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Die Rückkehr der Idealisten

von Heribert Holzinger


Harry Potter, Frodo, Neo ... und wie sie alle heißen. Die Welt ist in Gefahr - doch sie sind aufgebrochen, um sie zu retten.

Die Idealisten befinden sich wieder im Vormarsch - zumindest in den Kinos! Auch wenn es intellektuellen Kreisen nicht gefallen mag - die Menschen lieben sie - Fantasygeschichten, in denen schwarz-weiß gemalt wird, in denen die Klischees von Helden, Prinzessinnen und durch und durch bösen Widersachern benützt werden. Herr der Ringe, Harry Potter, Matrix oder Krieg der Sterne landen Kassenerfolge, von denen die "niveauvolle" europäische Filmkunst, die sich in Venedig, Cannes oder Berlin derweilen selbst beweihräuchert, nur träumen kann.

Das Geheimnis des Erfolges

Warum werden ausgerechnet diese Filme zu Publikumsmagneten? Sind es nur die kolossalen Produktionsbudgets der Amerikaner? Mitnichten! Denn hinter diesen Filmen stecken großartige Geschichten, mythologische "Leckerbissen", die tief auf das kollektive Unbewusste des Menschen abzielen - und zusätzlich natürlich fantastisch in Szene gesetzt sind.

Und Forschungen von Wissenschaftlern des 20. Jahrhunderts wie C.G. Jung, Joseph Campbell oder Carol Pearson haben längst bewiesen, dass Märchen und Mythen nicht einfach erfundene Geschichten sind, sondern dass in ihnen die Grundmuster der menschlichen Entwicklung symbolhaft dargestellt werden. Der Mythos zeigt symbolisch die Hindernisse oder Drachen, die sich dem Menschen in seiner Entwicklung in den Weg stellen. Am Modell des Helden wird gezeigt, wie man den Drachen überwindet und dadurch eine neue Fähigkeit - eine Waffe oder eine Erkenntnis -, einen Schatz gewinnt.


Wer verfällt dem Ring der Macht?

Betrachten wir Frodo im Herrn der Ringe. Seine größte Herausforderung ist es, den Ring der Macht zum Schicksalsberg zu bringen. Die Versuchung liegt darin, die Macht des Rings für sich persönlich zu gebrauchen, anstatt ihn seinem Schicksal gemäß zu verwenden. Wie viele Schwierigkeiten könnte er durch eigennützigen Gebrauch ganz einfach lösen und wie viele andere Wesen könnte er dadurch problemlos unterwerfen! Der Ring als Symbol der Macht hat eine Bestimmung, ein Schicksal, ein Gesetz. Und dieses Gesetz besagt, dass Macht niemals eigennützig verwendet werden darf, sondern nur im Interesse der Beherrschten. Politiker haben Macht, Firmenchefs haben Macht, Lehrer haben Macht, Eltern haben Macht ... jeder hat Macht. Aber verwenden wir unsere Macht auch immer gemäß dem Gesetz oder missbrauchen wir sie nicht manchmal eigennützig? Na, zumindest wissen wir seit dem Herrn der Ringe, was uns dann blüht ... ich sage nur "Gollum".
Aragorn, Gandalf, Sam. Jeder der Helden des Ringepos hat seine eigene Herausforderung. Jeder muss sich verwandeln, muss dem Ideal des Königs, des Zauberers oder des treuen Gefolgsmannes näher kommen, damit zum Schluss alles gut ausgeht. Die Belohnung ist ein neues Goldenes Zeitalter, in dem Gerechtigkeit, Harmonie und Freude herrschen.

Probleme löst man nicht durch Zauberei

Aber wie sieht es nun aus mit Harry Potter - der löst doch seine Probleme mit Zauberei, oder? Die meisten werden sich an die Szene erinnern, als Harry zum ersten Mal nach Hogwarts kommt und es sich entscheiden soll, in welches der vier Häuser er kommen wird. Der "sprechende Hut" auf seinem Kopf nennt als Möglichkeit "Gryffindor", das Haus der guten, oder "Slytherin", das Haus der bösen Jungs. Doch Harry sträubt sich so sehr gegen Slytherin, dass er schließlich zu den Guten kommt. Der weise Dumbledor erklärt ihm später: "Es sind nicht unsere Fähigkeiten, die bestimmen, wer wir wirklich sind, sondern die Entscheidungen, die wir treffen." Eines ist jedoch besonders interessant: Betrachtet man die Geschichten um Harry Potter genauer, so gewinnt er seine Abenteuer nie durch Zauberei, sondern nur durch seinen Mut, seine Ehrlichkeit und die Treue zu seinen Freunden.

Die Tiefenstruktur der Filme ...

Was fasziniert die Menschen an diesen einfachen, märchenhaften Geschichten? Was lockt Millionen und Aber-Millionen Begeisterte in die Kinos? Betrachten wir die Tiefenstruktur der Filme. Die Geschichten beginnen jeweils in einer Zeit, in der Ungerechtigkeit, Lüge und Dunkelheit herrschen. Ein Großteil der Menschen gibt sich mit dieser Situation zufrieden, betrachtet sie als unabänderlich. Einige wenige Idealisten finden sich mit diesen Ungerechtigkeiten aber nicht ab. Sie sehen, dass Lüge und Ungerechtigkeit eine große Bedrohung darstellen. Deshalb nehmen sie einen Auftrag an. Sie beschließen für das Gute in den Kampf zu ziehen. Aber in diesem Moment sind unsere Abenteurer noch gar keine Helden: Sie sind klein, unbedeutend und unvollkommen wie der Halbling Frodo. Um den Auftrag erfolgreich ausführen zu können, müssen sie sich ihren eigenen dunklen Seiten stellen: ihrer Angst, ihrer Feigheit, ihrem Egoismus oder ihrem Stolz. Indem sie diese Feinde besiegen, werden sie mutiger, großzügiger, bescheidener. Durch diesen Triumph erst werden sie zu Helden. Die Belohnung ist der Sieg über die dunklen Kräfte und die Wiederherstellung der Gerechtigkeit und Wahrheit in der Welt.

... ähnelt der Realität unserer Welt

Vergleichen wir nun diese Tiefenstruktur mit der Realität unserer Welt, so lässt sich die Ausgangsituation dieser Geschichten beinahe eins zu eins übertragen. Auch wir leben in einer Welt mit viel Machtmissbrauch, vielen Ungerechtigkeiten und Lügen. Die meisten haben sich mit dieser Situation abgefunden oder arrangiert - und dennoch tragen wir alle die Sehnsucht nach einer Welt voller Gerechtigkeit und Harmonie tief in uns. Folgt man den Geschichten, wäre es also Zeit aufzubrechen, um für das Gute in den Kampf zu ziehen. Doch gerade in Europa haben wir eine unheimliche Scheu vor allem, was nur im entferntesten an Heldentum erinnert. Schließlich hat man sich hier 50 Jahre lang bemüht, alles Heroische herabzuwürdigen: Es gibt keine Helden - es gab nie Helden und es hat auch keinen Sinn, den Helden zu spielen. Darum gibt heute auch niemand zu, dass er ein Held, also gut, gerecht, mutig oder großzügig sein will. Dennoch sprechen unsere Gefühle in den oben erwähnten Filmen eine ehrlichere Sprache. Wer liebt sie nicht: die Guten, die Mutigen und die Gerechten? Und wir versuchen immer, dem ähnlich zu werden, was wir lieben.

Den Weg beginnen

Natürlich reicht es nicht, wenn wir nur in unserer eigenen Fantasie besser und gerechter werden. Die Verwandlung des Helden bedeutet Anstrengung. Um mutiger zu werden, muss man seine Angst besiegen, und um großzügiger zu werden seinen Geiz, seinen Egoismus. Und Kraft muss man auch entwickeln, um den Versuchungen der Macht, der Bequemlichkeit oder des Stolzes zu widerstehen.
Da Veränderung anstrengend ist, gehen die meisten nach dem Kino heim und träumen davon, dass sie ohnehin gute, mutige und gerechte Menschen wären - wenn die Bedingungen anders wären, wenn sie eine wirkliche Aufgabe hätten, wenn sie andere, heroische Menschen um sich hätten - ja, wenn ...
Aber vielleicht erwacht der eine oder andere mit Neo aus seinem Traum in der Matrix. Vielleicht verlässt er mit Frodo sein Auenland und bereist mit ihm Mordor, seine eigenen dunklen und unbekannten Seiten. Und vielleicht erobert er mit Harry Potter seinen Mut, seine Treue und sein Durchhaltevermögen angesichts widrigster Umstände.
Notwendig ist es zweifelsohne in unserer Zeit, dass wir sie wahr machen - und zwar nicht nur auf der Leinwand, sondern in unserem realen Leben: die Rückkehr der Idealisten!

Literatur:

Carol Pearson, Die Geburt des Helden in uns, Knaur 1993
Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, Insel 1999


(aus: Abenteuer Philosophie, Heft Nr. 96)
 
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