Konfuzius, Kant und Knigge - "K3" der Philosophiegeschichte
Ist gute Erziehung in der heutigen Zeit Mangelware? Warum definiert man
gutes Benehmen als stumpfsinnige Etikette? Weshalb quälen Großeltern
ihre Enkelkinder, indem sie ihnen Knigges Stilfibel schenken? Oder ist
nicht doch gutes Benehmen in Form von Höflichkeit ein Ausdruck innerer
moralischer Reife und Hochachtung?
Von der Höflichkeit sagt der französische Philosoph Comte-Sponville,
sie sei die erste Tugend, vielleicht der Anfang aller Tugenden und doch
mit zweifelhafter Reputation. Sie sei eine schöne Form und
Ausgangsbasis für einen formvollendeten Inhalt. Ein wirklich höflicher
Mensch wird jemand aufgrund einer entsprechend guten Erziehung, die den
Menschen das Beste in sich zur Geburt bringen lässt.
Konfuzius - jeder muss bei sich selbst beginnen!
Konfuzius: 551-479 v. Chr. - China
Im 6. vorchristlichen Jahrhundert lebte in China Meister Kong, heute
bekannt als Konfuzius. Als philosophischer Lehrer zog er durch die
Lande, nachdem er bereits eine Laufbahn als Beamter hinter sich hatte.
Wir finden bei ihm das Bild des Edlen Menschen, genannt Djün Dse oder
Junzi.
Als archetypischen Menschen werden diesem Edlen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben:
Liebe/Mitmenschlichkeit
Sie ist die höchste der Tugenden und gleichzeitig deren Grundlage. Sie
äußert sich in Verhaltensweisen wie Höflichkeit und Verlässlichkeit. So
benötigt der Edle zunächst die Selbstbildung, d.h. die Entwicklung der
Tugend in sich selbst. Wird er Meister über sich selbst und stellt die
hohen Werte der Tugenden über die eigenen persönlichen Wünsche, kann er
seinen Mitmenschen mit Güte = Mitmenschlichkeit = Liebe begegnen.
Rechtschaffenheit
Diese Tugend ist eine Verhaltensweise, die nicht von persönlichen
Beweggründen, sondern von höheren Werten geleitet wird. Von der
Sittlichkeit ist sie kaum zu unterscheiden. Konfuzius sagt: "Der Edle
steht der Welt ohne Zustimmung und Ablehnung gegenüber. Es ist die
Rechtschaffenheit, an die er sich hält."
Sittlichkeit
Zur Sittlichkeit gehört die Befolgung der Sitten und Riten. Die Sitten
und Riten dienten in China dazu, das gemeinschaftliche Leben zu regeln
und in der Gesellschaft eine Ordnung aufrechtzuerhalten. Man dachte,
dass die Sitten ein Element wären, das zum Frieden und Harmonie eines
Staates beitrug. Viele der Riten galten als heilig. Konfuzius forderte
deshalb auf, an ihnen festzuhalten, da sie den Menschen von den Göttern
gesandt wären.
Weisheit
Die Tugend der Weisheit steht in enger Beziehung mit dem Lernen in
konfuzianischem Sinne. Sie bedeutet Wissen und Charakterbildung, wobei
der Charakterbildung das größere Gewicht zukommt. Der Edle überprüft
beständig seine Einstellung und sein Verhalten. Vor allem weiß er mit
seinem Wissen umzugehen. "Wisse um das, was du weißt. Gib nicht das als
Wissen aus, was du nicht weißt. Das ist Weisheit."
Vertrauenswürdigkeit
Einem Menschen, der nicht das tut, was er sagt, kann man nicht
vertrauen. Es braucht Vertrauen in jeder menschlichen Verbindung, vor
allem auch zwischen Herrschaft und Volk.
Kant und sein kategorischer Imperativ: Sapere aude!
Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Immanuel Kant: 1784-1804 - Deutschland, Königsberg
Kant wollte kein Moralprinzip erfinden. Der kategorische Imperativ, das
Sittengesetz, ist etwas, dem wir nicht folgen müssen, aber folgen
sollten. Mit der praktischen Vernunft kann der Mensch als
Entscheidungsinstanz sein Leben und letztlich jenes der Allgemeinheit
gestalten. Es ist das Sittengesetz, das entscheidet, was gut ist. Gut
ist letztendlich der "sittliche Wille". Sittlich ist nur, was der
Forderung des der Vernunft entspringenden Sittengesetzes gemäß ist,
vorausgesetzt, dass es nur aus Achtung vor demselben, nicht aus
Eigennutz, Neigung u. dgl. erfolgt.
Somit kommt es auf die innere Einstellung eines jeden Einzelnen an. Der
kategorische Imperativ lautet wie folgt: 1. Handle nur nach derjenigen
Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines
Gesetz werde. 2. Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch
deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden solle. 3. Handle so,
dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person
eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als
Mittel brauchtest. 4. Handle so, dass der Wille durch seine Maxime sich
selbst zugleich als allgemein gesetzgebend betrachten könne. 5. Handle
so, als ob du durch deine Maxime jederzeit ein gesetzgebendes Glied im
allgemeinen Reich der Zwecke wärest.
Die Freiheit des Menschen ist nach Kant die Möglichkeit, über sich
selbst zu bestimmen. Dies funktioniert, wenn der Mensch sich seines
Verstandes selbständig bedient. Gründe, die dagegen sprechen, sind die
Feigheit und die Faulheit des Menschen. Der Mensch besitzt eine
Urteilskraft, die jedoch nicht gelehrt, sondern nur ausgeübt werden
kann.
Das Denken des Menschen ermöglicht ihm zu handeln.
Knigge: Höflichkeit, nicht Etikette!
Adolph Freiherr Knigge: 1752-1796 - Deutschland
Knigge war viel mehr, als wir uns von ihm gemeinläufig vorstellen. Als
politischer Aktivist, Freimaurer, Jurist und Buchautor, blieb von ihm
letztlich doch nur das Bild eines Benimm-Papstes. Ab 1773 war er in
diversen Freimaurerlogen tätig, sein späterer Deckname war "Philo".
1788 erschien die erste Ausgabe seines wohl bekanntesten Werkes "Über
den Umgang mit Menschen". Gedacht war es als eine Art
Aufklärungsschrift für Taktgefühl und Höflichkeit im Umgang mit den
Generationen, Berufen und Charakteren. Der Ton des Buches ist der eines
erfahrenen, reiferen Menschen, der seinen Leser auf alle Eventualitäten
des Lebens vorbereiten möchte. Die Kapitel heißen u.a. "Strebe nach
Vollkommenheit, aber nicht nach dem Schein der Vollkommenheit", "Sei,
was du bist, immer und ganz", "Respektiere dich selbst, und habe
Zuversicht zu dir selber".
Es geht also vor allem um Selbsterziehung und Authentizität, also nicht
nur um den äußeren Schein und den guten Ton. Knigge sagt: "Handle
selbständig!" "Verleugne nicht Deine Grundsätze, Deinen Stand, Deine
Geburt, Deine Erziehung; so werden Hohe und Niedere Dir ihre Achtung
nicht versagen können."
Können, Kunst & Denken
Konfuzius, Kant und Knigge, jeder der drei Philosophen hat einen Platz in der Gegenwart gefunden.
Man beruft sich auf die Lehre von Konfuzius - zumindest wenn man die
entsprechenden zeitgenössischen Publikationen betrachtet - in Ratgebern
für ein persönlich erfolgreiches Leben oder als notwendige Ausbildung
für wirtschaftlich Erfolgreiche.
Kant gilt als entscheidender Philosoph für die Entwicklung der modernen Erkenntnistheorie.
Knigge definiert man als Vorgänger von Schäfer-Ellmayer und Co., d.h.
für eine Etikette, die zum guten Ton in der Gesellschaft gehört.
Alle drei wollten sie letztlich auf die eine oder andere Art die
Menschen "aufklären" und um dies in ihrem Sinn zu formulieren: ob es
gelungen ist, bleibt letztlich jedem von uns selbst überlassen.
Seien wir wieder Philosophen, auf der Suche der Weisheit, um für jede
Ebene unseres Menschseins das entsprechend beste "Gewand" anlegen zu
können.
Literaturliste:
-
Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen, Reclam 1991.
-
Comte-Sponville, André: Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, Rowohlt 1998.
-
Darga, Martina: Konfuzius, Diederichs 2001.
-
Liessmann, Konrad Paul: Die großen Philosophen und ihre Probleme, WUV/UTB 2001.
-
Störig, Hans-Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Fischer 2002.
-
Kant, Immanuel: Der kategorische Imperativ, Eine Lese-Einführung, Insel 1999..
Autorin: Veronika Neff
(aus: Abenteuer Philosophie Nr. 114)
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