshalb ein „Liebender der Weisheit“, weil er die Weisheit noch nicht besitzt. Machen wir uns also unsere Sehnsüchte, Träume und offenen Fragen bewusst! Nutzen wir sie als Antrieb, um auf unserem Weg der Suche nach der Wahrheit weiterzugehen!
Gibt es das Glück?
Als Antwort auf diese Frage werden in der Philosophie seit jeher zwei Thesen vertreten, zum einen der materialistisch-positivistische und zum anderen der idealistische Denkansatz.
Der materialistische Ansatz
Die Materialisten, deren Linie von den Sophisten des griechischen Altertums über Auguste Comte bis hin zu Karl Marx und Ludwig Feuerbach reicht, stellen folgende Thesen auf:
Ideale wie z.B. Glück oder Gott sind nur menschliche Projektionen, Abstraktionen des menschlichen Geistes, blutleere Begriffe und Konstruktionen, die nicht wirklich existieren. Der Sophist Gorgias, mit dem schon Sokrates diskutierte, stellte folgende drei berühmt gewordene Thesen auf:
Diese heute wieder sehr moderne Anschauung ist schwer zu widerlegen. Wir kennen alle das scheinbar vernichtende Argument: „Zeige mir doch Gott, das Glück, die Gerechtigkeit, etc.“ Hinter der Unmöglichkeit, dieser Aufforderung nachzukommen, steckt das Phänomen, dass sich nicht-physische Realitäten auf der physischen Ebene nicht beweisen oder messen lassen, was allerdings nicht gegen die jeweilige metaphysische Realität spricht.
Der idealistische Ansatz
Die Idealisten (von Platon über Hegel zu Goethe) haben folgende Grundidee: Es gibt Ideen bzw. Archetypen, deren Sein im geistigen Bereich liegt, wie z.B. das Glück, die Schönheit oder die Gerechtigkeit. Diese Ideen oder geistigen Urformen drücken sich in der manifestierten Welt aus. Die Menschen können versuchen, diesen Ideen über die bewusste Erkenntnis näher zu kommen. Im Höhlengleichnis beschreibt Platon den schwierigen Aufstieg des Menschen zur Erkenntnis der Welt der Ideen.
Man kann dies, auf unser Thema bezogen, mit folgendem Bild veranschaulichen: Stellen Sie sich vor, unser Bewusstsein wäre ein Löffel, mit dem wir aus dem Meer des Glücks schöpfen können. Je größer der Löffel, umso mehr können wir aufnehmen. Niemand aber würde auf das Meer schimpfen, weil es zu wenig Wasser sprich Glück enthält, sondern jeder würde versuchen, seinen Löffel zu vergrößern, damit er mehr Glück aufnehmen kann. Wenn jemand natürlich keinen oder nur einen sehr kleinen Löffel hat, hat er den Eindruck, das Glück existiere nicht. In letzter Konsequenz bleibt für ihn die Frage nach dem Glück immer eine Glaubensfrage, weil ihm die persönliche Glückserfahrung fehlt.
Mein persönlicher Standpunkt ist, dass das Erlebnis von Glück in Teilbereichen des menschlichen Daseins Beweis genug dafür ist, dass das „große Glück“ existieren muss. Ebenso kann man ja auch vom Wassertropfen auf die Existenz des Sees, der Quelle und des Meeres schließen.
Ist Glück subjektiv?
Sicher ist zunächst einmal, dass Glück von jedem anders erlebt und beschrieben wird, einfach deshalb, weil wir Menschen alle verschieden sind. So sagt schon der griechische Philosoph Aristoteles, dass alle Menschen nach etwas streben, das man Glück nennt, wobei aber jeder andere Vorstellungen damit verbindet. Für den einen ist Glück gleichzusetzen mit Wohlstand, für den anderen mit Ehre, für den nächsten mit Lust oder mit Gesundheit.
Die Frage ist aber, ob es trotz der unterschiedlich erlebten Glückszustände ein objektives, allgemein gültiges Glück gibt?
In diesem Zusammenhang erzählte der Philosoph und Religionsstifter Gautama Buddha seinen Schülern folgendes Gleichnis:
In alter Zeit gab es einen König in dieser Stadt. Und jener König befahl einem seiner Diener: „Heda, gehe und versammle alle von Geburt an Blinden, welche in dieser Stadt leben.“ Nachdem alle Blinden versammelt waren, ließ der König den Blinden einen Elefanten vorführen, mit den Worten: „Dies, ihr Blinden, ist ein Elefant.“ Einige ließ er den Kopf des Elefanten betasten, einige die Ohren, wieder andere den Stoßzahn, den nächsten den Rüssel, andere den Körper, den einen den Fuß, den anderen den Rücken, dann den Schwanz und schließlich auch noch einige die Schwanzquaste, stets mit den Worten: „Dies, ihr Blinden, ist ein Elefant.“ Dann fragte der König die Blinden: „So sagt nun, wem gleicht ein Elefant?“ Die Blinden die den Kopf des Elefanten betastet hatten, sagten: „Ein Elefant, Herr, ist gleich einem Topf.“ Jene, welche die Ohren befühlt hatten, sprachen: „Ein Elefant ist gleich einem Sieb.“ Und die den Stoßzahn berührt hatten, die sagten: „Ein Elefant ist gleich einer Pflugschar“, die den Körper betasteten, sprachen: „Ein Elefant ist gleich einem Nahrungsspeicher“, die den Fuß befühlt hatten: „Der Elefant ist gleich einem Pfosten“, die den Rücken berührt hatten: „Der Elefant ist gleich einem Mörser“, welche den Schwanz untersucht hatten: „Der Elefant ist gleich einem Stößel.“ Und die die Schwanzquaste betastet hatten, sagten: „Der Elefant ist gleich einem Besen.“
Und sie ereiferten sich und sprachen „Dem gleich ist ein Elefant.“– „Ein Elefant ist nicht so.“ „Nicht so ist der Elefant, sondern so ist der Elefant.“ Da gingen sie aufeinander mit Fäusten los; darüber, fürwahr, belustigte sich der König.
Buddha will uns mit diesem Gleichnis sagen, dass wir Menschen blind sind für die Wahrheit im Allgemeinen und das Glück im Besonderen. Und wie die Blinden in diesem Gleichnis erhaschen wir Teilaspekte der einen objektiven Wahrheit, des einen objektiven Glücks und halten unsere subjektive Erfahrung für die komplette Wirklichkeit. Wenn wir etwas weniger stolz auf unsere persönliche Meinung wären und lernen würden, den anderen zuzuhören, würden wir merken, dass es ein großes Glück gibt, aber verschiedene Zugänge, die es subjektiv auf verschiedene Arten erlebbar machen. Als Konsequenz warnt uns Buddha vor unseren eigenen Dogmen, vor der beschränkten Sichtweise unseres persönlichen Weltbildes. Deshalb ist das vergleichende Studium der verschiedenen Religionen, Philosophien und Weltanschauungen ein so ausgezeichnetes Instrument der Wahrheitssuche, weil es verschiedene Blickwinkel auf Grundprobleme des menschlichen Daseins zulässt. Durch den vergleichenden Blick wird das Gemeinsame, sozusagen der überzeitliche „rote Faden“, der sich durch die Weisheitslehren zieht, besser sichtbar.
Abschließend möchte ich noch einmal festhalten, dass Glück also sehr wohl eine psychologische Realität und subjektiv erfahrbar ist, aber gleichzeitig als Archetyp existiert.
Autor: Helmut Müller
(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 86)
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